{"id":2825,"date":"2005-01-01T10:02:58","date_gmt":"2005-01-01T09:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2825"},"modified":"2015-12-01T10:04:03","modified_gmt":"2015-12-01T09:04:03","slug":"die-revolte-des-korpers-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-6\/","title":{"rendered":"Die Revolte des K\u00f6rpers"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Die Revolte des K\u00f6rpers<br \/><span class=\"soustitre\">Rezensionen<\/span><\/h1>\n<ol>\n<li><a href=\"#aviva\">AVIVA-BERLIN.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#tagblatt\">St. Galler Tagblatt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#review\">ReviewCentre.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#badische\">Badische Zeitung <\/a><\/li>\n<li><a href=\"#gruner\">Thomas Gruner<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><a name=\"aviva\"><\/a>\t\t<\/p>\n<h2>AVIVA-BERLIN.de im Januar 2005<br \/>von Tatjana Zilg<\/h2>\n<p>Therapie zwischen Moralvorstellungen und Heilung: Die vielgelesene und umstrittene Psychoanalytikerin zeigt, wie das Vierte Gebot der Elternliebe zur Tabuisierung von Kindesmisshandlung beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der russische Schriftsteller Dostojewski litt an chronischer Schlaflosigkeit, an Alptr\u00e4umen, Existenz\u00e4ngsten, epileptischen Anf\u00e4llen und Spielsucht. Sein Vater war ein erbarmungsloser, brutaler Mensch, der von seinen Leibeigenen umgebracht wurde. In den Briefen des Sohnes an die Eltern findet sich aber kein Hinweis auf Vorw\u00fcrfe, obwohl die Qualen der Kindheit Auswirkungen auf sein ganzes Leben hatten. Stattdessen bittet er den Vater wiederholt um Geld, indem er seine finanzielle Misere beschreibt und dadurch in der Rolle des abh\u00e4ngigen Kindes verbleibt. Auch die Biographen thematisieren die mutma\u00dfliche Kindesmisshandlung nicht. Alice Miller zeigt mit diesem Beispiel, wie sehr es in der damaligen Zeit verp\u00f6nt war, die eigenen Eltern anzuklagen.<\/p>\n<p>Mit weiteren Beispielen aus den Biographien ber\u00fchmter SchriftstellerInnen belegt sie, dass dieses Tabu bis heute besteht:<br \/>\nAnton Tschechow beschreibt in der Erz\u00e4hlung &#8222;Der Vater&#8220; einen ehemaligen Leibeigenen und Alkoholiker. Vermutlich hat der Dichter seinen Protagonisten dem eigenen Vater entsprechend beschrieben. Dieser Mann trinkt und lebt auf Kosten seiner Kinder, aber versucht nie zu sehen, wer seine S\u00f6hne wirklich sind. \u00c4hnlich wie in dieser Erz\u00e4hlung hat Tschechow seine Eltern lange Zeit finanziell unterhalten, obwohl er zeitweilig nur wenig Geld zur Verf\u00fcgung hatte.<br \/>\nVirginia Woolf wurde als Kind von ihren Halbbr\u00fcdern missbraucht, weshalb sie ihr Leben lang an Depressionen litt. 1941 beging sie Suizid, indem sie in einen Fluss ging, um sich zu ertr\u00e4nken. Es ist erwiesen, dass sie nach der Lekt\u00fcre von Sigmund Freuds Schriften an den Wahrheitsgehalt ihrer Erinnerungen zu zweifeln begann.<\/p>\n<p>Freud ver\u00f6ffentlichte Anfang des letzten Jahrhunderts die Theorie, dass Erinnerungen aus der Kindheit oft stark verzerrt sind. Triebe, Phantasien und Wunschvorstellungen w\u00fcrden das Ged\u00e4chtnis zu Verfremdungen und belastenden Bildern verf\u00fchren. Alice Miller belegt, dass Virginia Woolf ihren Erinnerungen in den Jahren vor ihrem Tod nicht mehr vertraute. Doch die Annahme, dass das Schreckliche nicht wirklich passiert ist, war nur eine tempor\u00e4re Erleichterung. Denn nun idealisierte sie ihre Familie und stellte sie sehr positiv dar, aber ihr K\u00f6rper musste weiter mit den verdr\u00e4ngten Missbrauchserfahrungen leben: Der Suizid kann so als Versuch gedeutet werden, die K\u00f6rperwahrnehmung abzuwehren.<\/p>\n<p>Das Vierte Gebot der christlichen Religion hat die gesellschaftlichen Moralvorstellungen nach Einsch\u00e4tzung von Alice Miller entscheidend gepr\u00e4gt. Es besagt, dass das Kind die Eltern ein Leben lang ehren und lieben soll, und zwar unabh\u00e4ngig davon, wie sie sich dem Kind gegen\u00fcber verhalten. Es ist gleichg\u00fcltig, ob sie f\u00fcrsorglich sind oder tyrannisch &#8211; die Nachkommen sind zu Achtung und Dankbarkeit verpflichtet.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt zu einem Zwiespalt auch in den gegenw\u00e4rtigen Therapien: Wird zuerst die Aufarbeitung der traumatischen Kindheitserlebnisse empathisch begleitet, so fordern dennoch viele TherapeutInnen von ihren KlientInnen, dass sie sich in der Endphase der Therapie mit den Eltern vers\u00f6hnen, indem sie ihnen verzeihen. Oft wird angenommen, dass dies unabdingbar sei, um sich von den Eltern innerlich zu l\u00f6sen und erwachsen zu werden.<\/p>\n<p>Wichtiger Bestandteil von Alice Miller&#8217;s neuen Werk sind die Tagebuch-Aufzeichnungen von Anita Fink. Hier wird besonders deutlich, wie sehr konservative Moralvorstellungen in einen Therapieverlauf hineindr\u00e4ngen k\u00f6nnen. Anita Fink ist eine junge Frau, die an Magersucht erkrankt ist. