{"id":2944,"date":"2001-01-01T22:50:52","date_gmt":"2001-01-01T21:50:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2944"},"modified":"2015-12-01T22:52:03","modified_gmt":"2015-12-01T21:52:03","slug":"bedingungen-der-therapie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bedingungen-der-therapie\/","title":{"rendered":"Bedingungen der Therapie"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<p align=\"right\">von <b>Alice Miller<\/b><\/p>\n<h1 style=\"padding-top:10px;\">Bedingungen der Therapie<br \/><span class=\"soustitre\">Monday 01 January 2001<\/span><\/h1>\n<p>Ich werde h\u00e4ufig gefragt, was ich heute f\u00fcr den entscheidenden Faktor in der Psychotherapie halte. Ist es die Erkenntnis der Wahrheit, die Befreiung vom Schweigegebot und von der Idealisierung der Eltern, oder ist es die Gegenwart des Wissenden Zeugen? Ich denke, dies ist kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch. Ohne den Wissenden Zeugen ist es unm\u00f6glich, die Wahrheit der fr\u00fchen Kindheit zu ertragen. Doch unter einem Wissenden Zeugen verstehe ich nicht jeden, der Psychologie studiert oder Prim\u00e4rerlebnisse bei einem Guru erfahren hat und in Abh\u00e4ngigkeit von ihm geblieben ist. Wissende Zeugen sind f\u00fcr mich vielmehr Therapeuten, welche die Kraft fanden, sich ihrer Geschichte zu stellen, dabei autonom zu werden und nicht ihre verdr\u00e4ngte Ohnmacht durch die Macht \u00fcber ihre Patienten ausgleichen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Erwachsene braucht Hilfe, um die gegenw\u00e4rtigen Situationen zu bew\u00e4ltigen und gleichzeitig im engen Kontakt mit dem einst leidenden und wissenden Kind zu bleiben, das er so lange nicht anzuh\u00f6ren wagte, aber heute, in der Begleitung, anh\u00f6ren kann. Der K\u00f6rper wei\u00df alles, was ihm geschehen ist, kann es aber nicht mit Worten ausdr\u00fccken. Er ist wie das Kind, das wir einmal waren, das Kind, das alles sieht, aber hilflos und ohne die Hilfe des Erwachsenen ohnm\u00e4chtig ist. Wenn also Emotionen aus der Vergangenheit aufsteigen, dann sind sie immer von der Angst des sich ausgeliefert f\u00fchlenden Kindes begleitet, das auf das Verst\u00e4ndnis oder zumindest auf die Beruhigung durch den Erwachsenen angewiesen ist. Auch ratlose Eltern, die ihr Kind nicht verstehen, weil sie ihre eigene Geschichte nicht kennen, k\u00f6nnen diese Beruhigung leisten. Sie k\u00f6nnen seine (und ihre eigenen) \u00c4ngste lindern, wenn sie ihrem Kind Schutz, Sicherheit und Kontinuit\u00e4t geben. Das gleiche kann unser kognitives System im Dialog mit dem K\u00f6rper tun.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum K\u00f6rper wei\u00df das kognitive System wenig \u00fcber alte Ereignisse, die bewussten Erinnerungen sind br\u00fcchig und unzuverl\u00e4ssig. Daf\u00fcr verf\u00fcgt es \u00fcber ein umfangreiches Wissen, einen entwickelten Verstand und eine Lebenserfahrung, die dem Kind noch fehlen. Da der Erwachsene nicht mehr ohnm\u00e4chtig ist, kann er seinem inneren Kind (dem K\u00f6rper) Schutz und ein offenes Ohr bieten, damit es sich auf seine Weise artikulieren und seine Geschichte erz\u00e4hlen kann. Im Lichte dieser Geschichte erhalten die auftauchenden, unverst\u00e4ndlichen \u00c4ngste und Emotionen des Erwachsenen ihren Sinn. Sie stehen endlich in einem Kontext und sind nicht mehr bedrohlich.<\/p>\n<p>In einer f\u00fcr die Not des Kindes aufgeschlossenen Gesellschaft ist man mit seiner Geschichte nicht mehr allein. Das gilt auch f\u00fcr den Therapeuten.<\/p>\n<p>Vor kurzem habe ich eine Antwort ans Forum geschickt, die ich hier anschlie\u00dfend zitiere:<\/p>\n<p>Lieber Franck, ich kann verstehen, dass Sie von der Therapiebeschreibung Stettbachers fasziniert sind. Ich war es auch, als ich das Manuskript im Jahre 1989 las, weil ich darin eine L\u00f6sung f\u00fcr Viele zu finden glaubte. Zu dieser Zeit erhielt ich zahlreiche Briefe von Menschen, die nach der Lekt\u00fcre meiner B\u00fccher \u00fcberzeugt waren, dass die Ursachen ihrer Leiden in ihrer traumatischen Kindheit lagen. Sie suchten also nach einer Methode, die ihnen h\u00e4tte helfen sollen, die verdr\u00e4ngten Erinnerungen ins Bewusstsein zu holen. Da ich selber seinerzeit kein Verst\u00e4ndnis und keine Hilfe, weder in meiner Kindheit noch in meinen Therapien, gefunden hatte, erachtete ich die Idee einer &#8222;primalen&#8220; (mein Begriff) Selbsttherapie durchaus f\u00fcr normal und akzeptabel.