{"id":2967,"date":"2004-02-01T13:26:55","date_gmt":"2004-02-01T12:26:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2967"},"modified":"2015-12-02T13:28:22","modified_gmt":"2015-12-02T12:28:22","slug":"auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<p align=\"right\">von <b>Thomas Gruner<\/b><\/p>\n<h1 style=\"padding-top:10px;\">Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker<br \/><span class=\"soustitre\">Sunday 01 February 2004<\/span><\/h1>\n<p>Ich habe keine Erinnerung &#8230; . Ich kann Ihnen nichts \u00fcber das Ghetto erz\u00e4hlen. Ich habe es vergessen &#8211; so als w\u00e4re es nie gewesen.<br \/>\nJurek Becker<\/p>\n<p>&#8222;Sooft ich in der Vergangenheit nach Herkunft und Abstammung gefragt worden bin,&#8220; leitet Jurek Becker seinen Essay Mein Judentum ein, &#8222;habe ich geantwortet: Meine Eltern waren Juden. &#8230; Wenn der Frager mitunter dann konstatierte: Sie sind also Jude, berichtigte ich ihn jedes Mal, indem ich noch einmal meine Formel sagte: Meine Eltern waren Juden. Der Unterschied schien mir irgendwie wichtig zu sein, ohne dass ich ihn jemals zum Gegenstand von Gespr\u00e4chen gemacht h\u00e4tte; ja nicht einmal zum Gegenstand von \u00dcberlegungen &#8230; .&#8220;<br \/>\nIch musste lange dar\u00fcber nachdenken, warum mich diese S\u00e4tze so sehr besch\u00e4ftigten. Ich hatte den Eindruck, als ob sie noch eine tiefer gehende, nicht ausgesprochene Botschaft enthielten: Meine Eltern waren Juden. &#8211; Dann sind Sie also Opfer? &#8211; Nein, meine Eltern waren Opfer.<br \/>\nDie Frage nach der j\u00fcdischen Herkunft eines Menschen ber\u00fchrt die Frage nach der Identit\u00e4t derjenigen, die einmal Opfer von Verfolgung und Brutalit\u00e4t gewesen sind. Wie wird die Biographie der \u00dcberlebenden durch diese Erfahrung gepr\u00e4gt? Ist ein Mensch, der einmal Opfer von Verfolgung und Grausamkeit war, dazu verurteilt, sich immerzu, bis ans Ende seines Lebens als Opfer zu f\u00fchlen? Oder kann er im Gegenteil die Vergangenheit als vergangen von sich abtrennen, ein neues Leben beginnen, so leben, wie Menschen, die niemals bedroht, gequ\u00e4lt und gejagt worden sind, ohne von Erinnerungen und Gef\u00fchlen des Zorns, des Hasses, der Verzweiflung behelligt zu werden? Und was ist mit den Fragen der Kinder der \u00dcberlebenden? Haben diese Kinder ein Recht auf eine Antwort, auch wenn ihre Fragen bei den Eltern schmerzhafte Gef\u00fchle ausl\u00f6sen? Oder m\u00fcssen die Kinder ihre Fragen mit R\u00fccksicht auf das Leid der Eltern verschweigen? Was bedeutet dies aber dann f\u00fcr ihr eigenes Leben?<br \/>\nIn der Biographie Jurek Beckers, der seine fr\u00fche Kindheit im Getto und Konzentrationslager zubringen musste, spielen alle diese Fragen eine wesentliche Rolle und so interessierte es mich, wie er in seinem Leben, aber auch in seinem literarischen Werk mit diesen Fragen umging.<br \/>\nWenn man in den \u00f6ffentlichen autobiographischen \u00c4u\u00dferungen und in der Prosa eines Schriftstellers nach Spuren seiner Kindheitserfahrungen sucht, ist damit weder das Werk als Ganzes noch die Biographie des Schriftstellers gedeutet oder analysiert. Ebenso wenig k\u00f6nnen Reflexionen und Handlungen einer fiktiven Figur mit den Haltungen des Autors gleich gesetzt werden.<br \/>\nMan kann allerdings einen von der herk\u00f6mmlichen Literaturwissenschaft oft vernachl\u00e4ssigten Aspekt des Verh\u00e4ltnisses zwischen Leben und Schreiben aufzeigen und ein Muster sichtbar machen, das f\u00fcr andere Menschen ebenfalls Bedeutung haben k\u00f6nnte. F\u00fcr mich ist das nur m\u00f6glich und auch nur dann interessant, wenn ich mich selbst, meine eigenen Erfahrungen in Beziehung zum Werk und zur Biographie des K\u00fcnstlers bringe. Schlie\u00dflich ist Literatur auch Kommunikation.<br \/>\nWer auf diese Art und Weise versucht, sich mit einem Schriftsteller auseinander zu setzen, der unter der Verfolgung durch die Nazis gelitten hat, sieht sich zumindest in Deutschland sehr schnell dem Vorwurf ausgesetzt, den Holocaust zu verharmlosen. Offenbar f\u00e4llt es vielen Menschen hierzulande schwer, das Leid der Verfolgten an sich heranzulassen. Stattdessen werden bei entsprechender offizieller Gelegenheit Betroffenheitsfloskeln artikuliert oder die Forderung, nun aber endlich, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Ich habe mich gefragt, ob dies daran liegt, dass in den Biographien vieler auch lange nach dem Krieg geborener Menschen, deren Eltern nicht an Verbrechen beteiligt waren, die Mentalit\u00e4t des Nationalsozialismus eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, als sie wahrhaben wollen, dass sie also etwas in der eigenen Geschichte nicht sehen m\u00f6chten. Auf diesen Gedanken kam ich, als ich mich mit der Nazi-P\u00e4dagogin Johanna Haarer besch\u00e4ftigte, von deren bis in die achtziger Jahre viel gelesenem Werk sich zumindest meine Mutter bei der &#8222;Aufzucht&#8220; ihrer Kinder stark inspirieren lie\u00df.<\/p>\n<p>Jurek Becker wurde als Kind j\u00fcdischer Eltern vermutlich am 30. September 1937 im polnischen L\u00f3dz geboren. Sein eingetragener Name lautete Jerzy Bekker. Unmittelbar nach dem \u00dcberfall der deutschen Naziarmee auf Polen im September 1939 wird mit ersten Ma\u00dfnahmen der Gettoisierung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung von L\u00f3dz begonnen. Im M\u00e4rz 1940 werden die Bekkers gezwungen, ins Getto zu \u00fcbersiedeln, das Ende April 1940 endg\u00fcltig abgeriegelt wird. Beckers Biograph Sander Gilman berichtet weiter, dass die Familie im Februar 1944 getrennt wurde, der Vater sei im Getto geblieben, Jerzy mit der Mutter in das Frauen- und Kinderlager Ravensbr\u00fcck deportiert worden. Ob das Kind dort bei der Mutter bleiben oder in das vom Frauenlager getrennte Kinderlager gesperrt wurde, lie\u00df sich nicht feststellen. Jurek Becker selbst hat gelegentlich berichtet, er sei in den Lagern alleine, ohne die Mutter gewesen und im Konzentrationslager Sachsenhausen befreit worden. Im Sommer 1944 wird das Getto von L\u00f3dz vollst\u00e4ndig ger\u00e4umt, der Vater nach Auschwitz deportiert. Jerzy und seine Mutter werden laut Gilman&#8217;s Version Ende April 1945 befreit und in das (nun ehemalige) Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt. Dort stirbt die Mutter, Anette Bekker, am 2. Juni 1945 an den Folgen der Unterern\u00e4hrung. Der Vater, Mieczyslaw, \u00fcberlebte und findet den Sohn mit Hilfe einer Suchorganisation wieder. Bis zum Jahresende 1946 muss das Kind in Krankenh\u00e4usern behandelt werden. Vater und Sohn lassen sich dann als Max und Georg Becker in Berlin-Ost nieder.<br \/>\nMehr als diese sp\u00e4rlichen Informationen gibt es nicht \u00fcber die fr\u00fche Kindheit des Schriftstellers. Aber auch diese wenigen Fakten werfen Fragen auf. Im September 1942 wurden neben alten und kranken Menschen auch alle Kinder unter zehn Jahren aus dem Getto von L\u00f3dz nach Chelmno (Kulmhof) deportiert und dort ermordet. In diesem Zusammenhang nennen historische Quellen eine Zahl von bis zu 20.000 Menschen. Wie konnte das Kind Jerzy dieser Aktion entgehen? Was hat der kleine Junge im Getto und sp\u00e4ter im Lager in einem Klima von Angst und Bedrohung gef\u00fchlt und gesehen; wie hat er seine Eltern erlebt, die doch f\u00fcrchten mussten, ihn nicht wirklich sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen? War die Verfolgung Normalit\u00e4t f\u00fcr ein Kind, das bereits im Alter von zwei Jahren ins Getto kam? Diese Fragen stellten sich mir spontan, als ich im Internet \u00fcber das Getto von L\u00f3dz recherchierte und mich mit dem umfassenden Bildmaterial besch\u00e4ftigte, das die verheerenden Zust\u00e4nde dort dokumentiert. Krankheiten und Hunger forderten zahlreiche Opfer; die Aktion im September 1942 war, wie Zeitzeugen berichten, ein einschneidender, alle Insassen des Gettos in Panik versetzender Vorgang. Die Erwachsenen m\u00f6gen versucht haben, den Jungen liebevoll von den Ereignissen abzulenken. Ein Kind wird den Worten der Erwachsenen glauben, aber der K\u00f6rper registriert die Realit\u00e4t und speichert die Wahrheit, auch wenn das Kind die Vorg\u00e4nge um sich herum nicht begreifen kann.<br \/>\nDer Schriftsteller selbst hatte keinerlei bewusste Erinnerungen an diese Zeit seines Lebens.<\/p>\n<p>Die Last der Verdr\u00e4ngung oder Wo bleibt die verlorene Geschichte des bedrohten Kindes?<\/p>\n<p>Im Jahre 1989 gab es in Wien eine Ausstellung \u00fcber das Getto von L\u00f3dz. F\u00fcr den Ausstellungskatalog verfasste Jurek Becker einen Text: Die unsichtbare Stadt. Er schreibt:<br \/>\n&#8222;Als ich zwei Jahre alt war, kam ich in dieses Getto, mit f\u00fcnf verlie\u00df ich es wieder in Richtung Lager. Ich kann mich an nichts erinnern. So hat man es mir erz\u00e4hlt, so steht es in meinen Papieren, so war folglich meine Kindheit. &#8230; Jedenfalls kenne ich das Getto nur vom d\u00fcrftigen H\u00f6rensagen.