{"id":2963,"date":"2004-06-30T13:23:42","date_gmt":"2004-06-30T12:23:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2963"},"modified":"2015-12-02T13:25:33","modified_gmt":"2015-12-02T12:25:33","slug":"perversion-und-gesellschaft-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-2\/","title":{"rendered":"Perversion und Gesellschaft, Teil 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<p align=\"right\">von <b>Thomas Gruner<\/b><\/p>\n<h1 style=\"padding-top:10px;\">Perversion und Gesellschaft, Teil 2<br \/><span class=\"soustitre\">Wednesday 30 June 2004<\/span><\/h1>\n<p><b>3 \t\u201eIch denke immer, das bin gar nicht ich, die alle diese Dinge macht. Ich will das doch gar nicht. Es ist, als ob mein Vater mich immer noch zu diesen M\u00e4nnern schickt. Dabei suche ich in Wahrheit nur jemanden, der mir zuh\u00f6rt.\u201c<\/b><br \/>\n\t(Aussage einer Frau, Ende 30: Die stumme Sprache des pervers gemachten Kindes)<\/p>\n<p>Ein Mann, der als Kind von seinem Vater oftmals anal vergewaltigt wurde und dies seit einigen Jahren auch wieder erinnert, besucht eine Gespr\u00e4chsgruppe, in der sich M\u00e4nner und Frauen \u00fcber ihre Kindheit austauschen, und berichtet folgendes: In seiner Nachbarschaft wohne eine \u201ev\u00f6llig kaputte\u201c Familie. K\u00fcrzlich sei ihm die 12-j\u00e4hrige Tochter im Treppenhaus begegnet und habe ihn buchst\u00e4blich \u201eangemacht\u201c. Sie habe ihm ganz eindeutig Sex angeboten. F\u00fcr ihn sei schon klar, dass dieses Kind in der Familie missbraucht werde. Seither verfolge ihn aber die Phantasie, dieses M\u00e4dchen seinerseits zu missbrauchen. Jahrelang habe er geglaubt, aufgrund der Vergewaltigungen impotent zu sein. Er habe auch niemals zuvor sexuelle Phantasien mit Kindern bei sich feststellen k\u00f6nnen. Vielmehr sei er von Arzt zu Arzt gerannt, aber keines der verordneten Wundermittel bis hin zu Viagra, \u201ef\u00fcr das ich bereits ein Verm\u00f6gen ausgegeben habe\u201c, konnte die Impotenz nur im Ansatz ver\u00e4ndern. Der Mann sagt: \u201eAlles Sexuelle war f\u00fcr mich mit Grauen verbunden. Die Vorstellung, mit einer Frau zu schlafen, kam \u00fcberhaupt nicht auf. Homosexuell bin ich aber auch nicht, im Gegenteil, der Missbrauch durch meinen Vater hat in mir einen tiefen Ekel vor M\u00e4nnerk\u00f6rpern hinterlassen, auch vor meinem eigenen. M\u00e4nner machen mir \u00fcberdies Angst. Aber jetzt, pl\u00f6tzlich, als dieses Kind sich da an mich heranmacht, passiert etwas mit mir. Ich bekomme eine Erektion, muss zwanghaft onanieren.\u201c Dem Mann bricht der Schwei\u00df aus, er kann nicht weiter sprechen. Er wird sichtlich von Schamgef\u00fchlen \u00fcberflutet. Ob er denn mit seinem Therapeuten dar\u00fcber gesprochen habe, wird schlie\u00dflich aus der Gruppe gefragt. \u201eJa\u201c, antwortet der Mann, \u201enur meinte mein Analytiker, dass ich ins Gef\u00e4ngnis komme, wenn ich das Kind missbrauche. Das wei\u00df ich nun aber selbst, ich w\u00fcrde das auch niemals machen. Mein Therapeut ist jedoch der Auffassung, dass die Phantasie an sich doch nicht verwerflich sei, im Gegenteil, ich solle sie ruhig ausleben, nur eben alleine. Das will ich aber nicht. Denn das bin nicht ich. Dann solle ich Ablenkung suchen, zum Beispiel mit Hilfe von Meditation oder Sport. Ich habe das sogar versucht, aber es hat keinen Sinn. Ich merke, dass es gar nicht um p\u00e4dophile Phantasien geht, was mich erregt ist die Tatsache, dass dieses M\u00e4dchen den Missbrauch angeblich will. Der Kick ist die Vorstellung, ich sei dieses M\u00e4dchen, das von einem viel \u00e4lteren Mann missbraucht wird und dies will. Ich erinnere mich, dass mein Vater immer zu mir sagte, wie sehr ich brauche und wolle, was er mit mir macht, und ich sei besser als jede Frau. Irgendwie habe ich das sogar selbst geglaubt. Es ist so ekelhaft. Seit mir das klar wurde, muss ich mich mehrmals am Tag spontan \u00fcbergeben, ich w\u00fcrge lange Zeit und selbst dann, wenn der Magen v\u00f6llig entleert sein muss, kommt immer noch dieses W\u00fcrgen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich bin fast 50 Jahre alt und habe mir in meinem Leben nichts Anderes gew\u00fcnscht, als eine Familie, eine nette Wohnung, vielleicht ein Auto vor der T\u00fcr, einen Job. Braver geht es doch nicht mehr. Das alles blieb mir versagt, ich konnte keine Beziehung zu einer Frau eingehen, die \u00fcber das H\u00e4ndchen-Halten hinausgeht. Seit Jahren bin ich arbeitsunf\u00e4hig. Mein Vater hat mein ganzes Leben ruiniert. Ich f\u00fchle mich v\u00f6llig am Ende. Was kann ich denn jetzt noch von meinem Leben erwarten, ich kann gar nicht zum Ausdruck bringen, wie verzweifelt ich bin.\u201c<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit antwortet ein anderer Mann, Ende 30, und erz\u00e4hlt: \u201eIhr wisst ja, dass ich mich \u00fcberhaupt nicht an Ereignisse aus meiner Kindheit erinnern kann. Ich habe auch niemals sexuelle Phantasien gehabt. Auch beim Onanieren nicht. Ich habe sozusagen onaniert wie ein Roboter, das gab mir eine gewisse Entspannung. Genau so habe ich sp\u00e4ter mit meiner Frau geschlafen. Ich bekomme m\u00fchelos eine Erektion, gewisserma\u00dfen wie ein Automat, nur empfinde ich nichts dabei. Ich bemerke wohl, wenn ich einen Samenerguss bekomme, aber ich f\u00fchle nichts. Weil dies immer so war, habe ich diesen Zustand auch lange Zeit nicht in Frage gestellt, im Gegenteil, irgendwie schmeichelte mir die F\u00e4higkeit, jederzeit \u00fcber meine Potenz verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. So konnte ich meine Frau bel\u00fcgen und Leidenschaft heucheln. Irgendwann merkte ich, dass ich eigentlich gar nichts f\u00fchle, auch meiner Frau gegen\u00fcber nicht. Ich wei\u00df, dass ich sie liebe, aber ich empfinde nichts. Ich kam mir vor wie tot, wie ein Zombie. Ich f\u00fchlte mich total leer. Als unser Sohn vier Jahre alt wurde, fing ich an zu tr\u00e4umen. Wie selten habe ich mich vorher an Tr\u00e4ume erinnern k\u00f6nnen. Nun aber erwachte ich manchmal jede Nacht, ich tr\u00e4umte, ich sei ein kleiner Junge, ein Mann suche mich auf im Dunkeln, wenn ich im Bett bin, lege sich auf mich, presse seinen Penis gegen meinen Anus, es tut weh und von diesem Schmerz erwache ich. Zugleich kann ich nicht mehr unbefangen zu meinem Sohn sein, immer wieder tauchen Phantasien auf, dass ich ihn missbrauche. Ich bin v\u00f6llig fassungslos deswegen. Ich wei\u00df genau, dass mich Kinderk\u00f6rper nicht erregen. Ich glaube oft, es ist seine v\u00f6llige Arglosigkeit mir gegen\u00fcber, sein blindes Vertrauen, seine Naivit\u00e4t, die mich aggressiv machen, in mir pl\u00f6tzlich diese sexuellen Phantasien ausl\u00f6sen. Was ist, wenn meine Tr\u00e4ume die Wahrheit erz\u00e4hlen? Ein Therapeut erkl\u00e4rte mir, diese k\u00f6nne durchaus, m\u00fcsse aber nicht so sein. Homosexuelle W\u00fcnsche seien bei allen M\u00e4nnern normal. Aber ich habe keine homosexuellen W\u00fcnsche, schlie\u00dflich geht es ja um Phantasien, ein Kind zu vergewaltigen. Was hat das mit Homosexualit\u00e4t zu tun. Ich w\u00fcnsche mir so sehr, mit meiner Frau schlafen zu k\u00f6nnen und etwas dabei zu empfinden, f\u00fcr SIE zu empfinden. Ich habe keinen gr\u00f6\u00dferen Wunsch. Manchmal, wenn mein Sohn zu mir kommt, und meine N\u00e4he braucht, h\u00f6re ich eine Stimme in mir, die w\u00f6rtlich sagt: Du bist ja so bl\u00f6d und merkst nicht mal, dass du mich geil machst. Ich bekomme regelrecht sadistische Gef\u00fchle, mir ist, als hasste ich mein eigenes Kind. Es kommt mir so vor, als ob ich ihm etwas nehmen wolle, das man mir selbst mit Gewalt genommen hat. Er ist ein ausgesprochen h\u00fcbsches Kind; dasselbe wurde \u00fcbrigens auch immer von mir gesagt, obwohl ich selbst meine Kinderfotos zutiefst absto\u00dfend finde. Zuweilen onaniere ich bei diesen Phantasien und merke, dass es vielmehr darum geht, gerade dieses h\u00fcbsche Kind zu beschmutzen; ich will etwas zerst\u00f6ren, aber ich wei\u00df nicht genau was. Das ist die eigentliche Erregung und bei dieser Vorstellung empfinde ich eine seltsame Genugtuung. Es kam schon vor, dass ich mir danach mit Rasierklingen in die Arme geschnitten habe, wie zur Strafe, aber auch, um \u00fcberhaupt etwas zu f\u00fchlen. Inzwischen dreht mein K\u00f6rper regelrecht durch, entweder habe ich Durchf\u00e4lle ohne Ende oder ich leide tagelang unter Verstopfung verbunden mit schrecklichen Kr\u00e4mpfen. Seit langem bin ich krank geschrieben. Ich rase mit unglaublicher Geschwindigkeit auf einen Abgrund zu. Wenn ich doch nur erinnern k\u00f6nnte, was in meiner Kindheit geschah. So habe ich das Gef\u00fchl, im mir sitzt ein Monstrum, das meine Ehe, meinen Sohn und mein Leben zerst\u00f6ren will. Ich wei\u00df nicht, ob sich das jemand vorstellen kann.