<br \/>\nErst einige Jahre sp\u00e4ter begriff ich, welche ausschlaggebende Bedeutung f\u00fcr den Heilungsprozess dem empathischen und gut informierten Therapeuten zukommt. Die Versuche vieler mutiger Menschen, die alles dransetzten, um die Selbsttherapie korrekt durchzuf\u00fchren, ihre \u00c4ngste damit noch verst\u00e4rkten und sich schlie\u00dflich f\u00fcr den Misserfolg beschuldigten, halfen mir, vieles zu verstehen. Unter anderem ging es mir auf, dass die &#8222;primale&#8220; Selbsttherapie zwar leicht die alten verdr\u00e4ngten Gef\u00fchle ausl\u00f6sen kann, aber zugleich auch die prim\u00e4re Not des Kindes, das mit seinen Schmerzen und \u00c4ngsten immer allein war, im Erwachsenen reaktivieren kann, ohne dass diese in der Einsamkeit der Selbsttherapie aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<br \/>\nHeute teile ich vollkommen Arthur Janov&#8217;s Meinung, dass eine Prim\u00e4rtherapie als Selbsthilfe gef\u00e4hrlich sein kann. (vgl. seine Homepage). Ich habe seit 1994 keinen Kontakt mit Herrn Stettbacher, aber nehme an, dass auch er \u00fcber die negativen Folgen informiert wurde und daher inzwischen aufh\u00f6rte, seine Methode der Selbsthilfe zu empfehlen. Seit dem Erscheinen seiner Therapiebeschreibung 1990 sind zahlreiche neue Informationen zu diesem Thema dank dem Internet zug\u00e4nglich gemacht worden, und dies mag Herrn Stettbacher zum \u00dcberdenken und Korrigieren seiner bereits \u00fcberholten Position anregen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/faq-wie-findet-man-einen-guten-therapeuten\/\">FAQ: Wie findet man<br \/>\neinen guten Therapeuten ?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Alice Miller<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/therapeutenliste\/\">Therapeutenliste<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auflosung-der-folgen-von-kindesmisshandlungen\/\">Aufl\u00f6sung der Folgen von Kindesmisshandlungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wir-konnen-die-ursachen-fur-unser-leiden-finden\/\">Wir k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr unser Leiden finden<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/aus-dem-gefangnis-der-schuldgefuhle\/\">Aus dem Gef\u00e4ngnis der Schuldgef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-fall-jessica\/\">Der Fall Jessica<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-blanke-sadismus\/\">Der blanke Sadismus<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-langste-weg\/\">Der l\u00e4ngste Weg<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/was-ist-hass\/\">Was ist Hass?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/emporung-als-vehikel-der-therapie\/\">Emp\u00f6rung als Vehikel der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug\/\">Depression &#8211; 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oder Der blinde Fleck unserer Kultur<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abschied-von-den-eltern\/\">&#8222;Abschied von den Eltern&#8220;<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-2\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 2<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-1\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 1<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/geborgenheit-in-der-moral-oder-die-wahrheit-der-erfahrungen\/\">Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker\/\">Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-doppelte-falle\/\">Die doppelte Falle<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Klaus Schlagmann<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a href=\"\/de\/krankenkassen-finanzieren-die-lobbyarbeit-fur-\nkinderschander\/\">Krankenkassen finanzieren die Lobbyarbeit f\u00fcr<br \/>\nKindersch\u00e4nder<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">Claudio Breda<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/bloss-nie-nachgeben-2\/\">Bloss nie nachgeben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Alice Miller Bedingungen der TherapieMonday 01 January 2001 Ich werde h\u00e4ufig gefragt, was ich heute f\u00fcr den entscheidenden Faktor in der Psychotherapie halte. 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