{"id":2838,"date":"2005-01-01T10:19:09","date_gmt":"2005-01-01T09:19:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2838"},"modified":"2015-12-01T10:20:13","modified_gmt":"2015-12-01T09:20:13","slug":"wege-des-lebens-aus-dem-kapitel-wie-entsteht-hass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-des-lebens-aus-dem-kapitel-wie-entsteht-hass\/","title":{"rendered":"Wege des Lebens, aus dem Kapitel &#8222;Wie entsteht Hass?&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Wege des Lebens, aus dem Kapitel &#8222;Wie entsteht Hass?&#8220;<br \/><span class=\"soustitre\">Leseprobe <\/span><\/h1>\n<h2><\/h2>\n<p>In all meinen B\u00fcchern habe ich aufzuzeigen versucht, da\u00df die<br \/>\n        an Kindern ausge\u00fcbte Gewalt auf die Gesellschaft zur\u00fcckschl\u00e4gt.<br \/>\n        Zu dieser Folgerung bin ich \u00fcber die Frage gelangt, woher der Ha\u00df<br \/>\n        kommt, wie er entsteht. Ich wollte wissen, warum die einen zu extremer<br \/>\n        Gewalt neigen, die anderen nicht. Erst als ich die Kindheiten von Diktatoren<br \/>\n        und Massenm\u00f6rdern detailliert untersuchte <i>(VGL.<br \/>\n        MILLER, ALICE: AM ANFANG WAR ERZIEHUNG, SUHRKAMP, 1980; DER GEMIEDENE<br \/>\n        SCHL\u00dcSSEL, SUHRKAMP, 1988; ABBRUCH DER SCHWEIGEMAUER, HOFFMANN &amp;<br \/>\n        CAMPE, 1990)<\/i>, begann ich zu verstehen. Sie waren n\u00e4mlich<br \/>\n        alle in der Kindheit unvorstellbarem Grauen ausgesetzt, das sie durchwegs<br \/>\n        leugneten. Es war meines Erachtens gerade diese Leugnung, die sie als<br \/>\n        Erwachsene zu Vergeltungsaktionen trieb. Ein im Namen der Erziehung gez\u00fcchtigtes<br \/>\n        und gedem\u00fctigtes Kind verinnerlicht sehr fr\u00fch die Sprache der<br \/>\n        Gewalt und Heuchelei und begreift sie als das einzig wirksame Kommunikationsmittel.<\/p>\n<p>        Als ich an den Beispielen von Hitler und Stalin zu veranschaulichen versuchte,<br \/>\n        wie sich Kindesmisshandlungen auf die Gesellschaft auswirken k\u00f6nnen,<br \/>\n        hielten mir viele Menschen entgegen, sie seien auch oft geschlagen worden<br \/>\n        und doch nicht zu Verbrechern geworden. Wenn ich sie nach Einzelheiten<br \/>\n        ihrer Kindheit fragte, stellte sich regelm\u00e4\u00dfig heraus, da\u00df<br \/>\n        es dort zumindest eine Person gegeben hatte, die das Kind zwar nicht vor<br \/>\n        den Mi\u00dfhandlungen gesch\u00fctzt, aber ihm doch Zuneigung oder sogar<br \/>\n        Liebe vermittelt hatte. Diese Person &#8211; der helfende Zeuge, wie ich ihn<br \/>\n        nenne &#8211; fand sich unter anderem bei Dostojewskij, der einen \u00e4u\u00dferst<br \/>\n        gewaltt\u00e4tigen Vater, aber eine liebevolle Mutter gehabt haben soll.<br \/>\n        Sie vermittelte ihrem Sohn das Wissen um die Existenz der Liebe, ohne<br \/>\n        das die Romane Dostojewskijs undenkbar w\u00e4ren.<br \/>\n        Es gibt unter den ehemals geschlagenen Kindern auch solche, die schon<br \/>\n        in der Kindheit oder in ihrem sp\u00e4teren Leben nicht nur helfenden,<br \/>\n        aber eher unbewu\u00dften, sondern auch wissenden Zeugen begegnet waren,<br \/>\n        also Menschen, die ihnen aktiv geholfen hatten, das erfahrene Unrecht<br \/>\n        als solches zu erkennen und ihre Trauer \u00fcber das Geschehene zu artikulieren.<br \/>\n        Sp\u00e4ter wurden diese Kinder begreiflicherweise nicht zu gewaltt\u00e4tigen<br \/>\n        Verbrechern. Sie konnten f\u00fchlen und bewu\u00dft handeln.<\/p>\n<p>        Wer sich mit Kindesmi\u00dfhandlungen besch\u00e4ftigt, sieht sich mit<br \/>\n        dem verbl\u00fcffenden Ph\u00e4nomen konfrontiert, da\u00df Eltern ihre<br \/>\n        Kinder auf dieselbe Art mi\u00dfhandeln oder verwahrlosen lassen, wie<br \/>\n        sie es selbst als Kinder erduldet haben. An das Erlittene erinnern sie<br \/>\n        sich aber als Erwachsene nicht mehr.<br \/>\n        Bei sexuellen Aggressionen gegen Kinder ist es fast die Regel, da\u00df<br \/>\n        die T\u00e4ter ihre eigene Geschichte nicht kennen oder zumindest von<br \/>\n        den dazugeh\u00f6renden Gef\u00fchlen abgeschnitten sind. Erst in der<br \/>\n        Therapie, falls eine solche \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, stellt sich<br \/>\n        heraus, da\u00df sie die eigene Geschichte seit Jahren immer wieder in<br \/>\n        Szene gesetzt haben.<\/p>\n<p>        Ich kann mir dieses Ph\u00e4nomen nur so erkl\u00e4ren, da\u00df ich<br \/>\n        annehme, Informationen \u00fcber die in der Kindheit erfahrenen Mi\u00dfhandlungen<br \/>\n        w\u00fcrden dauerhaft im Gehirn erhalten bleiben, gespeichert in Form<br \/>\n        von unbewu\u00dften Erinnerungen. Ein bewu\u00dftes Erleben der Mi\u00dfhandlungen<br \/>\n        ist einem Kind ohne wissende Zeugen nicht m\u00f6glich, es mu\u00df dieses<br \/>\n        Wissen verdr\u00e4ngen, um an den Schmerzen und der Angst nicht zu zerbrechen.<br \/>\n        Doch die unbewu\u00dften Erinnerungen treiben den Menschen dazu, die<br \/>\n        verdr\u00e4ngten Szenen immer wieder aufs neue zu reproduzieren, um sich<br \/>\n        von den \u00c4ngsten zu befreien, welche die fr\u00fchen Mi\u00dfhandlungen<br \/>\n        zur\u00fcckgelassen haben. Der Betreffende schafft Situationen, in denen<br \/>\n        er den aktiven Teil \u00fcbernimmt, um der Ohnmacht des Kindes Herr zu<br \/>\n        werden und den unbewu\u00dften \u00c4ngsten zu entfliehen.<\/p>\n<p>        Doch auch das bringt ihm keine Befreiung. Er wird immer wieder zum T\u00e4ter<br \/>\n        und schafft sich neue Opfer. Solange man den Ha\u00df und die Angst auf<br \/>\n        S\u00fcndenb\u00f6cke projiziert, k\u00f6nnen sie nicht bew\u00e4ltigt<br \/>\n        werden. Erst wenn die eigentliche Ursache erkannt und die nat\u00fcrliche<br \/>\n        Reaktion auf Unrecht verstanden wurde, kann sich der blinde, auf Unschuldige<br \/>\n        verschobene Ha\u00df aufl\u00f6sen. Denn seine Funktion, die Wahrheit<br \/>\n        zu verschleiern, wird sich von nun an er\u00fcbrigen. Sexualverbrecher,<br \/>\n        die ihre Geschichte in Therapien aufgearbeitet haben, laufen bekanntlich<br \/>\n        nicht mehr Gefahr, ihre Traumata auf destruktive Art weiter zu inszenieren.<br \/>\n        Was ist eigentlich Ha\u00df? In meinen Augen ist er eine m\u00f6gliche<br \/>\n        Folge der Wut und Verzweiflung des Kindes, das bereits in seiner averbalen<br \/>\n        Zeit mi\u00dfachtet worden ist. Solange der Zorn auf einen Elternteil<br \/>\n        unbewu\u00dft und verleugnet bleibt, l\u00e4\u00dft er sich nicht aufl\u00f6sen.<br \/>\n        Er l\u00e4\u00dft sich nur auf S\u00fcndenb\u00f6cke verschieben, auf<br \/>\n        die eigenen Kinder oder angebliche Feinde. Als Ideologie getarnt, ist<br \/>\n        der in Ha\u00df verwandelte Zorn besonders gef\u00e4hrlich, weil er unzerst\u00f6rbar<br \/>\n        ist, jenseits aller moralischer Gebote. Wer die Schreie eines verzweifelten<br \/>\n        S\u00e4uglings teilnehmend beobachtet, wird \u00fcber die Intensit\u00e4t<br \/>\n        dieser Gef\u00fchle staunen.<\/p>\n<p>        Wohin die Mechanismen der Ha\u00dfverschiebung f\u00fchren k\u00f6nnen,<br \/>\n        hat sich bei vielen Diktatoren gezeigt. Sie haben die Massen dadurch gewonnen<br \/>\n        und zum Morden gef\u00fchrt, da\u00df sie deren starke, schlummernde<br \/>\n        Emotionen auf S\u00fcndenb\u00f6cke richteten. Die vom Ursprung losgel\u00f6sten,<br \/>\n        nicht fokussierten Emotionen brauchen n\u00e4mlich ein Objekt, um Aktionen<br \/>\n        zu erm\u00f6glichen, die dem Kind einst verwehrt waren.<br \/>\n        Ein Tier reagiert auf Angriff mit Flucht oder Kampf, beides ist einem<br \/>\n        Kleinkind, das von den n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen bedr\u00e4ngt wird,<br \/>\n        nicht m\u00f6glich. So wird die nat\u00fcrliche Reaktion manchmal jahrzehntelang<br \/>\n        zur\u00fcckgehalten, bis sie sich gegen\u00fcber einem schw\u00e4cheren<br \/>\n        Objekt \u00e4u\u00dfert. Dann entladen sich die unterdr\u00fcckten Emotionen<br \/>\n        hemmungslos gegen Minderheiten. Man nennt dies Fremdenha\u00df, und die<br \/>\n        Objekte variieren von Land zu Land. Sie k\u00f6nnen T\u00fcrken, Romas,<br \/>\n        Biafraner, Hutus oder Tutsis hei\u00dfen, was auch immer. Nur die Gr\u00fcnde<br \/>\n        dieses Hasses d\u00fcrften \u00fcberall dieselben sein.