{"id":2822,"date":"2005-01-01T09:31:21","date_gmt":"2005-01-01T08:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2822"},"modified":"2015-12-01T09:57:53","modified_gmt":"2015-12-01T08:57:53","slug":"die-revolte-des-korpers-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-5\/","title":{"rendered":"Die Revolte des K\u00f6rpers"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Die Revolte des K\u00f6rpers<br \/><span class=\"soustitre\">Auszug<\/span><\/h1>\n<h2>I.2 Der Kampf um die Freiheit in den Dramen und der ignorierte Schrei des eigenen K\u00f6rpers (Friedrich von Schiller)<\/h2>\n<p>Es wird noch heute oft beteuert, da\u00df geschlagene Kinder keinen Schaden davontragen, und viele Menschen meinen, ihr eigenes Leben sei ein Beweis f\u00fcr diese Behauptung. Das k\u00f6nnen sie glauben, solange der Zusammenhang zwischen ihren Krankheiten im Erwachsenenalter und den Schl\u00e4gen in der Kindheit verschleiert wird. Am Beispiel von Friedrich von Schiller kann man aufzeigen, wie gut diese Verschleierung funktioniert, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder kritiklos \u00fcbernommen wurde.<\/p>\n<p>Friedrich von Schiller verbrachte die ersten entscheidenden drei Jahre mit seiner liebevollen Mutter allein und konnte bei ihr sein Wesen und seine enorme Begabung entwickeln. Erst in seinem vierten Lebensjahr kam sein despotischer Vater aus dem langen Krieg zur\u00fcck. Er wird von Schillers Biographen Friedrich Burschell als ein strenger, ungeduldiger, zum J\u00e4hzorn neigender Mann, &#8222;mit einem beschr\u00e4nkten Eigensinn&#8220; beschrieben. Er hatte eine Vorstellung von Erziehung, die darauf zielte, die spontanen, kreativen \u00c4u\u00dferungen seines lebensfreudigen Kindes zu unterbinden. Trotzdem zeigte Schiller hohe Leistungen in der Schule, er verdankte sie seiner Intelligenz und Authentizit\u00e4t, die sich in den ersten Jahren in der affektiven Sicherheit bei seiner Mutter entwickeln konnten. Doch mit dreizehn Jahren trat der Junge in die Milit\u00e4r-Akademie ein und litt uns\u00e4glich unter dem Drill dieses Regimes. Er wird wie sp\u00e4ter der junge Nietzsche von zahlreichen Krankheiten \u00fcberfallen, kann sich kaum konzentrieren, liegt manchmal wochenlang im Krankenzimmer, und schlie\u00dflich geh\u00f6rt er zu den schlechtesten Sch\u00fclern. Die verminderten Leistungen erkl\u00e4rte man sich mit seinen Krankheiten; offenbar kam niemand auf die Idee, da\u00df die unmenschliche, absurde Disziplin im Internat, wo er acht Jahre bleiben mu\u00dfte, seinen K\u00f6rper und seine seelischen Energien total ersch\u00f6pfte. Er fand f\u00fcr seine Not keine andere Sprache als die Krankheiten, die stumme, \u00fcber Jahrhunderte hinaus von niemandem verstandene Sprache des K\u00f6rpers.<br \/>\nFriedrich Burschell schreibt folgendes \u00fcber diese Schule: <\/p>\n<p style=\"font-style:italic; padding-left:45px; text-indent:35px;\">&#8222;Hier entlud sich das \u00fcberstr\u00f6mende Pathos eines jungen, freiheitsdurstigen Menschen, der sich in seinen empf\u00e4nglichsten Jahren wie ein Gefangener f\u00fchlen mu\u00dfte, denn die Pforten der Anstalt \u00f6ffneten sich nur f\u00fcr den obligaten Spaziergang, den die Eleven unter milit\u00e4rischer \u00dcberwachung vornehmen mu\u00dften. Schiller hatte in diesen acht Jahren kaum einen freien Tag und nur gelegentlich ein paar freie Stunden. Schulferien waren damals unbekannt, Urlaub wurde nicht erteilt. Der ganze Tagesverlauf war milit\u00e4risch geregelt. In den gro\u00dfen Schlafs\u00e4len wurde im Sommer um f\u00fcnf, im Winter um sechs geweckt. Unteroffiziere bewachten das Bettenmachen und die Toilette. Dann marschierten die Z\u00f6glinge in den Rangiersaal zum Fr\u00fchappell, von da in den Speisesaal zum Fr\u00fchst\u00fcck, das aus Brot und Mehlsuppe bestand. Alle Verrichtungen