{"id":2969,"date":"2003-06-01T13:28:27","date_gmt":"2003-06-01T12:28:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2969"},"modified":"2015-12-02T13:30:10","modified_gmt":"2015-12-02T12:30:10","slug":"die-doppelte-falle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-doppelte-falle\/","title":{"rendered":"Die doppelte Falle"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<p align=\"right\">von <b>Thomas Gruner<\/b><\/p>\n<h1 style=\"padding-top:10px;\">Die doppelte Falle<br \/><span class=\"soustitre\">Sunday 01 June 2003<\/span><\/h1>\n<p>Vorspann von Alice Miller:<\/p>\n<p>Den Text &#8222;Die doppelte Falle&#8220; von Thomas Gruner, der offensichtlich ein Zwischenbericht eines jahrelangen Prozesses ist, erhielt ich als Reaktion auf meine Reflexionen \u00fcber die Beziehungen zwischen K\u00f6rper und Moral. Was ich dort abstrakt formuliert habe, wird hier ganz konkret am Beispiel des eigenen Lebens gezeigt, in einer klaren und authentischen Sprache, wie sie zu diesem Thema sonst selten anzutreffen ist. Thomas Gruners Beschreibung des Weges von den Emotionen des Kindes zum Bewusstsein des Erwachsenen m\u00f6gen vielen als &#8222;zu einfach&#8220; erscheinen, doch deren Logik kann meines Erachtens kaum etwas entgegengehalten werden als eben die Moral, die sich in seinen Ausf\u00fchrungen deutlich als destruktiv entpuppt.<\/p>\n<p>\nThomas Gruner: Die doppelte Falle<\/p>\n<p><span class=\"title\">Was ist Liebe zu den Eltern?<\/span><\/p>\n<p>Ich habe fr\u00fcher einige Jahre lang Gruppen aufgesucht, in denen in ihrer Kindheit zum Teil schwer traumatisierte M\u00e4nner versuchten, \u00fcber ihre Vergangenheit zu sprechen. Einige dieser M\u00e4nner hatten sehr konkrete Erinnerungen an ihre ersten Lebensjahre. Sie erinnerten zum Beispiel, dass sie im Alter von zwei oder drei Jahren vom Vater vergewaltigt worden waren. Der Schock dar\u00fcber stand diesen M\u00e4nnern ins Gesicht geschrieben, aber alle erz\u00e4hlten, dass sie darauf warteten, der Vater w\u00fcrde auf sie zukommen und sie um Vergebung bitten. Dann w\u00e4ren sie bereit, zu verzeihen, denn sie w\u00fcrden durchaus Liebe f\u00fcr ihre V\u00e4ter empfinden, weil sie ja nicht nur Schlechtes von ihnen erfahren h\u00e4tten. Ihre M\u00fctter konnten diese M\u00e4nner durchaus als hysterisch und gef\u00fchlskalt beschreiben, sie sahen, dass sie von ihren M\u00fcttern im Stich gelassen worden waren, aber empfanden Mitleid f\u00fcr diese Frauen. Ein Mann sagte einmal: Ich glaube nicht, dass mich meine Mutter geliebt hat, aber ich liebe meine Mutter. Ich habe meine Liebesf\u00e4higkeit bewahrt, und genau das unterscheidet mich von missbrauchenden und schlagenden Eltern. Ich bin froh, dass ich meine Mutter lieben kann, denn sonst w\u00e4re ich ja voller Hass, und so will ich nicht leben. Ich antwortete: Meine Mutter hat mich schwer misshandelt, sie h\u00e4tte mich in meiner Kindheit im Affekt t\u00f6ten k\u00f6nnen, weil ihre Wut und ihr Hass v\u00f6llig unkontrolliert waren. Eben deshalb liebe ich meine Mutter nicht mehr. Ich will keinen Menschen lieben, der mich misshandelt und gedem\u00fctigt hat, auch dann nicht, wenn dieser Mensch meine Mutter ist. Ich kann mich gut daran erinnern, dass der Mann mich ansah, als ob er eine solche \u00c4u\u00dferung niemals zuvor in seinem Leben geh\u00f6rt h\u00e4tte. Es sei doch normal, fand er, dass ein Kind, auch das erwachsene, seine Eltern liebe. Alle Menschen liebten ihre Eltern, dies sei ein Naturgesetz.<\/p>\n<p>Ausgel\u00f6st durch einige krisenhafte Einbr\u00fcche in meinem Leben und begleitet von starken Gef\u00fchlen, hatte ich im Alter von 33 Jahren begonnen, mich an meine Kindheit zu erinnern. In einem schmerzhaften Prozess kamen klare Erinnerungen zum Vorschein, wie schwer mich meine Mutter schon als sehr kleines Kind misshandelt und meinen K\u00f6rper f\u00fcr ihre pervertierten sexuellen Bed\u00fcrfnisse benutzt hatte. Ich realisierte die Ablehnung und die Verachtung meines Vaters. In jener Zeit erlebte ich sehr viel Wut und Hass auf meine Eltern, denn ich konnte erkennen, wie massiv die Erfahrungen in meiner Kindheit mein sp\u00e4teres Leben beeintr\u00e4chtigt hatten. Tats\u00e4chlich tauchte aber auch ein sehr starkes Gef\u00fchl gegen\u00fcber meinen Eltern, besonders gegen\u00fcber meiner Mutter auf, das ich Liebe nannte. Ich nannte dieses Gef\u00fchl deshalb Liebe, weil es so intensiv und mit einer starken Verzweiflung verbunden war, dass ich es mir nicht anders zu deuten wusste. Ich sp\u00fcrte klar, dass dieses Gef\u00fchl sehr kindlich war.