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie sucht sie sich eine Therapeutin, die sie in der ambulanten Behandlung zun\u00e4chst als sehr wohltuend und empathisch erlebt. Es gelingt ihr, ihre Symptome auf die sch\u00e4dlichen Verhaltensmuster mit ihren Eltern und in ihrem Umfeld zur\u00fcckzuf\u00fchren. Sie l\u00f6st sich von der Ursprungsfamilie und findet Menschen, die sie so annehmen wie sie ist. Aber als sie nach einer weiteren Krise zur Therapeutin zur\u00fcckkehrt, verlangt diese von ihr, sich mit ihren Eltern zu vers\u00f6hnen, was die junge Frau nicht kann, da diese ihr erhebliches Leid zugef\u00fcgt haben.<\/p>\n<p>Anita Fink ist eine von Alice Miller erfundene Patientin, denn die Analytikerin wollte nicht die Privatsph\u00e4re einer real lebenden Person publizieren. In dem Beispiel wird erkennbar, wie der K\u00f6rper gegen die verlogenen Moralvorstellungen der Gesellschaft ank\u00e4mpft.<\/p>\n<p>&#8222;Wir m\u00fcssen die Verwirrung des kleinen Kindes aufgeben, die aus unserer einstigen Bem\u00fchung stammt, Misshandlungen nachzusehen und einen Sinn daraus abzuleiten. Als Erwachsene k\u00f6nnen wir damit aufh\u00f6ren und auch verstehen lernen, auf welche Weise die Moral in den Therapien das Ausheilen der Verletzungen erschwert.&#8220;<\/p>\n<p>Zur Autorin:<br \/>\nAlice Miller studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion machte sie in Z\u00fcrich ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin und \u00fcbte 20 Jahre lang diesen Beruf aus. 1980 gab sie ihre Praxis und Lehrt\u00e4tigkeit auf, um zu schreiben. Seitdem ver\u00f6ffentlichte sie elf B\u00fccher, in denen sie die breite \u00d6ffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschung bekannt machte &#8211; darunter den Welterfolg &#8222;Das Drama des begabten Kindes&#8220; (1983)<\/p>\n<p>Aviva-Tipp: <br \/>Alice Miller stellt sich mutig gegen g\u00e4ngige Praktiken in der Therapieszene. Sie f\u00fchrt diese auf die Eingebundenheit der TherapeutInnen in teils eher konservative Schulen zur\u00fcck, die sich vor dem wahren Leid des Kindes oftmals verschlie\u00dfen. Dagegen setzt sie die Forderung, gemeinsam mit der Klientin\/dem Klient radikal nach der Wahrheit zu suchen, wodurch die Therapeutin\/der Therapeut die wichtige Funktion eines wissenden Zeugens einnimmt. Als solcheR akzeptiert sie\/er parteilich das Leid des verletzten Kindes. &#8211; Ein aufr\u00fcttelndes und tiefgehendes Buch, das die Augen \u00f6ffnet f\u00fcr die Auswirkungen einer starren Moralstruktur auf jedeN EinzelneN.<\/p>\n<p><a name=\"tagblatt\"><\/a><\/p>\n<h2>St. Galler Tagblatt, 31.12.2004<\/h2>\n<p>Die wahre Geschichte des K\u00f6rpers<br \/>\nAlice Millers neues Buch redet k\u00fchn \u00fcber die Leiden der Kinder<br \/>\n&#8222;Du sollst deine Eltern lieben und ehren&#8220;: Das Gebot kann t\u00f6dlich sein, sagt Alice Miller. Die unerschrockene Kritikerin der Psychoanalyse wendet sich in &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; den Verletzungen aus der Kindheit zu.<br \/>\nvon Bernadette Conrad <\/p>\n<p>Was ist das &#8211; erwachsen werden? Heisst Reife, Abstand zu gewinnen? Distanz zu erwerben auch zu all jenen Verletzungen, die man als Kind und heranwachsender Mensch erlitt; f\u00e4hig zu werden zu grossz\u00fcgigem Verzeihen und &#8222;normalem&#8220; Umgang mit den alten Eltern?<br \/>\nAlice Miller, die bedeutende Forscherin und Kritikerin der Psychonanalyse, sagt: Nein. Erwachsenwerden m\u00fcsse vielmehr bedeuten, &#8222;die Wahrheit nicht mehr zu leugnen, das verdr\u00e4ngte Leiden in sich zu f\u00fchlen, die Geschichte, die der K\u00f6rper emotional kennt, auch mental zur Kenntnis zu nehmen, sie zu integrieren und nicht mehr verdr\u00e4ngen zu m\u00fcssen.&#8220; Warum, mag man sich fragen. Ist es denn nicht besser, mal abzuschliessen? Frieden zu machen, alte Geschichten ruhen zu lassen? Alice Millers Antwort ist einfach: Alte Geschichten werden nie ruhen, solange sie nicht geh\u00f6rt werden, denn der K\u00f6rper ist der &#8222;H\u00fcter unserer Erfahrungen&#8220; und damit unserer &#8222;wahren Geschichte&#8220;. Was fr\u00fcher war, ist nicht hinter uns, es ist in uns. <\/p>\n<p>An ber\u00fchmten Lebensl\u00e4ufen<br \/>\nIn ihrem neuen Buch &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; nutzt Alice Miller bekannte und unbekannte Informationen aus dem Leben ber\u00fchmter Menschen wie Friedrich Schiller, Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Dostojewskij, Rimbaud, um den direkten Weg von &#8222;schwarzer P\u00e4dagogik&#8220;, die sich manipulativer und gewaltt\u00e4tiger Methoden bedient, hin zu lebenszerst\u00f6renden Folgesch\u00e4den aufzuzeigen. Diese Sch\u00e4den heissen Sucht, Depression, t\u00f6dliche Krankheit, Selbstmord. Diese K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler schafften es laut Miller, zwar, ihrem Leid in Kunst Laut zu geben, aber haben es nie als eigenes Leid erkannt, benannt, und die Konsequenz