&#8220;<br \/>\nBeckers bewusste Erinnerungen setzen erst ein, als der Vater das Kind in Sachsenhausen ausfindig macht. Der kleine Junge, so Gilman, ist v\u00f6llig ausgemergelt, seine Haare sind wei\u00df geworden. F\u00fcnf Jahre lang war das Kind systematischen Anschl\u00e4gen auf sein Leben ausgesetzt, allein durch die Tatsache, dass ihm eine hinreichende Ern\u00e4hrung verweigert wurde. Es hatte sicher keinen Zugang zu all den Dingen, die f\u00fcr andere Kinder normal sind. Dies alles ist ihm v\u00f6llig grundlos geschehen bzw. einzig deshalb, weil der kleine Jerzy ein j\u00fcdisches Kind war. So war er wom\u00f6glich nicht nur sehr fr\u00fch in seinem Leben Zeuge von Grausamkeiten, sondern auch v\u00f6llig sinnlosen und unverst\u00e4ndlichen Erfahrungen ausgesetzt. Schon f\u00fcr einen erwachsenen Menschen ist es kaum zu begreifen, dass er verfolgt wurde, nur weil er so ist wie er ist, weil er Jude ist zum Beispiel. Man kann sicher die Beweggr\u00fcnde der Verfolger analysieren, man kann unter anderem zeigen, dass sie getrieben wurden von einem Hass, der sehr fr\u00fch in sie hineingestopft wurde. Dem Opfer der Verfolgung bleibt aber die Erfahrung der Sinnlosigkeit, es bleiben viele Fragen nach dem &#8222;Warum&#8220;. Vor allem aber bleibt der Hass am Verfolgten kleben, auch dann noch, wenn die Verfolgung l\u00e4ngst vergangen ist. Eine rationale Erkl\u00e4rung des Hasses macht da nichts besser.<br \/>\nEs ist eine landl\u00e4ufige Meinung, dass es eine Wohltat sei, wenn man den Schrecken vergangener Ereignisse, die nun einmal nicht mehr zu ver\u00e4ndern sind, vergessen k\u00f6nne. Es sei gut, so hei\u00dft es oft, wenn man das Vergangene ruhen lasse. Noch besser sei es, nach vorne zu schauen, denn schlie\u00dflich lebe man im Hier und Jetzt. Man k\u00f6nnte glauben, dass Jurek Becker Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck hatte, indem er sich an die fr\u00fchen Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern konnte. Er selbst schreibt in Mein Judentum:<br \/>\n&#8222;Zum ersten muss der eigenartig sp\u00e4te Beginn meiner Erinnerungen nat\u00fcrlich etwas mit Verdr\u00e4ngung zu tun haben. Ein Schutzmechanismus, dessen Vorhandensein wohl ein Gl\u00fcck ist, k\u00f6nnte mich von einer schlimmen Zeit trennen und so in gewisser Weise vor ihr bewahren.&#8220;<br \/>\nAuf den ersten Blick scheint die Biographie des Schriftstellers diese Annahme zu best\u00e4tigen. Becker heiratet zwei Mal, er hat drei S\u00f6hne und wird ein national wie international beachteter Autor bekannter Romane, der sich den gesellschaftlichen Konflikten seiner Zeit stellt. Jedoch zeigt sich, dass die Vergangenheit nicht ruht, sie treibt Becker immer wieder dazu, nach der versch\u00fctteten Geschichte des kleinen Jerzy zu suchen. Die Verdr\u00e4ngung ist keine M\u00f6glichkeit, der Vergangenheit zu entgehen. Sie kann einen Menschen vor nichts bewahren, denn die Vergangenheit hat, ob man sie erinnert oder nicht, stattgefunden.<br \/>\nJurek Becker beschreibt in Die unsichtbare Stadt seine intensive Reaktion auf die Ausstellung:<br \/>\n&#8222;Ich starre auf die Bilder und suche mir die Augen wund nach dem alles entscheidenden St\u00fcck meines Lebens. Aber nur die verl\u00f6schenden Leben der anderen sind zu erkennen, wozu soll ich von Emp\u00f6rung oder Mitleid reden, ich m\u00f6chte zu ihnen hinabsteigen und finde den Weg nicht.&#8220;<br \/>\nGef\u00fchle und Erfahrungen aus der fr\u00fchen Kindheit, die dem Bewusstsein nicht zug\u00e4nglich sind, k\u00f6nnen in die k\u00fcnstlerische Arbeit eines Menschen einflie\u00dfen und auf diese Weise einen Ausdruck finden. Beckers ber\u00fchmtester Roman Jakob der L\u00fcgner erz\u00e4hlt die Geschichte des Juden Jakob Heym, der im Getto gegen seinen Willen in die Verlegenheit kommt, zu erfinden, dass er ein Radio besitzt. Fortan ist Jakob Heym gezwungen, den anderen Insassen Nachrichten zu erz\u00e4hlen \u00fcber die Fortschritte der Roten Armee, die unweigerlich n\u00e4her r\u00fccke. Damit gibt er den Mutlosen Mut und den Hoffnungslosen wieder Hoffnung. Jurek Becker erz\u00e4hlt Jakobs Geschichte mit leiser Ironie. Er beschreibt, obwohl ihm selbst alle bewussten Erinnerungen an das Getto von L\u00f3dz fehlen, den allt\u00e4glichen Kampf der Menschen um das \u00dcberleben und die Willk\u00fcr, die zahllosen abstrusen Situationen, denen sie ausgesetzt sind, aber auch ihre Hoffnungen und Tr\u00e4ume, ihre Versuche, eine Normalit\u00e4t aufrecht zu erhalten, die es nicht mehr gibt, zu seiner eigenen Verbl\u00fcffung mit gr\u00f6\u00dfter Akribie, so, &#8222;als w\u00e4re ich ein Fachmann&#8220;. Das ist er schlie\u00dflich auch gewesen, denn er hat Jahre im Getto zugebracht und der kleine Jerzy mag die Vorg\u00e4nge und Menschen um sich herum sehr genau beobachtet haben, so dass seine Erlebnisse im Unbewussten immer pr\u00e4sent waren. Es f\u00e4llt aber auf, dass gerade Situationen der t\u00f6dlichen Bedrohung oder des Ausgeliefertseins fast immer in Situationskomik eingebettet sind, was \u00fcbrigens zum sp\u00e4teren Entsetzen des Vaters das ausdr\u00fcckliche Bed\u00fcrfnis des Schriftstellers gewesen ist. Ich bekam beim Lesen des Romans den Eindruck, als ob die nat\u00fcrlichen Reaktionen der Angst, der Verzweiflung, der Ohnmacht, der Wut mit Hilfe der Ironie und der Komik in Schach gehalten werden sollen. Die Erlebnisse des kleinen Jerzy d\u00fcrfen in eine Fabel einflie\u00dfen, jedoch befreit von den Gef\u00fchlen, die zu ihnen geh\u00f6ren. Diese Gef\u00fchle tauchten dann aber bei mir als Leser auf, insbesondere das Gef\u00fchl der Beklemmung und der Ausweglosigkeit, gerade weil Becker sich auf die allt\u00e4glichen Gedanken und Gef\u00fchle seiner Charaktere konzentriert, mir als Leser aber die historischen Fakten und das Ausma\u00df der Brutalit\u00e4t bekannt sind. Ob etwas in dem Schriftsteller auf diese Art und Weise die authentischen Gef\u00fchle des kleinen Jerzy vermitteln wollte? Es mag sein, dass ich mit dieser Reaktion auf den Roman eine Ausnahme darstelle. Bezeichnenderweise wurde das Buch von der Kritik gerade wegen seiner Ironie sehr gelobt, als ob die Kritiker dem Autor dankbar gewesen w\u00e4ren, dass er sie mit seinen wahren Gef\u00fchlen und der Realit\u00e4t verschonte.<br \/>\nDer Roman hat zwei Ausg\u00e4nge, einen erw\u00fcnschten (die Rote Armee befreit das Getto) und einen realistischen: Das Getto wird ger\u00e4umt und die Insassen werden auf den Transport geschickt. Das Buch kreist um die Frage, ob die Verleugnung, die Illusion angesichts des Schreckens der Konfrontation mit der Wahrheit vorzuziehen sei. Jakob scheint es tats\u00e4chlich zu gelingen, die Insassen des Gettos zun\u00e4chst von ihrer Lethargie zu befreien. Als er seinem Freund Kowalski gesteht, dass er in Wahrheit kein Radio besitzt und seine guten Nachrichten erfunden sind, bringt dieser sich um. Sind die Illusionen also lebensnotwendig? Beide Varianten des Romanendes scheinen dem zu widersprechen, denn auch in der erw\u00fcnschten kommt Jakob Heym ums Leben. Durch keine Illusion kann die Realit\u00e4t entmachtet, aufgehoben oder ver\u00e4ndert werden. Dieser Aspekt taucht noch einmal auf einer anderen Ebene auf.<br \/>\nJakob versteckt das Waisenkind Lina, das der Deportation entgehen konnte. Wenn er abends von der Zwangsarbeit zur\u00fcck kommt, erz\u00e4hlt er ihr viele erfundene Geschichten von seiner Arbeit, dem Verbleib ihrer Eltern, aber auch \u00fcber die Zukunft. Er macht dies zum Besten des Kindes, um es vor einer grausamen Realit\u00e4t zu sch\u00fctzen, vielleicht auch, weil er wei\u00df, dass er sie nicht sch\u00fctzen kann. Lina begibt sich auf die Suche nach dem Radio und findet eine Lampe, die sie f\u00fcr das Radio h\u00e4lt. F\u00fcr mich ist diese Szene ein Bild f\u00fcr das um seine Kindheit betrogene Kind, dem noch das Normalste verweigert wurde. Vermutlich werden das viele Leser \u00e4hnlich empfinden. Aber das Kind wird auch um die Wahrheit betrogen, die doch \u00fcberall deutlich zu sehen sein muss: W\u00e4hrend die Erwachsenen liebevoll mit dem Kind umgehen und ihm sch\u00f6ne erfundene Geschichten erz\u00e4hlen, verhungern drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe die Menschen und die Nachbarn werden zur Deportation abgeholt. Dies wird im Roman nur sehr schonungsvoll angedeutet. In der Welt jenseits der Romane m\u00fcssen diese Widerspr\u00fcche in einem Kind Fragen erzeugen, die auch der Erwachsene, so er \u00fcberleben konnte, ein Leben lang mit sich herumtragen kann und auf die er wom\u00f6glich dringend eine Antwort braucht.<br \/>\nIn Jakob der L\u00fcgner hat Jurek Becker &#8222;die unsichtbare Stadt&#8220; seiner Kindheit sichtbar gemacht und zugleich ihr Innenleben, n\u00e4mlich den Schrecken und den Terror, durch den ironischen, sogenannt tragik-komischen Tonfall verh\u00fcllt. Doch geht es im Leben des Schriftstellers nicht nur um eine &#8222;unsichtbare Stadt&#8220;, es geht auch um ein Kind, das vielleicht nie sichtbar werden, sich niemals zeigen durfte.<br \/>\nIn der Erz\u00e4hlung Die Mauer berichtet ein f\u00fcnfj\u00e4hriger Junge, der bezeichnenderweise namenlos bleibt, von seinem Leben im Getto. Hier ist Becker vielleicht den Erfahrungen des kleinen Jerzy am n\u00e4chsten. Eines Tages wird die Stra\u00dfe, in der der Junge mit seinen Eltern lebt, ger\u00e4umt; die Menschen werden in einen durch eine Mauer abgeriegelten Teil des Gettos gepfercht, wo sie auf die Deportation warten m\u00fcssen. In einer Nacht klettert der Junge mit seinem Freund Julian \u00fcber die Mauer; die Kinder wollen in der ger\u00e4umten Stra\u00dfe etwas Bedeutungsvolles, etwas Notwendiges finden, beispielsweise den Stoffball des kleinen Erz\u00e4hlers. Den finden sie nicht, daf\u00fcr ein Fernglas und eine Taschenlampe. Auf dem R\u00fcckweg werden sie von einem deutschen Soldaten erwischt, der ihnen allerdings nichts antut, sondern ihnen \u00fcber die Mauer hilft.