<\/p>\n<p>Mit der Zeit dr\u00e4ngte sich mir die Frage auf, ob ich bei dem Gef\u00fchl, das ich entdeckt hatte, von Liebe sprechen konnte. Der erwachsene Mann wehrte sich dagegen, seine Mutter lieben zu m\u00fcssen. Aber ich ging davon aus, dass ich als Kind Liebe f\u00fcr meine Mutter empfunden hatte. Warum eigentlich? Wusste ich \u00fcberhaupt, was Liebe ist? Um f\u00fchlen und wissen zu k\u00f6nnen, was Liebe ist, muss ein Mensch die Erfahrung der Liebe in seiner Kindheit erlebt haben. Meine Mutter hatte immerzu behauptet, mich zu lieben. Als Kind habe ich ihr das glauben wollen und m\u00fcssen, als Erwachsener hatte ich die Freiheit, Fragen zu stellen. Ist es m\u00f6glich, dass eine Mutter, die ihren kleinen Sohn sexuell ausbeutet, dieses Kind liebt? Kann eine Mutter ihr Kind fortgesetzt zusammenschlagen und es zugleich lieben? Inzest und Liebe, Gewalt und Liebe schlie\u00dfen sich aus. Meine Mutter war gar nicht f\u00e4hig gewesen, zu lieben. Man k\u00f6nnte behaupten, diese Erkenntnis, in der Kindheit rein gar nichts von den Eltern bekommen zu haben, sei so vernichtend, dass ein Mensch sie sich lieber ersparen sollte. Diese Erkenntnis ist aber ein Teil meiner pers\u00f6nlichen Wahrheit, die ich verdr\u00e4ngen, jedoch nicht \u00e4ndern kann. Ich hatte alles hergeben m\u00fcssen als kleiner Junge, doch durch keine Anstrengung erreichen k\u00f6nnen, dass meine Mutter zur Liebe f\u00e4hig wurde.<br \/>\nHabe ich also, fragte ich mich weiter, als Kind alles hergegeben in der Hoffnung, meine Mutter w\u00fcrde so, dass ich sie lieben konnte? Und wenn das so war, dann habe ich meine Mutter nicht geliebt. Ich sehnte mich nach Liebe, ich sehnte mich nach einer Mutter, wie ich sie brauchte: offen, liebenswert, humorvoll und z\u00e4rtlich. Aber dieses Gef\u00fchl hat mit Liebe nichts zu tun. Die Sehnsucht nach der Liebe signalisiert ihre Abwesenheit und diese Sehnsucht des Kindes kann lange Zeit in uns \u00fcberwintern und uns unbewusst steuern.<\/p>\n<p>Meine Eltern haben mir sozusagen ein chronisches Hungersyndrom hinterlassen; ich habe meine Mutter und meinen Vater nicht lieben k\u00f6nnen und habe keine Liebe von ihnen erhalten. Ich f\u00fchlte eine entsetzliche Leere, die in mir starke Schmerzen erzeugte. Ist es das, wovor sich so viele Menschen f\u00fcrchten, und klammern sie sich deshalb an die Vorstellung, die Eltern oder wenigstens ein Elternteil (sehr oft die Mutter) zu lieben? Das Gef\u00fchl der inneren Leere, niemals satt geworden zu sein, ist qualvoll. Ich hatte das Gef\u00fchl, als ob ich nicht mehr weiterleben k\u00f6nne, wenn dieser Hunger nicht gestillt w\u00fcrde. Mit meinen Eltern wollte ich nichts mehr zu tun haben, aber ich musste erkennen, dass ich mein ganzes Leben lang von anderen Menschen erwartet hatte, sie m\u00f6gen mir das geben, was mir von meinen Eltern verweigert worden war. Hatte ich wenigstens diese Menschen geliebt? Nein, ich war getrieben von der Sehnsucht nach ihrer Liebe, weil sie auf die eine oder andere Weise meinem Vater oder meiner Mutter \u00e4hnlich gewesen sind. Ich hatte nach wie vor die Liebe meiner Eltern in anderen Menschen gesucht, und ich wollte diese Menschen ver\u00e4ndern, wie ich einst meine Eltern ver\u00e4ndern wollte, um sie lieben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Akt der Reflexion ist machtlos gegen die starken Schmerzen, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ausl\u00f6st. Diese Schmerzen lassen die Gegenwart wie die H\u00f6lle der Kindheit erscheinen. Solange ich mein gegenw\u00e4rtiges Leben n\u00e4mlich mit dem schmerzerf\u00fcllten Blick des kleinen Jungen, der ich gewesen war, sah, konnte ich mich nicht von dem tiefen Empfinden der Sinnlosigkeit aller meiner Bem\u00fchungen befreien. Ich hatte ja gar nichts bekommen, ich stand ja ganz und gar mit leeren H\u00e4nden da. Ich wollte lieber tot sein, als so leben zu m\u00fcssen. Genau das waren aber meine Gef\u00fchle als Kind: Ich muss sterben, wenn ihr mich so hungern lasst. Ich kann keine Freude an meiner Existenz haben, wenn ihr mich nicht liebt. Ich brauche eure Liebe, um leben zu k\u00f6nnen, aber ihr verweigert sie mir. Alles ist sinnlos, doch ich will nicht sterben, ich will leben, und ich will euch lieben k\u00f6nnen. Ich kann gar nicht ausdr\u00fccken, wie sehr ich mich danach sehne, dass ihr die Eltern w\u00e4ret, die mir all das geben k\u00f6nnten, was ich brauche.<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgte offenbar nicht, dass ich die traumatischen Ereignisse meiner Kindheit, wie die Gewalt und die \u00dcbergriffe meiner inzestu\u00f6sen Mutter und die Ignoranz, mit der mein Vater mich bedacht hatte, erinnerte und die dabei auftauchenden starken Emotionen durchlebte, um meine Gegenwart ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich erreichte ich nur, dass die Wunden der Kindheit immer neu aufgerissen wurden, die inneren Schmerzen sich verst\u00e4rkten, worauf der K\u00f6rper mit einer Depression antwortete, um sich zu sch\u00fctzen. Das fortlaufende F\u00fchlen der Schmerzen erwies sich als ebenso sch\u00e4dlich f\u00fcr den K\u00f6rper wie das jahrzehntelange Unterdr\u00fccken der starken Emotionen. Die kindliche Sehnsucht nach