der offenen Revolte gezogen. Mit der Tatsache, dass Miller ihre These diesmal an sch\u00f6pferischen Menschen nachweist, geht sie ein weiteres Mal in die direkte Konfrontation mit den Lehren Freuds. Dessen Gedanke, erlittenes Leid k\u00f6nne in Kunst &#8222;sublimiert&#8220; werden und so gleichsam einen gereinigten und bereinigenden Ausdruck finden, wird von Miller radikal zur\u00fcckgewiesen. Das Gegenteil sei wahr, sagt sie, und geht hart mit jenen Therapeuten ins Gericht, die ihren Klienten das Vergeben und Friedenmachen und Bes\u00e4nftigen alter Schmerzen nahe legen. Sie erz\u00e4hlt in mehreren Beispielen von der Qual jener erwachsenen Kinder, deren psychosomatische Krankheiten sich verst\u00e4rken oder die gar sterben, weil sie bereit sind, eher mit dem Leben zu bezahlen als die N\u00e4he zu den Eltern aufzugeben und damit die Hoffnung, jene w\u00fcrden sie irgendwann doch &#8222;wirklich&#8220; lieben. Therapeutische Begleiter haben nach Miller einen einzigen Auftrag: &#8222;wissende Zeugen&#8220; zu sein, die vorbehaltlos und unbedingt parteilich die in einer Therapie zutage tretende Leidensgeschichte wahrnehmen und es erm\u00f6glichen, dass diese Geschichte Teil auch des erwachsenen Menschen werden darf. <\/p>\n<p>Kette von Schuld und Leid<br \/>\nEinmal mehr haben Alice Millers Gedanken in ihrer Klarheit und K\u00fchnheit vor allem befreiende Qualit\u00e4t. Schade ist, dass sie die Problematik \u00fcber ihr \u00fcberzeugendes Pl\u00e4doyer hinaus wenig vertieft. Fragen tun sich auf wie: Wie wird denn der erkannte, als Kind erlittene Mangel sp\u00e4ter gestillt? Wie geht die Arbeit der Integration alten Leidens vor sich? Was genau bedeutet die Unterbrechung der Generationen-Kette von Schuld und Leid, wie geht sie vor sich? Und was schliesslich taugt f\u00fcr Generationen, die die Liebe und Ehre hinter sich gelassen haben und doch die Eltern nicht loswerden? Hier h\u00e4tte man sich mehr gew\u00fcnscht. &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; ist keine Vertiefung von Millers Grundgedanken, sondern eher eine Anwendung: Sie richtet ihren Suchscheinwerfer auf allgemein bekannte Lebensl\u00e4ufe und kann an diesen zeigen, wie buchst\u00e4blich t\u00f6dlich die Einhaltung des Vierten Gebotes &#8222;Du sollst deine Eltern lieben und ehren&#8220; sein kann, und wie fest verankert dies Gebot in der allgemeinen Moral sogar der s\u00e4kularen Gesellschaft ist. Einmal mehr positioniert sich Alice Miller als Anw\u00e4ltin des verletzten Kindes, und es ist weiterhin ihre Kompromisslosigkeit, die ihre Botschaft unverzichtbar macht.<\/p>\n<p><a name=\"review\"><\/a><\/p>\n<h2>Online-Rezension publiziert bei ReviewCentre.de<\/h2>\n<p>In ihren B\u00fcchern hat sich Alice Miller auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Gewalt in der Erziehung und deren individuellen und gesellschaftlichen Folgen auseinandergesetzt. <\/p>\n<p>Auch in &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; greift sie diese Schwerpunkte wieder auf, erweitert um die Diskussion der Frage: Wie ist das Verh\u00e4ltnis nun erwachsener, fr\u00fch misshandelter Kinder zu ihren Eltern beschaffen? In diesem Zusammenhang zeigt die Autorin, wie sehr dieses Verh\u00e4ltnis immer noch von den Forderungen der Religion, die Eltern achten zu m\u00fcssen, gepr\u00e4gt ist und verdeutlicht, welchen Schaden diese moralische Forderung im Leben des Erwachsenen anrichten kann. Wenn ein Mensch sich bem\u00fche, die Eltern zu lieben, obwohl er eigentlich so nicht f\u00fchle, weil er in der Kindheit von ihnen misshandelt wurde, habe dies Folgen f\u00fcr den K\u00f6rper. Das Unterdr\u00fccken echter Gef\u00fchle k\u00f6nne zu schweren physischen Erkrankungen f\u00fchren. Das ist der rote Faden ihres neuen Buches. <\/p>\n<p>Zu Beginn illustriert sie ihre These anhand des Lebens verschiedener Schriftsteller, die jeweils auf ihre Weise versuchten, ein selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren, aber scheiterten, weil sie keinen Zugang fanden zu ihrer Kindheitsgeschichte. <\/p>\n<p>Im Hauptteil f\u00fchrt Miller aus, dass die unterschiedlichen heutigen Psychotherapien von moralischen Forderungen an den Patienten beherrscht sind. Mehrheitlich w\u00fcrden die Hilfesuchenden in den Therapien dazu gedr\u00e4ngt, ihren Eltern zu vergeben, was auch immer in der Kindheit geschehen sei. Dies f\u00fchrt sie darauf zur\u00fcck, dass sich die Therapeuten von der aus der Kindheit stammenden Angst vor den eigenen Eltern ihrerseits nicht befreien konnten. Patienten w\u00fcrden auf unterschiedlicher Weise daran gehindert, wahrzunehmen, was sie wirklich gegen\u00fcber den Eltern empfinden und was sie wirklich wollen. So entwickelten sie Symptome, die sich dann zur\u00fcck bildeten, sobald es den Patienten erm\u00f6glicht werde, ihre wahren Gef\u00fchle auszudr\u00fccken.