<\/p>\n<p>        Luther zum Beispiel war ein intelligenter und gebildeter Mann, aber er<br \/>\n        ha\u00dfte die Juden und rief die Eltern auch zur Z\u00fcchtigung ihrer<br \/>\n        Kinder auf. Er war kein perverser Sadist wie Hitlers Vollstrecker. Aber<br \/>\n        er erteilte destruktive Ratschl\u00e4ge, bereis vierhundert Jahre vor<br \/>\n        Hitler. Seine Mutter hatte ihn schon fr\u00fch schwer gez\u00fcchtigt,<br \/>\n        und was ihm angeblich &#8222;gutgetan&#8220; hatte, hielt er f\u00fcr richtig.<br \/>\n        Die im K\u00f6rper gespeicherte \u00dcberzeugung, da\u00df es richtig<br \/>\n        sei, ein schw\u00e4cheres Wesen zu qu\u00e4len, wenn es doch die Eltern<br \/>\n        tun, wirkte in ihm viel st\u00e4rker als die g\u00f6ttlichen Gebote der<br \/>\n        N\u00e4chstenliebe und des Erbarmens mit dem Schw\u00e4cheren.<\/p>\n<p>        \u00c4hnliche Beispiele hat Philip Greven in seinem sehr informativen<br \/>\n        Buch (<i>VGL. GREVEN, PHILIP: SPARE<br \/>\n        THE CHILD, KNOPF, 1991<\/i>) aus dem amerikanischen Kulturbereich<br \/>\n        zitiert. Er zitiert viele M\u00e4nner und Frauen der Kirche, die grausames<br \/>\n        Schlagen der kleinsten Kinder mit der Rute bereits in den ersten Lebensmonaten<br \/>\n        empfehlen, damit die daraus erhaltene Lehre das ganze Leben wirksam bleibt.<br \/>\n        Leider hatten sie Recht, diese schrecklichen, destruktiven Texte, mit<br \/>\n        denen die Eltern irregef\u00fchrt wurden, waren ja der klare Beweis f\u00fcr<br \/>\n        die langanhaltende Wirkung des Schlagens. So konnten nur Menschen schreiben,<br \/>\n        die einst selber schwer geschlagen wurden und sp\u00e4ter das Erfahrene<br \/>\n        glorifizierten.<br \/>\n        Das gleiche gilt f\u00fcr die heutigen Terroristen. Sie t\u00f6ten und<br \/>\n        foltern fremde Menschen, die ihnen nichts B\u00f6ses angetan haben, und<br \/>\n        verbr\u00e4men ihre Grausamkeit mit angeblich religi\u00f6sen Ideen. Selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\n        haben sie keine Ahnung davon, da\u00df sie an diesen Menschen den einst<br \/>\n        in ihrer fr\u00fchen Kindheit erfahrenen Terror r\u00e4chen. Aber weder<br \/>\n        ihre heutige Ahnungslosigkeit noch ihr einst unterdr\u00fcckter und heute<br \/>\n        verleugneter Zorn rechtfertigen in irgendeiner Weise ihre extreme Destruktivit\u00e4t<br \/>\n        oder k\u00f6nnen unser Mitleid beanspruchen.<\/p>\n<p>        Wenn man wei\u00df, da\u00df Hitler von seinem Vater schwer gequ\u00e4lt,<br \/>\n        erniedrigt und verspottet wurde, und wenn man zudem wei\u00df, da\u00df<br \/>\n        er seine wahren Emotionen ihm gegen\u00fcber verleugnete, springen einem<br \/>\n        die Quellen seines Hasses ins Auge (<i>VGL.<br \/>\n        MILLER, ALICE: AM ANFANG WAR ERZIEHUNG, SUHRKAMP, 1980<\/i>).Es<br \/>\n        sei denn, man will sich damit lieber nicht auseinandersetzen. Ich mu\u00dfte<br \/>\n        es aber tun, weil ich nicht nur Antworten auf Hitlers Motive, sondern<br \/>\n        auch auf diejenigen anderer Tyrannen zu finden hoffte. Bei allen fanden<br \/>\n        sich Auswirkungen des Hasses auf einen Elternteil, der unbewu\u00dft<br \/>\n        blieb, nicht nur weil es streng verboten war, den Vater zu hassen, sondern<br \/>\n        auch weil es f\u00fcr ein Kind im Interesse des eigenen \u00dcberlebens<br \/>\n        lag, die Illusion, einen guten Vater zu haben, aufrechtzuerhalten. Erst<br \/>\n        bei Verschiebung auf ein Ersatzobjekt war der Ha\u00df erlaubt, konnte<br \/>\n        er sich Bahn brechen. Hitler h\u00e4tte wohl kaum soviel Unterst\u00fctzung<br \/>\n        gefunden, wenn die von ihm erfahrenen Erziehungsmuster und die daher r\u00fchrenden<br \/>\n        Sch\u00e4den in Deutschland und \u00d6sterreich nicht so verbreitet gewesen<br \/>\n        w\u00e4ren.<\/p>\n<p>        Doch Hitlers spezifisches Problem mit dem Judentum gr\u00fcndete noch<br \/>\n        in der Zeit vor seiner Geburt. Seine Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits<br \/>\n        hatte in ihrer Jugend in einem j\u00fcdischen Haushalt in Graz gearbeitet.<br \/>\n        Nach der R\u00fcckkehr in ihr \u00f6sterreichisches Heimatdorf Braunau<br \/>\n        gebar sie einen Sohn, Alois, der sp\u00e4ter Hitlers Vater wurde, und<br \/>\n        erhielt vierzehn Jahre lang Alimente von der Grazer Familie. Aus dieser<br \/>\n        Vorgeschichte, die in mehreren Biographien erw\u00e4hnt wird, ergab sich<br \/>\n        das Dilemma der Familie Hitler. Die Tatsache, da\u00df die junge Frau<br \/>\n        vom j\u00fcdischen Kaufmann oder dessen Sohn geschw\u00e4ngert worden<br \/>\n        war, wollte man leugnen. Andererseits war es unm\u00f6glich, zu behaupten,<br \/>\n        ein Jude zahle grundlos so lange Alimente. Eine solche Gro\u00dfz\u00fcgigkeit<br \/>\n        eines Juden war f\u00fcr die Bewohner des \u00f6sterreichischen Dorfes<br \/>\n        schlichtweg undenkbar. Die Familie Hitler brachte folglich keine Version<br \/>\n        zustande, die ihre &#8222;Schande&#8220; getilgt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>        In einer Atmosph\u00e4re des Verdachts, er sei j\u00fcdischer Abstammung,<br \/>\n        wuchs Alois Hitler in einer judenfeindlichen Umgebung auf. Alle Ehren,<br \/>\n        die er sich als Z\u00f6llner erwarb, befreiten ihn nicht von der latenten<br \/>\n        Wut auf die ungerechterweise erlittene Schande und Dem\u00fctigung. Seine<br \/>\n        Wut konnte er ungestraft an seinem Sohn Adolf abreagieren, den er laut<br \/>\n        Berichten seiner Tochter Angela t\u00e4glich erbarmungslos pr\u00fcgelte.<br \/>\n        Der Sohn entwickelte den Wahn, nicht nur sich selbst, sondern ganz Deutschland<br \/>\n        und sp\u00e4ter die gesamte Welt vom j\u00fcdischen Blut befreien zu m\u00fcssen,<br \/>\n        um sich von seinen Kindheits\u00e4ngsten zu befreien. Hitler war bis zum<br \/>\n        Tod im F\u00fchrerbunker diesem Wahn verfallen, weil ihm seine Angst vor<br \/>\n        dem Vater, dem Halbjuden, sein Leben lang unbewu\u00dft war.<br \/>\n        Es wird mir h\u00e4ufig gesagt, da\u00df diese Gedanken, denen ich in<br \/>\n        meinem Buch &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; ausf\u00fchrlich nachging,<br \/>\n        ungeheuerlich seien und nicht gen\u00fcgten, um Hitlers Handlungen zu<br \/>\n        erkl\u00e4ren. Sicher nicht all seine Handlungen, aber zweifellos seinen<br \/>\n        Wahn. Sie bilden zumindest das Fundament dazu. Ich kann mir gut vorstellen,<br \/>\n        da\u00df Hitler schon als Kind &#8222;dem Juden&#8220;, seiner monsterhaften<br \/>\n        Phantasiegestalt, Rache schwor. Bewu\u00dft dachte er vermutlich, da\u00df<br \/>\n        er ein sch\u00f6nes Leben h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen, wenn &#8222;der<br \/>\n        Jude&#8220; seine Gro\u00dfmutter nicht in das Elend gest\u00fcrzt h\u00e4tte,<br \/>\n        das er und seine ganze Familie nun erleiden mu\u00dften. So konnte er<br \/>\n        auch die \u00dcbergriffe seines Vaters entschuldigen, der Vater war ja<br \/>\n        nur das Opfer des b\u00f6sen und allm\u00e4chtigen Juden. Von da aus gibt<br \/>\n        es im Bewu\u00dftsein eines zornigen und verwirrten Kindes nur einen<br \/>\n        Schritt zum Gedanken, man m\u00fc\u00dfte alle Juden ausrotten.<\/p>\n<p>        In der Alltagssprache wird das Wort Ha\u00df auch in F\u00e4llen verwendet,<br \/>\n        in denen es sich nicht um sp\u00e4tere Projektionen der fr\u00fchkindlichen<br \/>\n        Gef\u00fchle auf S\u00fcndenb\u00f6cke handelt, sondern um den Zorn des<br \/>\n        Erwachsenen, der in der Gegenwart durchaus gerechtfertigt ist. In diesem<br \/>\n        Sinne wird ein gefolterter Mensch oder ein Lagerinsasse seinen Folterer<br \/>\n        oder Peiniger &#8222;hassen&#8220;. Dieses Gef\u00fchl verleiht ihm oft<br \/>\n        Kraft zum \u00dcberleben, indem es ihn vor Resignation sch\u00fctzt und<br \/>\n        ihm erlaubt, seine W\u00fcrde zu erhalten.