den Eltern, die ich niemals hatte, l\u00f6ste sich nicht auf, nur weil ich sie bewusst f\u00fchlen konnte. Einige Fragen, die ich mir selbst stellte, haben mir zu mehr Klarheit verholfen. Wenn ich mir etwa meine Mutter so genau wie irgend m\u00f6glich ansah, sehnte ich mich heute dann tats\u00e4chlich noch nach der Liebe dieser Frau oder eines Menschen, der ihr \u00e4hnlich war? Es war doch viel mehr mein Bed\u00fcrfnis sowohl meine Mutter und meinen Vater als auch Menschen, die ihnen \u00e4hnlich sind, zu meiden. W\u00fcnschte ich mir heute noch, dass meine Mutter mich liebt, diese Frau, die mir so viel Leid zugef\u00fcgt hatte? Der erwachsene Mann war in der Lage sich das zu sagen, was das Kind nicht einmal hatte denken k\u00f6nnen: Nach wessen Liebe sehnst du dich da eigentlich? Und wenn du diese Frau als Kind nicht lieben konntest, was willst du heute von ihr? Warum hast du Schuldgef\u00fchle, wenn du deine Mutter nicht geliebt hast und sie dich auch nicht. Wenn weit und breit keine Liebe zu entdecken ist, bist du doch an nichts mehr gebunden. Vielleicht ist es so, dass du gar nicht wissen kannst, was Liebe \u00fcberhaupt ist, aber du kannst deine Gef\u00fchle den Menschen geben, die es wert sind. Ein Mensch, der dich schlug und benutzte, hat deine Liebe nicht verdient. Einem solchen Menschen bist du nichts schuldig, weil er dir alles schuldig geblieben ist. Warum hast du Mitleid mit einem solchen Menschen, anstatt mit dem kleinen Jungen, der du gewesen bist? Was hast du diesem Menschen zu danken? Wohl doch gar nichts, denn ich habe es einzig allein mir zu verdanken, meiner Kraft und Phantasie, dass ich an dieser Kindheit nicht zugrunde gegangen oder irre geworden bin. Es hat mir doch niemand geholfen. Nicht einmal mein Vater.<\/p>\n<p>Entscheidend war f\u00fcr mich, zu sehen, wie meine Eltern die Entfaltung meiner Bed\u00fcrfnisse, mich auszudr\u00fccken mit kreativen Mitteln und mein Bed\u00fcrfnis nach Kommunikation, unterbunden hatten und zwar sehr gezielt, aus Neid, weil sie selbst ihre Bed\u00fcrfnisse niemals hatten entwickeln d\u00fcrfen. Je konkreter ich das sehen konnte, um so st\u00e4rker wurde meine Emp\u00f6rung. Ich w\u00fcrde niemals mehr die Liebe bekommen, die ich als Kind gebraucht hatte, aber das musste doch nicht bedeuten, dass ich als erwachsener Mensch nie mehr Freude empfinden durfte. Warum durfte ich mir meine Bed\u00fcrfnisse nicht erf\u00fcllen? Es war als Kind lebensgef\u00e4hrlich, meine Begabungen und F\u00e4higkeiten zu zeigen, weil sie meinen Eltern Angst machten, es sei denn, sie konnten mit meinen Leistungen prahlen. Diese aufgrund zahlreicher realer Erfahrungen tief im K\u00f6rper verwurzelte Angst konnte ich nicht aufl\u00f6sen, solange ich durch die Sehnsucht nach der Liebe meiner Eltern besonders an meine Mutter gebunden blieb. Die Sehnsucht, doch noch die Liebe zu bekommen, die ich einst gebraucht h\u00e4tte, trieb mich dazu, weiterhin meine authentischen Bed\u00fcrfnisse der Illusion zu opfern. Ist mein Opfer nur gro\u00df genug, dachte das Kind, dann muss die Mutter mich eines Tages lieben. Erst muss ich geliebt werden, dann kann ich leben. In dem Augenblick, in dem die Sehnsucht nach dieser Liebe abnehmen durfte, erwachte eine ganz andere, produktive, auf die Zukunft gerichtete Sehnsucht in mir: die Sehnsucht nach Authentizit\u00e4t, die Sehnsucht nach dem Menschen, der sich nie hatte entwickeln und zeigen d\u00fcrfen. Die Liebe eines erwachsenen Menschen ist kein Naturgesetz, weil der Erwachsene w\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Im Laufe dieser Entwicklung wurde mir klarer, warum all die Menschen, die mir erz\u00e4hlt hatten, dass sie ihre Eltern liebten und ihnen vergeben wollten, sich nicht wirklich von der Depression befreien konnten. Jene, die in einer Therapie waren, in der es ihnen gestattet wurde, ihre Gef\u00fchle zu artikulieren, f\u00fchlten sich insgesamt entspannter und lebendiger und waren ihren Therapeuten sehr dankbar daf\u00fcr, aber ihre Symptome lie\u00dfen nicht nach oder wurden lediglich durch andere Symptome ersetzt. So konnte zum Beispiel eine Sucht zum Stillstand gebracht werden, aber der Betreffende war nicht in der Lage, sich l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten auf eine T\u00e4tigkeit zu konzentrieren und hatte panische Angst, sich eine Arbeit zu suchen, weil er in den Vorgesetzen immer noch den gewaltt\u00e4tigen Vater f\u00fcrchtete. In der Therapie wurden sie darin unterst\u00fctzt, ihren Eltern zu verzeihen und ihr Schicksal, so wie es war, zu akzeptieren. Der K\u00f6rper wehrte sich gegen das Ignorieren der Realit\u00e4t und bestand mit Hilfe der Symptome darauf, dass die realen Eltern endlich zur Kenntnis genommen w\u00fcrden. In einer Therapie, die die Vergebung zum Ziel erkl\u00e4rt, ist das aber grunds\u00e4tzlich nicht m\u00f6glich, weil die reale Wahrnehmung misshandelnder oder missbrauchender Eltern die Vergebung ausschlie\u00dft. Das Bed\u00fcrfnis, den einst misshandelnden Eltern zu vergeben, wird gar nicht auftauchen, wenn diese Eltern im schonungslosen Licht der Realit\u00e4t gesehen werden.