\u201c <\/p>\n<p>Eine Frau, ebenfalls Ende 30, erweitert das zuvor Gesagte aus ihrer Sicht: \u201eDiesen Hass, von dem du gesprochen hast, kenne ich gut. Ich wurde von meinem Vater nicht nur missbraucht, er nahm mich auch mit zu seinen Freunden. Ich musste sowohl meinen Vater als auch die anderen M\u00e4nner oral befriedigen. Sie behandelten mich wie ein Spielzeug, steckten mir den Finger in die Vagina, kniffen mich und lachten. Sie fanden das lustig. Mein Vater achtete sehr darauf, dass ich Jungfrau blieb. Komisch, nicht. Aber das war ihm wichtig, vielleicht deshalb, damit nicht nachgewiesen werden konnte, dass ich missbraucht wurde. Mein Vater liebte es, wenn ich vor ihm nackt posierte. Er gab mir sehr genaue Anweisungen und onanierte dabei. Er keuchte und sagte immer wieder, wie sch\u00f6n ich sei. Ob ihr es glaubt oder nicht, das war das einzige Lob, das ich jemals zu Ohren bekam in meiner Kindheit. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass meine Mutter wusste, was vor sich ging. Oft weinte sie und klagte mir ihr Leid, weil sie an Depressionen litt und ihre Ehe so eine Last sei mit diesem Mann, der immerzu Sex von ihr wolle. Sie war wohl froh und erleichtert, dass dieser Mann sich mir zuwandte. In ihren Augen war sie die ungl\u00fccklichste Person der Welt, w\u00e4hrend ich von meinem Vater herumgereicht wurde. Meine Mutter konnte mich nie leiden, sie behandelte mich eher wie eine Dienstmagd f\u00fcr K\u00fcche und Garten. Meinem Vater diente ich zur Befriedigung seiner perversen W\u00fcnsche. Wozu war ich sonst auf der Welt. Manchmal, wenn mein Vater mich mitgenommen hatte zu anderen M\u00e4nnern, machte er mir danach ein Geschenk. Etwas, das ich mir immer gew\u00fcnscht, aber nie bekommen hatte. Das war vermutlich mein Schweigegeld. Meine Eltern waren wohlhabend, jedoch geizig. Meine Mutter sagte dann immer zu meinem Vater: Wie du dieses Kind verw\u00f6hnst, sie wird noch \u00fcberschnappen. Als ich zw\u00f6lf Jahre alt war, endete der Missbrauch abrupt. Warum wei\u00df ich nicht. Seither k\u00fcmmerte sich mein Vater nicht mehr um mich. Er hat mich fallen gelassen wie eine hei\u00dfe Kartoffel. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind jemals etwas gef\u00fchlt habe, weder Wut noch Verzweiflung. Ich war nur eine Puppe. Ich habe den Missbrauch auch nie wirklich vergessen. Meine Erinnerung war gegenw\u00e4rtig, aber jahrelang habe ich die Dinge nie beim Namen genannt. Ich arbeitete hart in der Schule, denn mein einziger Wunsch war, sobald wie m\u00f6glich mein Elternhaus verlassen zu k\u00f6nnen. Schon als kleines M\u00e4dchen starrte ich auf den Zeitpunkt, an dem ich \u201egro\u00df\u201c sein w\u00fcrde. Mit 19 ging ich dann in diese Gro\u00dfstadt, weit genug entfernt von meinen Eltern. Da ging die H\u00f6lle erst richtig los. Niemals in meinem Leben habe ich so eine Verlassenheit empfunden. Ich vernachl\u00e4ssigte das Studium und fand mich stattdessen in Kneipen wieder. Sp\u00e4ter zeitigte das Folgen, einen Beruf habe ich f\u00fcr mich nie finden k\u00f6nnen. Ich habe nur Aushilfst\u00e4tigkeiten in B\u00fcros gemacht und war immer wieder \u00fcber lange Zeiten arbeitslos. Das wird sich nicht mehr \u00e4ndern, f\u00fcrchte ich. Ich hockte also in ziemlich herunter gekommenen Schuppen am Tresen und lie\u00df mich von jedem Mann abschleppen, Hauptsache er war h\u00e4sslich genug. Hauptsache, ich ekelte mich vor ihm. Das muss ich so sagen. Oder ich lief, wenn es nicht zu kalt war, nachts durch die Stra\u00dfen und lie\u00df mich anquatschen. Dabei empfand ich eine starke Erregung, bekam Herzklopfen, wie andere Menschen, wenn sie verliebt sind. Ist das nicht pervers! Was mich erregte, war dieser Blick eines h\u00e4sslichen Mannes, der gerne viel \u00e4lter sein konnte, auf meinem jungen, f\u00fcr diesen Mann sch\u00f6nen K\u00f6rper. Der dem geilen Blick dieses Mannes preisgegebene K\u00f6rper war f\u00fcr mich der H\u00f6hepunkt der Verachtung. Ich kann sagen, dass eigentlich diese Verachtung mein Orgasmus gewesen ist. Manchmal wurde mir Geld angeboten, aber das nahm ich nicht an. Ich beneidete die Nutten, die f\u00fcr das, was sie tun, mit Geld entsch\u00e4digt wurden. Ich aber war umsonst, gratis zu haben. Ich war ja nicht nur die Nutte meines Vaters, mein K\u00f6rper war sozusagen sein Putzlumpen, etwas das man gebraucht und dann wegwirft. Ich war jedermanns Putzlumpen. Um all das \u00fcberhaupt ertragen zu k\u00f6nnen, trank ich viel und rauchte unm\u00e4\u00dfig. Seit fast 20 Jahren mache ich immer wieder eine Therapie. Fast ohne jeden Erfolg. Inzwischen f\u00fchle ich Hass auf meine Mutter, auch auf meinen Vater. Aber den st\u00e4rksten Hass empfinde ich immer noch mir selbst, eigentlich meinem K\u00f6rper gegen\u00fcber, der meinen Vater so gereizt hat. Irgendwie ist mir, als ob ich mir oder dem M\u00e4dchen, das ich war, nicht verzeihen k\u00f6nne, immer wieder zu diesem Vater gegangen zu sein. Warum habe ich das alles mit mir machen lassen. Was suchte ich bei ihm. Meine Einsamkeit ist oft unertr\u00e4glich. Wenn es gar zu schlimm wird, trinke ich und begebe mich wie eine Marionette, wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen auf die Stra\u00dfe. Es kommt seltener vor, aber es passiert eben noch. Ich denke dann immer, das bin gar nicht ich, die alle diese Dinge macht. Ich will das doch gar nicht. Es ist, als ob mein Vater mich immer noch zu diesen M\u00e4nnern schickt. Dabei suche ich in Wahrheit nur jemanden, der mir zuh\u00f6rt. Das wurde mir vor einiger Zeit wie blitzartig klar. Ich stand auf der Stra\u00dfe und hatte nur eine Frage im Kopf: Warum h\u00f6rt mir nie jemand zu? Meine jetzige Therapeutin findet, dass ich nicht gesund werden k\u00f6nne, solange ich trinke und mich weiterhin so behandele, selbst in Not bringe. Ach, wie Recht sie hat, alleine w\u00e4re ich nie darauf gekommen. Ich fragte sie: Haben sie mir etwas anzubieten, das mir hilft, dieses elende Leben zu ertragen? Es darf ruhig blo\u00df eine Kleinigkeit sein. Schweigen im Walde. Aber diese Frau hat zumindest den Vorzug, dass sie mir nicht mit irgendwelchem Hokuspokus, mit Ritualen kommt, die eher passen w\u00fcrden zu Urwaldmenschen aus der Steinzeit. Ich wollte auch immer eine Familie haben, einen Mann, der mir gef\u00e4llt. Es ist unm\u00f6glich. Was sollte ein Kind mit einer solchen Mutter wie mir? Welcher Mann nimmt eine Frau, die doch nichts anderes ist als irgendein St\u00fcck Dreck? Ich w\u00fcrde es nicht wagen, einem Mann, der mir gef\u00e4llt, nur unter die Augen zu treten. Aber jetzt ist es doch ohnehin zu sp\u00e4t. Ich glaube, mein einziger Wunsch in meinem Leben war es, geliebt zu werden. Einfach nur das. Bl\u00f6d nicht. Am liebsten w\u00e4re ich tot.