<\/p>\n<p>        Aber dieser &#8222;Ha\u00df&#8220; ist eng mit der gegebenen gegenw\u00e4rtigen<br \/>\n        Situation verbunden. Er richtet sich gew\u00f6hnlich gegen den Menschen,<br \/>\n        der unsere Freiheit in extremer Weise einschr\u00e4nkt, der uns nicht<br \/>\n        nur in unserer Phantasie, sondern ganz real erniedrigt, dem\u00fctigt,<br \/>\n        bedroht und uns jede Form des Ausdrucks verunm\u00f6glicht. Gelingt es<br \/>\n        dem Opfer, einen Weg aus dieser Situation zu finden, gelingt es ihm, sich<br \/>\n        von der Gewalt seines Peinigers zu befreien, kann sich der Zorn mit der<br \/>\n        Zeit abschw\u00e4chen oder gar verschwinden.<br \/>\n        Nicht so in den F\u00e4llen von Hitler, Stalin, Mao und anderen Diktatoren,<br \/>\n        die bis zu ihrer Todesstunde vom Ha\u00df getrieben wurden, obwohl sie<br \/>\n        als Erwachsene keinen Grund dazu hatten. Im Gegenteil, sie wurden ja von<br \/>\n        Millionen abg\u00f6ttisch geliebt und bewundert, und es bestand, au\u00dfer<br \/>\n        in ihrer Kindheit, eigentlich kein Grund mehr zur Angst. Trotzdem n\u00e4hrte<br \/>\n        die Angst aus der Kindheit ihren Ha\u00df lebensl\u00e4nglich.<\/p>\n<p>        Paranoide, an die Geschichte der eigenen fr\u00fchen und verdr\u00e4ngten<br \/>\n        Kindheit anklingende Gedankeng\u00e4nge habe ich ausnahmslos bei allen<br \/>\n        Tyrannen gefunden, deren Kindheiten ich n\u00e4her untersuchte. Mao wurde<br \/>\n        von seinem Vater regelm\u00e4\u00dfig ausgepeitscht und lie\u00df drei\u00dfig<br \/>\n        Millionen Menschen sterben, um keine Wut auf seinen Vater aufkommen zu<br \/>\n        lassen. Stalin lie\u00df Millionen leiden und sterben, weil er sogar<br \/>\n        auf dem Gipfel seiner Macht aus der unbewu\u00dften kindlichen Angst<br \/>\n        heraus agierte. Sein Vater, ein sehr armer Schuhmacher in Georgien, versuchte<br \/>\n        seine Frustrationen im Schnaps zu ertr\u00e4nken und peitschte seinen<br \/>\n        Sohn t\u00e4glich bis aufs Blut. Die Mutter zeigte psychotische Z\u00fcge,<br \/>\n        war vollkommen unf\u00e4hig, ihr Kind zu verteidigen und war auch meistens<br \/>\n        abwesend, weil sie entweder in der Kirche betete oder den Haushalt des<br \/>\n        Priesters versorgte. Stalin idealisierte seine Eltern bis zu seinem Tod<br \/>\n        und witterte \u00fcberall und st\u00e4ndig Gefahren, die seit langem nicht<br \/>\n        mehr existierten, die aber in seinem Gehirn als st\u00e4ndig vorhanden<br \/>\n        registriert waren.<\/p>\n<p>        Das gleiche gilt auch f\u00fcr andere Tyrannen. Sie verfolgten unterschiedliche<br \/>\n        Kategorien von Menschen, mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen, aber<br \/>\n        letztlich aus demselben Grund: Einem jeden half seine Ideologie, die Wahrheit<br \/>\n        und die Paranoia zu tarnen. Und die Massen marschierten begeistert mit,<br \/>\n        weil ihnen die Hintergr\u00fcnde, auch in der eigenen Geschichte, verborgen<br \/>\n        blieben. Die kindlichen Rachephantasien eines Tyrannen w\u00e4ren harmlos,<br \/>\n        wenn die Gesellschaft ihm, in ihrer Naivit\u00e4t, nicht helfen w\u00fcrde,<br \/>\n        diese zu verwirklichen.<br \/>\n        W\u00e4hrend des Dritten Reiches zum Beispiel wurde das gro\u00dfe Arbeitspotential<br \/>\n        der Juden erstaunlicherweise nicht f\u00fcr die deutsche Wirtschaft genutzt.<br \/>\n        Das zeigt, da\u00df den T\u00e4tern der Projektionswahn teurer war als<br \/>\n        der Ertrag der Arbeit, der in der Kriegszeit doch knapp war. Der Jude<br \/>\n        MUSSTE schmutzig, unproduktiv und l\u00e4cherlich sein oder dazu erniedrigt<br \/>\n        werden, denn diese Z\u00fcge machten ihn zu dem Ha\u00dfobjekt, das man<br \/>\n        f\u00fcr die Projektionen brauchte. In den sogenannten Arbeitslagern wurden<br \/>\n        hochqualifizierte Fachleute beispielsweise dazu eingesetzt, Erde in ihren<br \/>\n        M\u00fctzen von einem Ort zum anderen zu tragen oder auf Schnee barfu\u00df<br \/>\n        sorgf\u00e4ltig Aufgaben zu verrichten, die niemandem etwas n\u00fctzten.<br \/>\n        So konnte in der nationalsozialistischen Ideologie Hitlers Projektion<br \/>\n        aufrechterhalten werden, der Jude sei faul und l\u00e4cherlich, aber auch<br \/>\n        gef\u00e4hrlich, solange man ihn nicht entw\u00fcrdigte.<\/p>\n<p>        F\u00fcr jemanden, der nicht gewohnt ist, fr\u00fchkindliche Gef\u00fchle<br \/>\n        in historische \u00dcberlegungen einzubeziehen, m\u00f6gen derartige Gedanken<br \/>\n        weit hergeholt erscheinen. Man kann sich vielleicht vorstellen, da\u00df<br \/>\n        Kinder fr\u00fcher so gez\u00fcchtigt wurden wie sp\u00e4ter die Juden<br \/>\n        im Naziregime, aber man fragt sich, wie sich dieser Vergleich mit der<br \/>\n        Idee vertr\u00e4gt, da\u00df die Juden eine teuflische Macht seien, vor<br \/>\n        der die Welt bewahrt werden m\u00fcsse. Kinder sind doch schw\u00e4cher<br \/>\n        als Erwachsene, was gibt es da zu f\u00fcrchten?<\/p>\n<p>        Diese Argumentation ist logisch, aber der Ha\u00df hat seine eigene Logik.<br \/>\n        Wir wissen aus der Geschichte der Kindesmi\u00dfhandlungen, da\u00df<br \/>\n        Eltern ihre Kinder gelegentlich als \u00fcberm\u00e4chtig erlebten, als<br \/>\n        einen vom Teufel in die Wiege gelegten Wechselbalg, dessen man sich entledigen<br \/>\n        mu\u00dfte, um Unheil zu verhindern. \u00c4hnliches ist von den Hexenverfolgungen<br \/>\n        bekannt. Der Ha\u00df, den die Eltern beim Auspeitschen auf das Kind<br \/>\n        richten, gilt nicht dem Kleinkind, das sie gerade z\u00fcchtigen, sondern<br \/>\n        unbewu\u00dft den eigenen Erziehern, deren Mi\u00dfhandlungen sie verdr\u00e4ngt<br \/>\n        haben. Deshalb kann ein Vater sein Kind in der \u00dcbertragung als bedrohlich<br \/>\n        und \u00fcberm\u00e4chtig erleben, das hei\u00dft, er pr\u00fcgelt im<br \/>\n        Grunde die Peiniger seiner Kindheit, die f\u00fcr ihn damals \u00fcberm\u00e4chtig<br \/>\n        waren und b\u00f6se wie der Teufel.<\/p>\n<p>        Die Dynamik solcher Verschiebungen ist Psychoanalytikern seit langem bekannt.<br \/>\n        Ihr Ursprung wurde fr\u00fcher durch die Identifikation mit dem Aggressor<br \/>\n        erkl\u00e4rt, heute w\u00fcrde man vermutlich eher auf eine fr\u00fchere<br \/>\n        Entwicklungsstufe hinweisen und von gespeicherten Informationen sprechen.<br \/>\n        Da die Folgen fr\u00fcher Mi\u00dfhandlungen auf das sp\u00e4tere Leben<br \/>\n        der Betroffenen bisher kaum erforscht worden sind, werden sie in historischen<br \/>\n        und anthropologischen Untersuchungen auch kaum thematisiert. So hat der<br \/>\n        Soziologe Wolfgang Sovsky ein eindrucksvolles Buch \u00fcber die Formen<br \/>\n        der Gewalt geschrieben (<i>VGL. SOVSKY,<br \/>\n        WOLFGANG: TRAKTAT \u00dcBER DIE GEWALT, FISCHER, 1996<\/i>),<br \/>\n        ohne mit einem einzigen Wort auf die Dimension der Kindheit hinzuweisen.<br \/>\n        Dabei beleuchtet er sehr gr\u00fcndlich das angeblich unbegreifliche Ph\u00e4nomen<br \/>\n        des Qu\u00e4lens, das sich aber durchaus erkl\u00e4ren lie\u00dfe unter<br \/>\n        der Annahme, da\u00df die Henker, Folterer und Menschenj\u00e4ger ihre<br \/>\n        Lektionen sehr fr\u00fch gelernt haben. Es ist bekannt, da\u00df das<br \/>\n        fr\u00fch Gelernte gut haften bleibt und mit der Zeit zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit<br \/>\n        werden kann.<\/p>\n<p>        Zu entschuldigen sind die kriminellen Taten dadurch nat\u00fcrlich nicht,<br \/>\n        doch man m\u00fc\u00dfte sich zumindest mit der Hypothese besch\u00e4ftigen,<br \/>\n        da\u00df Menschen, die aktiv bei Genoziden mitmachen und andere foltern,<br \/>\n        kein Naturereignis sind, sondern zu der zahlreichen Gruppe geh\u00f6ren,<br \/>\n        die die F\u00e4higkeit, Erbarmen und Mitgef\u00fchl zu erleben, nie entwickelt<br \/>\n        oder sehr fr\u00fch verloren hat. Das Gehirn dieser Menschen funktionierte<br \/>\n        vielleicht auf anderen Gebieten fehlerlos, und seine Ausf\u00e4lle im<br \/>\n        emotionalen Bereich machten sie gerade zu den idealen Vollstreckern der<br \/>\n        wahnhaften Pl\u00e4ne paranoider F\u00fchrer.