<br \/>\nDer Mut zur Wahrheit, den sich der erwachsene Mensch im Gegensatz zum abh\u00e4ngigen Kind leisten kann, bedeutet noch keine Befreiung von den Folgen der Vergangenheit und ist schon gar nicht mit dem omin\u00f6sen Begriff Heilung gleichzusetzen. Die Bereitschaft, meine Eltern nicht mehr schonen zu wollen, gab mir jedoch den Schl\u00fcssel in die Hand, um die T\u00fcr meines Gef\u00e4ngnisse aufschlie\u00dfen und mich jenseits der Welt der Kindheit umsehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es war bezeichnend, dass mir meine Therapeuten niemals die Fragen stellten, die mir allein, ohne Therapeut selbst\u00e4ndig in den Sinn kamen. In meinen Therapien blieb ich nicht nur in meinen Symptomen gefangen, sie verst\u00e4rkten sich im Verlauf der Behandlung, weil meine Therapeuten sich davor f\u00fcrchteten, die Eltern wirklich in Frage zu stellen. Mein K\u00f6rper signalisierte mir aber sehr deutlich, dass seine Wahrheit und seine Bed\u00fcrfnisse ignoriert wurden.<br \/>\nWie in der Kindheit wurde mir in den Therapien die Moral angeboten, die ich lange nicht erkennen konnte, weil sie mir dieses Mal nicht eingepr\u00fcgelt wurde, sondern in einem freundlichen Gewand erschien.<\/p>\n<p>\n<span class=\"title\">Erziehung statt Therapie<\/span><\/p>\n<p>Selten h\u00f6re ich die Frage, warum wir so sehr darauf eingeschworen sind, den Eltern in jedem Fall Liebe und Vergebung zu schulden. Ich selbst bekam in meiner Kindheit die giftige Nahrung des Inzests, den ich f\u00fcr Liebe halten sollte, und die giftige Nahrung der Moral, die mir erkl\u00e4rte, dass es meine Pflicht sei, meine Eltern zu lieben. Meine inzestu\u00f6se Mutter pflegte mir drei Mal am Tag das Vierte Gebot zu zitieren. Ausgerechnet sie war die H\u00fcterin der Moral in meiner Kindheit. Es ist gut m\u00f6glich, dass ich deshalb eine Allergie gegen die Moral entwickelt habe.<\/p>\n<p>Ich hatte bereits einige wesentliche Fakten meiner Kindheit entdeckt, als ich eine Psychoanalyse begann. In nahezu jeder Stunde konfrontierte ich meine Analytikerin mit Erinnerungen an die \u00dcbergriffe meiner Mutter, die sie stets schweigend zur Kenntnis nahm. Tats\u00e4chlich ist meiner Therapeutin nicht ein Mal nur ein Wort des Entsetzens oder der Emp\u00f6rung entschl\u00fcpft. Stattdessen gab sie sich gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine Mutter zu werben. Als Kind hatte ich verzweifelt versucht, meine Mutter zu verstehen, und auf einer viel tieferen Ebene als der des Intellekts war mir das auch gelungen. Ich hatte die Not meiner Mutter gesp\u00fcrt und deswegen hatte sie mir immer leid getan. Folglich hatte ich die l\u00e4ngste Zeit meines Lebens Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine Mutter gehabt. Indem die Analytikerin mir freundlich erkl\u00e4rte, wie \u00fcberfordert meine Mutter und wie anstrengend ich als kleines Kind gewesen sei, verwehrte sie mir, mich endlich selbst verstehen zu k\u00f6nnen. Indem sie die Not meiner Mutter beschrieb, wischte sie meine Not vom Tisch. So blieb ich in kindlichen Schuldgef\u00fchlen gefangen, meine Symptome blieben mir unerkl\u00e4rlich, denn das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine Mutter produzierte lediglich weiterhin Mitleid f\u00fcr diese Frau. Die Therapeutin behauptete, dass sie mir helfen wolle, meine Eltern differenziert, mit erwachsenen Augen wahrzunehmen, tats\u00e4chlich verhinderte sie jedoch, dass ich die Sichtweise des kleinen Jungen mit dem Blick des erwachsenen Mannes erg\u00e4nzen konnte. Sie verhinderte, dass ich meine kindliche Realit\u00e4t, meine Gef\u00fchle und meine Eltern so genau wie m\u00f6glich wahrnahm. Ich m\u00f6chte dies an zwei Bespielen aus meiner Kindheit zeigen.<\/p>\n<p>Als ich etwa drei Jahre alt war, erregte meine Mutter oft mein Mitleid, indem sie unvermittelt in Tr\u00e4nen ausbrach, \u00fcber ihr Leben klagte und mich zu sich rief, damit ich sie tr\u00f6stete. Meine Existenz sei ihr einziger Halt auf dieser Welt, pflegte sie mir zu sagen. Ich sollte meine H\u00e4nde auf ihre Stirn legen, dann w\u00fcrde es ihr gleich besser gehen; meine H\u00e4nde, sagte meine Mutter, h\u00e4tten heilende Kr\u00e4fte. Ich lag auf der Couch und erz\u00e4hlte diese Episode angewidert. Zugleich f\u00fchlte ich wieder die kindliche Sorge um meine Mutter. Die Therapeutin reagierte enthusiastisch: Da sehen sie, meinte sie, wie viel sie ihrer Mutter auf der einen Seite auch bedeutet haben. Das ist doch sehr positiv. Wie jeder Mensch, der anf\u00e4ngt, sich mit der Realit\u00e4t seiner Kindheit auseinander zu setzen, wollte ich mir meine Mutter bewahren k\u00f6nnen. Ich wusste