<br \/>\nAbschlie\u00dfend erl\u00e4utert sie Ursachen und Behandlungsm\u00f6glichkeiten der Anorexie anhand des &#8222;fiktiven Tagebuches&#8220; einer magers\u00fcchtigen Frau. Hier erscheint die Magersucht nicht als unverst\u00e4ndliche Krankheit, sondern als Ausdruck eines Mangels an Kommunikation in der Kindheit wie in der Gegenwart, der nicht allein dadurch behoben werden k\u00f6nne, dass \u00c4rzte und Therapeuten den Patienten dazu bringen, das Essverhalten wieder in den Griff zu bekommen, weil dadurch die Ursache der Krankheit unentdeckt bleibe. <\/p>\n<p>Das neue Buch von Alice Miller bietet in einer gut lesbaren Sprache sowohl einen Einstieg in ihr Werk f\u00fcr diejenigen, die es nicht kennen, als auch wichtige Erg\u00e4nzungen f\u00fcr ihre langj\u00e4hrigen Leserinnen und Leser. <\/p>\n<p>Menschen, die eine problematische Kindheit hatten und Erfahrungen mit der Psychotherapie, werden in diesem Buch wesentliche Gedanken finden. Wahrscheinlich steht jeder von Misshandlungen in der Kindheit Betroffene einmal vor der Frage: Wie gehe ich heute, als Erwachsener mit meinen Eltern um? Dass Alice Miller in diesem Zusammenhang ausf\u00fchrlich darlegt, warum das Gef\u00fchl des ehemals misshandelten Kindes f\u00fcr die Eltern keine Liebe sein kann, sondern eher &#8222;eine mit Erwartungen, Illusionen und Verleugnungen belastete Bindung&#8220;, gibt viel Stoff zum Nachdenken. In zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen beispielsweise von Frauen, die als Kinder von ihren V\u00e4tern missbraucht wurden, ist zu lesen, dass diese Frauen ihre V\u00e4ter weiterhin liebten. Vor diesem Hintergrund ist es wertvoll, wenn die Autorin zeigt, wie die Unterdr\u00fcckung der echten Gef\u00fchle zu Drogenabh\u00e4ngigkeit, Magersucht oder k\u00f6rperlichen Krankheiten f\u00fchrt. Man kann eine seelische Not nicht mit moralischen oder religi\u00f6sen Forderungen abschaffen. Sie muss von ihrer Ursache her verstanden werden. Dies ist besonders mit Blick auf die vielen aktuellen Medienberichte \u00fcber Kindesmissbrauch oder Gewalt von Jugendlichen ein notwendiges Thema.<\/p>\n<p><a name=\"badische\"><\/a><\/p>\n<h2>Badische Zeitung 14.09.2004<\/h2>\n<p>Der H\u00fcter unserer Wahrheit<br \/>\n&#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220;: Alice Miller beschreibt die erschreckenden Konsequenzen von Misshandlung in der Kindheit<br \/> von Mechthild Blum<\/p>\n<p>Warum springen Engel in den Tod? Was ist Auto-Aggression? Wie krank war Jennifers<br \/>\nSeele? Mitte Juni dieses Jahres stellte Bild mit bekannt gro\u00dfen Schlagzeilen diese Fragen. Das R\u00e4tsel um den Tod der Filmschauspielerin Jennifer Nitsch, 37 Jahre alt, die aus dem Fenster ihres Appartements im vierten Stock eines Wohnhauses in M\u00fcnchen st\u00fcrzte, besch\u00e4ftigte Boulevardzeitungen tagelang. Die Obduktion der Leiche ergab eine hohe Dosis Alkohol und Schmerzmittel. Jennifer Nitsch habe, so hie\u00df es, zwei Abtreibungen hinter sich gebracht, sei als Kind missbraucht worden, leide zudem unter Essst\u00f6rungen und Selbstverletzungsanfallen.<br \/>\n&#8222;Aber ein Grund, sich das Leben zu nehmen, war das nicht&#8220;, urteilt die Zeitung.<\/p>\n<p>Alice Miller, Psychoanalytikerin aus der Schweiz, w\u00e4re da sicher anderer Meinung. In ihrem neuen Buch &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; beschreibt sie die Folgen seelischen, k\u00f6rperlichen und sexuellen Missbrauchs von Kindern, die den Weg in ein gl\u00fcckliches Erwachsenenleben versperren. Denn das Vertrackte an der Sache ist, dass Kinder, existenziell abh\u00e4ngig von ihren Eltern, Wut, Zorn und Trauer \u00fcber die Misshandlung aus ihrem Bewusstsein verbannen m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben. Das vierte Gebot des Neuen Testaments &#8222;Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden&#8220; ist in unserer Kultur auch da verankert, wo Menschen sich nicht zu gl\u00e4ubigen Christen z\u00e4hlen. Die Misshandlung von Kindern setzt es nicht au\u00dfer Kraft &#8211; weder bei den Eltern noch den<br \/>\nKindern.<\/p>\n<p>Und, wie Miller glaubhaft darstellt, auch bei vielen Therapeutinnen und Therapeuten nicht, die selbst dann, wenn sie Missbrauch und Misshandlung erkennen, auf Verzeihen und Vergebung hinarbeiten. Miller kritisiert die Auffassung, dass erst die Vergebung der Taten der Eltern einen Menschen erwachsen werden lasse. Miller, die in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie studierte, hat nach der Promotion in Z\u00fcrich ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin gemacht und 20 Jahre lang diesen Beruf ausge\u00fcbt. 1980 gab sie ihre<br \/>\nPraxis auf, um zu schreiben. Seitdem ver\u00f6ffentlichte sie in zahlreichen B\u00fcchern die<br \/>\nErgebnisse ihrer Kindheitsforschungen.