<br \/>\n        Selbstverst\u00e4ndlich gibt es Menschen, die nicht zu M\u00f6rdern geworden<br \/>\n        sind, auch nicht zu Kindersch\u00e4ndern, obwohl sie in der Kindheit schwer<br \/>\n        mi\u00dfhandelt wurden. Mir ist jedoch niemals ein Verbrecher begegnet,<br \/>\n        der in seiner Kindheit nicht selber Opfer war. Das Problem besteht darin,<br \/>\n        da\u00df die meisten dieser Menschen ihre Motivationen nicht kennen,<br \/>\n        weil sie keinen Zugang zu ihren Gef\u00fchlen und Erinnerungen haben.<br \/>\n        Indem sich Daniel J. Goldhagen in seinem Buch (<i>VGL.<br \/>\n        GOLDHAGEN, DANIEL: HITLERS WILLIGE VOLLSTRECKER, SIEDLER, 1996<\/i>)<br \/>\n        vornehmlich auf Berichte von T\u00e4tern st\u00fctzt, offenbart er indessen<br \/>\n        ihre Gef\u00fchle und macht sie einer n\u00e4heren Untersuchung zug\u00e4nglich.<br \/>\n        Seine Zitate und Bilder dokumentieren eindeutig, da\u00df die zufriedenen,<br \/>\n        lachenden Gesichter der T\u00e4ter Lust am Qu\u00e4len zeigten<\/p>\n<p>        Leider hat Daniel Goldhagen das freiwillige Qu\u00e4len und Verspotten<br \/>\n        in seiner Untersuchung nur ph\u00e4nomenologisch beleuchtet und die Kindheit<br \/>\n        der T\u00e4ter au\u00dfer acht gelassen. Er widmet sich zwar den Emotionen<br \/>\n        der T\u00e4ter, die bisher weitgehend ignoriert wurden, doch ohne den<br \/>\n        Hintergrund ihrer fr\u00fchesten Erziehung bleibt ihr Verhalten r\u00e4tselhaft.<br \/>\n        Vergeblich sucht der Leser nach einer Erkl\u00e4rung. Wie ist es m\u00f6glich,<br \/>\n        da\u00df ringsum gesch\u00e4tzte M\u00e4nner und Frauen sich wie Monster<br \/>\n        verhielten? Wie kam es, da\u00df ein ehemaliger Lehrer wie Klaus Barbie<br \/>\n        und andere M\u00e4nner, die von ihren T\u00f6chtern als nette und f\u00fcrsorgliche<br \/>\n        Familienv\u00e4ter geschildert werden, Unschuldige folterten oder foltern<br \/>\n        lie\u00dfen? Diese Frage wird von Goldhagen nicht gestellt. Er meint,<br \/>\n        mit dem Verweis auf den deutschen Antisemitismus bereits eine befriedigende<br \/>\n        Antwort geliefert zu haben. Das tut er aber nicht.<\/p>\n<p>        Wenn der deutsche Antisemitismus die Ursache des Holocaust sein soll,<br \/>\n        so wird zu Recht kritisiert, dann sei nicht einzusehen, weshalb es nicht<br \/>\n        bereits im Ersten Weltkrieg zu einem V\u00f6lkermord kam, als der Antisemitismus<br \/>\n        bereits ebenso stark gewesen sei. Und warum nicht ein Holocaust in den<br \/>\n        anderen antisemitischen L\u00e4ndern wie Polen, Ru\u00dfland und weiteren<br \/>\n        europ\u00e4ischen Staaten? Das Argument, da\u00df die Weimarer Republik<br \/>\n        mit Arbeitslosigkeit und Armut Frustrationen geschaffen habe, die sich<br \/>\n        in der Ermordung der Juden entladen h\u00e4tten, ist nicht \u00fcberzeugend<br \/>\n        angesichts der Tatsache, da\u00df es Hitler schnell gelungen ist, die<br \/>\n        Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen.<br \/>\n        Es mu\u00df folglich noch andere Faktoren geben, die bisher unber\u00fccksichtigt<br \/>\n        geblieben sind und die eventuell ein Licht auf die Frage werfen, warum<br \/>\n        der Holocaust in Deutschland und WARUM GERADE ZU DIESEM UND KEINEM ANDEREN<br \/>\n        ZEITPUNKT STATTFAND. Einer dieser Faktoren k\u00f6nnte meines Erachtens<br \/>\n        im destruktiven Erziehungsstil der kleinen Kinder liegen, der um die Jahrhundertwende<br \/>\n        in weiten Kreisen Deutschlands herrschte und den ich als Mi\u00dfhandlung<br \/>\n        von S\u00e4uglingen bezeichne.<\/p>\n<p>        Auch in den anderen L\u00e4ndern wurden und werden noch heute Kinder unter<br \/>\n        dem Vorwand der Erziehung mi\u00dfhandelt, doch kaum mit dieser Systematik<br \/>\n        und Gr\u00fcndlichkeit, die f\u00fcr die Schwarze P\u00e4dagogik in Deutschland<br \/>\n        so bezeichnend war. In den beiden Generationen vor dem Aufstieg Hitlers<br \/>\n        wurde die Anwendung dieser Methoden zur Perfektion gesteigert. Schlie\u00dflich<br \/>\n        bekam Hitler, was er brauchte. In seinen Worten klang das so: &#8222;Meine<br \/>\n        P\u00e4dagogik ist hart. DAS SCHWACHE MUSS WEGGEH\u00c4MMERT WERDEN. In<br \/>\n        meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt<br \/>\n        erschrecken wird. Eine GEWALTT\u00c4TIGE, herrische, unerschrockene, GRAUSAME<br \/>\n        Jugend WILL ICH. Jugend mu\u00df das alles sein. Schmerzen mu\u00df<br \/>\n        sie ertragen. ES DARF NICHTS SCHWACHES UND Z\u00c4RTLICHES IN IHR SEIN.<br \/>\n        Das freie, herrliche Raubtier mu\u00df erst wieder aus ihren Augen blitzen.<br \/>\n        Stark und sch\u00f6n will ich meine Jugend. . . So kann ich das Neue schaffen.&#8220;<br \/>\n        Dieses p\u00e4dagogische Programm der Ausrottung des Lebendigen ging den<br \/>\n        Pl\u00e4nen der Ausrottung eines Volkes voraus. Es war sozusagen die Voraussetzung<br \/>\n        f\u00fcr das Gelingen.<\/p>\n<p>        Die zahlreichen und vielgelesenen Schriften von Dr. Daniel Gottlieb Moritz<br \/>\n        Schreber, dem Erfinder der Schreberg\u00e4rten (1808-1861), die teilweise<br \/>\n        in vierzig Auflagen erschienen waren, unterrichteten die Eltern \u00fcber<br \/>\n        die systematische Erziehung der kleinen Kinder von ihrem ersten Lebenstag<br \/>\n        an. Zu ihrer gro\u00dfen Popularit\u00e4t trug der Umstand bei, da\u00df<br \/>\n        Gehorsam und Unterwerfung unter den Willen des Kaisers damals als das<br \/>\n        oberste Gebot des B\u00fcrgers galten. Deutschland hatte ja bisher keine<br \/>\n        eigene Revolution erlebt. Viele Menschen befolgten daher im besten Glauben<br \/>\n        Schrebers und \u00e4hnlicher Autoren Ratschl\u00e4ge zur Aufzucht der<br \/>\n        kleinen Untertanen, ohne im geringsten zu erkennen, da\u00df sie ihre<br \/>\n        Kinder einer Folter mit Langzeitwirkung aussetzten. Ausdr\u00fccke wie<br \/>\n        &#8222;Gelobt sei, was hart macht&#8220; und &#8222;Was uns nicht umbringt,<br \/>\n        macht uns st\u00e4rker&#8220;, die noch heute zum Vokabular der \u00e4lteren<br \/>\n        P\u00e4dagogen geh\u00f6ren, stammen wohl aus dieser Zeit.<\/p>\n<p>        Morton Schatzman (<i>VGL. SCHATZMAN,<br \/>\n        MORTON: DIE ANGST VOR DEM VATER, LANGZEITWIRKUNGEN EINER ERZIEHUNGSMETHODE,<br \/>\n        ROWOHLT, 1978<\/i>), der aus Dr. Schrebers Schriften sehr aufschlu\u00dfreiche<br \/>\n        Stellen zitiert, ist der Meinung, da\u00df es sich hier nicht um Kindererziehung,<br \/>\n        sondern um Kinderverfolgung handelte. Unter anderem schrieb Schreber,<br \/>\n        man m\u00fcsse den schreienden S\u00e4ugling durch &#8222;k\u00f6rperlich<br \/>\n        f\u00fchlbare Ermahnungen zur Ruhe zwingen, und versicherte: &#8222;Eine<br \/>\n        solche Prozedur ist nur ein- oder h\u00f6chstens zweimal n\u00f6tig, und<br \/>\n        man ist HERR DES KINDES F\u00dcR IMMER. Von nun an gen\u00fcgt ein Blick,<br \/>\n        eine einzige drohende Geb\u00e4rde, um DAS KIND ZU REGIEREN.&#8220; Das<br \/>\n        Neugeborene sollte vor allem VOM ERSTEN TAG AN um jeden Preis dazu dressiert<br \/>\n        werden, nicht zu schreien und zu gehorchen.<\/p>\n<p>        Die heute auch nur halbwegs milde erzogenen Menschen werden sich kaum<br \/>\n        vorstellen k\u00f6nnen, mit welcher Konsequenz und welchem Zeitaufwand<br \/>\n        dieses Programm von Schreber selbst durchgef\u00fchrt wurde. Der Psychoanalytiker<br \/>\n        William G. Niederland (<i>VGL. 9<br \/>\n        NIEDERLAND, WILLIAM G.: DER FALL SCHREBER, SUHRKAMP, 1978<\/i>)<br \/>\n        zitiert Beispiele, die mir f\u00fcr die t\u00e4gliche Praxis der damaligen<br \/>\n        Erziehung bezeichnend scheinen, zum Beispiel Rezepte, wie das Kind &#8222;in<br \/>\n        der Kunst, sich zu versagen&#8220; einge\u00fcbt werden soll. Das h\u00f6rt<br \/>\n        sich so an: &#8222;Die hierf\u00fcr empfohlene \u00dcbung sei einfach und<br \/>\n        wirksam: man setzt das Kind auf den Scho\u00df der Kinderfrau, w\u00e4hrend<br \/>\n        diese nach Belieben etwas i\u00dft oder trinkt. Wie stark auch immer<br \/>\n        die oralen Bed\u00fcrfnisse des Kindes in dieser Situation anwachsen m\u00f6gen,<br \/>\n        sie d\u00fcrfen nicht befriedigt werden.