nicht, ob ich den Botschaften meines K\u00f6rpers, meinen Gef\u00fchlen oder der Version, die meine Mutter \u00fcber meine Kindheit von sich gegeben hatte, glauben sollte. Ich sp\u00fcrte die Erpressung und die Okkupation durch meine Mutter, konnte diese Realit\u00e4t aber nicht greifen. Offenbar hielt es meine Analytikerin f\u00fcr notwendiger, dass ich gute und positive Seiten an meiner Mutter entdeckte, um mir die Illusion der Mutterliebe erhalten zu k\u00f6nnen, anstatt mir dabei zu helfen, dass ich erkannte, mit welchen Manipulationen mir das Mitleid f\u00fcr meine Mutter aufgezwungen worden war. Ganz offenbar kam sie gar nicht auf die Idee, dass meine Mutter mich \u00fcberhaupt nicht geliebt sondern beliebig benutzt hatte. Ich war selbstverst\u00e4ndlich wichtig f\u00fcr sie gewesen, lebenswichtig, ich war ihr &#8222;Lebensmittel&#8220; auf eine Art, so dass ich nicht das geringste Recht auf ein eigenes Leben hatte entwickeln k\u00f6nnen. Kann man das Liebe nennen? Und warum wurde meine Therapeutin so redselig, wenn es um meine Mutter ging und hielt sich so strikt an die analytische Abstinenz, wenn ich \u00fcber meine Inzesterlebnisse berichtete?<\/p>\n<p>In einer sp\u00e4teren Analysestunde erz\u00e4hlte ich von meinem achten Geburtstag. Ich hatte von meiner Mutter einen kleinen Stofftiger geschenkt bekommen und mir war buchst\u00e4blich schlecht geworden vor Freude. Liebte mich meine Mutter nicht doch, wenn sie mir eine solche Freude machte? Das war die Frage des achtj\u00e4hrigen Kindes gewesen. Jetzt hatte ich endlich einen Freund, mit dem ich sprechen k\u00f6nnte, der immer da w\u00e4re. Ich war meiner Mutter dankbar. Meine Therapeutin war am Ende noch erfreuter als ich in meinen Kindertagen: Wir finden immer wieder, dass sie auch Gutes von ihrer Mutter bekommen haben. Sie wiederholte: Das finden wir immer wieder. W\u00e4re dies in der Tat der Fall gewesen, h\u00e4tte mein K\u00f6rper entspannt und beruhigt reagieren m\u00fcssen. Stattdessen verst\u00e4rkte sich die Depression, weil ich der Realit\u00e4t meiner Kindheit nicht n\u00e4her kam. Wie einsam bin ich als Kind gewesen, wenn ich meiner Mutter schon f\u00fcr einen toten Gegenstand so dankbar war, denn lebende, menschliche Freunde waren mir ja verboten. Kann ein Kind, das wirklich geliebt wird, neben der Mutter so einsam sein? Und wie viele Stofftiere, wie viele Tafeln Schokolade, wie viele Sahnetorten k\u00f6nnen fortgesetzte Gewalt, Vernachl\u00e4ssigung und den Gebrauch des kindlichen K\u00f6rpers aufwiegen? Wo finde ich einen realen stichhaltigen Grund, der mich zur Dankbarkeit gegen\u00fcber meiner Mutter verpflichtet?<\/p>\n<p>Ich habe bewusst diese Beispiele aus meiner Kindheit gew\u00e4hlt, um zu zeigen, wie die Angst des Therapeuten, die Eltern k\u00f6nnten in der Therapie beschuldigt werden, den realen Blick des Erwachsenen auf seine Kindheit und seine Gef\u00fchle, auf die Eltern, wie sie wirklich waren, verschleiert. Die so oft beschworene analytische Neutralit\u00e4t habe ich in meiner Analyse nicht finden k\u00f6nnen. Die Psychoanalyse, die sich h\u00e4ufig als dem Geist der kritischen Aufkl\u00e4rung verpflichtet pr\u00e4sentiert, erwies sich in meinem Fall als biedere, hausbackene Methode, den Eltern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und zwar um jeden Preis. Solange ich die Therapeutin, die mein Kinderschicksal ignorierte, nicht verlie\u00df, blieb ich in der Depression gefangen, die kurze Zeit nach dem Abbruch der Therapie stark nachlie\u00df.<\/p>\n<p>Nach der Erfahrung mit der Analyse hatte ich das Bed\u00fcrfnis, einen Therapeuten zu finden, der mir helfen konnte, auf der Seite des Kindes zu stehen und den Zwang aufzugeben, verzweifelt nach Beweisen suchen zu m\u00fcssen, dass meine Mutter mich geliebt habe. Vor allem suchte ich einen Begleiter, der die verheerenden Folgen, die meine Kindheit f\u00fcr mein sp\u00e4teres Leben mit sich gebracht hat, wahrnehmen und anerkennen w\u00fcrde.<br \/>\nInzwischen wird in vielen, insbesondere k\u00f6rperorientierten Therapien dem Patienten gestattet, seine authentischen Gef\u00fchle auszudr\u00fccken. Der Patient wird aufgefordert, auch Wut und Hass gegen\u00fcber den Eltern in der Therapie zu artikulieren. Man k\u00f6nnte in Versuchung geraten, zu glauben, dass in diesen moderneren Therapien, die auch Informationen \u00fcber die Folgen von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch ber\u00fccksichtigen, die Moral keinen Platz mehr findet.