<br \/>\nDiese Erz\u00e4hlung hat sehr irreale Z\u00fcge, doch bringt sie etwas sehr Reales zum Ausdruck. Der kleine j\u00fcdische Junge ohne Namen kann nicht verstehen, was um ihn herum vor sich geht. F\u00fcr ihn scheint das Leben unter der st\u00e4ndigen Bedrohung zur Normalit\u00e4t geworden zu sein, weil er vermutlich nichts anderes kennt. Dennoch hat dieses Kind viele Fragen, wie das M\u00e4dchen Lina, \u00fcber das Jakob dem fiktiven sp\u00e4teren Erz\u00e4hler seiner Geschichte im Viehwagon sagt, er, der Erz\u00e4hler, k\u00f6nne sich nicht vorstellen, &#8222;was f\u00fcr Fragen dieses Kind stellen kann&#8220;. Lina macht sich auf dem Transport ins Lager Gedanken \u00fcber die &#8222;Zusammensetzung der Wolken&#8220;, der kleine Junge in Die Mauer fragt immer wieder sich selbst und die Eltern nach der Bedeutung der Ereignisse. Er kann nicht aufh\u00f6ren nach einer Erkl\u00e4rung zu suchen, ganz offenbar will er unbedingt wissen und verstehen. Nicht nur die Suche nach etwas Wichtigem, das einem einmal geh\u00f6rte und das man verloren hat, die vielen Fragen des Kindes sind ein wesentlicher Bestandteil der Erz\u00e4hlung. Auf seine Fragen bekommt der Junge niemals eine Antwort: &#8222;frag nicht&#8220;, &#8222;frag nicht, was dahintersteckt&#8220;, hei\u00dft es immer wieder. Aber das Kind muss weiter seine Fragen stellen. Die Erz\u00e4hlung endet mit einer L\u00fcge, einer gut gemeinten T\u00e4uschung des Jungen durch den Vater und beginnt mit den existentiellen Fragen dieses Kindes:<br \/>\nIch frage: &#8222;Was geschieht mit mir, wenn sie mich fangen?&#8220; Der Vater antwortet: &#8222;Es ist besser, du erf\u00e4hrst das nicht.&#8220; Ich sage: &#8222;Sag doch, was geschieht mir dann?&#8220; Er macht nur eine unbestimmte Handbewegung und will sich nicht mehr mit mir unterhalten. Einmal sage ich: &#8222;Wer ist es \u00fcberhaupt, der die Kinder wegf\u00e4ngt?&#8220; Er fragt: &#8222;Wozu musst du das auch noch wissen?&#8220; Ich sage: &#8222;Es sind die deutschen Soldaten.&#8220; Er fragt: &#8222;Die Deutschen, die eigene Polizei, was ist das f\u00fcr ein Unterschied, wenn sie dich fangen?&#8220; Ich sage: &#8222;Mit uns spielt jeden Tag ein Junge, der wohnt viele Stra\u00dfen weit. Er fragt mich: L\u00fcgt dein Vater?&#8220; Ich bin f\u00fcnf Jahre alt und kann nicht still sein. Die Worte springen mir aus dem Mund heraus, ich kann ihn nicht geschlossen halten, ich habe es versucht. Sie sto\u00dfen von innen gegen die Backen, sie vermehren sich rasend schnell und tun weh im Mund, bis ich den K\u00e4fig \u00f6ffne. &#8222;Dieses Kind&#8220;, sagt meine Mutter, die kein Gesicht mehr hat, die nur noch eine Stimme hat, &#8222;h\u00f6r sich einer nur dieses Kind an, dieses verr\u00fcckte.&#8220;<br \/>\nIch kann mir vorstellen, dass hier auch die dringenden Fragen des kleinen Jerzy, warum man und wer ihm etwas antun will, \u00fcber den Grund der Trennung der Familie, dar\u00fcber, was als n\u00e4chstes geschehen wird, ihren Ausdruck gefunden haben. Die in das Kind zur\u00fcck gedr\u00e4ngten Fragen haben gewisserma\u00dfen \u00fcberwintert, sie sind immer wieder aufgetaucht und forderten eine Antwort, die Becker niemals finden konnte. Das Fragen der Kinder und das (wohlmeinende) L\u00fcgen der Erwachsenen sind zentrale Themen in diesen Werken Jurek Beckers. Die verschollene Vergangenheit des Kindes wurde zu einer Last, weil sie nicht ins Bewusstsein gehoben werden konnte:<br \/>\n&#8222;Ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als w\u00e4rst du verurteilt, st\u00e4ndig eine Kiste mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst. Und je \u00e4lter du wirst, um so schwerer kommt sie dir vor, und um so ungeduldiger wirst du, das Ding endlich zu \u00f6ffnen.&#8220; (Die unsichtbare Stadt)<\/p>\n<p>Der verschwiegene Terror und die Fragen der Kinder von \u00dcberlebenden<\/p>\n<p>Ein Kind, das (sei es von den Nazis oder den eigenen Eltern) gejagt wird, hat keine Wahl: Der kindliche K\u00f6rper muss die Gef\u00fchle wie etwa die Angst unterdr\u00fccken und abstellen. Dies sichert zun\u00e4chst das physische \u00dcberleben des Kindes in einer Welt des Terrors. Je bedrohlicher die Situation, um so wahrscheinlicher ist es, dass sie verdr\u00e4ngt oder sogar vollst\u00e4ndig aus der Erinnerung gel\u00f6scht wird. Vermutlich ist es nicht die Mehrheit der Menschen, die sich als Erwachsene auf den beschwerlichen Weg machen und ihre kindliche Realit\u00e4t suchen. Das Bed\u00fcrfnis, zu wissen, wer man ist, wie man der geworden ist, der man ist, scheint nicht sehr verbreitet zu sein. In unserer Kultur des Entertainments ist die Frage &#8222;warum&#8220; verp\u00f6nt; wer zu viel fragt, gilt als Spa\u00dfverderber und macht sich unbeliebt. Vor allem m\u00fcssen auf der Suche nach der eigenen Geschichte H\u00fcrden \u00fcberwunden werden: Als ich herausfinden wollte, wie meine Kindheit wirklich gewesen ist, war ich immer wieder mit Gef\u00fchlen der Schuld und des Mitleids gegen\u00fcber meinen Eltern konfrontiert, obwohl ich bereits erste eindeutige Erinnerungen an den Schrecken meiner Kindheit und die Grausamkeit meiner Eltern hatte. Ich wehrte mich lange gegen diese Gef\u00fchle und wollte sie nicht akzeptieren. Wie konnte ich Mitleid mit meiner Mutter haben, die mich so sehr ausgebeutet hatte und damit einen gro\u00dfen Teil meines Lebens zerst\u00f6rte? Warum f\u00fchlte ich mich schuldig, denn ich hatte schlie\u00dflich keine Verbrechen begangen? Ich f\u00fchlte mich gefangen, wie in einer Falle, aus der ich erst herauskam, als ich diese Gef\u00fchle zulassen und aus der Sicht des Kindes verstehen konnte. Da war ich in der Lage zu sehen, mit welchen perfiden Manipulationen meine Mutter mir das Mitleid und die Schuld aufgezwungen hatte.<br \/>\nJurek Becker wollte wissen, was geschehen war. Der Vater verf\u00fcgte \u00fcber alle Informationen, die der Sohn brauchte. Er hat sie ihm jedoch niemals gegeben. Offenbar lie\u00df er ihn auch im unklaren \u00fcber sein tats\u00e4chliches Geburtsdatum, denn es wird immer wieder vermutet, dass die Eltern das Kind auf dem Papier \u00e4lter gemacht haben. Wenn es mir schon unglaublich schwer gefallen ist, meine Eltern, die mir tats\u00e4chlich viel Leid zugef\u00fcgt haben, nicht mehr verstehen zu wollen und sie in einem schonungslosen Licht zu sehen, wie schwer muss es f\u00fcr das Kind eines \u00dcberlebenden der Verfolgung sein, den Vater in Frage zu stellen und auf seinem Recht auf eine Antwort zu beharren. Ich kann mir vorstellen, dass hier das Mitgef\u00fchl f\u00fcr den Vater die Suche nach der Wahrheit immer wieder blockiert. Musste der Sohn den Vater, der immerhin in Auschwitz gewesen war, nicht schonen, durfte er dessen schreckliche Erinnerungen anr\u00fchren? Handelte der Vater nicht in der besten Absicht, dem Kind zu einem einigerma\u00dfen normalen Leben zu verhelfen, indem er es geradezu systematisch von der Vergangenheit ablenkte? Becker schreibt:<br \/>\n&#8222;Mein Vater vermied es von Anfang an und sehr konsequent, das Gespr\u00e4ch mit mir auf die Vergangenheit zu bringen. Niemals habe ich erfahren, welche Absicht er mit dieser Verschwiegenheit verfolgte: ob er selbst Ruhe vor den vergangenen Jahren finden wollte, ob seine Gr\u00fcnde also pers\u00f6nliche waren, oder ob er diese Zeit von mir fern halten wollte. Doch welches der beiden Ziele er sich auch gestellt haben mag &#8211; er hat es nicht erreicht.&#8220; (Mein Judentum)<br \/>\nDie Fragen des Kindes lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Jurek Becker macht in seinen \u00f6ffentlichen Aussagen immer wieder deutlich, wie sehr er sich Informationen vom Vater w\u00fcnschte. Der gerettete Junge will sehr viel wissen, es ist naheliegend, dass der Sohn vom Vater etwas \u00fcber die Zeit im Getto, \u00fcber die Mutter, aber auch von dessen Erlebnissen in Auschwitz erfahren wollte. Doch Max Becker schweigt, er spricht mit seinem Sohn offenbar auch nicht \u00fcber die Mutter, er erz\u00e4hlt ihm nur, sie sei sch\u00f6n gewesen. Sp\u00e4ter will Jurek Becker wissen, warum der Vater sich mit ihm ausgerechnet unter den Deutschen in Ost-Berlin niedergelassen habe und nicht in Polen. Doch &#8222;er schwieg sich aus&#8220;, berichtet der Schriftsteller, &#8222;er verdrehte die Augen und lie\u00df mich stehen, als k\u00f6nne er nur so meine Fragen abwehren &#8230; .&#8220; Dann beschreibt er sehr anschaulich die Fehlkommunikation zwischen Vater und Sohn:<br \/>\nEinmal, ein einziges Mal nur, lie\u00df er sich zu einer Antwort herab, wenn auch zu einer ziemlich d\u00fcrren, es war Mitte der f\u00fcnfziger Jahre. Er lag wegen eines Magengeschw\u00fcrs im Bett, und ich sa\u00df stundenlang in seinem Zimmer &#8230; Ich sagte zu meinem Vater, er sei mir noch eine Antwort schuldig, und er sagte: &#8222;Geht das schon wieder los?&#8220; &#8230; und er sagte, es g\u00e4be nichts schlimmeres bei Magengeschw\u00fcren als Aufregung. Aber ich lie\u00df mich nicht so leicht absch\u00fctteln, diesmal nicht, es kam mir wie ein letzter Versuch vor. Ich sagte, er k\u00f6nne mich spielend loswerden, er m\u00fcsse nur eines daf\u00fcr tun: Mir endlich verraten, warum er nach dem Krieg nicht mehr in Polen leben wollte. Er sah mich ungl\u00fccklich an, wie man Qu\u00e4lgeister ansieht, vor denen es kein Entrinnen gibt. Dann sagte er leise: &#8222;Das kannst du dir wirklich nicht selbst beantworten?&#8220; Und er seufzte \u00fcber so viel Unverstand und sagte: &#8222;Haben die polnischen Antisemiten den Krieg verloren oder die deutschen?