\u201c<\/p>\n<p>Ein homosexueller Mann berichtet etwas verbl\u00fcfft von \u00e4hnlichen Erfahrungen. An seine Kindheit habe er eher allgemeine Erinnerungen. Seine Mutter sei ihm immerzu auf die Nerven gegangen, entweder mit Tr\u00e4nenfluten oder hysterischem Geschrei. Sein Vater habe sich selten um ihn gek\u00fcmmert, sei morgens in aller Fr\u00fche aus dem Haus und abends sehr sp\u00e4t heim gekommen, vermutlich um der Frau aus dem Weg zu gehen. Ansonsten sei der Vater sehr still, im ganzen eher gleichg\u00fcltig ihm gegen\u00fcber gewesen. Die Mutter habe gelegentlich unkontrolliert gepr\u00fcgelt. Solange er denken k\u00f6nne, habe er Frauen im Grunde f\u00fcr schwachsinnige Gesch\u00f6pfe gehalten, die man lieber meiden sollte. Der weibliche K\u00f6rper erzeuge in ihm ein Gemisch aus Ekel und Langeweile. Seiner Homosexualit\u00e4t sei er sich fr\u00fch, bereits mit 14 Jahren, bewusst gewesen. Der Mann f\u00fchrt aus: \u201eAber schon vorher, vielleicht im Alter von 13 Jahren, fand ich mich im Wald wieder, der nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt war. Ich exhibitionierte mich dort vor alten M\u00e4nnern. Ich wollte, dass sie mich missbrauchen. Das ist allerdings nie geschehen. Zum Gl\u00fcck, muss ich heute sagen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich bereits als Kind dachte, mit mir stimmt etwas nicht. Sp\u00e4ter als ich alleine lebte, f\u00fchlte ich mich oft qu\u00e4lend einsam. Wie gern h\u00e4tte ich einen Freund gehabt, mit dem ich reden, gemeinsam etwas unternehmen kann. Ich bin aber nicht in der Lage, mit gleichaltrigen M\u00e4nnern zu schlafen. Deshalb habe ich auch nicht den Mut, jemanden anzusprechen. Stattdessen bin auch ich st\u00e4ndig unterwegs, ich suche einen Mann mit einem ganz bestimmten \u00c4u\u00dferen, ich k\u00f6nnte seinen K\u00f6rper genau beschreiben, nur das Gesicht, das sehe ich nicht vor mir. Mir kommt es wirklich so vor, als ob ich eine bestimmte Person suchen w\u00fcrde. Immer wieder sehe ich mir das Gesicht von M\u00e4nnern an, ob ich es wiedererkenne. Dieser Mann muss viel \u00e4lter sein als ich. Auf Attraktivit\u00e4t kommt es \u00fcberhaupt nicht an. Wenn ich, zum Beispiel in einem Park, jemanden finde, der meiner Suche ann\u00e4hernd entspricht, bekomme ich ebenfalls rasendes Herzklopfen. Irgendwie bin ich nicht erregt, ich bin aufgeregt. Ich f\u00fchle mich dann wie dieser Junge, der einen alten Mann verf\u00fchrt. Dabei wei\u00df ich gut, dass Kinder Erwachsene in Wahrheit niemals verf\u00fchren. Aber nur bei dieser Zwangsvorstellung kann ich eine Erektion bekommen und onanieren. Weitere sexuelle Handlungen lasse ich nicht zu. Wenn ich fertig bin, laufe ich ganz schnell weg, wie ein Kind vor einer Bedrohung. Ich empfinde dann auch ein unerkl\u00e4rliches Gef\u00fchl von Angst. Dann bekomme ich schreckliche Depressionen. Ich bin jetzt 36 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen anderen geht es mir noch gut. Ich habe einen festen Job, der mich zwar nicht interessiert, eher unterfordert, mir aber Sicherheit bietet. Meine gesamte freie Zeit, besonders die Wochenenden verbringe ich auf diese beschriebene Art und Weise. Ich habe schon Interessen, doch die kann ich nicht verfolgen. Ich muss immerzu suchen, suchen und wei\u00df doch nicht was oder wen. Ich vereinsame zunehmend, mein ganzes Leben besteht nur aus dieser Suche. Ich f\u00fchle mich deswegen leer, mein Leben ist wie ein Gefrierschrank. Das ist grauenhaft. Ich trinke auch viel, rauche drei P\u00e4ckchen Zigaretten am Tag. Ich w\u00fcsste auch nicht, wie ich die vielen Stunden des Wartens im Park ohne Bierdosen und Zigaretten hinter mich bringen sollte. Einmal habe ich in einer Klinik einen station\u00e4ren Entzug versucht. Ich dachte, vielleicht finde ich dort jemanden, der mit mir spricht. Ich musste t\u00e4glich im Garten arbeiten, wie zur Strafe. Gleichzeitig wollte ich das Rauchen aufgeben, aber die \u00c4rzte beschworen mich geradezu, nicht zu viel von mir zu verlangen. S\u00fc\u00dfigkeiten durfte ich hingegen nicht essen, das wurde geahndet. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein Therapeut jemals gefragt h\u00e4tte, warum ich trinke. Es hie\u00df immer: Sie d\u00fcrfen nicht trinken, denken Sie an Ihre Leber, an Ihren Beruf. In den Gruppenstunden wurde sehr viel \u00fcber Gott gesprochen, dar\u00fcber dass wir uns Gott gegen\u00fcber f\u00fcr unsere S\u00fcnden rechtfertigen sollten. Dieses Zw\u00f6lf-Schritte-Konzept \u00f6dete mich an, denn leider war ich nie naiv genug, an Gott oder eine \u201eh\u00f6here Macht\u201c zu glauben. In der Einzelsitzung meinte der Therapeut, ich solle N\u00e4gel mit K\u00f6pfen machen und eine Beziehung zu einem Mann eingehen, der eben 30 Jahre \u00e4lter ist. Es sei schlie\u00dflich nichts dabei. Ich will das aber nicht. Ich h\u00e4tte dem Therapeuten so gerne gesagt, dass ich trinke, weil ich einsam bin, niemanden habe, eigentlich nicht mal mich selbst. In einem Buch schrieb ein Schriftsteller einmal von seinen \u201eFlaschenfreunden\u201c, das habe ich sofort verstanden. Ich h\u00e4tte den Therapeuten gerne gefragt, ob es m\u00f6glich ist, dass ich nur deswegen eine ganz bestimmte Person suche und diese Zwangsvorstellungen habe, weil ich in der Kindheit missbraucht wurde. Es gab nie eine Gelegenheit f\u00fcr diese Frage zwischen all den Ratschl\u00e4gen und Anweisungen f\u00fcr gutes Benehmen. Einmal h\u00f6rte ich zuf\u00e4llig, wie das Pflegepersonal \u00fcber die Therapeuten herzog: Den Patienten verbieten sie die Schokolade und zu Hause knallen dann die Korken. Ich habe die Klinik verlassen. Ich w\u00fcnsche mir, herauszubekommen, was in meiner Kindheit passiert ist. Meine Eltern sind schreckliche Langweiler, sie sind dumm und spie\u00dfig, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich missbraucht haben. Ich erinnere nichts dergleichen. Ich wei\u00df nur, dass sie sich niemals f\u00fcr mich interessierten, nicht daf\u00fcr, wie es mir wirklich geht. Ich sollte viel essen und mein Vater war nicht so streng wie die Mutter. Viel mehr wei\u00df ich nicht. Manchmal tr\u00e4ume ich allerdings, dass ich ein kleiner Junge bin, der sich dem Vater anbietet f\u00fcr sexuelle Spiele. Es ist abartig. Ich verachte mich daf\u00fcr. Ich habe das Gef\u00fchl, dass mir mein Leben zerrinnt. Ich f\u00fchle mich gejagt von einer unsichtbaren Kraft, zerr\u00fcttet, sehr ersch\u00f6pft und m\u00fcde. Mir ist der Gedanke \u00fcberhaupt nicht fremd, lieber tot zu sein, als in einer solchen Einsamkeit vegetieren zu m\u00fcssen. Wirklich, da kommt einem der Tod wie die Befreiung vor.\u201c<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen Menschen, erz\u00e4hlt eine 40-j\u00e4hrige Frau, k\u00f6nne sie sich an viele Details aus ihrer Kindheit erinnern. Sie habe auch Zugang zu ihren Gef\u00fchlen, sp\u00fcre ihr Leiden. Oft m\u00fcsse sie weinen, weil sie ihr Leben als unertr\u00e4glich empfinde, wie von einem Fluch belastet. Doch weder die Kenntnis der Fakten noch das Erwachen der Gef\u00fchle habe eine wirkliche Ver\u00e4nderung in ihrem Leben bewirken k\u00f6nnen. Sie fragt: \u201eKann es sein, dass Menschen, die in der Kindheit immer wieder mit Gewalt konfrontiert waren, sozusagen auf Zerst\u00f6rung oder Selbstzerst\u00f6rung programmiert wurden, und dass wir uns diese Programmierung zwar bewusst machen k\u00f6nnen, sobald wir uns mit den Fakten auseinandersetzen, sie aber nicht wirklich aufzul\u00f6sen ist? Dass den Zw\u00e4ngen vielleicht nicht mehr gehorcht werden muss, eine gesunde Entwicklung aber nicht mehr nachgeholt werden kann? Diese Fragen stelle ich mir so lange. Mein Vater wartete geradezu auf ein Vergehen meinerseits. Die geringste Nachl\u00e4ssigkeit, jede Bagatelle wurden zum Staatsverbrechen aufgebauscht und mit einem pomp\u00f6sen Ritual geahndet. Abends hatte ich anzutreten und stramm zu stehen, ich musste meine S\u00fcnden beichten. Dann schlug mich mein Vater auf das nackte Ges\u00e4\u00df, immer wieder, mit dem Hoseng\u00fcrtel, dem Kochl\u00f6ffel oder einem Kleiderb\u00fcgel. In seinen Augen war er der Gerechte der Gerechten, denn f\u00fcr jede Untat war eine bestimmte Anzahl von Hieben, so nannte er das, vorgesehen. Diese z\u00e4hlte er auch genau ab. Kein Schlag zu viel, kein Schlag zu wenig; alles musste seine Ordnung haben. Am Ende musste ich mich f\u00fcr die Bestrafung bedanken und meinem Vater vergeben, wie auch er mir vergab. Er war ein sehr religi\u00f6ser Mensch. Wenn mein Vater mir vergab, war ich ihm tats\u00e4chlich dankbar, weil ich dann glaubte, er w\u00fcrde mich doch lieben. Ich kann mich kaum an einen Tag erinnern, an dem all dies nicht geschah. Schon als Jugendliche habe ich keinen Freund haben k\u00f6nnen, ich mied einfach die Gelegenheiten und behauptete, ich wolle mich nicht verlieben, um unabh\u00e4ngig zu sein. Als junge Frau stellte ich fest, dass ich sexuell v\u00f6llig empfindungslos bin, mein K\u00f6rper ist tot. Wenn ich in Panik geriet aufgrund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde, konnte ich mich aber beruhigen, indem ich mich selbst befriedigte, was nur gelang, wenn ich phantasierte, ein kleines M\u00e4dchen werde in obsz\u00f6nen Posen vom Vater geschlagen. Oder ich stellte mir vor, wie ein Mann mir Schmerz zuf\u00fcgt