<\/p>\n<p>Ich traf schlie\u00dflich einen Therapeuten, der auf einer tiefenpsychologischen Grundlage die Arbeit mit dem K\u00f6rper und den Gef\u00fchlen durch Anleihen bei der Bioenergetik und prim\u00e4rtherapeutischen Methoden anbot. Er schien zun\u00e4chst eindeutig Partei f\u00fcr mich und gegen meine Eltern zu ergreifen und sagte mir immer wieder, alle meine Gef\u00fchle w\u00e4ren ohne jegliche Wertung in der Therapie willkommen. Dieses Versprechen mobilisierte in mir die Hoffnung, endlich so wahrgenommen und akzeptiert zu werden, wie ich war; s\u00e4mtliche Hoffnungen des ganz kleinen Jungen lebten wieder auf. So versuchte ich in der Therapie, mich unverstellt, mit der ganzen Breite und Tiefe meiner wahren Emotionen zu zeigen, was bei mir mit vielen \u00c4ngsten verbunden ist, denn gerade meine echten Gef\u00fchle waren in meiner Kindheit verboten und verfolgt worden. Ich erz\u00e4hlte von meiner Verzweiflung dar\u00fcber, dass ich nicht meinen Bed\u00fcrfnissen gem\u00e4\u00df leben konnte und das Wissen \u00fcber die Auswirkungen meiner Kindheit auf mein sp\u00e4teres Leben mich oft in gro\u00dfe Hoffnungslosigkeit st\u00fcrzte. Ich f\u00fchrte dem Therapeuten vor, wie sehr ich darum rang, meine authentischen Bed\u00fcrfnisse zu retten und zu entwickeln.<\/p>\n<p>Mir fiel auf, dass ich in den Therapiestunden zwar \u00fcber meine Not reden, meine Gef\u00fchle aber in Gegenwart des Therapeuten nicht ausdr\u00fccken konnte, obwohl sie mir au\u00dferhalb der Therapie zug\u00e4nglich waren. Im Gegensatz zur Analyse sa\u00df ich hier dem Therapeuten gegen\u00fcber, und ich glaubte zu erkennen, dass er unruhig wurde, wenn ich \u00fcber den qu\u00e4lenden Konflikt zwischen meinen authentischen Bed\u00fcrfnissen und meinem realen Leben im Alltag sprach. Ich wollte wissen, warum ich nicht das machen konnte, was mir am Herzen lag. Hatte der Therapeut Angst und blockierte mich auf diese Weise oder war bei mir ein Widerstand wirksam, wie mir der Therapeut erkl\u00e4rte? Ich war mir nicht sicher, ich sp\u00fcrte nur, dass mein K\u00f6rper sich verschloss.<\/p>\n<p>Eines Tages erz\u00e4hlte ich dem Therapeuten, dass ich im Alter von zw\u00f6lf Jahren angefangen hatte, Geschichten zu erfinden und aufzuschreiben. Diese Geschichten hatte ich meiner Mutter gebracht, die das Heft zerriss und mich zwang, die Papierfetzen in den M\u00fcll zu werfen. Meine Mutter konnte nicht ertragen, dass ich etwas Kreatives, Sch\u00f6pferisches machte, da es ihr selbst verwehrt war. Mein Therapeut reagierte emp\u00f6rt, aber nicht \u00fcber das uns\u00e4gliche Verhalten meiner Mutter: Sie m\u00fcssen endlich davon abkommen, ihre Eltern dauernd zu beschuldigen, sonst k\u00f6nnen sie nicht gesund werden. Sie m\u00fcssen selbst Verantwortung f\u00fcr ihr Leben \u00fcbernehmen. Sie m\u00fcssen ihr Schicksal akzeptieren und ihren Eltern vergeben. Sie m\u00fcssen ihr Schicksal in einen spirituellen Zusammenhang einordnen, nur so k\u00f6nnen sie ihrem Leben einen Sinn verleihen.<\/p>\n<p>Anstatt Empathie f\u00fcr das Kind, das ich gewesen war, bot mir mein Therapeut die Moral und zugleich die Drohung, was geschehen w\u00fcrde, wenn ich die Moral missachtete. Und er ging noch einen entscheidenden Schritt weiter: Er verk\u00fcndete mir nicht die Botschaften von Mutter Kirche, die ihm wohl zu konventionell oder zu bourgeois gewesen w\u00e4ren, aber er pr\u00e4sentierte mir eine religi\u00f6se Antwort als Ersatz f\u00fcr das wirkliche Leben, f\u00fcr die Entfaltung meiner authentischen Bed\u00fcrfnisse. Die Therapie war nicht nur Erziehung, sondern eine Art Quasi-Religion.<\/p>\n<p>Offenbar hatte mein K\u00f6rper viel eher als mein Bewusstsein die Angst und die Hilflosigkeit des Therapeuten registriert. Deshalb war es mir so schwer gefallen, meine Gef\u00fchle in der Therapie zu zeigen. Weil der Therapeut aber die Hoffnung geweckt hatte, dass ich endlich angenommen werden w\u00fcrde, wie ich wirklich war, konnte ich mich l\u00e4ngere Zeit aus der f\u00fcr mich sch\u00e4dlichen Therapie nicht befreien. Das Kind in mir wartete auf die Einl\u00f6sung des Versprechens. Vor dem Abbruch der Therapie stellte sich heraus, dass mein Therapeut selbst gerne geschrieben h\u00e4tte. Trieb ihn der Neid, der auch meine Mutter gejagt hatte, auf ihre Seite, so dass er den Kampf um die Entfaltung der Bed\u00fcrfnisse, die ich mir als Erwachsener sehr wohl erf\u00fcllen kann, blockieren musste?<\/p>\n<p>\n<span class=\"title\">Jenseits der Moral<\/span><\/p>\n<p>Ich habe nicht nur in den Gruppen sondern auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen immer wieder den Austausch mit Menschen \u00fcber ihre Kindheitserfahrungen gesucht. Fast ausnahmslos beriefen sich die Menschen, mit denen ich sprach, auf die Vergebung und auf Spiritualit\u00e4t als heilende Kraft. Wie die M\u00e4nner in den Gruppen f\u00fcrchteten sie sich in der Regel davor, ihre Eltern eindeutig zu verurteilen, das Verhalten der Eltern klar zu werten, und klammerten sich an die Idee, die sie Liebe f\u00fcr die Eltern nannten. Ich brauchte viele Jahre, um zu sehen, dass ich gar nicht das Bed\u00fcrfnis habe, meine Eltern zu lieben und ihre Liebe heute auch nicht mehr brauche. Die Angst meiner Therapeuten vor den eigenen Eltern und der Realit\u00e4t ihrer Kindheit kostete mich viel Zeit.