&#8220; Dann drehte er sich auf den R\u00fccken, als w\u00e4re alles gesagt, und er schloss die Augen, als h\u00e4tte ihn die Auskunft bis zum \u00c4u\u00dfersten ersch\u00f6pft. (Mein Vater, die Deutschen und ich)<br \/>\nEs ist der Vater, der seine Vergangenheit nicht verkraften kann und, da er sie nicht zu l\u00f6schen vermag, vor ihren massiven Folgen und Auswirkungen am liebsten fliehen m\u00f6chte. Als sich Mieczyslaw Bekker nach dem Krieg mit seinem Sohn in Ost-Berlin als Max und Georg Becker offiziell eintragen l\u00e4sst, macht er sich um genau die Jahre j\u00fcnger, die er gezwungen war, in Getto und Lager zu verbringen. Das Schicksal Max Beckers zeigt deutlich, dass die Treibjagd, der ein Mensch einmal ausgesetzt war, sein Leben auf Dauer ruinieren kann. Ein Mann \u00fcberlebt Auschwitz und muss erfahren, dass nicht nur seine gesamte Verwandtschaft, sondern auch seine Frau tot ist. Das Leben vor dem Krieg kann nicht einfach wieder aufgenommen werden, die Verfolgung hat dieses fr\u00fchere Leben zerst\u00f6rt. In Polen kann dieser Mann nicht bleiben, denn die polnischen Antisemiten haben als gute katholische Christen nichts besseres zu tun, als Pogrome gegen die j\u00fcdischen \u00dcberlebenden der Konzentrationslager zu veranstalten (Pogrom von Kielce 1946). Eine Auswanderung ins damalige Pal\u00e4stina bietet sich nicht an, da dieser Mann sich immer so f\u00fchlte, als h\u00e4tten ihn erst die Nazis zu einem Juden gemacht. F\u00fcr diese Menschen hat man damals einen schrecklich wahren Begriff gefunden: &#8222;displaced persons&#8220;. Wo soll er hingehen? Der Mann findet seinen Sohn in der Krankenbaracke eines ehemaligen deutschen Konzentrationslagers und bleibt mit dem Kind im Land der M\u00f6rder. Er f\u00e4ngt an, zu trinken. Es gibt Erfahrungen, die einen Menschen gewisserma\u00dfen aus der Welt fallen lassen, die nicht einfach so akzeptiert, angenommen und schon gar nicht \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Sie bleiben eine offene, schmerzhafte Wunde. Die Erfahrung des von au\u00dfen ruinierten Lebens, zerst\u00f6rter Pl\u00e4ne und Hoffnungen geh\u00f6rt in meinen Augen in jedem Fall dazu.<br \/>\nOb sich ein \u00dcberlebender mit der Zeit der Verfolgung konfrontiert, ist seine freie Entscheidung. Jeder Mensch hat das Recht, den Qualen der Vergangenheit auszuweichen. Allerdings kann dies schwerwiegende Folgen f\u00fcr die Kinder haben. Der Sohn wird nicht nur mit seinen Fragen alleine gelassen, vor allem verwehrt ihm Max Becker, auch wenn er dies bewusst nicht beabsichtigt haben mag, durch sein Schweigen den Zugang zu seiner eigenen Geschichte als Kind und zu seiner Identit\u00e4t.<br \/>\nMax Becker legt gro\u00dfen Wert darauf, dass sein Sohn so schnell wie m\u00f6glich die deutsche Sprache beherrscht, um in der neuen Gesellschaft zurecht zu kommen und nicht als Fremder, als \u00fcberlebender Jude aufzufallen:<br \/>\n&#8222;Als ich acht Jahre alt war, h\u00f6rte mein Vater, der letzte nach dem Krieg mir verbliebene Verwandte, von einem Tag zum n\u00e4chsten auf, mit mir polnisch zu sprechen; seine Absicht war die beste, er vermutete, dass mir gar nichts anderes \u00fcbrig bleiben w\u00fcrde, als im Handumdrehen Deutsch zu lernen. Was er nicht bedacht hat, war, dass ich das Polnische viel schneller verga\u00df, als ich die neue Sprache lernte. So musste ich einige Zeit buchst\u00e4blich sprachlos leben.&#8220;<br \/>\nBecker beschreibt in seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung ohne jede Spur eines Vorwurfs die M\u00fchen des Vaters, damit der Sohn die deutsche Sprache erlernt. Jedoch musste der Junge, der nun Georg hei\u00dft, einige Zeit ohne Sprache leben, vor allem ohne Sprache f\u00fcr seine Gef\u00fchle, Erlebnisse und Fragen. Jurek Becker vermutet in einem Gespr\u00e4ch mit dem Publizisten G\u00fcnter Gaus, dass &#8222;mit diesem Vergessen [der polnischen Sprache] auch die meisten Informationen gel\u00f6scht worden&#8220; seien, &#8222;die in dieser Sprache gespeichert waren&#8220;. Ich meine, dass diese Informationen im Unbewussten sehr wohl weiter lebten, denn die Fragen des Kindes Jerzy, des Kindes Georg lassen dem Schriftsteller ein Leben lang keine Ruhe. Jurek Becker h\u00e4tte, ganz unabh\u00e4ngig davon, dass der Vater den eigenen schmerzhaften Gef\u00fchlen ausweichen wollte, ein Recht auf Antworten gehabt. Die Fragen und die Bed\u00fcrfnisse eines Kindes k\u00f6nnen zwar unterdr\u00fcckt, jedoch nicht zum Verschwinden gebracht werden. Muss dies nicht, habe ich mich gefragt, in dem Kind wie sp\u00e4ter im erwachsenen Mann eine starke, auch berechtigte Wut auf den Vater hinterlassen haben? Und war es Jurek Becker vielleicht von Innen heraus nicht m\u00f6glich, diese Wut zu artikulieren, weil er viele Jahre Zeuge der Hilflosigkeit und der Not seines Vater war, weil dieser Opfer der Massenbrutalit\u00e4t gewesen ist? Der Schriftsteller hat meines Wissens in der \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber nicht gesprochen, einmal hat er allerdings etwas sehr Bezeichnendes formuliert:<br \/>\nDie Schwierigkeit eines Dialogs mit meinem Vater erwuchs auch daraus, dass ich ein Monstrum war. Verstehen sie es bitte nicht als \u00dcberheblichkeit, wenn ich sage, dass mein Vater, der ein einfacher Mann war, M\u00fche hatte, mir gewachsen zu sein. In seinen Augen war ich ein Mittelding zwischen Intelligenzbestie und Kindskopf.<br \/>\nDas intelligente, hartn\u00e4ckige Kind mit seinem starken Bed\u00fcrfnis nach Antworten musste in den Augen des Vaters, der vergessen wollte, eine Art Monster sein und Angst vor seinen eigenen, so lebensnotwendigen Fragen bekommen. Es kann sein, dass ein Mensch sich die l\u00e4ngste Zeit seines Lebens mit den Augen der Eltern wahrnimmt, sich von diesem Blick nicht befreien kann. Aber auch die seit der Kindheit aufgestaute, berechtigte Wut erscheint in vielen Biographien unter Umst\u00e4nden wie ein Fremdk\u00f6rper, ein Auswuchs, sofern sie nicht zugelassen und aus der Sicht des Kindes verstanden wird.<br \/>\nMax Becker stirbt Anfang der siebziger Jahre. Sein Sohn schreibt den Roman Der Boxer, in dem er die Geschichte des \u00fcberlebenden Juden Aron Blank erz\u00e4hlt, der sich als Arno Blank in Ost-Berlin niederl\u00e4sst und eines seiner Kinder, Mark, wiederfindet. Arno unternimmt alles Erdenkliche, um seinem Sohn zu erm\u00f6glichen, dass er nicht das Leben eines Opfers f\u00fchren muss. Mark aber verl\u00e4sst als junger Mann die DDR wie den Vater und geht nach Israel, wo er wahrscheinlich als Soldat im Sechs-Tage-Krieg stirbt.<br \/>\nDieser Roman hat viele Facetten, eine davon ist, dass sich Jurek Becker hier stark mit der Person des Arno Blank identifizierte, w\u00e4hrend der Sohn Mark kaum eigenst\u00e4ndig, sondern nur durch die Berichte Arnos sichtbar wird. Ich habe das Buch auch als einen umfassenden Versuch des Schriftstellers gelesen, das Leben und die Motive seines Vaters zu verstehen, als ob er nach dessen Tod noch eine Antwort finden k\u00f6nnte auf die Frage: Warum hast du nie mit mir gesprochen? Dies macht nicht zuletzt auch die Form des Romans sehr deutlich. Ein junger Schriftsteller besucht \u00fcber viele Wochen Arno Blank, um ihm im Verlauf langer Gespr\u00e4che Fragen \u00fcber sein Leben zu stellen und seine Geschichte aufzuschreiben. Mir erschien diese Wahl der Erz\u00e4hlweise wie ein (allerdings vergeblich) nachgeholtes ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit dem Vater, das es nie gegeben hatte:<br \/>\nMan kann wohl sagen, dass das Buch [Der Boxer] etwas mit dem Tod meines Vaters zu tun hat. &#8230; Es war vielleicht der Versuch, mich um ein Verh\u00e4ltnis zu bem\u00fchen, als es f\u00fcr dieses Verh\u00e4ltnis zu sp\u00e4t war.<br \/>\nJurek Becker hat die Geschichte des Vaters, nicht die des Sohnes geschrieben. Doch die Geschichte des kleinen Jerzy meldete sich, vielleicht von Becker nicht erkannt, immer wieder. Sander Gilman erw\u00e4hnt eine bemerkenswerte Episode aus dem Leben des Schriftstellers. Becker ist in den achtziger Jahren zu Besuch bei einer polnischen Journalistin; dort ger\u00e4t ihm ein altes Kinderbuch in polnischer Sprache in die H\u00e4nde. Gilman zitiert Jurek Becker: &#8222;Und pl\u00f6tzlich habe ich so ein langes Gedicht aus diesem Buch auf Polnisch erz\u00e4hlt. Ich wusste gar nicht, was es bedeutet, ich kannte nur die Kl\u00e4nge &#8230; .&#8220;<\/p>\n<p>Die gute Mutter ohne Gesicht und der Argwohn gegen\u00fcber den Gef\u00fchlen<\/p>\n<p>Jurek Becker ist bereits ein bekannter Schriftsteller, als er eines Tages auf dem Berliner Kurf\u00fcrstendamm eine Zeitung kaufen will. &#8222;Die Frau im Kiosk&#8220;, berichtet der Biograph Gilman, &#8222;erkannte ihn und sagte, sie habe seine Mutter und ihn in Ravensbr\u00fcck gekannt. Sie fragte ihn, ob er wisse, wie seine Mutter gestorben sei. Sie sei verhungert, sagte sie dann. Aber ob er auch wisse, warum, fuhr sie fort. Als er schwieg, sagte sie: Um sie zu ern\u00e4hren.&#8220; Ob es sich hierbei um eine Legende handelt, ist, wie vieles in der von Gilman verfassten Biographie, unklar. Becker selbst \u00e4u\u00dfert in einem Interview:<br \/>\nEs gibt Informationen, dass ich auf Kosten meiner Mutter \u00fcberlebt habe, die mir im Lager ihr bisschen Essen gegeben hat. Sie ist verhungert, ich nicht.