&#8220;<\/p>\n<p>        Schreber berichtet (laut Niederland, S. 98) \u00fcber eine Episode aus<br \/>\n        seinem eigenen Familienkreis: Als eine Kinderfrau, die eines seiner Kinder<br \/>\n        auf dem Scho\u00df hielt, Birnen a\u00df und trotz des Verbots nicht<br \/>\n        widerstehen konnte, dem Kind ein kleines St\u00fcck abzugeben, wurde sie<br \/>\n        sofort entlassen. Da sich die Nachricht von dieser drastischen Ma\u00dfnahme<br \/>\n        rasch bei allen Kinderfrauen Leipzigs verbreitete, habe er- so schreibt<br \/>\n        der Vater- &#8222;seitdem nie wieder, weder bei diesem noch bei den sp\u00e4teren<br \/>\n        Kindern, eine solche Entdeckung gemacht&#8220;. <br \/>\n        Der Mensch kommt nicht mit einem fertig ausgebildeten Gehirn auf die Welt,<br \/>\n        wie man es noch vor f\u00fcnfzehn Jahren gemeint hat. Es h\u00e4ngt von<br \/>\n        den Erfahrungen der ersten drei Jahre ab, welche F\u00e4higkeiten sein<br \/>\n        Gehirn entwickeln kann. Bei schwer und sehr fr\u00fch traumatisierten<br \/>\n        rum\u00e4nischen Kindern zum Beispiel stellte man sp\u00e4ter auffallende<br \/>\n        Insuffizienzen im emotionalen und kognitiven Bereich fest, denen L\u00e4sionen<br \/>\n        in bestimmten Gehirnbereichen entsprachen. Nach den neuesten Berichten<br \/>\n        der Neurobiologen f\u00fchren wiederholte Traumatisierungen zur erh\u00f6hten<br \/>\n        Aussch\u00fcttung der Stre\u00dfhormone, die das zarte Gehirn angreifen<br \/>\n        und bereits bestehende Neuronen zerst\u00f6ren. Bei mi\u00dfhandelten<br \/>\n        Kindern fand man, da\u00df Gehirnregionen, die f\u00fcr die Steuerung<br \/>\n        der Emotionen zust\u00e4ndig sind, um 20 bis 30 Prozent kleiner waren<br \/>\n        als bei Vergleichspersonen.<\/p>\n<p>        Die um die Jahrhundertwende systematisch zum Gehorsam dressierten Kinder<br \/>\n        waren nicht nur der k\u00f6rperlichen Z\u00fcchtigung ausgesetzt, sondern<br \/>\n        auch einer schwerwiegenden Deprivation. Z\u00e4rtliche Ber\u00fchrungen<br \/>\n        der Kinder, wie das Streicheln, Umarmen, K\u00fcssen, wurden in der damaligen<br \/>\n        Erziehungsliteratur als Affenliebe bezeichnet, und die Eltern wurden immer<br \/>\n        wieder vor der Gefahr des Verw\u00f6hnens ihrer Kinder gewarnt, das sich<br \/>\n        mit dem Ideal der H\u00e4rte auf keinen Fall vereinbaren lie\u00df. So<br \/>\n        litten die S\u00e4uglinge unter dem Mangel an liebevollem direkten Kontakt<br \/>\n        mit den Eltern. Im besten Fall konnten sie ihn bei den Hausangestellten<br \/>\n        kompensieren, von denen sie nicht selten als Lustobjekte benutzt und ausgenutzt<br \/>\n        wurden, was manchmal zur weiteren Verwirrung beitrug. <br \/>\n        Seit Dr. Harlows Experimenten an Affen, die in den f\u00fcnfziger Jahren<br \/>\n        durchgef\u00fchrt wurden, wei\u00df man, da\u00df sich Affen, die an<br \/>\n        k\u00fcnstlichen Mutterattrappen gro\u00dfgezogen wurden, sp\u00e4ter<br \/>\n        aggressiv verhielten und kein Interesse an ihrem Nachwuchs zeigten. John<br \/>\n        Bowlbys Arbeiten \u00fcber den Mangel der ersten Bindung (attachment)<br \/>\n        bei Delinquenten und Rene Spitz&#8216; Beschreibungen der Kleinkinder, die in<br \/>\n        Krankenh\u00e4usern unter \u00e4u\u00dferst hygienischen Bedingungen<br \/>\n        infolge von emotionaler Verwahrlosung an Hospitalismus starben, zeigten<br \/>\n        uns, da\u00df nicht nur Affen-, sondern auch Menschenkinder f\u00fcr<br \/>\n        ihre Sozialisierung den positiven sensorischen Kontakt zu ihren Eltern<br \/>\n        unbedingt brauchen.<\/p>\n<p>        Inzwischen sind die vor bald vierzig Jahren gemachten Beobachtungen von<br \/>\n        Bowlby und Spitz durch neurobiologische Forschungen erg\u00e4nzt worden.<br \/>\n        Nicht nur Mi\u00dfhandlungen, stellen nun die Forscher fest, sondern<br \/>\n        auch der Mangel an liebevollen K\u00f6rperkontakten mit den Eltern f\u00fchrt<br \/>\n        dazu, da\u00df bestimmte Hirnregionen, vor allem diejenigen, die unsere<br \/>\n        Emotionen steuern sollten, unterentwickelt bleiben. Daher erlitten die<br \/>\n        mit &#8222;Blicken regierten&#8220; Kinder emotionale Sch\u00e4den, deren<br \/>\n        destruktive Folgen sich vermutlich erst in der n\u00e4chsten Generation<br \/>\n        auswirkten.<br \/>\n        Die Ergebnisse der heutigen neurobiologischen Forschungen machen das Funktionieren<br \/>\n        der Menschen wie Eichmann, Himmler, H\u00f6ss und \u00e4hnlicher besser<br \/>\n        verst\u00e4ndlich. Die Dressur zum Gehorsam in ihrer fr\u00fchesten Kindheit<br \/>\n        verhinderte bei ihnen die Entwicklung solcher menschlichen F\u00e4higkeiten<br \/>\n        wie Mitgef\u00fchl und Erbarmen mit dem Leidenden. Sie konnten nicht vom<br \/>\n        Blick eines Ungl\u00fccklichen bewegt sein, solche Gef\u00fchle waren<br \/>\n        ihnen fremd. Was Himmler in seiner ber\u00fchmten Posener Rede als &#8222;Freiheit&#8220;<br \/>\n        bezeichnete, war im Grunde diese vollkommene seelische Verk\u00fcmmerung.<br \/>\n        Sie erlaubte den schwersten Verbrechern &#8222;normal&#8220; zu funktionieren<br \/>\n        und auch in der Nachkriegszeit ihre Umgebung damit zu beeindrucken.<\/p>\n<p>        Das letztere bleibt zwar ein R\u00e4tsel, das noch lange nicht vollst\u00e4ndig<br \/>\n        erkl\u00e4rt werden kann. Aber auch wenn wir es k\u00f6nnten, die weitere<br \/>\n        Produktion solcher Menschen k\u00f6nnen wir damit trotzdem nicht verhindern,<br \/>\n        weil die Praxis der Erziehung sich nicht so schnell nach den Ergebnissen<br \/>\n        der Forschung orientiert. Ob die neuesten Informationen die jungen Eltern<br \/>\n        \u00fcberhaupt erreichen, h\u00e4ngt in erster Linie von der emotionalen<br \/>\n        Reife der Eltern ab. Zum Gl\u00fcck gibt es bereits junge Eltern, die<br \/>\n        trotz ihrer Jugend diese Reife erreicht haben. Diese Eltern der neuen<br \/>\n        Generation lassen sich nicht mehr durch Ratschl\u00e4ge der Menschen einsch\u00fcchtern,<br \/>\n        die, weil sie einst selber geschlagen wurden, nach wie vor behaupten,<br \/>\n        da\u00df ein Klaps im &#8222;richtigen Moment&#8220; segensreich und durchaus<br \/>\n        harmlos sein k\u00f6nnte. Die jungen Eltern, die dank ihrer herzlichen<br \/>\n        Bindung mit ihren Kindern zuweilen besser als manche \u00c4rzte informiert<br \/>\n        sind, wissen, da\u00df man unter gar keinen Umst\u00e4nden ein Kind schlagen<br \/>\n        darf, weil die Schl\u00e4ge wie Zeitbomben wirken k\u00f6nnen. Die Folgen<br \/>\n        k\u00f6nnen sich erst viel sp\u00e4ter auswirken, auch wenn sie &#8222;nur&#8220;<br \/>\n        darin bestehen sollten, da\u00df ein gebildeter Mensch heute noch, trotz<br \/>\n        bestehender Informationen, eine solche Barbarei empfehlen kann.<\/p>\n<p>        Als Schweden vor zwanzig Jahren das Gesetz verabschiedet hatte, das das<br \/>\n        Schlagen der Kinder verbietet, waren noch 70 Prozent der befragten B\u00fcrger<br \/>\n        dagegen. Heute sind es nur 10 Prozent. Die neuen Erfahrungen haben vielen<br \/>\n        offensichtlich die Augen ge\u00f6ffnet. In den gro\u00dfen L\u00e4ndern<br \/>\n        Europas ist es leider nach wie vor erlaubt, kleine Kinder mit der Rute<br \/>\n        zu &#8222;disziplinieren&#8220;, damit sie zu braven B\u00fcrgern aufwachsen,<br \/>\n        was auch immer das bedeuten soll. Solche Ruten werden in Frankreich immer<br \/>\n        noch produziert und gut verkauft.<br \/>\n        Wenn man wei\u00df, welche Wirkung die seelischen und k\u00f6rperlichen<br \/>\n        Entbehrungen und Mi\u00dfhandlungen von S\u00e4uglingen, neben der Unterdr\u00fcckung<br \/>\n        der emotionalen Reaktionen, auf den psychischen Haushalt von Kindern haben,<br \/>\n        dann begreift man, da\u00df diese unterdr\u00fcckten Emotionen einen<br \/>\n        starken Wunsch nach Rache hinterlassen. Es ist deshalb naheliegend, zu<br \/>\n        vermuten, da\u00df sie etwa drei\u00dfig und vierzig Jahre sp\u00e4ter<br \/>\n        da abreagiert werden, wo es nicht nur erlaubt, sondern sogar erw\u00fcnscht<br \/>\n        wird.