<\/p>\n<p>An beispielhaften Schicksalen macht sie deutlich, dass nur ein &#8222;wissender Zeuge&#8220;, etwa auch ein Therapeut, der den Missbrauch des (ehemaligen) Kindes best\u00e4tigt, zur Erl\u00f6sung von Schuldgef\u00fchlen und \u00c4ngsten, nicht bewusster Wut und Scham \u00fcber das Erlebte beitragen kann. Denn diese Gef\u00fchle sind h\u00e4ufig die Ursache f\u00fcr k\u00f6rperliche Erkrankungen, f\u00fcr Suchtkrankheiten &#8211; Esssucht, Magersucht, Alkohol-, Drogen oder Medikamentenabh\u00e4ngigkeit &#8211; und f\u00fcr seelische Krankheiten wie Depressionen. &#8222;Der K\u00f6rper ist der H\u00fcter unserer Wahrheit&#8220; &#8211; das ist die These Alice Millers, ganz auf der H\u00f6he neurophysiologischer und neurobiologischer Forschung. Sie selbst hat Jahrzehnte gebraucht &#8211; trotz Lehranalyse -, um sich dar\u00fcber klar zu werden, dass sie in ihrer Kindheit lernen musste, &#8222;alles was ich f\u00fchlte, mit den Augen meiner Mutter zu sehen und zu beurteilen und meine Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse sozusagen umzubringen&#8220;. Diesen Prozess schildert sie unter anderem auch am Beispiel der &#8222;Ehr-Furcht vor den Eltern und ihren tragischen Folgen&#8220; f\u00fcr die Schriftsteller Dostojewski, Tschechow, Kafka und Nietzsche. Oder am Beispiel Marcel Prousts, der an seiner Mutterliebe erstickte, an Virginia Woolf und ihrem Verrat an den eigenen Erinnerungen.<\/p>\n<p>Immer wieder hat sich Alice Miller in ihren B\u00fcchern mit der Verleugnung des Leidens in der Kindheit auseinander gesetzt. Immer wieder macht sie eindringlich deutlich, welche Konsequenzen es hat, wenn der Konflikt zwischen dem, was wir eigentlich f\u00fchlen und was unser K\u00f6rper registriert hat, und dem Anspruch, gedanklich wie emotional moralischen Normen zu gehorchen, unaufgel\u00f6st bleibt. Ihr gro\u00dfes Anliegen ist es &#8211; wie vor allem in<br \/>\n&#8222;Abbruch der Schweigemauer&#8220; (1990) geschildert -, dass die \u00d6ffentlichkeit endlich davon Kenntnis nimmt, dass die Wurzeln von Gewalt und Grausamkeit in der Kindheit liegen. Auf ihrer Homepage hat sie zu diesem Zweck Artikel zug\u00e4nglich gemacht, die sie in j\u00fcngster Zeit dar\u00fcber schrieb. Dort sind auch die Internetadressen der Foren zu finden, in denen sich Betroffene austauschen.<\/p>\n<p><a name=\"gruner\"><\/a><\/p>\n<h2>Thomas Gruner: Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen 03.2004<\/h2>\n<p> Ein Buch erscheint nicht nur auf &#8222;dem Markt&#8220;, es erscheint in einer bestimmten Zeit und in einem konkreten gesellschaftlichen Klima.<br \/>\nMan k\u00f6nnte den Eindruck bekommen, dass sich heute die Menschen von s\u00e4mtlichen Tabus befreit haben, die uns bis vor kurzem als moralische und sittliche Gebote unserer Vorfahren noch so streng regierten. Es scheint so, als ob wir nicht mehr den Forderungen der Religion oder der Konvention gen\u00fcgen m\u00fcssten, um nicht von anderen sanktioniert und ausgegrenzt zu werden. Auf \u00f6ffentlichen Massenveranstaltungen zur Schau gestellte Sexualit\u00e4t ist beispielsweise eine Mode geworden; in Sendungen des Fernsehens erscheinen Menschen und enth\u00fcllen die verbl\u00fcffendsten sexuellen Praktiken, an denen sie Vergn\u00fcgen finden. Wagt es hingegen jemand, an die unverbl\u00fcmte Korruptheit zahlreicher politischer und \u00f6konomischer Entscheidungstr\u00e4ger nur zu erinnern, wird er als &#8222;Gut-Mensch&#8220; verspottet. Wir sind frei, sagen die Leute und freuen sich, wir k\u00f6nnen machen, was wir wollen, nur keine Hemmungen; wir sind frei, verk\u00fcnden die Medien im Chor.<br \/>\nKonservativere Zeitgenossen beklagen hin und wieder den Verfall der guten Sitten und etwas intelligentere Menschen \u00e4u\u00dfern sich besorgt \u00fcber den &#8222;fr\u00f6hlichen Nihilismus&#8220;, der das gesellschaftliche Klima beherrsche. Gibt es also in der Tat kein eisernes Korsett mehr, in dem Menschen sich eingeschn\u00fcrt f\u00fchlen und keine Luft mehr bekommen, eben weil die sogenannte postmoderne Gesellschaft die Tabulosigkeit gerade zur Norm erkl\u00e4rt hat?<\/p>\n<p>Das neue Buch von Alice Miller Die Revolte des K\u00f6rpers zeigt sehr klar, mit welchen Tabus wir es immer noch zu tun haben. Wir d\u00fcrfen alles machen und alles aussprechen, nur eines d\u00fcrfen wir nicht: traurig sein, sagen, was uns als Kind geschehen ist, ausdr\u00fccken, was uns das ausmachte und was wir f\u00fchlen. Vor allem d\u00fcrfen wir nicht eindeutig artikulieren: Es waren meine Eltern, die mir das angetan haben und deshalb kann und will ich sie nicht lieben, wenn ich mich mit dieser Liebe nicht selbst zugrunde richten will. Jeder Mensch kann ausprobieren, ob dieses Tabu noch g\u00fcltig ist oder nicht.<br \/>\nTrotz aller Freiz\u00fcgigkeit diktiert das Vierte Gebot teils ausdr\u00fccklich, aber auch eher verh\u00fcllt in den Anspr\u00fcchen der herk\u00f6mmlichen, in Wahrheit eben nicht bewusst hinterfragten Moral bis heute, was wir f\u00fchlen sollen und was wir keinesfalls f\u00fchlen d\u00fcrfen. Das Vierte Gebot sagt: Du bist deinen Eltern Achtung und Dankbarkeit schuldig, dein Leben lang, was auch immer sie getan haben. Und wenn du dich dagegen auflehnst, verlierst du dein Leben.