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat sich keine der diffusen Bef\u00fcrchtungen und Drohungen bewahrheitet, die ich in den Therapien und andernorts so oft zu h\u00f6ren bekam. Ich habe bislang nicht finden k\u00f6nnen, dass ich voller Hass bin, wenn ich meinen Eltern nicht verzeihe. Im Gegenteil: Der genaue Blick auf meine Eltern weckt das Bed\u00fcrfnis auf das eigene Leben. Meine Schuldgef\u00fchle sind nahezu erloschen, nachdem ich gesehen habe, wie sie mir aufgezwungen wurden. Das Mitgef\u00fchl f\u00fcr das Kind, das ich war, l\u00f6st das fatale Mitleid f\u00fcr meine Mutter ab, je mehr ich verhindern kann, dass die Entfaltung meiner authentischen Bed\u00fcrfnisse durch die verinnerlichten Botschaften der Eltern blockiert wird, weil ich f\u00e4hig bin, diese Botschaften klar zu identifizieren. Mein K\u00f6rper hat das fr\u00fche Defizit, den fr\u00fchen Hunger gespeichert. Der K\u00f6rper sucht weiter nach der Nahrung, die er zur notwendigen Zeit nicht bekommen hat. Der Leere, der &#8222;L\u00fccke&#8220;, die meine Eltern mir hinterlassen haben und die immer Teil meines Lebens sein wird, kann ich in dem Augenblick etwas entgegensetzen, sobald ich mich an meinen authentischen Bed\u00fcrfnissen orientiere. Auch das signalisiert der K\u00f6rper eindeutig: mit dem Gef\u00fchl der Freude. Die Depression und andere Symptome kehren in dem Augenblick zur\u00fcck, wo ich mich der Angst vor den verinnerlichten Eltern f\u00fcge. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, und ich muss abwarten, wohin er mich f\u00fchrt. Mir bleibt die Frage, ob Patienten nicht die Angst vor der Leere und dem Schmerz, die die Aufdeckung der Kindheitsrealit\u00e4t mit sich bringt, genommen werden kann, wenn sie sp\u00fcren k\u00f6nnen, dass sie im Therapeuten einen Menschen gefunden haben, der ehrlich auf der Seite des Kindes steht, das sie waren. Dieser Beistand k\u00f6nnte verhindern, dass die auftauchenden Schmerzen sich lediglich wiederholen. So \u00fcbernimmt ein Mensch zwangsl\u00e4ufig Verantwortung f\u00fcr sein Leben, wenn er seine Vergangenheit mit all den M\u00f6glichkeiten, die ihm als Erwachsener zur Verf\u00fcgung stehen, ansehen darf.<\/p>\n<p>Die Psychoanalyse verteidigt letztlich in vielen F\u00e4llen mit Hilfe ihrer ehernen Dogmen die realen fr\u00fchen Eltern und beschuldigt das Kind. Dies betreibt sie mit Eifer seit \u00fcber hundert Jahren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde jedoch im Rahmen unterschiedlicher psychotherapeutischer Schulen die Realit\u00e4t von Kindesmisshandlung und Inzest zunehmend ber\u00fccksichtigt. Man kann sagen, diese Therapieformen haben ehemalige Inzestopfer als Klienten entdeckt. Tats\u00e4chlich ist mir in diesem Zusammenhang kaum eine Publikation bekannt, in der nicht Vergebung und Spiritualit\u00e4t als Voraussetzung zur Heilung des Inzest-Traumas genannt werden. Der Gehorsam gegen\u00fcber den Eltern und dem Vierten Gebot scheint nach wie vor in Kraft zu sein.<\/p>\n<p>Moral und Religion h\u00e4ngen eng zusammen, und wenn in den therapeutischen Konzepten nicht die Moral als Rettungsanker geboten wird, dann schwingt sich die Therapie selbst zu einer Art Religion auf. Als ich mich mit unterschiedlichen prim\u00e4rtherapeutischen Konzepten besch\u00e4ftigte, beschlich mich zunehmend ein Unbehagen. Der Begr\u00fcnder der Prim\u00e4rtherapie, Arthur Janov, hat in seinen B\u00fcchern noch einmal beschrieben, dass alle unsere Erfahrungen, auch die aus der fr\u00fchesten Zeit unseres Lebens, im K\u00f6rper gespeichert sind und aufgefunden werden k\u00f6nnen. Janov wies darauf hin, wie unverzichtbar die Botschaften des K\u00f6rpers sind. Ich fragte mich aber, was ich von einem therapeutischen Konzept zu halten habe, das mir suggeriert, ich sei nur dann ein f\u00fchlender Mensch, wenn ich Schmerzen empfinde. Am Ende eines langen Leidensweges wird mir dann die Erl\u00f6sung versprochen, gleichsam das Paradies. Wenn ich nur lange und schrecklich genug gelitten habe, ist die Botschaft der Prim\u00e4rtherapien, bin ich ein g\u00e4nzlich anderer Mensch. Ist dies nicht die religi\u00f6se Vorstellung vom Purgatorium, aus dem ich irgendwann gel\u00e4utert herauskomme? Und ist nicht auff\u00e4llig, dass s\u00e4mtliche prim\u00e4rtherapeutischen Konzepte die Heilung jedes k\u00f6rperlichen Leidens und eine L\u00f6sung jeden sozialen Problems versprechen?