<\/p>\n<p>        Die Frage, weshalb die einen erfahrene Mi\u00dfhandlungen scheinbar ohne<br \/>\n        Sch\u00e4den \u00fcberleben, w\u00e4hrend die anderen an schweren Symptomen<br \/>\n        leiden oder kriminell werden, l\u00e4\u00dft sich vielleicht nur im Einzelfall<br \/>\n        kl\u00e4ren, und dies nicht immer. Doch zweifellos wird die Gegenwart<br \/>\n        eines oder mehrerer mitf\u00fchlender Menschen in den ersten Lebensjahren<br \/>\n        eine positive Entwicklung trotz gelegentlicher Traumen erleichtern, weil<br \/>\n        dann Grausamkeit als solche abgelehnt und deren bewu\u00dfte Verarbeitung<br \/>\n        m\u00f6glich gemacht werden konnte.<br \/>\n        Man k\u00f6nnte zwar diesbez\u00fcglich so argumentieren, wie Sigmund<br \/>\n        Freud es auf dem sexuellen Gebiet tat, und sagen: Wenn die meisten Menschen<br \/>\n        als Kinder mi\u00dfhandelt oder emotional verwahrlost worden sind, kann<br \/>\n        das bei der Entstehung der Delinquenz kein pathogener Faktor sein, sonst<br \/>\n        h\u00e4tten sich die meisten zu M\u00f6rdern entwickelt. Doch diese Argumentation<br \/>\n        verkennt gerade die Tatsache, da\u00df es nicht Traumata an sich sind,<br \/>\n        die direkt zur Ausbildung von Neurosen und zu kriminellen Karrieren f\u00fchren,<br \/>\n        sondern die ART IHRER VERARBEITUNG.<\/p>\n<p>        Wenn keine positiven Faktoren hinzukommen, wenn sowohl Z\u00e4rtlichkeit<br \/>\n        als auch helfende Zeugen fehlen, bleibt es bei der Verleugnung des Leidens<br \/>\n        und der Idealisierung der Grausamkeit mit all ihren verheerenden Konsequenzen.<br \/>\n        Wer bereits im averbalen Alter eine in h\u00f6chstem Ma\u00dfe dem\u00fctigende<br \/>\n        und grausame Erziehung, meist ohne wissende Zeugen, erhalten hatte, hatte<br \/>\n        unter Umst\u00e4nden auch gelernt, diese Grausamkeit zu bewundern, wenn<br \/>\n        niemand in der fr\u00fchesten Umgebung des Kindes diese in Frage stellte<br \/>\n        und humane Werte vertrat.<br \/>\n        Ich habe 1980 in &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; auf Dutzenden von<br \/>\n        Seiten Ausz\u00fcge aus Erziehungsschriften zu Beginn unseres Jahrhunderts<br \/>\n        zitiert, um den Leser sp\u00fcren zu lassen, wie S\u00e4uglinge um die<br \/>\n        Jahrhundertwende seelisch und k\u00f6rperlich gequ\u00e4lt, ja oft sogar<br \/>\n        gefoltert wurden, damit sie einen guten Charakter entwickelten. Eine befreundete<br \/>\n        Analytikerin, die inzwischen verstorben ist, hatte diese Texte im Manuskript<br \/>\n        gelesen.<\/p>\n<p>        Nach zehn Seiten, erz\u00e4hlte sie, habe sie die Lekt\u00fcre nicht mehr<br \/>\n        ausgehalten und die Bl\u00e4tter w\u00fctend an die Wand geworfen. Zu<br \/>\n        sehr h\u00e4tten diese Erziehungsschriften sie an die eigene Erziehung<br \/>\n        erinnert. Derartige Wutausbr\u00fcche waren ihr eher fremd, aber diese<br \/>\n        Texte l\u00f6sten bei ihr die ohnm\u00e4chtige Wut des gepeinigten Kindes<br \/>\n        aus, die sie l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt hatte. Sp\u00e4ter, als sie das<br \/>\n        ganze Buch gelesen hatte, bezeichnete sie ihre Gro\u00dfeltern als &#8222;Schreber-Kinder&#8220;<br \/>\n        und begriff, da\u00df ihre Eltern von dorther das schreckliche Strafarsenal<br \/>\n        \u00fcbernommen hatten, unter dem sie seinerzeit so gelitten hat. <\/p>\n<p>        Ich frage mich, was in einem kleinen Kind vorgeht, das all die Folter<br \/>\n        im Namen einer wahnhaften Idee erdulden mu\u00df und sich nicht dagegen<br \/>\n        wehren darf. Von den beiden S\u00f6hnen Dr. Schrebers beging der erste<br \/>\n        Selbstmord, und der andere wurde psychotisch, aber nicht alle Kinder,<br \/>\n        die den damaligen Erziehungsdoktrinen unterworfen waren, erlitten ein<br \/>\n        solches Schicksal. Es ist einerseits anzunehmen, da\u00df nicht alle<br \/>\n        Eltern die Vorschriften konsequent befolgten. Andererseits hatten einige<br \/>\n        Kinder, wie meine Freundin, helfende Zeugen, durch deren Hilfe sie der<br \/>\n        irrigen Meinung entgingen, da\u00df die ihnen erteilte Behandlung gut<br \/>\n        gewesen sei. Viele wuchsen jedoch in der \u00dcberzeugung heran, da\u00df<br \/>\n        das Qu\u00e4len, Erniedrigen und Auslachen der Kinder einem moralischen<br \/>\n        Zweck diene und in Gehorsam und Demut zu erdulden sei.<br \/>\n        Was auch immer ein Kind sp\u00e4ter in Elternhaus, Schule und Kirche \u00fcber<br \/>\n        die Moral zu h\u00f6ren bekommt, wird niemals dieselbe Wirkung haben wie<br \/>\n        das, was sein K\u00f6rper in den ersten Tagen, Wochen und Monaten erf\u00e4hrt.<br \/>\n        Die Lektion der ersten drei Jahre wird unausl\u00f6schlich gespeichert.<br \/>\n        Wenn also der K\u00f6rper des Kindes von der Geburt an lernt, da\u00df<br \/>\n        es richtig sei, ein unschuldiges Wesen zu qu\u00e4len und zu bestrafen,<br \/>\n        ist diese Botschaft st\u00e4rker als das sp\u00e4ter vermittelte intellektuelle<br \/>\n        Wissen. Tragischerweise wird der Erwachsene unter Umst\u00e4nden sein<br \/>\n        ganzes Leben lang wie einst Luther behaupten, Schl\u00e4ge seien harmlos<br \/>\n        und Strafen erfolgreich, obwohl das Gegenteil l\u00e4ngst bewiesen ist.<br \/>\n        Wenn ein Kind hingegen von Beginn an besch\u00fctzt wurde, geliebt und<br \/>\n        geachtet, wird diese Erfahrung ebenfalls ein Leben lang nachwirken. <\/p>\n<p>        Wer waren diese eigentlich die Frauen, die es in Lagern genossen hatten,<br \/>\n        die j\u00fcdischen Kinder zu qu\u00e4len, zu erniedrigen und sie k\u00f6rperlich<br \/>\n        und seelisch zu foltern?<br \/>\n        Aufgrund der Proze\u00dfakte hatte es sich herausgestellt, da\u00df<br \/>\n        es meistens junge M\u00e4dchen im Alter zwischen neunzehn und einundzwanzig<br \/>\n        waren, die fr\u00fcher ganz gew\u00f6hnliche Berufe gelernt hatten, wie<br \/>\n        Schneiderin oder Verk\u00e4uferin, und in deren Leben nichts Besonderes<br \/>\n        festzustellen war. W\u00e4hrend des Prozesses behaupteten sie einstimmig,<br \/>\n        es w\u00e4re ihnen nicht bewu\u00dft gewesen, da\u00df die j\u00fcdischen<br \/>\n        Kinder menschliche Wesen waren. Aus solchen Aussagen ziehen wir allzu<br \/>\n        leicht den Schlu\u00df, da\u00df man alle Menschen mit Hilfe der Propaganda<br \/>\n        und Manipulation schlie\u00dflich zu sadistischen Vollstreckern der Massenmorde<br \/>\n        machen kann.<\/p>\n<p>        Dieser Meinung kann ich mich nicht anschlie\u00dfen. Ich denke im Gegenteil,<br \/>\n        da\u00df nur Frauen und M\u00e4nner, die sehr, sehr fr\u00fch, in den<br \/>\n        ersten Wochen und Monaten ihres Lebens, seelische und k\u00f6rperliche<br \/>\n        Gewalt und gar keine Liebe erfahren haben, sich zu Hitlers willigen Vollstreckern<br \/>\n        machen lassen KONNTEN. Sie brauchten kaum eine ideologische Erziehung,<br \/>\n        wie Goldhagen das aufgrund der Archive feststellte, denn ihr K\u00f6rper<br \/>\n        wu\u00dfte genau, was er tun wollte, sobald es ihm erlaubt war, das Gew\u00fcnschte<br \/>\n        zu tun. Und bei den Juden, jungen oder alten, war ja alles erlaubt, seitdem<br \/>\n        man sie zu Unmenschen deklarierte. Doch eine solche Deklaration wird bei<br \/>\n        niemandem Ha\u00df ausl\u00f6sen, der die Bereitschaft dazu nicht bereits<br \/>\n        h\u00e4tte. Es gab ja Deutsche wie Karl Jaspers, Hermann Hesse oder Thomas<br \/>\n        Mann, bei denen diese Deklaration sofort als ein Alarmzeichen und als<br \/>\n        Signal der Barbarei verstanden wurde.<br \/>\n        Doch den in der fr\u00fchen Kindheit verwirrten Menschen kam die Deklaration<br \/>\n        sehr entgegen. Sie brauchten den Kindern nur das Wasser zum Waschen zu<br \/>\n        verweigern, und schon konnten sie sie mit Grund hassen, weil sie so schmutzig,<br \/>\n        schwarz wie Kohle waren. Sie konnten hungrigen Kindern drei W\u00fcrfel<br \/>\n        Zucker hinwerfen und diese Kinder verachten, wenn sie sich darauf st\u00fcrzten.