wurden kommandiert. Das H\u00e4ndefalten zum Gebet, das Niedersetzen und der Abmarsch. Von sieben bis zw\u00f6lf Uhr war Unterricht. Dann kam die halbe Stunde, die dem Eleven Schiller die meisten R\u00fcgen und den Ruf eines Schweinepelzes zuzog: die Zeit der S\u00e4uberung, Propret\u00e9 genannt. Der Paradeanzug wurde jetzt angelegt, der stahlblaue Rock mit den schwarzen Aufschl\u00e4gen, wei\u00dfe Weste und Hose, Stulpen, Stiefel und Degen, der Dreispitz mit Borten und Federbusch. Da der Herzog rotes Haar nicht ausstehen konnte, mu\u00dfte Schiller es mit Puder bestreuen. Dazu trug er gleich allen anderen einen langen, k\u00fcnstlichen Zopf und an den Schl\u00e4fen zwei mit Gips verkleisterte Papilloten. So angetan marschierten die Eleven zum Mittagsappell und in den Speisesaal. Nach dem Essen war Spaziergang und Exerzieren angeordnet, danach Unterricht von zwei bis sechs, anschlie\u00dfend wieder Propret\u00e9. Der Rest des Tages war dem genau vorgeschriebenen Selbststudium gewidmet. Gleich nach dem Abendessen ging es zu Bett. In die Zwangsjacke dieser ewig gleichen Ordnung blieb der junge Schiller bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr eingeschn\u00fcrt&#8220; (Burschell 1958, S. 25).<\/p>\n<p>Schiller hatte immer wieder unter sehr schmerzhaften Kr\u00e4mpfen an verschiedenen Organen zu leiden; in seinen vierziger Jahren folgten schwere Erkrankungen, die ihn st\u00e4ndig mit der Gefahr des Todes konfrontierten, auch mit Delirien verbunden waren und seinen Tod mit sechsundvierzig Jahren bewirkten.<\/p>\n<p>Es steht f\u00fcr mich au\u00dfer Frage, da\u00df diese schweren Kr\u00e4mpfe auf die h\u00e4ufigen k\u00f6rperlichen Strafen in seiner Kindheit und auf die grausame Disziplin seiner Jugendjahre zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Die Gefangenschaft begann eigentlich schon vor der Milit\u00e4rschule, beim Vater, der systematisch Gef\u00fchle von Freude in seinem Kind, aber auch bei sich selbst bek\u00e4mpfte und das Selbstdisziplin nannte. So wurde den Kindern zum Beispiel vorgeschrieben, da\u00df sie sofort zu essen aufh\u00f6ren und den Tisch verlassen sollten, wenn sie Lust am Essen versp\u00fcrten. Das gleiche tat auch der Vater. Es mag sein, da\u00df diese bizarre Form der Unterdr\u00fcckung jeder Lebensqualit\u00e4t eine Ausnahme bildete, aber das System der Milit\u00e4rschule war damals weit verbreitet und galt als die preu\u00dfische strenge Erziehung, deren Folgen kaum reflektiert wurden. Die Atmosph\u00e4re dieser Schule erinnert an manche Beschreibungen der Nazi-Lager. Zweifellos war dort der staatlich organisierte Sadismus noch viel perfider und grausamer als in den Milit\u00e4rakademien, doch dessen Wurzeln lagen im Erziehungssystem der vergangenen Jahrhunderte (vgl. AM 1980). Sowohl die Befehlenden als auch die Ausf\u00fchrenden der geplanten Grausamkeiten haben als Kinder die Schl\u00e4ge und zahlreiche andere Methoden der Dem\u00fctigung am eigenen K\u00f6rper erfahren und diese genau gelernt, so da\u00df sie sie sp\u00e4ter in der gleichen Form, ohne Schuldgef\u00fchle und ohne Reflexion, anderen Menschen zuf\u00fcgen konnten, die in ihrer Macht unterlagen wie Kinder oder eben H\u00e4ftlinge. Schiller war nicht davon getrieben, sich an anderen f\u00fcr den einst erlittenen Terror zu r\u00e4chen. Aber sein K\u00f6rper litt lebenslang, als Folge der Brutalit\u00e4t, die er in der Kindheit hatte erdulden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war Schiller kein Sonderfall. Millionen von M\u00e4nnern sind als Kinder durch solche Schulen gegangen und mu\u00dften lernen, sich schweigend der \u00dcbermacht der Autorit\u00e4t zu f\u00fcgen, wenn sie nicht schwer bestraft oder gar umgebracht werden wollten. Diese Erfahrungen trugen in ihnen dazu bei, da\u00df sie das Vierte Gebot in hohen Ehren hielten und ihren Kindern aufs Sch\u00e4rfste eingepr\u00e4gt haben, diese Autorit\u00e4t niemals in Frage zu stellen. Was wunder also, da\u00df die Kinder der Kindeskinder heute noch behaupten, die Schl\u00e4ge h\u00e4tten ihnen gut getan.