<br \/>\nDer erste Teil des Buches widmet sich den Biographien ber\u00fchmter Schriftsteller aus unterschiedlichen Epochen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie unter anderem die Unfreiheit der unterdr\u00fcckten Menschen ihrer Zeit darstellten (Schiller, Dostojewski, Tschechow) oder aber wie Marcel Proust, Arthur Rimbaud, Virginia Woolf und Yukio Mishima gegen die Konventionen und Tabus ihrer Gesellschaft rebellierten. Sie lehnten sich auf gegen die Moral und gehorchten ihr, ahnungslos, doch. Mishima etwa bekennt mit einer schonungslosen Offenheit seine sexuellen Phantasien, nur die eigene Not als Kind kann er nicht sehen. Virginia Woolf verachtet die Enge der viktorianischen Zeit, doch f\u00fcr die Stiefbr\u00fcder, die sie in der Kindheit missbrauchten und vergewaltigten, findet sie kaum ein Wort der Verurteilung oder Anklage. Rimbaud reist bis in die entlegensten Orte Afrikas, auf der Suche nach Freiheit und auf der Flucht vor der Mutter und kehrt zu ihr zur\u00fcck, um zu sterben. Marcel Proust darf sein gro\u00dfes Werk A la Recherche du Temps perdu erst nach dem Tode der Mutter schreiben; auch er stirbt, wie zur Strafe, als er es beendet hat.<br \/>\nWeder die sexuelle Freiz\u00fcgigkeit noch der Aufbruch in eine ferne, andere Welt, noch die scharfsinnige Kritik an der Gesellschaft kann einen Menschen wirklich befreien, solange das Kind, das wir waren, nicht (anstelle etwa der Libertinage oder des Selbstbetrugs) die echte Freiheit erh\u00e4lt, die es braucht: angeh\u00f6rt und verstanden zu werden. Der K\u00f6rper versucht immer wieder, auf diese Not aufmerksam zu machen, er gibt Signale in Form von Depressionen, schweren seelischen Schmerzen oder einer F\u00fclle physischer Symptome; der K\u00f6rper rebelliert gegen die Fassade, die Existenz hinter der Maske. Werden diese Signale nicht verstanden, kann sich ein Mensch unter Umst\u00e4nden selbst zerst\u00f6ren. Die K\u00fcnstler, von denen Alice Miller berichtet, nehmen sich das Leben oder sterben langsam in einem fr\u00fchen Alter an schweren Erkrankungen.<\/p>\n<p>Alle diese Schriftsteller wussten nicht, dass sie sich letztlich doch der Moral unterwarfen und die Hoffnung auf die Liebe der Eltern niemals aufgeben konnten. Sie blieben, obwohl au\u00dfergew\u00f6hnlich begabt, sch\u00f6pferisch und hellsichtig in vielen Dingen, blind f\u00fcr ihr eigenes Schicksal als Kind. Das macht die Tragik ihres Lebens aus.<br \/>\nWarum f\u00e4llt es uns auch heute noch so schwer, uns von der Forderung zu l\u00f6sen, den Eltern Liebe zu schulden? Die Aussage des Vierten Gebotes ist tief in unserer Kultur verankert; das Alte und das Neue Testament erz\u00e4hlen immer wieder, als sei es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, von der Opferung des Kindes, bis hin zu Jesus von Nazareth, der sich freiwillig ans Kreuz schlagen l\u00e4sst, weil dies &#8222;der Vater im Himmel&#8220; ausdr\u00fccklich w\u00fcnscht. Dann, so suggeriert die Bibel, kann &#8222;das Reich Gottes auf Erden&#8220; kommen, nicht heute, nicht morgen, irgendwann aber doch. Darin ist allerdings auch die Botschaft verborgen, erst, wenn du deine Existenz den Eltern opferst, darfst du leben, wirst du das Paradies erlangen. Schon den Anf\u00e4ngen unserer Kultur liegt somit eine zutiefst lebensfeindliche und widersinnige Aussage zugrunde, die nicht durchschaut werden darf.<br \/>\nAber nicht nur die Drohung &#8222;wehe dir, wenn du die Eltern nicht lieben kannst&#8220; ist nach wie vor g\u00fcltig, vielmehr wird ganz selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt und nicht in Frage gestellt, dass der Erwachsene die einst misshandelnden und missbrauchenden Eltern liebt, weil jedes Kind tats\u00e4chlich so f\u00fchlt.<br \/>\nAlice Miller stellt im zweiten Teil ihres Buches eine im Grunde einfache Frage: Ist es wirklich Liebe, was der Erwachsene f\u00fcr die Eltern, die ihm Schaden zugef\u00fcgt haben, empfindet? Was ist es, das wir so oft Liebe f\u00fcr die Eltern nennen? Sie beschreibt unter anderem, wie Menschen mit schweren Symptomen Therapien aufsuchen; manche haben einige gescheiterte Versuche hinter sich und brauchen dringend Hilfe. Nun haben sie endlich jemanden gefunden, der ihnen wenigstens f\u00fcr eine Stunde in der Woche ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt und ihnen erlaubt, ihre Gef\u00fchle und Erlebnisse zu artikulieren. Allein dadurch erfahren sie zun\u00e4chst eine Erleichterung und sind den Therapeuten dankbar. In den verschiedenen Situationen der Begegnung mit den inzwischen alten, teils hilfsbed\u00fcrftigen Eltern m\u00f6gen viele Leserinnen und Leser Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben wiedererkennen. Erneut brauchen die Eltern ihre erwachsenen Kinder auf vielf\u00e4ltige Art und Weise, deren Symptome sich verschlimmern, weil sie in der Therapie nicht danach gefragt werden, was sie wirklich den Eltern gegen\u00fcber f\u00fchlen, was sie tats\u00e4chlich brauchen und wollen. Kaum ein Therapeut sagt ihnen, dass sie den Eltern weder Mitleid noch Dankbarkeit schulden, von denen sie immerhin schwer misshandelt oder vernachl\u00e4ssigt wurden.