<br \/>\nEs ist in jedem Fall bezeichnend, dass der Schriftsteller Informationen \u00fcber seine Mutter von Fremden erh\u00e4lt und nicht vom Vater. Diese Informationen beantworten aber nicht nur die Frage, wie das Kind Jerzy die Zeit in Getto und Lager \u00fcberleben, sondern vor allem, wie es m\u00f6glich gewesen ist, dass die Verfolgung das sp\u00e4tere Leben Jurek Beckers nicht zerst\u00f6ren konnte. Becker hat sehr wahrscheinlich vom Beginn seines Lebens an und auch unter den extremen Bedingungen der Verfolgung sehr viel Liebe von der Mutter bekommen, so dass es ihm gelang, trotz des Verlustes der &#8222;Muttersprache&#8220; in der &#8222;Vatersprache&#8220; einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur zu leisten. Ich habe mich gefragt, ob nicht gerade das Wissen, unter welchen Umst\u00e4nden die Mutter ums Leben kam, nicht nur im Kind sondern auch im Erwachsenen starke Schuldgef\u00fchle hinterlassen hat. Von Anette Bekker existierte nach dem Krieg nicht einmal mehr eine Fotografie, es war doch so, als ob es sie nie gegeben h\u00e4tte. Genau dies ist ja auch die Absicht der deutschen Nazis gewesen. Der Sohn bem\u00fcht sich immer wieder, Erinnerungen an die Mutter zu finden, aber sie bleibt eine Frau ohne Gesicht. Jurek Becker hat sich sehr selten \u00fcber seine Mutter ge\u00e4u\u00dfert, gelegentlich erw\u00e4hnte er, dass er von ihr tr\u00e4ume. In diesen Tr\u00e4umen spricht sie zu ihm in deutscher Sprache. Es mag sein, dass in folgenden \u00c4u\u00dferungen die starke Sehnsucht des Sohnes nach der Mutter zum Ausdruck kommt. Der Schriftsteller besch\u00e4ftigt sich mit einem seiner Lieblingsbilder, &#8222;Picassos Bild einer schlafenden Frau mit gelbem Haar&#8220; und schreibt:<br \/>\nIch sehe das Bild wohl auch deshalb so oft an, weil ich sp\u00fcre, dass sein Anblick mir gut tut. Es erinnert mich an jemanden aus meiner Kindheit, an eine Frau mit zwei kleinen H\u00e4nden, die sie nach vorn hielt und mich durch sanfte Auf- und Abbewegungen beschwichtigte, wenn ich zu aufgeregt war: &#8222;Ruhig, mein Lieber, ist ja gut.&#8220; (Ein Bild von Picasso und mir)<br \/>\nWie viel Trauer und wie viel Schmerz m\u00f6gen sich hinter diesen \u00c4u\u00dferungen verbergen. Die Auswirkungen der Verfolgung k\u00f6nnen so gravierend sein, dass die Gef\u00fchle kaum zu ertragen sind. Ich wei\u00df nicht, wie ein Mensch die Verluste und die Sinnlosigkeit verkraften kann. Aber dennoch existieren die starken Gef\u00fchle. Diese Gef\u00fchle sagen: Genau so grauenhaft ist es gewesen, genau dies ist meine wahre Geschichte. Das Zulassen der starken Gef\u00fchle kann zu einer schrittweisen vollst\u00e4ndigen Anerkennung der Realit\u00e4t des Kindes f\u00fchren, das ein Mensch einmal war. Jurek Becker begegnete den eigenen Gef\u00fchlen gegen\u00fcber der Vergangenheit offenbar mit gro\u00dfem Misstrauen. Er betrachtet die Bilder der Ausstellung \u00fcber das Getto von L\u00f3dz und schreibt:<br \/>\nDoch auf einmal geschieht etwas, das mir ganz und gar nicht recht ist: &#8230; Ich hasse Sentimentalit\u00e4ten, &#8230; ich w\u00fcrde gern alle L\u00f6cher zustopfen, aus denen sie kriechen k\u00f6nnten. Jedes Mal, wenn meinen Vater die R\u00fchrung \u00fcberkam, bin ich aus dem Zimmer gegangen, bis er sich wieder im Griff hatte. Pl\u00f6tzlich spielt das keine Rolle mehr, die Bilder erf\u00fcllen mich selbst mit R\u00fchrung, ausgerechnet mich, und ich muss mir die d\u00fcmmsten Tr\u00e4nen aus den Augen wischen.&#8220; (Die unsichtbare Stadt)<br \/>\nIch meine, dass sich die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn im Verh\u00e4ltnis des erwachsenen Mannes zu sich selbst wiederholte. Jurek Becker war auf der Suche nach der Geschichte des Kindes Jerzy, er konnte aber &#8222;den Weg&#8220; zu diesem Kind &#8222;nicht finde[n]&#8220;, weil er den Gef\u00fchlen dieses kleinen Jungen, dem Zorn auf den schweigenden Vater, dem Schmerz \u00fcber den Verlust der Mutter und der eigenen Kindheit offenbar hilflos gegen\u00fcber stand. So mussten diese authentischen Gef\u00fchle als &#8222;Sentimentalit\u00e4ten&#8220; oder R\u00fchrseligkeit bezeichnet werden. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass keine Erinnerungen an die Kindheit zum Vorschein kamen.<br \/>\nWeder in den zahlreichen Interviews, die Becker gegeben hat, noch in seinen Aufs\u00e4tzen habe ich eine \u00c4u\u00dferung gefunden, die Hass gegen\u00fcber den T\u00e4tern und der schweigenden Mehrheit der Deutschen zum Ausdruck bringen w\u00fcrde. Im Gegenteil, Jurek Becker befasst sich mit der Frage der Schuld und des Umgangs mit den Verbrechern ausgesprochen sachlich, rational und politisch sehr korrekt. Dies erfreut ganz sicher die Deutschen, ich pers\u00f6nlich kann diese Haltung jedoch nicht teilen. W\u00e4ren angesichts der Grausamkeiten, die der Familie Becker angetan wurden, Hass oder Vergeltungsw\u00fcnsche nicht eine v\u00f6llig nat\u00fcrliche Reaktion? Viele ehemalige Opfer von Verbrechen sind der Auffassung, dass sie nur frei werden k\u00f6nnten von der Last der Vergangenheit, wenn sie keinerlei Hassgef\u00fchle gegen\u00fcber den T\u00e4tern empfinden w\u00fcrden. Ich meine, dass es darauf ankommt, ob ein Mensch sich sehr bewusst ist, wem der Hass gilt und warum. Dann kann dieses Gef\u00fchl bei berechtigtem Anlass, wie jedes andere Gef\u00fchl auch, kommen und gehen und muss nicht blind gegen die eigene Person oder unbeteiligte Menschen gerichtet werden. In diesem Sinne meine ich, die Opfer d\u00fcrfen hassen. In Beckers Roman Bronsteins Kinder, auf den ich noch eingehen werde, reflektiert der nach dem Krieg geborene Sohn eines verfolgten Juden \u00fcber sein Verh\u00e4ltnis zu einem ehemaligen Nazi-Verbrecher: &#8222;Es ist mir nie gelungen, ihn von Herzen zu hassen, ich wollte immer nur gr\u00fcndlich von ihm getrennt sein.&#8220; Und an anderer Stelle hei\u00dft es im Roman: &#8222;Ich brachte keinen Hass zustande, beim besten Willen nicht &#8230; .&#8220;<br \/>\nWo bleiben die unterdr\u00fcckten Gef\u00fchle in einem Menschen, die ja nicht einfach verschwunden sind, blo\u00df weil sie nicht zugelassen werden? Der kleine verfolgte Jerzy hat sich im Leben des erwachsenen Schriftstellers immer wieder mit seinen vielen Fragen und Gef\u00fchlen gemeldet. Becker hat diese Botschaften aber nicht entschl\u00fcsseln k\u00f6nnen. Da der K\u00f6rper alle unsere Erfahrungen und Erlebnisse speichert und somit unser Ged\u00e4chtnis ist, versucht er immer wieder, an die verdr\u00e4ngten Gef\u00fchle und Erlebnisse zu erinnern. Aus der eigenen Erfahrung heraus habe ich den Eindruck, dass der K\u00f6rper sich dabei verh\u00e4lt, wie das Kind, das noch nicht klar formulieren kann, worunter es leidet, was es gerade im konkreten Augenblick braucht. Wenn es dem erwachsenen Menschen gelingt, sich von der (unbewussten) Angst vor den Gef\u00fchlen nicht beherrschen zu lassen, kann er diese Gef\u00fchle nach und nach zulassen, aus der Sicht des Kindes verstehen und damit den K\u00f6rper in einem sicherlich langen Prozess immer wieder beruhigen. Werden aber die Botschaften des K\u00f6rpers \u00fcber Jahre hinaus nicht verstanden, entwickelt der K\u00f6rper unter Umst\u00e4nden schwere, auch lebensgef\u00e4hrliche Symptome.<br \/>\nMeine folgenden \u00dcberlegungen m\u00f6chte ich nicht als Gewissheit und schon gar nicht als Analyse der Biographie des Schriftstellers verstanden wissen, vielmehr als eine mit aller Vorsicht gestellte Frage, deren Antwort offen bleiben muss. Im Jahr 1995 wird bei Jurek Becker fortgeschrittener Darmkrebs diagnostiziert, der bereits Metastasen ausgebildet hat. Mehrere Chemotherapien k\u00f6nnen nicht helfen, die Tumore wuchern weiter.<br \/>\nIn einem Interview im Februar 1997 spricht Becker auch \u00fcber die Krankheit, davon, dass er der Erkrankung keine besondere Bedeutung zusprechen wolle, sie als einen nat\u00fcrlichen Vorgang, einem &#8222;Gewitter&#8220; \u00e4hnlich, betrachte:<br \/>\nWissen Sie, ich bin nicht einer von denen, die in Gedanken in einer Sache herumstochern, an der sie nichts \u00e4ndern k\u00f6nnen. &#8230; ich versuche, diese Sache so weit wie m\u00f6glich von mir wegzuhalten &#8230; weil ich nicht einsehe, dass es eine Erleichterung br\u00e4chte, wenn ich sie n\u00e4her an mich ranlassen w\u00fcrde. Und meine Frau staunt, wie ich versuche, so zu tun, als w\u00e4re nichts. Und ich finde, das ist das Gescheiteste, was ich tun kann. &#8230; Ich &#8230; habe nie geglaubt, dass es ohne mich nicht weitergeht &#8230; Mich hat im Gegenteil, wenn ich bemerkt habe, wie andere sich wichtig nehmen, das extrem gest\u00f6rt. Und vielleicht kommt diese Eigenschaft mir jetzt zugute. Meine grundlegende Stimmung ist: Mein Gott, mach nicht so viel Theater. (Der Spiegel 13\/97)<br \/>\nBecker stirbt wenige Wochen nach dem Interview im M\u00e4rz 1997, er ist noch nicht 60 Jahre alt. Wer, wenn nicht er selbst h\u00e4tte seine Gef\u00fchle und die Geschichte des kleinen Jerzy ernst und wichtig nehmen, ein Aufheben davon machen k\u00f6nnen? Jurek Becker ist es nicht gelungen, dem gejagten Kind, das er war, in sich selbst Raum zu geben, seinen Fragen, Gef\u00fchlen und Verlusten. Es mag sein, dass er dies deshalb nicht vermochte, weil er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf die grauenhafte Ausweglosigkeit gesto\u00dfen w\u00e4re, in der dieses Kind sich befunden haben muss. Doch das Gef\u00fchl der Ausweglosigkeit, das ja aus der Vergangenheit stammt, kann mit der Zeit sehr wohl getragen werden, wenn man die fr\u00fche Ausweglosigkeit des Kindes als real anerkennt: Genau so und nicht anders ist es gewesen.<br \/>\nDie deutsche Nachkriegsgesellschaft hatte keinen Platz f\u00fcr die Opfer der Verfolgung, \u00fcberhaupt sind Opfer in der Gesellschaft nicht gerade beliebt. Aber auch das Kind Jerzy Bekker blieb in der Biographie des erwachsenen Schriftstellers eine &#8222;displaced person&#8220;. Wenn Jurek Becker in seinem letzten Interview \u00fcber das Leben im Getto sagt, es sei, &#8222;als w\u00e4re es nie gewesen&#8220;, dann betrifft das auch diesen kleinen Jungen, der umzingelt von losgelassenen Furien \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Wer bin ich, wenn ich einmal Opfer war? oder Die Suche nach Verstecken<\/p>\n<p>In dem Roman Bronsteins Kinder erz\u00e4hlt Hans, nach dem Krieg geborener Sohn eines \u00fcberlebenden j\u00fcdischen KZ-H\u00e4ftlings, die Geschichte seines Vaters, der mit zwei Freunden einen ehemaligen KZ-Aufseher in einem kleinen Haus vor Ost-Berlin gefangen h\u00e4lt, verh\u00f6rt und misshandelt. Hans versucht vergeblich, seinen Vater davon zu \u00fcberzeugen, diese Vergeltungsaktion zu beenden. Schlie\u00dflich stirbt der Vater und Hans befreit den alten Nazi, der in die Bundesrepublik entkommen kann.