<\/p>\n<p>Allerdings geh\u00f6rt Schiller insofern zu den Ausnahmen, als er in seinem ganzen Werk, von den R\u00e4ubern bis zu Wilhelm Tell, ununterbrochen gegen die Aus\u00fcbung von blinder Gewalt durch Autorit\u00e4ten ank\u00e4mpfte und durch seine gro\u00dfartige Sprache in vielen Menschen die Hoffnung keimen lie\u00df, da\u00df dieser Kampf eines Tages gewonnen werden kann. Aber in all seinen Werken wei\u00df Schiller nicht, da\u00df seine Auflehnung gegen absurde Anordnungen der Autorit\u00e4ten von den fr\u00fchesten Erfahrungen seines K\u00f6rpers gespeist wird. Er wird, von seinem Leiden an der abstrusen, be\u00e4ngstigenden Machtaus\u00fcbung durch seinen Vater zum Schreiben gedr\u00e4ngt, aber er darf diese Motivation nicht erkennen. Er will sch\u00f6ne und gro\u00dfe Literatur schreiben. Er will die Wahrheit mittels historischer Gestalten sagen, und das gelingt ihm hervorragend. Nur die volle Wahrheit \u00fcber sein Leiden an seinem Vater bleibt unerw\u00e4hnt und auch ihm bis zu seinem fr\u00fchen Tod verborgen. Es bleibt ein Geheimnis f\u00fcr ihn und f\u00fcr die Gesellschaft, die ihn seit Jahrhunderten bewundert und sich zum Vorbild nimmt, weil er in seinen Werken f\u00fcr die Freiheit und die Wahrheit k\u00e4mpfte. Doch nur f\u00fcr die von der Gesellschaft zugelassenen Wahrheit. Wie w\u00e4re wohl der mutige Friedrich von Schiller erschrocken, wenn ihm jemand gesagt h\u00e4tte: Du brauchst deinen Vater nicht zu ehren. Menschen, die dir so geschadet haben, brauchen von dir weder geliebt noch geehrt zu werden, auch wenn sie deine Eltern sind. Du bezahlst mit den schrecklichsten Qualen deines K\u00f6rpers f\u00fcr diese Ehrerweisung und Ehrfurcht. Du hast die M\u00f6glichkeit, dich zu befreien, wenn du dem Vierten Gebot nicht mehr huldigst. Was h\u00e4tte Schiller dazu gesagt?<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/dein-gerettetes-leben-3\/\">Dein gerettetes Leben<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-meines-lebens-2\/\">Bilder Meines Lebens<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-4\/\">Die Revolte des K\u00f6rpers<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/evas-erwachen-2\/\">Evas Erwachen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-des-lebens-sieben-geschichten\/\">Wege des Lebens &#8211; Sieben Geschichten<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-eine-um-und-fortschreibung\/\">Das Drama des begabten Kindes, eine Um- und Fortschreibung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abbruch-der-schweigemauer-2\/\">Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-gemiedene-schlussel\/\">Der gemiedene Schl\u00fcssel<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-verbannte-wissen\/\">Das verbannte Wissen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-einer-kindheit\/\">Bilder einer Kindheit<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/du-sollst-nicht-merken-3\/\">Du sollst nicht merken<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/am-anfang-war-erziehung-4\/\">Am Anfang war Erziehung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-2\/\">Das Drama des begabten Kindes<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Revolte des K\u00f6rpersAuszug I.2 Der Kampf um die Freiheit in den Dramen und der ignorierte Schrei des eigenen K\u00f6rpers (Friedrich von Schiller) Es wird noch heute oft beteuert, da\u00df geschlagene Kinder keinen Schaden davontragen, und viele Menschen meinen, ihr eigenes Leben sei ein Beweis f\u00fcr diese Behauptung. 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