<br \/>\n        Die jungen Frauen konnten die Kinder zu dem machen, was sie brauchten,<br \/>\n        um sich nun m\u00e4chtig zu f\u00fchlen und ihre alte Wut an diesen Opfern<br \/>\n        abzuladen.<\/p>\n<p>        Es scheint mir m\u00fc\u00dfig, heute noch dar\u00fcber zu diskutieren,<br \/>\n        wie viele \u00d6sterreicher der SS angeh\u00f6rten. Zum Gl\u00fcck ist<br \/>\n        es im heutigen \u00d6sterreich gesetzlich verboten, Kinder zu schlagen.<br \/>\n        Das berechtigt immerhin zur Hoffnung, da\u00df in den n\u00e4chsten Generationen<br \/>\n        nur eine Minderheit zu Taten bereit sein wird, zu denen fr\u00fcher vielleicht<br \/>\n        die Mehrheit bereit war. Wenn das humane Gesetz nicht wieder aufgehoben<br \/>\n        wird. Man kann nie wissen, was eine destruktive Minderheit doch noch vollbringt.<br \/>\n        Die Studien, die mir bereits 1980 zug\u00e4nglich waren und die ich in<br \/>\n        &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; erw\u00e4hnte, best\u00e4tigten meine<br \/>\n        Vermutung, da\u00df brutal erzogene Kinder sowohl im Nazi-Deutschland<br \/>\n        als auch unter den amerikanischen Berufssoldaten, die sich FREIWILLIG<br \/>\n        f\u00fcr den Einsatz in Vietnam gemeldet haben, zu den grausamsten Verbrechern<br \/>\n        geh\u00f6rt hatten. Meine Vermutung best\u00e4tigte sich erneut dank dem<br \/>\n        Einblick in Kindheiten jener Menschen, die in Zeiten des Terrors eine<br \/>\n        Ausnahme bildeten, indem sie den Mut hatten, andere vor der Vernichtung<br \/>\n        zu retten.<\/p>\n<p>        Weshalb gab es w\u00e4hrend der Nazi-Zeit auch Menschen, die ihr Leben<br \/>\n        riskierten, um Juden zu retten? Mit dieser Frage haben sich zahlreiche<br \/>\n        Wissenschaftler besch\u00e4ftigt. Sie weisen meistens auf religi\u00f6se<br \/>\n        und moralische Werte wie N\u00e4chstenliebe oder Verantwortung hin, die<br \/>\n        den Rettern von ihren Eltern und Erziehern vermittelt worden seien. Doch<br \/>\n        auch die T\u00e4ter und Mitl\u00e4ufer hatten ja meist eine religi\u00f6se<br \/>\n        Erziehung genossen, so kann darin nicht die gesuchte Erkl\u00e4rung liegen.<br \/>\n        Ich war daher fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df es einen besonderen<br \/>\n        Faktor in der Kindheit der Retter gab, in der herrschenden ATMOSPH\u00c4RE<br \/>\n        ihrer Kindheit, der sie grunds\u00e4tzlich von derjenigen der T\u00e4ter<br \/>\n        unterschied. Nach einem Buch, das dieser spezifischen Frage gen\u00fcgend<br \/>\n        Rechnung tr\u00e4gt, habe ich lange Zeit vergeblich Ausschau gehalten.<br \/>\n        Schlie\u00dflich fand ich eine empirische Untersuchung (<i>VGL.<br \/>\n        OLINER, SAMUEL P. UND OLINER, PEARL M.: THE ALTRUISTIC PERSONALITY. RESCUERS<br \/>\n        OF JEWS IN NAZI EUROPE, NEW YORK, THE FREE PRESS, 1988<\/i>),<br \/>\n        die auf Gespr\u00e4chen mit \u00fcber vierhundert Zeitzeugen beruht und<br \/>\n        die meine Vermutung best\u00e4tigt: Der einzige Faktor, der die Retter<br \/>\n        von den T\u00e4tern und Mitl\u00e4ufern unterschied, war nach dieser Untersuchung<br \/>\n        der ERZIEHUNGSSTIL ihrer Eltern<\/p>\n<p>        Fast alle Retter gaben in den Interviews an, ihre Eltern h\u00e4tten sie<br \/>\n        mit Argumenten und nicht mit Strafen zu erziehen versucht. K\u00f6rperlich<br \/>\n        seien sie nur selten bestraft worden, und wenn, dann stets in Zusammenhang<br \/>\n        mit einem Vergehen und nie, weil die Eltern irgendeine unfa\u00dfbare<br \/>\n        Wut an ihnen abreagieren wollten. Ein Mann erinnerte sich beispielsweise,<br \/>\n        da\u00df er einst Schl\u00e4ge erhalten habe, weil er kleinere Kinder<br \/>\n        auf einen noch zugefrorenen See gef\u00fchrt und damit ihr Leben gef\u00e4hrdet<br \/>\n        habe. Ein anderer erz\u00e4hlte, der Vater habe ihn nur einmal geschlagen,<br \/>\n        sich aber sp\u00e4ter daf\u00fcr entschuldigt. Bei vielen lautete der<br \/>\n        Tenor ungef\u00e4hr so: &#8222;Meine Mutter versuchte mir jeweils verst\u00e4ndlich<br \/>\n        zu machen, wieso mein Tun falsch gewesen war. Sie klagte mich nicht an.<br \/>\n        Auch mein Vater unterhielt sich oft mit mir. Ich war beeindruckt von dem,<br \/>\n        was er mir zu sagen hatte.&#8220;<\/p>\n<p>        Wie anders t\u00f6nte es bei den T\u00e4tern und Mitl\u00e4ufern: &#8222;Wenn<br \/>\n        mein Vater betrunken war, peitschte er mich aus. Ich wu\u00dfte nie,<br \/>\n        wof\u00fcr ich geschlagen wurde. Der Grund lag manchmal Monate zur\u00fcck.<br \/>\n        Und Mutter, einmal in Wut geraten, bestrafte die ganze Umgebung, auch<br \/>\n        mich.&#8220;<br \/>\n        Im Unterschied zu solchen unkontrollierten, aber als berechtigt empfundenen<br \/>\n        Affektentladungen beruhen Erkl\u00e4rungen auf dem Vertrauen in die guten<br \/>\n        Absichten des Kindes. Dahinter stehen Respekt und der Glaube an die F\u00e4higkeit<br \/>\n        des Kindes, zu verstehen, sich zu entwickeln und sein Verhalten zu korrigieren.<br \/>\n        Menschen, die als Kinder Zuwendung und Beistand erhalten haben, \u00fcbernehmen<br \/>\n        fr\u00fch die verst\u00e4ndnisvolle und autonome Art ihrer Eltern. Das<br \/>\n        Selbstvertrauen, die F\u00e4higkeit, zu entscheiden und mitzuf\u00fchlen,<br \/>\n        war allen Rettern gemeinsam. 70 Prozent von ihnen gaben an, sich nach<br \/>\n        wenigen Minuten f\u00fcr die erste Hilfeleistung entschieden zu haben.<br \/>\n        80 Prozent sagten, sie h\u00e4tten sich mit niemandem beraten. Denn: &#8222;Ich<br \/>\n        mu\u00dfte es tun, h\u00e4tte es nicht verkraftet, dem Unrecht zuzusehen<br \/>\n        und tatenlos zu bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>        Diese Haltung, die in allen Kulturen als &#8222;edel&#8220; gilt, wird einem<br \/>\n        Kind nicht mit sch\u00f6nen Worten vermittelt. Wenn Erzieher die eigenen<br \/>\n        Worte mit ihrem Verhalten L\u00fcgen strafen oder das Kind im Namen edler<br \/>\n        Worte schlagen, wie das in manchen religi\u00f6sen Schulen noch immer<br \/>\n        der Brauch ist, bleiben ihre edlen Worte wirkungslos oder provozieren<br \/>\n        sogar Wut und Gewalt. Das Kind wird unter Umst\u00e4nden die hehren Worth\u00fclsen<br \/>\n        aufnehmen und sp\u00e4ter selbst benutzen, aber nie danach handeln, weil<br \/>\n        ihm Anwendungsmuster fehlen. Strafen basieren auf der Annahme, da\u00df<br \/>\n        das Kind aus b\u00f6ser Absicht handelt. Kein Wunder, da\u00df es dann<br \/>\n        kein Vertrauen hat, sondern Furcht. Schlie\u00dflich hat es gelernt,<br \/>\n        da\u00df der St\u00e4rkere das Recht hat, seine Macht willk\u00fcrlich<br \/>\n        zu gebrauchen. Ein mit Gewalt erzogenes Kind hat Angst, neue Erfahrungen<br \/>\n        zu sammeln, denn in seinen Augen lauert \u00fcberall die Gefahr, urpl\u00f6tzlich<br \/>\n        f\u00fcr angebliche Fehler bestraft zu werden. Dem Erwachsenen wird sp\u00e4ter<br \/>\n        der Erfahrungskompa\u00df fehlen, der ihn leiten k\u00f6nnte. Deshalb<br \/>\n        wird er sich Autorit\u00e4ten unterw\u00fcrfig beugen und Schw\u00e4chere<br \/>\n        knechten, so wie er als Kind die Willk\u00fcr seiner Erzieher zu sp\u00fcren<br \/>\n        bekam.<\/p>\n<p>        Es gab zum Gl\u00fcck immer wieder, auch im Dritten Reich, vereinzelte<br \/>\n        Menschen, bei denen die moralischen Schranken gegen Grausamkeit in ihrem<br \/>\n        fr\u00fchesten emotionalen Leben bereits verankert waren. Ich habe das<br \/>\n        einmal anhand der Widerstandsk\u00e4mpferin Sophie Scholl aufgezeigt.<br \/>\n        Ihre Erziehung wich stark von der damals in Deutschland \u00fcblichen<br \/>\n        ab, in ihrem Elternhaus herrschte Herzlichkeit und Gro\u00dfmut. So war<br \/>\n        Sophie bereits als Jugendliche immun gegen Hitlers Verf\u00fchrungskunst.<br \/>\n        Seine Reden erf\u00fcllten sie mit Abscheu.