<\/p>\n<p>Das Gebot der Elternliebe ist tief in unserer Kultur verankert und wird vielleicht aus diesem Grund nicht hinterfragt. Es ist Jahrtausende alt und wurde Moses auf der Flucht aus \u00c4gypten auf dem Berg Sinai von Jahwe \u00fcbermittelt. Es lohnt sich also, das Vierte Gebot genau anzusehen. In der mir vorliegenden Fassung lautet es: Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Lande, das Jahwe, dein Gott, dir geben will. (Exodus 20,12) Je \u00f6fter ich dieses Gebot des Dekalogs las, um so erstaunter wurde ich. Vorausgesetzt, dass Moses sich nicht verh\u00f6rt hat, denn immerhin \u00fcbermittelte ihm Jahwe den Dekalog im Schall der Posaunen und im Klang des Donners, sagt nicht einmal Gott, dass wir unsere Eltern lieben sollen, wir sollen sie ehren. Ich meine, das ist ein Unterschied, wir haben uns also allesamt gr\u00fcndlich geirrt. Wer seine Eltern nicht ehrt, wird offenbar mit einem fr\u00fchen Tod zu rechnen haben. Da finde ich die Todesangst des kleinen Kindes wieder, dem die Eltern ihre Zuwendung entziehen. Und was bedeutet es, einen Menschen zu ehren? Der Begriff Verehrung f\u00e4llt mir ein, aber auch die Ehrfurcht. Beide Begriffe kommen der Idealisierung sehr nahe. So liegt dem Vierten Gebot das Schicksal vieler Kinder, auch meines zugrunde: Ich idealisierte meine Eltern jahrzehntelang, weil ich Angst vor ihnen hatte und sie nicht lieben konnte. Nun habe ich damit aufgeh\u00f6rt und bin nicht gestorben. Im Vierten Gebot finde ich auch all die \u00c4ngste und Deutungen meiner Therapeuten wieder, die mir immer wieder verk\u00fcndeten: Idealisiere deine Eltern weiterhin, denn sonst wird es dir nur noch schlechter gehen. Sie haben mir nicht die Wahrheit gesagt.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist die Entt\u00e4uschung des kleinen Jungen an den Eltern, vor allem an der Mutter. Wenn ich ihn fragte, w\u00fcrde dieser kleine Junge sagen: Es tut so weh, diese Frau, meine Mutter, so zu sehen, wie sie wirklich gewesen ist. Ich bin so entt\u00e4uscht. Und ich sch\u00e4me mich, dass ich immer zu ihr gehalten habe. Es war so umsonst, so vergeblich. Ich wollte sie retten, sie tat mir so leid. Ich habe mir so sehr eine sch\u00f6ne und kluge Mutter gew\u00fcnscht, nur deshalb wollte ich sie retten und ich habe mich so angestrengt, sie zu lieben. Ich hoffte mit aller Kraft, dass sie mich dann auch lieben w\u00fcrde. Daf\u00fcr habe ich alles gegeben, meinen K\u00f6rper und all meine Phantasie. Kannst du jetzt verstehen, warum ich meine Mutter nicht lieben kann?<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/faq-wie-findet-man-einen-guten-therapeuten\/\">FAQ: Wie findet man<br \/>\neinen guten Therapeuten ?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Alice Miller<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/therapeutenliste\/\">Therapeutenliste<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auflosung-der-folgen-von-kindesmisshandlungen\/\">Aufl\u00f6sung der Folgen von Kindesmisshandlungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wir-konnen-die-ursachen-fur-unser-leiden-finden\/\">Wir k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr unser Leiden finden<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/aus-dem-gefangnis-der-schuldgefuhle\/\">Aus dem Gef\u00e4ngnis der Schuldgef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-fall-jessica\/\">Der Fall Jessica<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-blanke-sadismus\/\">Der blanke Sadismus<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-langste-weg\/\">Der l\u00e4ngste Weg<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/was-ist-hass\/\">Was ist Hass?<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/emporung-als-vehikel-der-therapie\/\">Emp\u00f6rung als Vehikel der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug\/\">Depression &#8211; 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oder Der blinde Fleck unserer Kultur<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abschied-von-den-eltern\/\">&#8222;Abschied von den Eltern&#8220;<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-2\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 2<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-1\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 1<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/geborgenheit-in-der-moral-oder-die-wahrheit-der-erfahrungen\/\">Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker\/\">Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker<\/a><\/li><li class=\"current\"><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-doppelte-falle\/\">Die doppelte Falle<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Klaus Schlagmann<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a href=\"\/de\/krankenkassen-finanzieren-die-lobbyarbeit-fur-\nkinderschander\/\">Krankenkassen finanzieren die Lobbyarbeit f\u00fcr<br \/>\nKindersch\u00e4nder<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">Claudio Breda<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/bloss-nie-nachgeben-2\/\">Bloss nie nachgeben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Gruner Die doppelte FalleSunday 01 June 2003 Vorspann von Alice Miller: Den Text &#8222;Die doppelte Falle&#8220; 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