und ich seiner Willk\u00fcr und Macht in einem strengen System ausgeliefert bin. Mich erregt dabei der Gedanke an diese vollkommene Macht, die dieser Mann vor allem \u00fcber meine Gef\u00fchle hat. In jedem anderen Zusammenhang verweigert sich der K\u00f6rper, er kann keine N\u00e4he ertragen. Ich habe diese Phantasie nie in die Realit\u00e4t umgesetzt, aber mein Leben wird doch weiterhin von meinem Vater tyrannisiert. Er hat mich niemals direkt sexuell missbraucht, \u00fcberhaupt nicht ber\u00fchrt, es sei denn, er pr\u00fcgelte mich. Wie lange hat es gedauert, bis ich sehen konnte, dass er sehr wohl erregt, aufs \u00c4u\u00dferste gespannt war, wenn er mich schlug. Danach wirkte er wie befriedigt, zufrieden, regelrecht satt. Er war dann die Ruhe selbst. Hatte er eine Art mentalen Orgasmus? Als Kind sp\u00fcrte ich diese Erregung, die folgende Entspannung ganz deutlich. Vielleicht hat er dann sp\u00e4ter onaniert oder konnte mit meiner Mutter schlafen, indem er sich vorstellte, wie er mich z\u00fcchtigt? Ich wei\u00df es nicht. Meine Mutter war ihm gegen\u00fcber v\u00f6llig unterw\u00fcrfig und ergeben. Sie hat mir niemals geholfen, sie sagte immer, er meint es gut mit dir. Wahrscheinlich war sie froh, dass sie nicht selbst verpr\u00fcgelt wurde. Ich habe sogar einen Beruf, der mir genug Geld einbringt, nur keine wirkliche Freude. Ich habe verbissen eine Laufbahn verfolgt, damit ich mir alles leisten kann, was ich will. Niemals mehr wollte ich von einem anderen Menschen abh\u00e4ngig sein, ich wollte niemanden brauchen. Es gibt auch einige Bekannte, doch meist f\u00fchle ich mich einsam. Mein Leben bleibt leer, mein K\u00f6rper ist weiterhin tot. Was nutzt mir da alle Einsicht, was nutzt es mir, dass ich meine Wut auch direkt meinem Vater gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferte, ihn zur Rede stellte. Ich sehe einfach, dass ich einen gro\u00dfen und wichtigen Teil meines Lebens verloren habe. Auf diese Fragen habe ich niemals eine Antwort bekommen. Es ist doch so, dass ich im Grunde nicht lieben kann und damit will ich mich nicht abfinden. Eine Therapeutin schlug mir vor, meine Phantasien in eine Partnerschaft einzubauen, das mache doch jeder, ich solle mir das einfach erlauben und mich f\u00fcr meine W\u00fcnsche nicht bestrafen. Nur dass dies nicht meine W\u00fcnsche sind. Ich will mich nicht erniedrigen lassen, nicht mal im Spiel, nicht mal zum Spa\u00df. Seit langem vermeide ich es sogar, mich selbst zu befriedigen, ich will nicht gezwungen sein, mich ein Leben lang selbst zu verletzen. Das f\u00e4llt mir nicht schwer, alles was mir wichtig war, fand ich immer in B\u00fcchern. Am liebsten h\u00e4tte ich gar keinen K\u00f6rper, nur einen Kopf mit seinem Verstand. Es ist so schrecklich, wenn man f\u00fchlt, wie viel einem im Leben entgeht, wie viel Zeit f\u00fcr immer verloren ist.\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich spricht ein Mann \u00fcber 50 von seiner Geschichte: \u201eMein ganzes Leben lang, bis heute, habe ich mich nicht eine Minute wirklich gesp\u00fcrt. Als ob ich gar nicht vorhanden w\u00e4re. Es gibt kaum etwas, das mich interessiert, ich habe an nichts Freude, zu nichts Lust. Ich war niemals wirklich von Herzen traurig oder w\u00fctend, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Mein beruflicher Werdegang war mir auch gleichg\u00fcltig, ich hatte nie das Bed\u00fcrfnis, f\u00fcr meine Existenz Sorge zu tragen. Wenn die Arbeits\u00e4mter mir einen Job verschafften, habe ich den eben gemacht. War der Job beendet, war ich auch froh. Ich f\u00fchlte mich immer wie unter einer Glasglocke. Ich habe einige Male versucht, Beziehungen zu Frauen einzugehen, aber die haben nie lange gehalten. Ich habe lange Phasen von Impotenz, f\u00fcr die \u00c4rzte keine k\u00f6rperlichen Ursachen finden konnten. Mir helfen allerdings bestimmte Mittel, auf die der K\u00f6rper dann reagiert. Wahrscheinlich hat das die Frauen immer gest\u00f6rt. Oder sie kamen mit meiner Teilnahmslosigkeit nicht zurecht. In Wahrheit hat mich Sex mit diesen Frauen auch nicht interessiert. Dass ich Potenzmittel nahm, war eine Art Gef\u00e4lligkeit, eine Dienstleistung. Ich dachte, ich sei diesen Frauen eine Erektion schuldig. Damit sie bei mir blieben. Denn wenn ich alleine in der Wohnung bin, \u00fcberf\u00e4llt mich oft eine unterschwellige Panik, eine Unruhe. Als ob ich keinen Augenblick mehr allein sein k\u00f6nnte. Freunde habe ich eigentlich keine. Eine Zeit lang \u00fcberlegte ich, ob ich homosexuell sein k\u00f6nnte, weil ich Frauen gegen\u00fcber so gleichg\u00fcltig war. Ich versuchte auch, Sex mit M\u00e4nnern zu haben, aber es war nicht anders. Es interessierte mich nicht. Bis heute k\u00f6nnte ich nicht sagen, wie meine Sexualit\u00e4t beschaffen ist. Ich bin viele Jahre in eine Therapie gegangen und erst zum Ende hin wurde mir klar, dass mich meine Mutter in eine Art Inzestverh\u00e4ltnis verstrickt hat. Sie hat sich sehr fr\u00fch von meinem Vater scheiden lassen und lebte mit mir allein. Ich schlief mit ihr in einem Ehebett. An konkrete \u00dcbergriffe kann ich mich nicht erinnern. Ich wei\u00df nur, dass sie mich wusch in der Badewanne bis ich etwa 14 Jahre alt war. Danach kam das nicht mehr vor. Sie war auch unglaublich eifers\u00fcchtig. Ich sollte als Jungendlicher keine Freundin haben. Kein M\u00e4dchen war gut genug f\u00fcr mich und ich f\u00fcr jede zu schade. Meine Mutter hat einmal w\u00f6rtlich zu mir gesagt, da war ich 17, wie sehr sie bedauere, dass sie selbst mich nicht in die Liebe einweisen k\u00f6nne, so dr\u00fcckte sie sich aus. Nun werde es wohl irgendeine Schlampe machen. Dabei weinte sie. Sie erz\u00e4hlte auch, sie habe sich nach einer Frau umgesehen, die sie in dieser Angelegenheit f\u00fcr geeignet und w\u00fcrdig erachten k\u00f6nne, ihre Suche sei aber erfolglos gewesen. Dann schlug sie mir vor, katholischer Geistlicher zu werden. Das sei doch der Beruf f\u00fcr mich. Ich habe bis zu meinem 40. Lebensjahr geglaubt, meine Mutter habe mich verg\u00f6ttert. Als ich sah, wie gest\u00f6rt sie war, bekam ich eine Entz\u00fcndung an den Augen, die chronisch wurde. Da sehe ich schon einen Zusammenhang. In jener Zeit entwickelte ich den Drang, mir Pornovideos auszuleihen. Ich konnte stundenlang ein Video nach dem anderen sehen und dabei onanieren. Mit einiger Anstrengung bekam ich dann eine Erektion. Beim Onanieren empfinde ich nichts. Es beruhigt mich. Ich hole mir nach wie vor diese Videos, wenn dieses dumpfe Empfinden der Panik kommt, dieses Gef\u00fchl, ich k\u00f6nne keine einzige Sekunde des Alleinseins mehr ertragen. Ich kaufe mir immer wieder sehr \u00e4hnliche Filme, die nicht unbedingt offen in den Regalen herumliegen. Es sind meist privat gedreht Filme, die zeigen wie eine \u00e4ltere Frau vom mehreren M\u00e4nnern gemeinsam erniedrigt und vergewaltigt wird. Ich f\u00fchle Befriedigung, wenn ich sehe, wie \u201adiese Schlampe fertig gemacht\u2019 wird. Es m\u00fcssen auch immer mehrere M\u00e4nner sein. Ich bin mir bewusst, dass ich eine starke Verachtung gegen\u00fcber Frauen habe. Ob ich noch einmal zu meinen Gef\u00fchlen durchdringen kann? Ich f\u00fcge mir auch manchmal selbst Schmerzen zu, um mich realer zu sp\u00fcren. Man sagt ja immer, das machen nur Frauen. Vermutlich stimmt das nicht. In der Therapie habe ich keinen Zugang zu meinen Gef\u00fchlen gefunden. Es gab nur diese Erkenntnis, dass meine Mutter nicht die war, f\u00fcr die ich sie die l\u00e4ngste Zeit meines Lebens gehalten habe. Ich wei\u00df gar nicht, ob es sich in meinem Alter \u00fcberhaupt noch lohnt, zu versuchen, aus dieser Glasglocke, die mich umgibt, herauszukommen. Eigentlich m\u00fcsste ich verzweifelt sein, denke ich manchmal.