<br \/>\nBecker greift hier noch einmal die Sprachlosigkeit zwischen der Generation der Opfer und ihrer Kindern auf, allerdings erweitert um eine wesentliche Dimension. Nicht nur der Vater schweigt, sondern auch der Sohn will sich mit der Geschichte des Vaters nicht identifizieren. Hans will nicht zu den Juden geh\u00f6ren, die in seinen Augen, sobald sie zusammen kommen, nur ein &#8222;Potpourri der Leiden&#8220; herunter beten. &#8222;Ihr irrt Euch. Ich bin nicht der Sohn eines Opfers des Faschismus&#8220;, sagt er zu Hugo Lepschitz, ebenfalls Jude, bei dessen Familie er nach dem Tod des Vaters untergekommen ist, &#8220; &#8230; als ich geboren wurde, war er l\u00e4ngst kein Opfer mehr.&#8220; &#8222;Das ist man ein Leben lang, mein Lieber&#8220;, antwortet Lepschitz, &#8220; &#8230; das wird man niemals los.&#8220;<br \/>\nHans wehrt sich dagegen, Teil der Geschichte seines Vaters zu sein, er str\u00e4ubt sich, dass die Vergangenheit seiner Eltern sein eigenes Leben beeinflusst und pr\u00e4gt. Die Geschichte der verfolgten Juden ist in seinen Augen etwas, &#8222;das man entweder l\u00e4ngst kannte oder nun auch nicht mehr kennen zu lernen brauchte&#8220;. Dieser Widerstand ist vergeblich, weil die Realit\u00e4t der Vergangenheit nicht r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann. Der Jahre nach der Verfolgung geborene Sohn hat das Gef\u00fchl, dass er gar nicht auf der Welt w\u00e4re, wenn es nicht die viel \u00e4ltere Schwester Elle geben w\u00fcrde, die den Holocaust in einem Versteck bei polnischen Bauern \u00fcberlebte und ihr Leben von der Vergangenheit gezeichnet in einer psychiatrischen Klinik zubringen muss. Hans ringt um eine Identit\u00e4t unabh\u00e4ngig von der des Vaters; er will ein Deutscher sein, wie alle anderen in dem Land, in dem er lebt, auch. Doch niemand kann sich zwingen, so zu sein wie alle oder die anderen, auch wenn man es sich noch so sehr w\u00fcnscht. Eine Identit\u00e4t ist nicht zu bekommen, ohne die eigene, individuelle Geschichte zu kennen und zu verstehen. Der Begriff Identit\u00e4t bedeutet ja gerade das von den anderen Unterschiedene, Differenz also, und manchmal auch Dissenz.<br \/>\nBecker wollte dem Roman urspr\u00fcnglich den etwas provozierenden Titel geben &#8222;Wie ich ein Deutscher wurde&#8220;, der Verlag riet dem Autor jedoch dringend von dieser Wahl ab. Ich hatte den Eindruck, dass Bronsteins Kinder auch die Geschichte erz\u00e4hlt, warum der Sohn eines \u00dcberlebenden der Verfolgung nicht Deutscher werden kann, obwohl er es gerne sein m\u00f6chte und obwohl er nicht wissen will, warum er es nicht kann. Es gibt Kinder der Verfolgten, die einfach in diesem Land leben wollen, aber das Gef\u00fchl nicht loswerden k\u00f6nnen, dass die Verfolgung an ihnen haftet. Sie stehen vor der Frage, was es bedeutet, j\u00fcdischer Herkunft zu sein, auch wenn sie nicht religi\u00f6s leben und die Traditionen nicht mehr pflegen. Bin ich Jude, weil ich einen j\u00fcdisch klingenden Namen habe, weil ich in eine bestimmte Religionsgemeinschaft hineingeboren wurde? Kann ich aufh\u00f6ren, Jude zu sein? Habe ich dann meine Ruhe vor den Gespenstern der Vergangenheit und, nun ja, auch vor den Deutschen?<br \/>\nEinmal, vor Jahren sprach ich mit einem Mann Anfang 30, dessen j\u00fcdische Eltern als Jugendliche in verschiedenen Konzentrationslagern gewesen waren. Haben deine Eltern mit dir dar\u00fcber gesprochen, wollte ich wissen. Nein, sagte der Mann, er habe die Eltern auch niemals nach der Vergangenheit gefragt, weil er sp\u00fcrte, dass die Eltern dar\u00fcber nicht sprechen wollten. Au\u00dferdem habe er die wesentlichen Fakten im Geschichtsunterricht in der Schule erfahren. Dies habe ihm gen\u00fcgt. Er selbst f\u00fchle sich gar nicht als Jude, die Eltern seien schon vor der Verfolgung christlich getauft gewesen und h\u00e4tten nach dem Krieg auch ihre Kinder taufen lassen. F\u00fcr sein Leben spiele die Tatsache, dass die Eltern in Lagern waren, keine Rolle. Wie denn heute das Verh\u00e4ltnis zu den Eltern sei, fragte ich noch. Meine Eltern haben vor einigen Jahren jeden Kontakt zu mir abgebrochen, antwortete der Mann, als sie erfuhren, dass ich homosexuell bin.<br \/>\nMan kann sich drehen und wenden, wie man will, ein Mensch kann die Vergangenheit beschweigen, ignorieren, verleugnen, nur absch\u00fctteln l\u00e4sst sie sich nicht.<br \/>\nDie deutschen Nazis machten aus Mieczyslaw und Anette Bekker, die mit ihrem Kind nur polnisch, nie jiddisch sprachen, um ihm sp\u00e4ter die Anpassung zu erleichtern, Mordechai und Chana, auch wenn sie nicht Mordechai und Chana sein wollten. Sie bekamen gleichsam einen Stempel verpasst und waren offiziell zur Treibjagd frei gegeben. Der Vater meldet sich und den Sohn in Berlin mit den sch\u00f6nen deutschen Namen Max und Georg an. Konnte er damit den Stempel, der ihm aufgedr\u00fcckt worden war, beseitigen? Der Sohn, Jurek Becker, hat mehrfach ge\u00e4u\u00dfert, er wolle nicht als Opfer des Faschismus betrachtet und auf seine Vergangenheit reduziert werden; eher &#8222;z\u00e4hneknirschend&#8230; f\u00fcge&#8220; er sich in sein &#8222;Schicksal&#8220;, j\u00fcdischer Herkunft zu sein. Der Schriftsteller hat diese Herkunft niemals verleugnet, aber immer wieder das Empfinden, sich gegen Etikettierungen von au\u00dfen, die mit seiner Abstammung verbunden werden, wehren zu m\u00fcssen. In seiner ersten Frankfurter Poetik-Vorlesung beschreibt Becker, wie stark sein Wunsch nach Zugeh\u00f6rigkeit als Kind war:<br \/>\nEs war f\u00fcr mich beinahe eine Existenzfrage, so schnell wie m\u00f6glich mein Deutsch zu verbessern: Je eher ich die Fehler ausmerzte, um so seltener wurden die anderen darauf gesto\u00dfen, dass ich ein Fremder war. Und wenn die Fehler ganz und gar aufh\u00f6rten, w\u00fcrden sie mich eines Tages, wenn auch f\u00e4lschlicherweise, sogar f\u00fcr einen der ihren halten.<br \/>\nUnd in einem Interview aus dem Jahr 1992 sagt er:<br \/>\nIch war kein normaler deutscher Junge, wollte aber gerne einer sein &#8230; . Ich musste erst einmal die Sprache lernen, ich musste erst einmal aufh\u00f6ren, ein Halbverhungerter zu sein, ich wollte durchschnittliche Sitten und Verhaltensnormen entwickeln, so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich.<br \/>\nVermutlich hat jeder Mensch, der als Kind extremen, chaotischen und bedrohlichen Situationen ausgesetzt war, in seinem sp\u00e4teren Leben immer das Empfinden, aufgrund dieser Erfahrung nicht so zu sein wie andere und einen entsprechend starken Wunsch nach Normalit\u00e4t, was immer das sei, das starke Bed\u00fcrfnis, nicht aufzufallen, sich nicht zu unterscheiden. Die Angst vor der Verfolgung bleibt im K\u00f6rper erhalten: Ich will nicht mehr so gehasst werden und darum muss ich mich sch\u00fctzen, das an mir, was den Hass ausl\u00f6ste, verstecken, auch wenn ich gar nicht wei\u00df, was mich so anders und hassenswert erscheinen lie\u00df. &#8222;Ich hatte geglaubt, nach 30 Jahren k\u00f6nnten sie wie normale Menschen leben&#8220;, sagt Hans in Bronsteins Kinder \u00fcber seinen Vater und dessen j\u00fcdische Freunde. Ich denke, genau das ist nicht m\u00f6glich, es sei denn, man ist bereit, einen unter Umst\u00e4nden hohen Preis zu bezahlen. Ist ein Mensch, der einmal Opfer war, deshalb gezwungen, sich sein ganzes Leben lang weiter als Opfer zu f\u00fchlen?<br \/>\nWenn ich mir mein eigenes Leben ansehe, meine ich, diese Frage ist falsch gestellt. F\u00fcr mich geht es nur darum, die Realit\u00e4t des Kindes deutlich wahrzunehmen, zu sehen, was in der Vergangenheit geschehen ist, zu f\u00fchlen, was mir dies als Kind ausgemacht hat und zu realisieren, welche Folgen meine Erfahrungen als Kind in meinem sp\u00e4teren Leben hatten. Es ist unvermeidlich, dass dabei auch f\u00fcr die Verluste und die Erfahrung der absoluten Ohnmacht eine klare und bewusste Sprache gefunden werden muss. Dann kann ich sagen: Ja, ich bin einmal Opfer gewesen, das ist ein Teil der Realit\u00e4t meines Lebens und meiner Identit\u00e4t, die ich nicht \u00e4ndern kann. Aber ich kann mich selbst verstehen, ich kann erkennen, wie der Hass, dessen Projektionsfl\u00e4che ich war, in mich hineingestopft wurde. Der Hass kam von au\u00dfen, es war nichts an mir, das mich hassenswert machte. Ich muss mich nicht mehr verstecken. Dann wird sich zeigen, wie ein Mensch mit der Realit\u00e4t seiner ganzen Biographie leben kann. F\u00fcr einen Juden in Deutschland k\u00f6nnte dies bedeuten, dass er die Akzeptanz der Deutschen, von denen nur wenige versucht haben, sich der Vergangenheit zu stellen, nicht mehr braucht und auch nicht mehr will.<br \/>\nEs bereitet mir eine gro\u00dfe Genugtuung, dass Jurek Becker trotz der Verfolgung genau das in seinem Leben machen konnte, was den Nazis mit Sicherheit am allerwenigsten gefallen h\u00e4tte: Er hat nicht nur \u00fcberlebt, er hat auch seine B\u00fccher geschrieben, die ein wichtiger und unverzichtbarer Teil der deutschen Literatur geworden sind und immer wieder gelesen werden. Auch wenn an das Kind Jerzy im Leben des Schriftstellers nur sein Rufname erinnerte; Jurek werden in der polnischen Sprache nur Kinder genannt. Ob Becker sich dessen bewusst gewesen ist?