<br \/>\n        Heute w\u00e4re Sophie Scholl keine Ausnahme mehr. Aus dieser Tatsache<br \/>\n        l\u00e4\u00dft sich vielleicht die Hoffnung ableiten, da\u00df sich<br \/>\n        im heutigen Deutschland nicht so leicht, ohne jegliche Widerst\u00e4nde<br \/>\n        aus dem Volk, neue Genozide organisieren lassen. Trotz der Arbeitslosigkeit<br \/>\n        und ziemlich verbreiteter Unzufriedenheit mit neuen Regierungen, kann<br \/>\n        ich es mir schwer vorstellen, da\u00df eine \u00fcberwiegende Zahl der<br \/>\n        B\u00fcrger einem rasenden Politiker vertrauen w\u00fcrde, der unverhohlen<br \/>\n        ank\u00fcndigt, durch das Ausrotten eines ganzen Volkes Ordnung schaffen<br \/>\n        zu wollen. Da\u00df eine Gruppe solchen Parolen folgen k\u00f6nnte, ist<br \/>\n        durchaus wahrscheinlich, weil es auf der ganzen Welt, nicht nur in Deutschland,<br \/>\n        junge Menschen gibt, die die fr\u00fch erfahrenen Dem\u00fctigungen auf<br \/>\n        diese Weise zu r\u00e4chen hoffen.<\/p>\n<p>        Doch im allgemeinen erhalten die deutschen Kinder heute zweifellos eine<br \/>\n        andere, viel freiere Erziehung als ihre Gro\u00dfeltern zu Beginn dieses<br \/>\n        Jahrhunderts. Was fr\u00fcher vermutlich der Mehrheit widerfuhr, d\u00fcrfte<br \/>\n        sich jetzt eher auf die Minderheit beschr\u00e4nken. Ich schlie\u00dfe<br \/>\n        das aus mehreren Gegebenheiten, unter anderem aus den Tatsachen, da\u00df<br \/>\n        die Bundesrepublik die st\u00e4rkste pazifistische Bewegung der Nachkriegszeit<br \/>\n        hervorgebracht und eine Demokratie entwickelt hat, die sich trotz Schw\u00e4chen<br \/>\n        bew\u00e4hrt. Das gibt Anla\u00df zur Hoffnung. Die Frage, was diese<br \/>\n        positive Entwicklung erm\u00f6glicht hat, ist bis heute kaum aufgeworfen,<br \/>\n        geschweige denn beantwortet worden. Ich meine, da\u00df die Lockerung<br \/>\n        der Erziehungsprinzipien eine der Ursachen bildet. Wie kam es zu dieser<br \/>\n        Lockerung?<\/p>\n<p>        Die Zeit allein erm\u00f6glicht eine solche Entwicklung nicht. In Ru\u00dfland<br \/>\n        werden trotz Revolution und Weltkriegen noch vielerorts dieselben veralteten<br \/>\n        Erziehungsmethoden angewandt wie vor Jahrzehnten, gl\u00fccklicherweise<br \/>\n        ohne jegliche Systematik. Es mag sein, da\u00df der besondere Schock<br \/>\n        der Nachkriegszeit in Deutschland zur Milderung der Erziehungsmethoden<br \/>\n        beigetragen hat. Es ist auch nicht auszuschlie\u00dfen, da\u00df die<br \/>\n        amerikanische Besatzungsmacht, so sehr sie von einem Gro\u00dfteil der<br \/>\n        Bev\u00f6lkerung abgelehnt oder auch geha\u00dft wurde, zu einer Lockerung<br \/>\n        der Gehorsamsmentalit\u00e4t beigetragen hat. Vielleicht wirkten die beiden<br \/>\n        erw\u00e4hnten Faktoren zusammen und noch viele andere dazu.<br \/>\n        Es wird zwar noch h\u00e4ufig, nicht nur in Deutschland, sondern auch<br \/>\n        in anderen L\u00e4ndern Europas, behauptet, da\u00df die Gewalt der Jugend<br \/>\n        zugenommen hat, weil Kinder heute zu wenig oder zu milde bestraft werden.<br \/>\n        Doch jeder, der sich wirklich informieren will, wird erfahren, da\u00df<br \/>\n        es gerade die am meisten gez\u00fcchtigten, also mi\u00dfhandelten oder<br \/>\n        schwer verwahrlosten Kinder sind, die sp\u00e4ter Freude am Zerst\u00f6ren<br \/>\n        haben und die Gewalt glorifizieren.<\/p>\n<p>        Trotz der feststellbaren, in den ersten drei Jahren entstandenen Sch\u00e4den<br \/>\n        im Gehirn ist es vielleicht nie zu sp\u00e4t, um dem gesch\u00e4digten<br \/>\n        Kind zu helfen, Vertrauen aufzubauen, wenn die Umgebung daf\u00fcr Verst\u00e4ndnis<br \/>\n        hat. Das menschliche Gehirn ist unendlich erfinderisch, es scheint ihm<br \/>\n        offenbar bei optimalen Bedingungen m\u00f6glich, andere Regionen als Ersatz<br \/>\n        f\u00fcr die ausgefallenen einzusetzen. Viele Erfolge von geduldigen Therapeuten<br \/>\n        und humanen P\u00e4dagogen haben das sogar bewiesen. Doch die Voraussetzung<br \/>\n        war immer, da\u00df man den Schaden wahrnahm, ihn nicht leugnete und<br \/>\n        ihn nicht bagatellisierte. Die Konfrontation mit der Vergangenheit scheint<br \/>\n        mir in manchen F\u00e4llen fast unumg\u00e4nglich, wenn wir etwas zum<br \/>\n        Guten ver\u00e4ndern und auf diese Weise Verantwortung f\u00fcr die Zukunft<br \/>\n        \u00fcbernehmen wollen.<\/p>\n<p>        In einem Zeitungsinterview (<i>VGL. &#8222;LE MONDE&#8220;, 6. 9. 1996<\/i>)<br \/>\n        ist ein deutscher Professor einmal auf die Tatsache angesprochen worden,<br \/>\n        da\u00df die meisten Hochschullehrer ihre Zugeh\u00f6rigkeit zum Naziregime<br \/>\n        nach dem Krieg verschwiegen haben. Der Befragte, der als junger Mann der<br \/>\n        SS angeh\u00f6rt hatte und f\u00fcr seine Verdienste an der Ostfront ausgezeichnet<br \/>\n        worden war, sagte, da\u00df dieses Schweigen ein Zeichen der Scham gewesen<br \/>\n        sei (der Scham im Sinne von pudeur &#8211; Keuschheit, Versch\u00e4mtheit).<br \/>\n        Manche Geschehnisse seien so abscheulich gewesen, da\u00df man sie am<br \/>\n        besten nicht anspreche. Man sollte nicht versuchen, etwas zu verstehen,<br \/>\n        was gar nicht zu verstehen sei.<\/p>\n<p>        Ob es sich wirklich um Scham oder um Opportunismus gehandelt hat, sei<br \/>\n        schlie\u00dflich dahingestellt, auf jeden Fall scheint mir eine solche<br \/>\n        Distanzierung von der Vergangenheit \u00e4u\u00dferst problematisch zu<br \/>\n        sein, denn sie enth\u00e4lt die Gefahr der Wiederholung aus purer Ignoranz.<br \/>\n        Es ist wichtig, da\u00df wir genau verstehen, wie es zu den Abscheulichkeiten<br \/>\n        gekommen ist, warum so viele Intellektuelle sie vorbehaltlos bejahten<br \/>\n        und unterst\u00fctzten und warum sie sich noch heute weigern, zu verstehen,<br \/>\n        zu suchen und ehrlich zu eruieren, was ihnen widerfahren ist. Und warum<br \/>\n        es ihnen \u00fcberhaupt widerfahren ist. <\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/dein-gerettetes-leben-3\/\">Dein gerettetes Leben<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-meines-lebens-2\/\">Bilder Meines Lebens<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-4\/\">Die Revolte des K\u00f6rpers<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/evas-erwachen-2\/\">Evas Erwachen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-des-lebens-sieben-geschichten\/\">Wege des Lebens &#8211; Sieben Geschichten<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-eine-um-und-fortschreibung\/\">Das Drama des begabten Kindes, eine Um- und Fortschreibung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abbruch-der-schweigemauer-2\/\">Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-gemiedene-schlussel\/\">Der gemiedene Schl\u00fcssel<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-verbannte-wissen\/\">Das verbannte Wissen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-einer-kindheit\/\">Bilder einer Kindheit<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/du-sollst-nicht-merken-3\/\">Du sollst nicht merken<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/am-anfang-war-erziehung-4\/\">Am Anfang war Erziehung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-2\/\">Das Drama des begabten Kindes<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wege des Lebens, aus dem Kapitel &#8222;Wie entsteht Hass?&#8220;Leseprobe In all meinen B\u00fcchern habe ich aufzuzeigen versucht, da\u00df die an Kindern ausge\u00fcbte Gewalt auf die Gesellschaft zur\u00fcckschl\u00e4gt. Zu dieser Folgerung bin ich \u00fcber die Frage gelangt, woher der Ha\u00df kommt, wie er entsteht. Ich wollte wissen, warum die einen zu extremer Gewalt neigen, die anderen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2838","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-non-classe"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2838"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2839,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2838\/revisions\/2839"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2838"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2838"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2838"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}