\u201c<\/p>\n<p>\nDiese Aussagen sind authentisch, ich habe sie jedoch in meine eigene Sprache gebracht; fiktiv ist lediglich die Konstellation, dass diese Frauen und M\u00e4nner zur gleichen Zeit eine Gruppe besucht haben. Leider wird man immer noch lange nach einem Ort suchen m\u00fcssen, der es Menschen gestattet, tats\u00e4chlich ehrlich, ohne andere schonen zu m\u00fcssen, \u00fcber ihre innere Realit\u00e4t und die Fakten ihrer Kindheit zu sprechen. Mir ist jedenfalls kein solcher Ort bekannt, und Menschen, die wirklich bereit sind, sich selbst zu begegnen (das hei\u00dft auch, dem Kind, das sie waren) stellen wahrscheinlich eine kleine Randgruppe in unserer Gesellschaft dar. <br \/>\nDie Selbstzeugnisse bed\u00fcrfen keiner Analyse, keiner Deutung. Sie zeigen, dass die Perversion stets die verschollene Geschichte des einstigen Kindes mal in erstaunlich konkreter, mal in eher symbolischer Form erz\u00e4hlt. Sie zeigen auch, dass das Erregende der perversen Handlung oder Phantasie sich im Grunde von der Sexualit\u00e4t abgel\u00f6st hat. Dasselbe gilt in der Regel f\u00fcr die Pornographie. Die sexuellen Praktiken dokumentieren vielmehr die Entw\u00fcrdigung und Entwertung, der das Kind ausgesetzt war. Die gesamte Inszenierung enth\u00fcllt und verdeckt zugleich. Hinter der mit der jeweils st\u00e4rksten Entw\u00fcrdigung verbundenen Erregung verbirgt sich die emotionale Wahrheit des Kindes, der versch\u00fcttete Schmerz \u00fcber die Verachtung durch die Eltern, die es so fr\u00fch in seinem Leben erfuhr. Die Verachtung war die einzige Nahrung des Kindes. Dieser Schmerz ist in der Tat so gro\u00df, dass er nicht in Worte gefasst werden kann. Die scheinbare Lust, der Orgasmus sind offenbar nichts Anderes als der H\u00f6hepunkt der Entwertung.<br \/>\nVor allem aber ist die Perversion sexualisierter Hass, der sich gegen die Person selbst oder gegen andere richten kann. In Wahrheit ist dieser eingefrorene Hass aber der Hass der Eltern auf das Kind. Die Perversion eines Menschen zeigt die Perversion seiner Eltern, die diese am Kind ausagierten. Die perversen Eltern stahlen das Leben des Kindes, seine Freude, seine Lust, seine F\u00e4higkeit, zu lieben. Ein Mensch kann buchst\u00e4blich aus der Art geschlagen werden. Dies belegen sehr anschaulich und in extremer Form die Briefe des \u201eKinderm\u00f6rders\u201c J\u00fcrgen Bartsch an den Journalisten Paul Moor (\u201eSelbstbildnis eines Kinderm\u00f6rders\u201c, Rowohlt 2003). Hinter dem Hass der eigenen Eltern, von dem so viele Menschen besetzt sind, lauert fast immer ein Meer an Verzweiflung, ein Abgrund von Einsamkeit. Da wird schon nachvollziehbar, warum die Mehrheit es vorzieht, aus der Perversion einen Kult zu machen.<\/p>\n<p>Die p\u00e4dophile Variante der Perversion enth\u00fcllt sehr klar das Bed\u00fcrfnis nach Rache: Ich will dir antun, was man mir angetan hat, warum soll nur ich leiden. Im Leid des betrogenen Kindes, in dessen entt\u00e4uschtem Blick begegnet der P\u00e4dophile sich selbst. <br \/>\nSehr lange verortete die Mehrheitsgesellschaft die Perversion und die P\u00e4dophilie (mit Ausnahme weniger sogenannter Triebt\u00e4ter, die sich an kleinen M\u00e4dchen vergriffen) fast ausschlie\u00dflich bei homosexuellen M\u00e4nnern. Es ist naheliegend, dass auch zahlreiche Homosexuelle, deren offizielle Verb\u00e4nde sich bislang \u2013 \u00fcbrigens im Namen der Freiheit \u2013 nicht ausreichend von P\u00e4dokriminellen abzugrenzen wagten, p\u00e4dophil sind oder von Perversionen gepr\u00e4gt. Jedoch konnte das Ausma\u00df des innerfamili\u00e4ren Kindesmissbrauchs bis hin zum Verkauf der eigenen Kinder f\u00fcr pornographische Produktionen mit der Zeit nicht mehr ignoriert werden. So war eine neue gehirnakrobatische Leistung erforderlich, um die Realit\u00e4t zu vernebeln. Soziologinnen und Therapeutinnen verfassten eine B\u00fccherflut und behaupteten, Jungen w\u00fcrden niemals missbraucht, hingegen bereits als T\u00e4ter geboren (vgl. etwa, Wirtz, Ursula: \u201eSeelenmord\u201c, 1989 u. 1995). Prominente Damen, wie die Feministin Alice Schwarzer, verk\u00fcnden bis heute ein weibliches Utopia: Frauen k\u00f6nnten von Natur aus nicht gewaltt\u00e4tig sein. <br \/>\nDie bislang nahezu grunds\u00e4tzlich verschwiegenen weiblichen P\u00e4dokriminellen tummeln sich indes munter beispielsweise in den Chatr\u00e4umen und groups des Internet. Man kann sich in diese R\u00e4ume begeben und wird sehr oft eine \u201etabuloseMutteruTochter\u201c antreffen auf der Suche nach einem ebenfalls \u201etabulosen\u201c Mann. Der Autor Alexander Markus Homes interviewt in seinem Buch \u201eVon der Mutter missbraucht\u201c (Scheffler Verlag 2003) eine p\u00e4dokriminelle 40-j\u00e4hrige Frau. Das Buch ist \u00e4u\u00dferst zwiesp\u00e4ltig und dokumentiert eher die Verwirrung des Verfassers, der im letzten Drittel s\u00e4mtliche Informationen und Erkenntnisse wieder zur\u00fcck nimmt, die er zuvor zusammen getragen hat. Warum Homes diese Frau nach dem Interview offenbar nicht angezeigt hat, ist mir ebenfalls nicht nachvollziehbar, es sei denn, das Gespr\u00e4ch ist eine Erfindung des Autors. Dennoch m\u00f6chte ich aus diesem Interview zitieren, weil es indirekt wesentliche Aspekte der p\u00e4dophilen Variante der Perversion aufdeckt:<\/p>\n<p>\u2013 \u201eSie sind Feministin und stehen zu ihrer Veranlagung?\u201c\t<br \/>\n\u2013 \u201eIch stehe dazu: Ich begehre Knaben im Alter von acht bis zw\u00f6lf Jahren. Ich habe seit fast einem Jahr eine tiefe, innige, erotische und sexuelle Beziehung zu einem zehnj\u00e4hrigen Jungen. Es gibt nichts Sch\u00f6neres f\u00fcr mich als der unbefleckte, zarte, unbehaarte K\u00f6rper eines Knaben. Ich liebe es, ihn sehr behutsam in die nicht enden wollende Liebe einzuf\u00fchren. Seinen K\u00f6rper, der sich an mich schmiegt, der vor Lust anf\u00e4ngt zu vibrieren, wenn ich ihn zart mit meinen H\u00e4nden und meiner Zunge vom Gesicht \u00fcber Hals, Bauch, Genitalien bis zu den F\u00fc\u00dfen hin ber\u00fchre. Und ich mag es, wenn er auf mir liegt und ich an seiner Atmung merke, dass es ihm gef\u00e4llt. &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Dass diese Frau ebenso freim\u00fctig bekannte, bis zu ihrem 16. Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt worden zu sein, macht dabei nichts besser. Im Gegenteil: Mit diesem Inzestschicksal rechtfertigt sie ihre eigenen Verbrechen. In Wahrheit blieb sie, wie alle P\u00e4dophile, dem T\u00e4ter treu. P\u00e4dophilie ist eigentlich nichts Anderes als Angst und Vergeltung: Angst vor dem K\u00f6rper einer erwachsenen Frau oder eines erwachsenen Mannes, Angst vor Sexualit\u00e4t, die nur in einer debilen, infantilisierten Form zugelassen werden kann. P\u00e4dophilie ist der starke Wunsche das Zarte zu zerbrechen, das Sch\u00f6ne zu ruinieren, zu besudeln und vor allem den Betrug weiterzugeben, indem all das als Liebe (oder \u201eKinderliebe\u201c) ausgegeben wird. P\u00e4dokriminelle Menschen sind geradezu beherrscht von dem Zwang, ein anderes Leben zu zerst\u00f6ren, zu vernichten, wie das ihre als Kind zerst\u00f6rt wurde. Das gelingt ihnen manchmal auch ausgesprochen gr\u00fcndlich, denn kein Kind, das nicht in v\u00f6lliger Einsamkeit lebt, wird sich einem oder einer P\u00e4dophilen freiwillig ausliefern. Die Lust, die P\u00e4dokriminelle dabei empfinden, ist die Genugtuung an der Vergeltung: Jetzt bist du mal dran, jetzt habe ich es auch mal jemandem heimgezahlt. Wer nur einmal der Sympathie, der Zuneigung eines Kindes begegnete, wei\u00df, wie tief, wie aufrichtig und ohne jede Vorbehalte Kinder zu lieben und zu vertrauen verm\u00f6gen, und lernt, wie brutal diese Gef\u00fchle verletzt werden k\u00f6nnen. Dann ist das Zerst\u00f6rungswerk vollbracht. So leicht kann man die Seele eines kleinen Jungen, eines kleinen M\u00e4dchens vernichten und damit Menschen produzieren, die ihr Leben oftmals als Zombies fristen m\u00fcssen.<br \/>\nWie sich die Medien, die Justiz und die Politik angesichts der P\u00e4dokriminalit\u00e4t als Massenph\u00e4nomen geradezu winden, zeigt aktuell in Belgien das sich seit Jahren dahinschleppende Verfahren gegen den sogenannten Kindersch\u00e4nder Dutroux, der immerhin den qualvollen Tod mehrerer M\u00e4dchen, die er zuvor entf\u00fchrte und monatelang vergewaltigte, verschuldet hat.