<br \/>\nIch musste daran denken, wie es mir selbst erging, als mein Vater, schwer krank, im Sterben lag. Immer dann, wenn meine Mutter sich an mir vergriffen hatte, sa\u00df er als schweigender Zeuge dabei und sah mich, nicht etwa meine Mutter mit ver\u00e4chtlichen Blicken an. Dann zog er es vor, den Raum zu verlassen. Entweder setzte er sich vor das Fernsehger\u00e4t oder er spazierte, besonders gerne im Fr\u00fchjahr, durch den Garten, um das Gedeihen der Fliederb\u00e4ume und Forsythien zu beobachten: Heil war die Welt im eigenen Haus nebst gro\u00dfem Garten, was interessierte ihn, dass ich in der Zwischenzeit beinahe vor die Hunde ging. Ich war ja blo\u00df sein Sohn. Jetzt stand das Telefon in meiner Berliner Wohnung nicht mehr still, mein Bruder, meine Mutter, Verwandte forderten mich auf, zu meinem Vater zu kommen. Dies sei meine Pflicht als Sohn. In der Analyse sprach ich dann von meiner Zerrissenheit, dass ich nicht fahren wollte, weil dieser Mann mich immer im Stich gelassen hatte, dass ich aber auch starke Schuldgef\u00fchle empfand, ihm nicht zu helfen. Zugleich tauchte auch die Sehnsucht des kleinen Jungen nach dem Schutz und der Anerkennung des Vaters wieder auf. Dem sterbenden Vater, fand meine Therapeutin, kann man nichts mehr vorwerfen. Das macht man einfach nicht. Warum hat die Analytikerin mir nicht gesagt, dass ich meinen Vater nicht aufsuchen muss, wenn es mir unm\u00f6glich ist, ihm beizustehen, weil er mir nur Hass und Verachtung entgegengebracht und mich meiner Mutter buchst\u00e4blich zum Fra\u00df vorgeworfen hat? W\u00e4re es nicht eigentlich pervers, einem solchen Menschen zu helfen? Soll das Liebe sein? Was bin ich einem Vater schuldig, der mich ganz offenbar niemals geliebt hat?<br \/>\nDas Buch zeigt, wie sehr die gegenw\u00e4rtigen Therapien von der Moral, dem Vierten Gebot vergiftet und durchseucht sind. Nahezu ausnahmslos wird vorausgesetzt, dass die Patienten den Eltern vergeben m\u00fcssen, um, so wird ihnen versprochen, &#8222;inneren Frieden&#8220; zu finden, frei zu werden von den Folgen der Vergangenheit und unbelastet von erschreckenden starken Gef\u00fchlen der Wut oder der Verzweiflung. So versuchen Menschen unter Umst\u00e4nden lange, ihre Authentizit\u00e4t zugunsten der Ideologie der Vergebung zu unterdr\u00fccken, doch genau das macht sie krank. Auch die in modernen Therapien inzwischen h\u00e4ufig angebotenen \u00dcbungen, wie das Imaginieren positiver innerer Bilder, werden die Realit\u00e4t der Kindheit nicht ver\u00e4ndern, sondern allenfalls f\u00fcr einige Zeit &#8222;erw\u00fcnschte&#8220; Gef\u00fchle produzieren. Alice Miller macht darauf aufmerksam, wie gef\u00e4hrlich gerade solche Manipulationen sein k\u00f6nnen. Denn solange die Patienten diese Falle nicht durchschauen, wehrt sich ihr K\u00f6rper mit Hilfe der Symptome. Wenn ein Mensch aber erkennt, was er heute wirklich braucht, zu den authentischen Bed\u00fcrfnissen des Erwachsenen findet und zu seinen echten Gef\u00fchlen steht, kann der K\u00f6rper die Sprache der Symptome langsam aufgeben, weil der Betreffende sich nun selbst versteht.<br \/>\nIch hatte damals auf eine Art Gl\u00fcck, ich bin nicht zu meinem Vater gefahren und konnte die innere Zerrissenheit zwischen Sehsucht, Schuldgef\u00fchlen und Aufbegehren alleine tragen. Doch wie viele Umwege und Sackgassen h\u00e4tte ich mir wom\u00f6glich ersparen k\u00f6nnen, wenn in der Analyse die Frage gestellt worden w\u00e4re: Was f\u00fchlst und willst du wirklich? Sind Mitleid und Erwartungen Liebe? Wof\u00fcr bist du dankbar? F\u00fcr die Lieblosigkeit und die Gewalt? Warum empfindest du Mitleid mit dem Vater, der dich hasste, und nicht mit dem Kind, das du gewesen bist? Doch die Analytikerin f\u00fcgte sich gehorsam in die Moral, im \u00fcbrigen auf meine Kosten.<br \/>\nIm Gegensatz zu fast allen mir bekannten Autoren, die sich mit den Schicksalen einst misshandelter Menschen besch\u00e4ftigen, verspricht Alice Miller nichts, schon gar kein Paradies, und erteilt keine guten Ratschl\u00e4ge, sie vermittelt die Botschaft: Wir m\u00fcssen \u00fcberhaupt nichts, wir d\u00fcrfen aber alle unsere Gef\u00fchle wahrnehmen und artikulieren, nach unseren echten Bed\u00fcrfnissen fragen und diesen gem\u00e4ss leben.