<\/p>\n<p>Nachwort: Warum ich \u00fcber Jurek Becker schreiben wollte<\/p>\n<p>Ich wurde 1961 geboren; meine Eltern waren w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus Kinder und Jugendliche, sie k\u00f6nnen also nicht aktiv an Verbrechen teilgenommen haben. Sie wurden aber nicht nur in einem gewaltt\u00e4tigen Geist von Zucht und Ordnung &#8222;erzogen&#8220;, sondern sie verbrachten auch viele entscheidende Jahre in einem gesellschaftlichen Klima, das gepr\u00e4gt war von staatlich organisierter und sanktionierter Brutalit\u00e4t und der Verfolgung all dessen, was irgendwie &#8222;anders&#8220; war, davon, dass Menschen zum Freiwild erkl\u00e4rt wurden. Dar\u00fcber haben sie weder gesprochen noch nachgedacht. Es w\u00e4re erstaunlich, wenn sich nicht haargenau dieses Klima in die &#8222;Erziehung&#8220; ihrer Kinder eingeschlichen h\u00e4tte.<br \/>\nAls ich anfing, mich an meine Kindheit zu erinnern, daran, wie grausam meine Eltern wirklich gewesen sind, kam mir ausgerechnet meine Mutter unfreiwillig zur Hilfe. Eines Abends klingelte in meiner Berliner Wohnung das Telefon. Meine Mutter war au\u00dfer sich, atemlos, aufgeregt und nachgerade entr\u00fcstet musste sie mir mitteilen, dass in ihrer Nachbarschaft eine j\u00fcdische Familie eingezogen war: Mein Gott, stell dir vor, Juden, ich habe mir erst gar nichts gedacht, aber dein Vater hat es gleich gemerkt; der Name, verstehst du, und die Nase von dem Mann, die m\u00fcsstest du mal sehen, die k\u00f6nnen ihre Herkunft nicht verleugnen; du liebe G\u00fcte, du liebe, liebe G\u00fcte, was sollen wird denn jetzt blo\u00df machen. Ich h\u00f6rte eine Weile dem Wehklagen meiner Mutter zu und brach dann das Gespr\u00e4ch unter einem Vorwand ab. Ich f\u00fchlte starken Ekel, vor allem aber war ich zutiefst erschrocken. Wer waren diese Leute, die ich bislang meine Eltern genannt hatte?<br \/>\nNach und nach fielen mir einige Episoden aus meiner Jugend ein. Ich muss 17 Jahre alt gewesen sein, als im deutschen Fernsehen der amerikanische Fernsehfilm &#8222;Holocaust&#8220; in mehreren Teilen ausgestrahlt wurde. Der Film war schlecht gemacht, hatte aber den Vorteil, dass die j\u00fcdische Familie als deutsche Familie wie jede andere auch gezeigt wurde. Wie die halbe Nation sa\u00df ich mit meinen Eltern vor dem Fernsehger\u00e4t. Meine Mutter und mein Vater blieben zuerst stumm. Gelegentlich gab meine Mutter diverse Seufzer von sich: Ach, mein Gott; nein, nein, ist das denn die M\u00f6glichkeit; du liebes bisschen, du liebes, liebes bisschen; ja nun, so was kommt eben von so was. Das war einer der seltenen Augenblicke im Leben meines Vaters, wo er aus seiner Apathie kurzeitig erwachte und die Historie mit folgenden Worten b\u00fcndig erkl\u00e4rte: Genau, irgendwas werden die Juden schon gemacht haben, sonst h\u00e4tte man sie nicht eingesperrt. Meinetwegen h\u00e4tte man sie nicht umbringen m\u00fcssen, aber dass man sie aus Deutschland rausgeschmissen hat, war ja wohl notwendig. Zugleich war ein innerfamili\u00e4res Wunder geschehen: Meine Eltern waren einer Meinung, die Ehe meiner Eltern wurde zusammengehalten in der Eintracht gegen die Juden und selbstverst\u00e4ndlich gegen mich. Damals habe ich gar nicht an mich heranlassen k\u00f6nnen, als was sich mir da meine Eltern pr\u00e4sentierten.<br \/>\nEtwa zwei oder drei Jahre sp\u00e4ter lief erneut ein Fernsehfilm, diesmal aus Gro\u00df-Britannien. Ich kann mich an den Titel dieses Films nicht mehr erinnern, es ging um das Orchester in Auschwitz, das aufspielen musste, wenn die Menschen in die Gaskammern getrieben wurden. Eine Szene ist mir aber im Ged\u00e4chtnis geblieben: Es gab in diesem Film eine KZ-Aufseherin, die sich sozusagen in einen kleinen j\u00fcdischen Jungen verliebt hatte, ihn herzte, ihm besondere Essensrationen zukommen lie\u00df, mit ihm spielte. Eines Tages wird auch dieses Kind geholt, um ermordet zu werden. Die Aufseherin ist verzweifelt, bricht in Tr\u00e4nen aus, im Film wird eine geradezu pervers r\u00fchrende Abschiedsszene gezeigt. Aber nun, die Frau tr\u00e4gt ihr Los zun\u00e4chst heroisch, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Ich erinnere mich gut, dass ich diese Szenen widerlich fand. Ich sa\u00df mit dem R\u00fccken zu meinen Eltern. Hinter mir schluchzte meine Mutter, sie erlitt einen ihrer turnusm\u00e4\u00dfigen kleineren Nervenzusammenbr\u00fcche: Mein Gott, die arme Frau; nein, nein, nein, wie kann man ihr nur dieses goldige kleine Kerlchen wegnehmen; das h\u00e4tt&#8216; ich nicht \u00fcberlebt; ich h\u00e4tte mich umgebracht, so ein s\u00fc\u00dfer kleiner Spatz. Sie schluchzte noch eine Weile und dann r\u00e4sonierte sie: Also dass man auch die Kinder umgebracht hat, das ist doch schrecklich. Wie kann man nur, das ist wirklich nicht die M\u00f6glichkeit. Ich k\u00f6nnte ja noch verstehen, wenn sie die M\u00e4dchen umgebracht h\u00e4tten, M\u00e4dchen habe ich nie leiden k\u00f6nnen. Ich wollte auch nie ein M\u00e4dchen haben. Aber dass sie auch die Jungen umgebracht haben &#8230;, so goldige kleine Kerlchen, furchtbar, furchtbar; und diese arme Frau, diese arme, arme Frau, mein Gott. Was sagst du dazu? Mein Vater h\u00e4tte sich niemals erlauben d\u00fcrfen, ihr auf diese Frage nicht zu antworten und so gab er die Meinung zum Besten, die er gegen\u00fcber jeglichem Geschehen auf der Welt hegte: Tja, na ja, tja.<br \/>\nIch erinnere mich genau, wie ich in meinem Sessel buchst\u00e4blich vereiste; ich ahnte, dass meine Eltern irre waren und schlichtweg grauenhafte Antisemiten. Erst viele Jahre sp\u00e4ter konnte ich mir vorstellen und klar machen, was dies f\u00fcr mich als Kind bedeutet hatte. Wie f\u00fchlt sich ein kleines Kind, das bei Leuten aufwachsen muss, die den Antisemitismus, den Geist der Nazis, die gesamte braune G\u00fclle wie ein Schwamm in sich aufgesogen hatten? In einem m\u00fchsamen und qu\u00e4lenden Prozess erlaubte ich mir, mich an den Sadismus meiner Mutter zu erinnern, an die von ihr mit Lust zelebrierten Strafrituale, wie wir, mein Bruder und ich, uns aufzustellen und &#8222;stramm&#8220; zu stehen hatten, um die Schl\u00e4ge, die &#8222;Abreibung&#8220;, &#8222;die Tracht&#8220; in &#8222;Empfang&#8220; zu nehmen. Wie meine Mutter sich aufbl\u00e4hte, protzte, prahlte und ihre Reden schwang. Wie sie jeden Kr\u00fcmel auf dem Teppich zum Vorwand nahm, um nach dem T\u00e4ter zu fahnden und das Vergehen zu ahnden. Wie sie mich als &#8222;Jude&#8220;, &#8222;Halbjude&#8220; und &#8222;St\u00fcck Schei\u00dfe&#8220; beschimpfte. Ich erinnerte mich an die gnadenlose Verachtung, mit der mich mein Vater von Anfang an bedacht hatte. In seinen Augen war ich, das Kind in seiner Angst, &#8222;verz\u00e4rtelt, verweichlicht, weibisch&#8220;, ein &#8222;Mutters\u00f6hnchen&#8220; und eine &#8222;Memme&#8220;, obwohl gerade er der Schlappschwanz, die Lusche in der Familie gewesen war. Ich konnte Schritt f\u00fcr Schritt deutlich sehen, wie meine Eltern Jagd machten auf alles, was ihnen an mir nicht passte, was ihnen irgendwie &#8222;anders&#8220; erschien, sie deshalb bedrohte und mit Neid erf\u00fcllte, besonders meine Begabung, meine Phantasie, meine Intelligenz, mein Geschlecht. All das musste vernichtet werden, ausgerottet, oder, wie meine Mutter zu sagen pflegte: Das treibe ich dir aus mit Stumpf und Stiel.<br \/>\nDie Erfahrungen des kleinen Jerzy und meine k\u00f6nnen nicht miteinander verglichen oder gegeneinander aufgerechnet werden. Mir ist klar, dass ich in der Kindheit physisch nicht hungern musste, Kleidung hatte und im Winter gab es die Heizung. Ich musste nicht mit ansehen, wie Menschen ermordet wurden. Ich kann aber heute sagen, dass ich in einer Atmosph\u00e4re aufwuchs, in der ich f\u00fcr meine Eltern haargenau das war, was die Juden f\u00fcr die Nazis gewesen sind. In diesem Sinne war ich, wie ich auf der Couch liegend meiner schockierten Analytikerin einmal sagte, der Jude meiner Eltern. Dies muss \u00fcbrigens in keiner Weise eine nur deutsche Eigent\u00fcmlichkeit sein.<br \/>\nF\u00fcr mein Leben ist es sehr entscheidend gewesen, dass ich meine Eltern so sehen und realisieren konnte, welche Verw\u00fcstungen dies in meiner Biographie angerichtet hat. Das Wahrnehmen der Realit\u00e4t erm\u00f6glichte mir nach und nach, die giftige Bindung an meine Eltern, das seltsame Mitleid und die Schuld, die ich ihnen gegen\u00fcber empfand, immer wieder aufzul\u00f6sen. Ich konnte deutlich beobachten, wie ich im Verlauf dieser Entwicklung eine Identit\u00e4t gewann, die sich klar von meinen Eltern unterschied. Vor allem aber hatte ich ein Gegengewicht zu dem Hass in der Hand, den meine Eltern auf mich projiziert hatten und der mein Leben beinahe vollst\u00e4ndig ruiniert h\u00e4tte. Gleichwohl bleiben mir die Verluste, die durch nichts wieder gut gemacht werden k\u00f6nnen.<br \/>\nMeine Mutter hat ihre perversen Meinungen mit einer verbl\u00fcffenden Offenheit von sich gegeben. Allerdings frage ich mich, wie viele Kinder noch Jahre nach dem Krieg bei solchen m\u00f6chte-gern F\u00fchrerinnen und F\u00fchrern aufwachsen mussten. Auch wenn mir kaum Berichte bekannt sind, in denen Menschen \u00fcber ihre Eltern und ihre Vergangenheit in diesem Licht reflektieren, sollte es mich stark wundern, wenn ich der einzige mit dieser Erfahrung bin.