<\/p>\n<p>Die in den Selbstaussagen immer wieder auftauchenden Fragen, wie man eine Perversion aufl\u00f6sen und die Freiheit erreichen k\u00f6nne, die echten sexuellen Bed\u00fcrfnisse zu leben, m\u00fcssen wohl offen bleiben. Ich vermute, dass eine Perversion dann \u00fcberfl\u00fcssig wird, sobald ein Mensch sich vollst\u00e4ndig mit dem Kind, das er gewesen ist, identifizieren kann, sobald ein umfassendes Mitgef\u00fchl mit dem eigenen Kinderschicksal m\u00f6glich wurde. Inwieweit eine Entwicklung, die in der Kindheit h\u00e4tte stattfinden und im Lauf der Pubert\u00e4t zu einem gelungen Abschluss h\u00e4tte kommen sollen, viel sp\u00e4ter nachgeholt werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch m\u00f6chte ich nicht ausschlie\u00dfen, dass ein Mensch imstande ist, auch seine authentischen sexuellen Bed\u00fcrfnisse aufzufinden und reifen zu lassen. Entscheidend mag dabei sein, dass der K\u00f6rper die Erfahrung braucht, nun heute keine Dienstleistung mehr erbringen zu m\u00fcssen, sondern Respekt und Aufrichtigkeit zu begegnen. Der K\u00f6rper war so fr\u00fch den schrecklichsten Torturen ausgesetzt und musste f\u00fchllos werden. Es gab keine Alternative. Heute muss sich niemand mehr qu\u00e4len lassen. Wenn erlebt wird, dass authentische Reaktionen auf die Misshandlungen wie Wut, Hass, Verzweiflung und Schmerz den Erwachsenen nicht t\u00f6ten, k\u00f6nnte der K\u00f6rper mit der Zeit auch Gef\u00fchle der Freude, der Lust, des Vergn\u00fcgens, des Gefallens an einem anderen Menschen, an seinem Wesen und seinem K\u00f6rper, wieder zulassen. Die in der psychotherapeutischen Literatur immerzu artikulierten Heilslehren und falschen, weil unlogischen Versprechungen sind angesichts der Realit\u00e4t nicht nur nicht hilfreich, sie sind ein R\u00fcckfall in mittelalterlichen Aberglauben. Diese irrationalen Publikationen werden von selbst vom Markt verschwinden, wenn die Leser sich endlich ein Herz fassen, zugunsten ihrer Wahrheit auf falsche Hoffnungen verzichten und die Verantwortung f\u00fcr ihr Leben nicht mehr in untaugliche H\u00e4nde delegieren. Es geht ja um die Frage, wie viel N\u00e4he ein so fr\u00fch geschundener K\u00f6rper sp\u00e4ter noch oder wieder zulassen kann. Ber\u00fchrend fand ich in diesem Zusammenhang, was mir vor einiger Zeit ein Mann erz\u00e4hlte. So viele Jahre sei er sexuell v\u00f6llig empfindungslos gewesen. Er hatte schon jede Hoffnung beinahe aufgegeben, als er erlebte, wie eine einfache Ber\u00fchrung ihn in Erregung versetzte. Der Mann sagte: \u201eIch bekam tats\u00e4chlich spontan eine Erektion, ohne mir v\u00f6llig bizarre Dinge vorstellen zu m\u00fcssen. Ich war dar\u00fcber so verbl\u00fcfft, dass die Erektion in sich zusammen fiel. Aber ich merkte, dass der K\u00f6rper reagierte, weil ich mich sicher f\u00fchlte. Ich f\u00fchlte mich in einer Situation ohne jeglichen Zwang und ich war mir meiner selbst sicher. Ich wusste, ich w\u00fcrde mich nie mehr missbrauchen lassen, weil ich genau wei\u00df, wie ich mich damals als Kind dabei f\u00fchlte. Ich merkte, dass einige K\u00f6rperpartien, die bislang buchst\u00e4blich tot, wie verpanzert gewesen waren, auflebten. So konnte es sein, dass ich zum Beispiel an einer Stelle des R\u00fcckens starke, sehr lustvolle Empfindungen erlebte, die sich bis in die Wirbels\u00e4ule verl\u00e4ngerten, w\u00e4hrend andere ganz abgestorben schienen. Mir kam es so vor, als ob der K\u00f6rper vorsichtig, vorsichtig einen Test wagte, einen Versuch: Darf ich Freude und Lust empfinden? Ich wei\u00df nicht, wie diese Entwicklung weiter geht, aber ich war sehr froh. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gef\u00fchl, dass meinem Vater der Spa\u00df an den \u201eHieben\u201c, die er mit so viel Vergn\u00fcgen austeilte, verdorben worden sei.\u201c<\/p>\n<p>\n<b>4\t Wenn viele Angeh\u00f6rige einer Gesellschaft, einer Kultur von Perversionen gepr\u00e4gt sind, hat dies nicht nur eine Ursache, sondern diese Tatsache l\u00e4sst eine Diagnose \u00fcber die Gesellschaft und die Kultur zu<\/b><br \/>\n\t(Selbstentfremdung als Happening)<\/p>\n<p>Manchmal vermittelt die Literatur ein wahrhaftigeres Bild vom Zustand einer Gesellschaft, einer Epoche oder vom Leben der Menschen. So zeigten Schriftsteller eher unbewusst, sogar unfreiwillig in ihren Werken auch immer wieder, wie sich Perversionen ausdr\u00fccken und was sie bedeuten. Es ist ausgesprochen lohnenswert, diese Werke und (soweit bekannt) die autobiographischen Zeugnisse der Autoren im Detail danach zu befragen, welche Aussagen sie \u00fcber das Wesen der Perversion treffen. Dies w\u00e4re mindestens ein eigenst\u00e4ndiger, umfangreicher Essay, so dass ich mich hier auf vier kurze Hinweise beschr\u00e4nke.<br \/>\nHeinrich von Kleists Trauerspiel \u201ePenthesilea\u201c (1808) f\u00fchrt in seinem furiosen Ausgang die Unf\u00e4higkeit vor, echte Gef\u00fchle zu leben, weil nichts mehr gef\u00fcrchtet wird als das Aufleben eben dieser Gef\u00fchle. Das Begehren kann sich nur noch in der tats\u00e4chlichen oder symbolischen Zerst\u00f6rung des Anderen zeigen. Kleist legt aber zugleich den Finger in eine bis heute offene Wunde: Hinter dem, was wir gerne Zivilisation und Kultur nennen, lauert das Barbarische. Oscar Wilde\u2019s ber\u00fchmter Roman \u201eDas Bildnis des Dorian Gray\u201c (1890) erlaubt die Deutung der Perversionen seines Protagonisten und der Boh\u00e8me, der er angeh\u00f6rt, als die vollkommene Herausbildung eines \u201efalschen Selbst\u201c. Damit aber erscheint auch das Schicksal der Selbstzerst\u00f6rung vorprogrammiert. 1949 beschreibt auch der junge japanische Schriftsteller Yukio Mishima in seinem autobiographischen Roman \u201eGest\u00e4ndnis einer Maske\u201c die Perversion als Ausdruck eines tiefen Selbsthasses und bringt zugleich in extremer Form das Schicksal vieler, selbstverst\u00e4ndlich nicht aller homosexueller M\u00e4nner zum Ausdruck: Ich darf das Gefallen am K\u00f6rper eines anderen Mannes nur in bizarren Inszenierungen erleben, ich darf keine echte Zuneigung zeigen, ich darf nur imaginieren, wie dieser mich so anziehende K\u00f6rper eines Mannes geschunden wird. Ich muss hassen, was ich begehre, weil es mir von innen heraus verboten ist, zu lieben und meine wahren Bed\u00fcrfnisse zu leben.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Bandbreite der menschlichen Perversion und ihre N\u00e4he zur P\u00e4dophilie verewigte bereits 1785 Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade in einem seltsamen Werk mit dem bezeichnenden Titel \u201eLes 120 Journ\u00e9es de Sodome ou L\u2019Ecole du Libertinage\u201c (\u201eDie 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung\u201c) und gab damit einer Richtung dessen, was heute \u201esexuelle Devianz\u201c genannt wird, seinen Namen: dem Sadismus. Vermutlich hat de Sade keine denkbare Sexualpraktik ausgelassen. Ich habe hier kein Interesse, mich an der Frage zu beteiligen, ob es sich bei diesem Werk um das Abfallprodukt des Unbewussten seines Autors oder um Literatur im Sinne von Kunst handelt. Der Marquis beschreibt das Treiben der M\u00e4chtigen einschlie\u00dflich der Geistlichkeit mit ihren Untergebenen und die abstrusen Freiheiten, die sie sich herausnehmen. Als der italienische Filmregisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini dieses Buch 1975 f\u00fcr den Film adaptierte und die Handlung dabei in die reale faschistische Mini-Republik Sal\u00f3 verlegte, gab es \u00c4rger. Der Film stand viele Jahre in mehreren L\u00e4ndern auf dem Index. Man zeigte sich schockiert \u00fcber die schonungslos brutalen Szenen. Kritiker beklagten dar\u00fcber hinaus, dass Pasolini die literarische Vorlage in Verbindung zum Faschismus gebracht habe. Der Regisseur hat nicht die Frage nach der Ursache der Perversionen gestellt. Er ging damals mehr von einem gewissen Klassenstandpunkt aus; Pasolini wollte zeigen, dass die Bourgeoisie ihre Kinder zerst\u00f6rt und den Faschismus hervortreibt bzw. diesen im Keim in sich tr\u00e4gt. Dieser Standpunkt enth\u00e4lt sicherlich Wahrheiten. Pasolini zeigt die sadistischen Z\u00fcge des Faschismus sehr deutlich und bringt damit die Perversionen in einen Zusammenhang mit dem Politischen. Es k\u00f6nnte sein, dass gerade dieser Aspekt die eigentliche Quelle des \u00f6ffentlichen Unmutes war. <\/p>\n<p>Die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt klar, dass der faschistische Charakter ein sadistischer ist. Der Hitlerfaschismus gestattete es einem gro\u00dfen Teil der deutschen Bev\u00f6lkerung, sadistische Handlungen zu begehen. So wurde etwa die im Konzentrationslager Majdanek als \u201eBlutige Brigitte\u201c ber\u00fcchtigte Hildegard L\u00e4chert sp\u00e4ter unter