<\/p>\n<p>Das in einem fiktiven Tagebuch dargestellte Hungern der jungen Frau Anita Fink macht schlie\u00dflich deutlich, wie ein Mensch leidet, wenn er die Nahrung, die Angebote der Eltern, der Gesellschaft, der \u00c4rzte und Therapeuten nicht gebrauchen kann, weil sie ihm nicht entsprechen. Ich habe mich gefragt, wie viele Menschen davon betroffen sind, dass ihre echten Bed\u00fcrfnisse von Beginn ihres Lebens an niemals beantwortet wurden. Vielleicht wurden sie weder geschlagen noch sexuell ausgebeutet, wom\u00f6glich leiden sie auch nicht unter Anorexie wie Anita Fink, aber sie sp\u00fcren, dass ihnen etwas fehlt und k\u00f6nnen doch nicht wissen, was sie brauchen, weil sie es niemals kennen gelernt haben. So verlieren sie die Lust auf das Leben. Wenn sie erkennen d\u00fcrfen, wonach sie hungern, was ihnen so sehr fehlt, wenn sie erleben, dass sie ihre Bed\u00fcrfnisse vor allem nach echter Kommunikation nicht verleugnen m\u00fcssen, gewinnen sie in sich selbst einen Halt, der es ihnen immer wieder erm\u00f6glichen wird, verlogene Ideologien und Heilslehren auch in der Psychotherapie, destruktive Strukturen und Botschaften zu durchschauen und sich von Menschen zu trennen, die ihnen Schaden zuf\u00fcgen. So wird auch das Symptom der Depression \u00fcberfl\u00fcssig, die nur dann wieder auftaucht, wenn die authentischen Bed\u00fcrfnisse ignoriert werden.<br \/>\nDieser Halt, den ein Mensch an sich und in sich selbst hat, ist etwas ganz anderes als die scheinbare Geborgenheit in der Moral, die jede authentische Unruhe und Auflehnung befrieden will. Im Gegensatz zum Kind braucht der Erwachsene die Liebe der einst misshandelnden Eltern nicht mehr, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Ihm wird nichts genommen, er verliert allerdings in einem durchaus schmerzhaften Prozess seine Illusionen. Mit der Zeit kann er dadurch lernen, f\u00fcr sich zu sorgen, indem er sich immer wieder von den Signalen des K\u00f6rpers leiten l\u00e4sst. Er kann versuchen, Menschen zu finden, die seine Liebe, seine Zuneigung viel mehr verdienen, oder wird die Erfahrung machen, dass er \u00fcber die F\u00e4higkeit verf\u00fcgt, Zeiten der Einsamkeit zu tragen. Dann muss sich ein Mensch weder in das Hungern fl\u00fcchten noch in dessen Kehrseite: die Esssucht oder den Konsum von Drogen. Dies ist keine Anleitung zum Gl\u00fccklich-Sein, es geht vielmehr darum, mit dem Bewusstsein der eigenen Geschichte, in engem Kontakt mit dem Kind, das wir einmal waren, zu leben.<\/p>\n<p>Wer sich heute gegen die Moral ausspricht, l\u00e4uft in Gefahr mit den Anh\u00e4ngern der Spa\u00dfgesellschaft verwechselt zu werden, die sich damit br\u00fcstet, an keinerlei Werte gebunden zu sein.<br \/>\nDoch stellt sich heraus, dass auch einer Gesellschaft, die ganz offenbar bankrott ist, die vielleicht deshalb den Spott \u00fcber echtes Leiden und das ewige hysterische Gel\u00e4chter zur Pflicht erhoben hat, sehr wohl lebensbejahende, nicht destruktive Werte entgegengesetzt werden k\u00f6nnen: Authentizit\u00e4t, echte Kommunikation und das Verm\u00f6gen, zu sich selbst, zur eigenen Geschichte und den eigenen Bed\u00fcrfnissen zu stehen.<br \/>\nDie Revolte des K\u00f6rpers ist deshalb auch ein Buch gegen den &#8222;Zeitgeist&#8220;, die herrschenden &#8222;Trends&#8220; und erscheint am 10. M\u00e4rz im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/dein-gerettetes-leben-3\/\">Dein gerettetes Leben<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-meines-lebens-2\/\">Bilder Meines Lebens<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-4\/\">Die Revolte des K\u00f6rpers<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/evas-erwachen-2\/\">Evas Erwachen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-des-lebens-sieben-geschichten\/\">Wege des Lebens &#8211; Sieben Geschichten<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-eine-um-und-fortschreibung\/\">Das Drama des begabten Kindes, eine Um- und Fortschreibung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abbruch-der-schweigemauer-2\/\">Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-gemiedene-schlussel\/\">Der gemiedene Schl\u00fcssel<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-verbannte-wissen\/\">Das verbannte Wissen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-einer-kindheit\/\">Bilder einer Kindheit<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/du-sollst-nicht-merken-3\/\">Du sollst nicht merken<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/am-anfang-war-erziehung-4\/\">Am Anfang war Erziehung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-2\/\">Das Drama des begabten Kindes<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Revolte des K\u00f6rpersRezensionen AVIVA-BERLIN.de St. Galler Tagblatt ReviewCentre.de Badische Zeitung Thomas Gruner AVIVA-BERLIN.de im Januar 2005von Tatjana Zilg Therapie zwischen Moralvorstellungen und Heilung: Die vielgelesene und umstrittene Psychoanalytikerin zeigt, wie das Vierte Gebot der Elternliebe zur Tabuisierung von Kindesmisshandlung beitr\u00e4gt. Der russische Schriftsteller Dostojewski litt an chronischer Schlaflosigkeit, an Alptr\u00e4umen, Existenz\u00e4ngsten, epileptischen Anf\u00e4llen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2825","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-non-classe"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2825"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2826,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions\/2826"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}