<br \/>\nWeder meine Gro\u00dfeltern noch meine Eltern haben jemals Schuld empfunden. Als sich in den fr\u00fchen neunziger Jahren die Grenzen der osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder zu \u00f6ffnen begannen, reiste ich einige Male nach Polen. Ich wollte die Orte, die mir wichtig waren, auf mich wirken lassen und selbst\u00e4ndig Antworten auf meine Fragen suchen, die meine Eltern immer abgewehrt und bek\u00e4mpft hatten. Damals war ich mit starken Gef\u00fchlen der Schuld und besonders der Scham konfrontiert, die immer wieder wie eine Welle in mir aufstiegen. Nach und nach l\u00f6sten sich diese Gef\u00fchle auf, denn schlie\u00dflich habe ich mir ausgerechnet diese Mutter, diesen Vater nicht aussuchen k\u00f6nnen. Doch konnte ich mich sehr wohl daf\u00fcr entscheiden, herauszufinden wie meine Kindheit war und wie meine Eltern in Wahrheit gewesen sind, die sich, wie viele andere Menschen, von ihrer barbarischen Haltung niemals zu l\u00f6sen vermochten. Mit dieser Grausamkeit wurden sie nicht geboren, sie wurde ihnen auch nicht von den Nazis aufgezwungen; sie erfuhren und lernten sie fr\u00fch bei den eigenen Eltern, die sie immer in hohen Ehren hielten. Der nationalsozialistische Staat erlaubte, verst\u00e4rkte und kultivierte die Grausamkeit, sie war zum politischen Programm geworden. Die Ignoranz meiner Eltern, die viele Gleichaltrige auch in ihrer eigenen Familie beobachten konnten, gab mir schon in der fr\u00fchen Jugend das Gef\u00fchl, gleichsam in einer Kloake zu leben, aber nicht in einem Land, das ich als echte Heimat empfinden konnte.<br \/>\nIch meine, auf dieser Ebene der Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie und Herkunft liegt f\u00fcr die Kinder und Enkel sowohl der T\u00e4ter- als auch der Opfergeneration eine Chance, sich zu begegnen und miteinander zu kommunizieren.<br \/>\nIm Roman Der Boxer sagt Paula, Arno Blanks Geliebte, einen jener &#8222;r\u00e4tselhaften&#8220; S\u00e4tze, mit denen Jurek Becker seine Leser zuweilen gerne besch\u00e4ftigt: &#8222;Wenn wir alles andere vorher vergessen wollten, w\u00fcrden wir nie mehr zum Leben kommen.&#8220; Die Hoffnung, man k\u00f6nne dann leben, wenn man den Schrecken der Vergangenheit vergessen hat, ist eine Illusion. Und wenn man vergisst, was war, ist echtes Leben nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Berlin im Februar 2004<\/p>\n<p>\nLiteratur:<br \/>\nBecker, Jurek im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: &#8222;Jakob der L\u00fcgner&#8220;, Bibliothek Suhrkamp 1981; &#8222;Der Boxer&#8220;, Bibliothek Suhrkamp 1990; &#8222;Nach der ersten Zukunft, Erz\u00e4hlungen&#8220;, Suhrkamp Taschenbuch 1983; &#8222;Bronsteins Kinder&#8220;, Suhrkamp Taschenbuch 1988; &#8222;Warnung vor dem Schriftsteller: Drei Vorlesungen in Frankfurt&#8220;, Edition Suhrkamp 1990; &#8222;Ende des Gr\u00f6\u00dfenwahns&#8220;, 1996<br \/>\nSuhrkamp Taschenbuch Materialien: &#8222;Jurek Becker&#8220;, Hrsg.: Heidelberger-Leonard, Irene; Ff a.M. 1992<br \/>\nText und Kritik, Heft 116, 1992: &#8222;Jurek Becker&#8220;<br \/>\n&#8222;Der Spiegel&#8220;, Heft 13\/1997<br \/>\nGaus; G\u00fcnter: &#8222;Zur Person&#8220;, Edition Ost, Berlin 1998<br \/>\nGilman, Sander L.: &#8222;Jurek Becker&#8220;, Econ Ullstein List Verlag, Berlin u. M\u00fcnchen 2002<br \/>\nSinger, Oskar Dr.: &#8222;Im Eilschritt durch den Gettotag &#8230; Reportagen und Essays aus dem Getto von L\u00f3dz&#8220;, Hrsg.: Feuchert, Sascha u.a.; Philo Verlagsgesellschaft, Berlin\/Wien 2002<br \/>\nIm Internet sind Informationen \u00fcber das Getto von L\u00f3dz beispielsweise zu finden unter: &#8222;Simon Wiesenthal Center, Multimedia Learning Center Online&#8220; und &#8222;Jewish Virtual Library&#8220;<br \/>\nWeitere Literaturhinweise:<br \/>\nEpstein, Helen: &#8222;Die Kinder des Holocaust, Gespr\u00e4che mit S\u00f6hnen und T\u00f6chtern von \u00dcberlebenden&#8220;, C.H. Beck, M\u00fcnchen 1987<br \/>\nMatwin-Buschmann, Roswitha (\u00dcbers.): &#8222;Kinder des Holocaust sprechen &#8230; Lebensberichte&#8220;, Reclam Verlag, Leipzig 1995<br \/>\nChamberlain, Sigrid: &#8222;Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind&#8220;, Psychosozial-Verlag, Gie\u00dfen 1997<\/p>\n<p>\u00a9 Thomas Gruner<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/faq-wie-findet-man-einen-guten-therapeuten\/\">FAQ: Wie findet man<br \/>\neinen guten Therapeuten ?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Alice Miller<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/therapeutenliste\/\">Therapeutenliste<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auflosung-der-folgen-von-kindesmisshandlungen\/\">Aufl\u00f6sung der Folgen von Kindesmisshandlungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wir-konnen-die-ursachen-fur-unser-leiden-finden\/\">Wir k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr unser Leiden finden<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/aus-dem-gefangnis-der-schuldgefuhle\/\">Aus dem Gef\u00e4ngnis der Schuldgef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-fall-jessica\/\">Der Fall Jessica<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-blanke-sadismus\/\">Der blanke Sadismus<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-langste-weg\/\">Der l\u00e4ngste Weg<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/was-ist-hass\/\">Was ist Hass?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/emporung-als-vehikel-der-therapie\/\">Emp\u00f6rung als Vehikel der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug\/\">Depression &#8211; der Zwang zum Selbstbetrug<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-eine-herausforderung\/\">&#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; &#8211; eine Herausforderung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/feminismus-marxismus-und-kindheit\/\">Feminismus, Marxismus und Kindheit<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-betrug-totet-die-liebe\/\">Der Betrug t\u00f6tet die Liebe<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/uber-den-missbrauch-des-vertrauens-in-der-therapie\/\">\u00dcber den Missbrauch des Vertrauens in der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/irrefuhrende-informationen\/\">Irref\u00fchrende Informationen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/zum-film-mummy-dearest\/\">Zum Film &#8222;Mummy Dearest&#8220; (Meine liebste Rabenmutter)<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/saddam-hussein-und-die-kardinale\/\">Saddam Hussein und die Kardin\u00e4le<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/korper-und-moral\/\">K\u00f6rper und Moral<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-befreiende-erfahrung-der-schmerzhaften-wahrheit\/\">Die befreiende Erfahrung der schmerzhaften Wahrheit<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wie-kommt-das-bose-in-die-welt\/\">Wie kommt das B\u00f6se in die Welt?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/woher-kommt-das-grauen\/\">Woher kommt das Grauen?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bedingungen-der-therapie\/\">Bedingungen der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wann-gibt-es-endlich-keine-idealen-soldaten-mehr\/\">Wann gibt es endlich keine idealen Soldaten mehr?<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Thomas Gruner<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/einige-leichen-im-keller\/\">Einige Leichen im Keller<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wem-gehort-unser-bewusstsein\/\">Wem geh\u00f6rt unser Bewusstsein?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/frenzy\/\">Frenzy<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/uber-einige-aspekte-der-neueren-traumatherapien\/\">\u00dcber einige Aspekte der neueren Traumatherapien<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-blendung-des-odipus-oder-der-blinde-fleck-unserer-kultur\/\">Die Blendung des \u00d6dipus &#8211; oder Der blinde Fleck unserer Kultur<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abschied-von-den-eltern\/\">&#8222;Abschied von den Eltern&#8220;<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-2\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 2<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-1\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 1<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/geborgenheit-in-der-moral-oder-die-wahrheit-der-erfahrungen\/\">Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen<\/a><\/li><li class=\"current\"><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker\/\">Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-doppelte-falle\/\">Die doppelte Falle<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Klaus Schlagmann<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a href=\"\/de\/krankenkassen-finanzieren-die-lobbyarbeit-fur-\nkinderschander\/\">Krankenkassen finanzieren die Lobbyarbeit f\u00fcr<br \/>\nKindersch\u00e4nder<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">Claudio Breda<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/bloss-nie-nachgeben-2\/\">Bloss nie nachgeben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Gruner Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek BeckerSunday 01 February 2004 Ich habe keine Erinnerung &#8230; . Ich kann Ihnen nichts \u00fcber das Ghetto erz\u00e4hlen. Ich habe es vergessen &#8211; so als w\u00e4re es nie gewesen. Jurek Becker &#8222;Sooft ich in der Vergangenheit nach Herkunft und Abstammung gefragt worden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76],"tags":[],"class_list":["post-2967","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tg"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2967"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2968,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967\/revisions\/2968"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2967"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2967"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}