anderem \u201eder Vergewaltigung einer J\u00fcdin mit einer Zaunlatte\u201c angeklagt. Der Sadismus verl\u00e4sst in faschistischen und anderen Diktaturen den gesch\u00fctzten, vor fremden Blicken verborgenen Raum der Familie und tritt offen zu Tage, weil er nun nicht mehr Perversion genannt wird, sondern offiziell erlaubt ist zum Wohle eines Volkes oder einer Gesellschaft. Den Sadismus beg\u00fcnstigende, geschlossene Systeme wie Gef\u00e4ngnisse und Lager spiegeln hierbei das hermetisch nach au\u00dfen abgeriegelte System der Familie. Mit dem Ende des Faschismus, der Diktatur verschwindet nicht einfach die sadistische Perversion, sie kehrt lediglich nach innen, in die Familien, in das Kinderzimmer zur\u00fcck. Eine blutige Diktatur macht die Menschen nicht sadistisch, sie treibt nur massiv hervor, was schon da ist, was in der Kindheit fr\u00fch gelernt wurde. So kann es geschehen, dass der Sadismus jeder Zeit f\u00fcr die Zwecke der Macht auch in einer Gesellschaft funktionalisiert werden kann, die einen liberaleren Charakter hat und sich demokratisch oder freiheitlich nennt. Die Oberfl\u00e4che dieser Gesellschaft mag zuweilen recht freundlich und bunt wirken, entscheidend ist, was ihr Untergrund in sich birgt. <br \/>\nDie Soldaten und Soldatinnen der westlichen Verb\u00fcndeten qu\u00e4lten ihre Gefangen im Namen der Freiheit und im Namen des christlichen Gottes. Dass dieser Widersinn auch in den Medien nicht thematisiert wird, spricht f\u00fcr sich. Der christliche Gott muss ja seit jeher f\u00fcr die Misshandlung von Kindern und die Folterung Erwachsener herhalten. Wer sich mit der Geschichte der Inquisition besch\u00e4ftigt und die angewandten Methoden der Folter zur Kenntnis nimmt, k\u00f6nnte auf den Gedanken kommen, die katholische Geistlichkeit habe die Perversionen erfunden. Der Begriff pervers hatte urspr\u00fcnglich keine sexuelle Bedeutung, er bezeichnete die angebliche oder tats\u00e4chliche Abkehr vom wahren Glauben. Das Christentum ist heutzutage (im Gegensatz zum Islam) gem\u00e4\u00dfigter, doch die Perversionen birgt es immer noch in sich. Dies belegen die inzwischen weltweit vorliegenden zahllosen Zeugnisse \u00fcber die Vergewaltigung von Kindern durch Pfarrer, Priester, M\u00f6nche und Nonnen. Nur z\u00f6gerlich und gegen den massiven Widerstand der Kirchen dringen Fakten \u00fcber die Torturen an die \u00d6ffentlichkeit, die Kinder bis vor kurzem (oder noch heute?) in christlichen Heimen erdulden mussten (vgl. etwa Spiegel Online, 19.05.2003: \u201eUnbarmherzige Schwestern\u201c ).<br \/>\nViele Menschen haben die Botschaft \u201eIch z\u00fcchtige dich, ich vernichte dich zu deinem Besten\u201c tief verinnerlicht, so k\u00f6nnen sie die Lebensfeindlichkeit dieser Botschaft nicht realisieren. Wir bringen euch die Freiheit, verk\u00fcndete der amerikanische Pr\u00e4sident auch dem irakischen Volk im vergangenen Jahr, deshalb zerst\u00f6ren wir eure St\u00e4dte. Die Welt hat einen neuen Vater aller V\u00f6lker, dachte ich damals. Nun m\u00fcssen wir wieder glauben, glauben, glauben. Je d\u00fcmmer, je unlogischer die Parolen, um so inbr\u00fcnstiger der Glaube. Und was sagte der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika k\u00fcrzlich? Wir rei\u00dfen das Gef\u00e4ngnis Abu Ghureib in Bagdad einfach ab und bauen ein neues, ganz modernes, sauberes, sch\u00f6nes. (Inzwischen verstehen sich der deutsche Bundeskanzler und Herr Bush ja auch wieder so gut. Man sah es im Fernsehen. Wie sie sich die H\u00e4nde sch\u00fcttelten, damit gar nicht mehr aufh\u00f6ren mochten, wie sie strahlten: Haben wie es nicht gut, alles ist bestens, nur keine Problemdiskussionen.)<\/p>\n<p>Als ich die Bilder der sexuell missbrauchten irakischen Gefangenen erstmals zur Kenntnis nahm, habe ich sehr genau darauf geachtet, was ich empfinde. Ich war weder emp\u00f6rt noch entsetzt; was ich sah, erschien mir folgerichtig, zwangsl\u00e4ufig und vor allem erkl\u00e4rbar. Ich sp\u00fcrte, dass ein unguter Zynismus f\u00fcr einen Augenblick die Oberhand gewann. Wenn man ber\u00fccksichtigt, notierte ich mir, dass die von der CIA trainierten und ausgebildeten Milit\u00e4rpolizisten der chilenischen Pinochet-Diktatur weibliche Gefangene dergestalt folterten, indem sie ihnen ausgehungerte Ratten in die Vagina einf\u00fchrten, geht es 30 Jahre sp\u00e4ter doch vergleichsweise human zu (beispielsweise dokumentiert in: Vald\u00e9s, Hern\u00e1n: \u201eAuch wenn es nur einer w\u00e4re: Tagebuch aus einem chilenischen KZ\u201c, Rowohlt 1976). Allerdings gef\u00e4llt mir die Arroganz der Politik nicht, die offenbar die tiefe \u00dcberzeugung verinnerlicht hat, dass ausnahmslos jede und jeder so dumm ist, ihr Gerede zu glauben. Wenn mir Vergewaltigungen als Dienst an der Freiheit verkauft werden, dr\u00e4ngt sich mir die Frage auf, wie es mit dieser angeblichen Freiheit in Wahrheit bestellt ist. Dann habe ich doch das Bed\u00fcrfnis zu sagen: Ich aber kaufe Euch das nun gerade nicht ab. Ihr seid keine K\u00e4mpfer f\u00fcr Freiheit und Gerechtigkeit, Ihr seid in Wahrheit geistig und seelisch schwer deformierte Menschen. Ihr seid getrieben von Gier. Ihr seid krank. Ich kann nicht verhindern, dass ich von solchen Figuren wie Euch regiert werde, aber ich kann doch sagen, was ich von Euch halte. Die Freiheit, die ihr meint, ist pervers; sie stinkt. Sie ist ein Ersatz f\u00fcr echte Freiheit. Ich erkenne deutlich Eure Sprache und Eure Logik. Ihr redet wie einer, der gerade beim Inzest erwischt wurde. Eure Sprache ist obsz\u00f6n und Eure Logik ist verwirrt. Und ich habe nicht die mindeste Absicht, mich bei Euch daf\u00fcr zu bedanken, dass ich all das sagen darf. Das darf ich n\u00e4mlich nur deshalb, weil in ein paar Wochen aus dem f\u00fcr die Medien willkommenen Skandal Schnee von gestern geworden ist. <\/p>\n<p>Ich denke daran, dass im vergangenen Jahr m\u00e4nnliche und weibliche Jugendliche einer Berufsschulklasse in Hildesheim einen Mitsch\u00fcler monatelang qu\u00e4lten, erniedrigten und sexuell dem\u00fctigten, dies filmten und das Material ins Internet stellten. In Deutschland sch\u00fcttelte man den Kopf. Wieder einmal wurden die Arbeitslosigkeit eines gro\u00dfen Teils der deutschen Bev\u00f6lkerung und der Konsum von Horrorfilmen als Begr\u00fcndung f\u00fcr die Gewaltt\u00e4tigkeit junger Menschen herangezogen. Diese Sch\u00fcler k\u00f6nnen sich auf keine Befehle berufen, sie haben aus eigenem Antrieb dasselbe getan, wie die von der Idee der Freiheit beseelten Besatzer im Irak. Sie offenbarten haargenau dieselben Perversionen. Niemand hat die Frage artikuliert, wie es m\u00f6glich wurde, dass so junge Menschen so vollst\u00e4ndig abgetrennt sind von ihren Emotionen, woher der starke Wunsch stammt, andere zu qu\u00e4len. Machen materielle Probleme sadistisch? Oder gibt es ein Gen f\u00fcr Sadismus? Das k\u00f6nnen nur sehr beschr\u00e4nkte Menschen glauben. Es ist zutreffend, dass die soziale Misere, in die gerade in Deutschland immer mehr Menschen wie in einen Strudel hineingerissen werden, bereits vorhandene Deformationen und Besch\u00e4digungen verst\u00e4rken oder aufbrechen lassen kann. Nur erzeugen kann die um sich greifende Verelendung diese Deformationen nicht. <br \/>\nWenn eine Soldatin den Befehl oder die Anregung erh\u00e4lt, mit mehreren M\u00e4nnern zu verkehren, diverse sexuelle Praktiken in Anwendung zu bringen und Kriegsgefangene dabei zusehen m\u00fcssen, wird ihr dies schon einen gewissen Kick gegeben haben. Denn sonst h\u00e4tte sie es einfach nicht gemacht. Wenn sie Erinnerungsbilder verschiedener perverser Aktionen, an denen sie beteiligt war, gestattet und aufbewahrt, wird dieses Vergn\u00fcgen f\u00fcr sie eine ma\u00dfgebliche Bedeutung haben. (Aber ich verga\u00df, diese Bilder dienten ja lediglich dem Zweck, andere H\u00e4ftlinge zu erschrecken.) Auch Angeh\u00f6rige von Geheimdiensten, die verschiedene Foltermethoden entwickeln, sind ja frei in der Auswahl. Sie h\u00e4tten sich ebenso gut etwas anderes ausdenken k\u00f6nnen. <br \/>\nDie Tatsache, dass Muslime kulturell bedingt eine sehr andere Vorstellung von K\u00f6rperlichkeit und Sexualit\u00e4t vertreten, mag in diesem Zusammenhang einen gewissen zus\u00e4tzlichen Reiz abgegeben haben. Die Lust an der Besch\u00e4mung des Unterlegenen, des Opfers spielt ja beim Sadismus eine gro\u00dfe Rolle. Fr\u00fch erfahrene Dem\u00fctigungen sind ein bohrender Schmerz, der lange unbemerkt, v\u00f6llig abgespalten in einem Menschen gleichsam \u00fcberwintern kann. Er muss sich nicht einmal in sexuellen Zwangsvorstellungen artikulieren. Die Angst vor diesem Gef\u00fchl ist kaum zu ertragen, es sei denn, man gibt die Dem\u00fctigung an andere weitere, sobald eine Gelegenheit entsteht, den tiefen, inbr\u00fcnstigen Wunsch nach Vergeltung in die Tat umzusetzen. Das schafft f\u00fcr einen kurzen Augenblick Erleichterung durch ein Gef\u00fchl scheinbarer Lust. <br \/>\nDie islamische Welt hat vor diesem Hintergrund keinen Anlass, eine h\u00f6here Moral f\u00fcr sich zu reklamieren. Die allgegenw\u00e4rtige Folter der Kindesverst\u00fcmmelungen durch Beschneidung ist hinl\u00e4nglich bekannt, Kindesmissbrauch und -misshandlungen ebenfalls. Wenn Muslime \u00fcber die \u201eEhrlosigkeit\u201c der westlichen Gesellschaften die Nase r\u00fcmpfen, m\u00f6chte ich ihnen ihre eigene Heuchelei entgegen halten. Wie stark die islamische Kultur etwa von Homosexualit\u00e4t gepr\u00e4gt ist, obwohl sie diese zutiefst \u00e4chtet, erhellt die algerische Schriftstellerin Assia Djebar in ihrem Roman \u201eWei\u00dfes Algerien\u201c. Sie wird wissen, wovon sie sprach. Ihr Heimatland darf sie nicht besuchen. Im Kern, in ihrem Dilemma, n\u00e4mlich in ihrer Blindheit sich selbst gegen\u00fcber unterscheiden sich die Kulturen nicht sehr voneinander. <\/p>\n<p>Der Untergrund des gesellschaftlichen Systems ist wieder einmal offenbar geworden. Es fragt sich, wie viele Zeichen und Beweise f\u00fcr den individuellen und kollektiven Wiederholungszwang noch erforderlich sind, damit eine Mehrheit der Menschen wom\u00f6glich bereit ist, sich der Aussage dieses Wiederholungszwangs zu stellen. Die Perversion und die P\u00e4dophilie als Massenerscheinung sind hierbei letztlich auch nur ein Symbol, ein Bild f\u00fcr die Tatsache der \u00e4u\u00dfersten Entfernung von sich selbst, einer auf die Spitze getriebenen Selbstentfremdung. Wenn aber eine gro\u00dfe Zahl von Menschen innerhalb eines Gemeinwesens weder die eigene Geschichte noch die eigenen Bed\u00fcrfnisse kennen darf, weil dieses Wissen gro\u00dfe Angst macht, kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht lebensf\u00e4hig sein. Man erkennt dies daran, dass einzelne Funktionen des Systems zunehmend ausfallen, das Gemeinwesen immer weniger Menschen zu binden vermag, weil es ihnen keine Perspektive bieten kann. Dann wird der Leerlauf, in den das System geraten ist, kenntlich. Es gibt keine Fragen mehr und erst recht keine Antworten, denn Menschen, die nicht wissen, was sie brauchen, was notwendig ist f\u00fcr ihr Leben und was nicht, werden kaum auf die Idee kommen, die einfachsten Fragen zu stellen: Wie wollen wir leben? Welche Entscheidung ist zerst\u00f6rerisch, welche produktiv? Es werden in Wahrheit gar keine Entscheidungen mehr getroffen, vielmehr ger\u00e4t das ganze System ins Rotieren, in eine helle Panik. Wer \u00fcber die entsprechende Position verf\u00fcgt, rafft in fliegender Hast, was er raffen kann: Ich will mehr, immer mehr, immer mehr. Ich kann auch gar nicht genug bekommen, denn diese Leere, die mich treibt, ist niemals zu f\u00fcllen, weil ich ja gar nicht wei\u00df, wer ich bin. Den nicht ganz so Privilegierten werden die verschiedensten Vergn\u00fcgungen angeboten. Schau mal, was du alles darfst, du darfst einkaufen, du darfst dich auspeitschen lassen, du darfst nicht nur, du sollst sogar Spa\u00df haben; sieh nur, wie frei du bist, sei also dankbar. Und dann gibt es noch diejenigen, die niemand z\u00e4hlt, die unbeachtet zugrunde gehen, weil sie schon l\u00e4ngst aus jeder Verankerung herausgefallen sind. <br \/>\nJe ausgepr\u00e4gter die Selbstentfremdung, um so notwendiger wird die Produktion k\u00fcnstlicher Bed\u00fcrfnisse und Ersatzbefriedigungen: Wir haben dir nichts zu bieten, also friss eben das, was wir dir vor die F\u00fc\u00dfe werfen. Ein bekanntes Muster. Ersatzbefriedigungen, auch in Form von Ideologien und Religionen, machen aber logischerweise nicht satt. Der Leere kann somit niemand wirklich entkommen. <br \/>\nWenn ein einzelner Mensch kurz vor dem vollst\u00e4ndigen Zusammenbruch steht, dies aber um keinen Preis wahrhaben will, kann es vorkommen, dass er nicht m\u00fcde wird zu behaupten, wie gut es ihm gehe, wie zufrieden er sei, wie lustig sein Leben. Manch einer erscheint in einer Show oder auf einer \u00f6ffentlichen Massenparty und pr\u00e4sentiert stolz seinen \u00fcberall von Ringen, Klammern und Nadeln durchstochenen K\u00f6rper. Oder eine Frau bestellt verschiedene Fernsehsender, die dem geneigten Publikum beweisen sollen, dass sie mit 150 M\u00e4nnern nacheinander kopulieren kann, damit sie eine Eintragung ins Guinessbuch der Rekorde erh\u00e4lt. Oder in einer Talkrunde des Fernsehens werden die G\u00e4ste nicht m\u00fcde zu beschw\u00f6ren, wie froh und dankbar sie sind, die Nation so freim\u00fctig mit ihren zuweilen etwas skurrilen sexuellen Gepflogenheiten unterhalten zu k\u00f6nnen. Realit\u00e4ten sind oftmals schwer zu ertragen. <br \/>\nDasselbe Ph\u00e4nomen ist kennzeichnend f\u00fcr bedr\u00fcckende Phasen des Stillstands einer Gesellschaft: Die Forderung, die Verordnung zum allgemeinem Frohsinn wird genau dann immer lauter, je h\u00f6rbarer es gleichsam im gesellschaftlichen Ger\u00fcst kracht und birst. Je bedrohlicher die Verh\u00e4ltnisse, um so nachdr\u00fccklicher die Versicherung, das Paradies, der denkbar beste aller Zust\u00e4nde sei bereits erreicht. Dann werden noch einmal die letzten Reserven aufgeboten. Dann bl\u00e4hen und plustern sich die politischen F\u00fchrer und religi\u00f6sen Gurus. Wir kommen und bringen Euch die Freiheit, meint dann eigentlich nur noch, wage es ja nicht, anders leben zu wollen als wir. Dann wird mit dem Zeigefinger in der Luft herumgestochen, die Stimme schwillt an, es wird geschimpft und gewettert, umgarnt oder mit Kumpelhaftigkeit verf\u00fchrt, gleichzeitig jagen sich die Drohgeb\u00e4rden und ebenso wahllos wie fieberhaft werden Feindbilder gesucht. Denn die Unm\u00f6glichkeit, der Leere zu entkommen, sch\u00fcrt auch die Wut. <br \/>\nWas bleibt, ist nur noch die allgemeine Gaudi, die manchmal gigantische, doch in Wahrheit verzweifelte Inszenierung des Selbstbetrugs, der Macht, des Krieges, der Folter, des individuellen oder kollektiven Hasses oder auch nur bescheidener der privaten Perversion. Die an ihren \u00e4u\u00dfersten Punkt getriebene Selbstentfremdung wird als Happening inszeniert, die aus einer schrecklichen Verletzung entstandene St\u00f6rung zur Norm erkl\u00e4rt, zum Kult stilisiert. Und wenn doch einmal Zweifel auftauchen? Dann war eben alles gar nicht so gemeint. <\/p>\n<p>\n\u00a9 Thomas Gruner, Juni 2004<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/faq-wie-findet-man-einen-guten-therapeuten\/\">FAQ: Wie findet man<br \/>\neinen guten Therapeuten ?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Alice Miller<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/therapeutenliste\/\">Therapeutenliste<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auflosung-der-folgen-von-kindesmisshandlungen\/\">Aufl\u00f6sung der Folgen von Kindesmisshandlungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wir-konnen-die-ursachen-fur-unser-leiden-finden\/\">Wir k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr unser Leiden finden<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/aus-dem-gefangnis-der-schuldgefuhle\/\">Aus dem Gef\u00e4ngnis der Schuldgef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-fall-jessica\/\">Der Fall Jessica<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-blanke-sadismus\/\">Der blanke Sadismus<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-langste-weg\/\">Der l\u00e4ngste Weg<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/was-ist-hass\/\">Was ist Hass?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/emporung-als-vehikel-der-therapie\/\">Emp\u00f6rung als Vehikel der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug\/\">Depression &#8211; 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