{"id":2975,"date":"1987-03-01T15:13:28","date_gmt":"1987-03-01T14:13:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2975"},"modified":"2015-12-02T15:15:24","modified_gmt":"2015-12-02T14:15:24","slug":"das-fuhlende-kind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/","title":{"rendered":"Das f\u00fchlende Kind"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Das f\u00fchlende Kind<\/h1>\n<h2>Interview der Therapeutin Diane Connors mit Alice Miller f\u00fcr die Zeitschrift Omni Publishers International<br \/>\nM\u00e4rz 1987<\/h2>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Warum leugnen manche Fachleute das, was Sie schreiben?<\/p>\n<p>Viele empfinden meine Aussagen als be\u00e4ngstigend und gef\u00e4hrlich. Besonders, wenn sie sich verpflichtet f\u00fchlen, alles so zu sehen, wie Freud es sehen wollte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Was ist denn so be\u00e4ngstigend daran?<\/p>\n<p>Meine Hinweise auf Kindesmi\u00dfhandlungen und deren Folgen. Der Zorn des Kindes und die anderen starken Gef\u00fchle, die wir f\u00fcrchten mu\u00dften, sind Reaktionen auf in der Kindheit erfahrene Verletzungen. Heute wissen wir, wie h\u00e4ufig diese stattfinden. Das Kind mu\u00df die Erinnerung an erlittene Qualen verdr\u00e4ngen, es verleugnet den Schmerz und die Fakten, um zu \u00fcberleben, um nicht daran zu sterben.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wenn dies sehr fr\u00fch stattfindet, hat das Kind ja noch keine Worte, um diesen Schmerz auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Das stimmt. Aber der Schmerz war trotzdem da. Die Worte m\u00fcssen in der Therapie gefunden werden. Eine gute Therapie sollte dem Klienten helfen, sich von dem schweigenden Kind zum sprechenden Kind zu entwickeln. Das Kind konnte die Worte noch nicht finden, wenn das Drama so fr\u00fch stattgefunden hat und die Umgebung ausgesprochen feindlich war. Aber jetzt, in der Therapie, wenn der Therapeut seinen Klienten als Anwalt dient und  als der bewusste Zeuge von dem, was in der ersten Zeit ihres Lebens geschehen ist, dann lernt das schweigende Kind zu sprechen. Die Therapie ist ja da, um die Worte zu finden, um der Mutter und dem Vater zu sagen, wie das Kind sich gef\u00fchlt hat zur Zeit, als es noch nicht sprechen konnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Was verstehen Sie unter einem Anwalt?<\/p>\n<p>Jemanden, der sich ganz auf die Seite des Kindes stellt, immer. Der Therapeut sollte nicht sagen, die Eltern waren zwar gest\u00f6rt, aber hatten immer die besten Absichten, weil er sich dann auf die Seite der Erwachsenen stellt. Wir k\u00f6nnen nicht lernen zu f\u00fchlen, besonders nicht den Zorn zu f\u00fchlen, wenn wir die Menschen verstehen wollen, die uns verletzt haben. Beides gleichzeitig geht nicht. Wenn das Kind denkt, da\u00df die Eltern, die so grausam mit ihm umgingen und es schwer gedem\u00fctigt hatten, es doch eigentlich gut mit ihm meinten, dann kann es nicht den Schmerz und die Wut f\u00fchlen und bleibt verwirrt. Es stellt sich auch auf die Seite der Eltern. Das geschlagene Kind f\u00fchlt sich gedem\u00fctigt, verwirrt, isoliert und obendrein noch schuldig, weil man ihm sagte, da\u00df es schlecht und b\u00f6se sei. Wir haben Angst ohne Umschweife zu sagen, da\u00df Kindesmi\u00dfhandlung ein Verbrechen ist, weil wir die Eltern nicht beschuldigen wollen. Aber wir helfen niemandem, wenn wir ihre Blindheit unterst\u00fctzen, weil wir auf diese Weise auch das Kind in den Eltern betr\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie arbeiten Sie mit dem Schmerz im therapeutischen Proze\u00df?<\/p>\n<p>Der Schmerz birgt den Weg zur Wahrheit. Wenn wir verleugnen, da\u00df wir als Kinder nicht geliebt wurden, ersparen wir uns den Schmerz, aber wir verbauen uns den Weg zu unserer Wahrheit. Und unser ganzes Leben werden wir versuchen, die Mutter- und Vaterliebe zu finden, weil wir glauben und hoffen, da\u00df sie seit der Kindheit auf uns wartet, da sie uns doch zustand. Doch diese Liebe, die wir als Kinder vermi\u00dften, wartet nicht. Sie war nicht da, und wird nie da sein. Aber als Erwachsene k\u00f6nnen wir in der Therapie lernen, dieses Kind, das wir waren, zu lieben. Wenn wir uns von den Schuldgef\u00fchlen befreien. Die meisten Klienten denken, es war ihr Fehler, wenn sie nicht geliebt wurden. Das Schuldgef\u00fchl ist ein Schutz gegen das schmerzliche Bewu\u00dftwerden, da\u00df uns das Schicksal eine liebesunf\u00e4hige Mutter gab. Dies ist viel schmerzhafter als zu denken, oh, sie war eine gute Mutter, aber ich war so b\u00f6se. Weil wir dann etwas dagegen tun k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen uns M\u00fche geben, die Liebe zu bekommen. Aber die Liebe kann man nicht mit Leistungen verdienen, und die Schuldgef\u00fchle wegen dem, was wir getan oder nicht getan haben, unterst\u00fctzen nur unsere Blindheit und die Erkrankungen.<\/p>\n<p>Es ist in der Therapie wichtig, da\u00df der Klient seine Gef\u00fchle erlebt und sie verbal ausdr\u00fccken kann. Wenn er als Kind mi\u00dfhandelt wurde und der Therapeut das nicht verleugnet, kann sich vieles im Klienten \u00f6ffnen, sofern der Therapeut nicht Vergebung predigt. Sonst wirkt er kontraproduktiv. Der Klient wird dann seinen Zorn unterdr\u00fccken und verdr\u00e4ngen und ihn sp\u00e4ter an seinem Kind und an anderen S\u00fcndenb\u00f6cken ausleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Glauben Sie, da\u00df das Kind als  ein unbeschriebenes Blatt geboren wird?<\/p>\n<p>Nein, das glaube ich nicht. Das Kind kommt auf die Welt schon mit seiner Geschichte, die es im Mutterleib erlebt hat. Es wird dennoch unschuldig geboren und ist bereit, zu lieben. Das Kind kann lieben, viel mehr als die Erwachsenen lieben k\u00f6nnen. Diese meine \u00dcberzeugung findet soviel Widerstand, weil wir gelernt haben, unsere Eltern zu verteidigen und uns selbst f\u00fcr alles zu beschuldigen, was auch immer sie getan haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Inwiefern reflektiert ihr Schreibstil diese Gedanken?<\/p>\n<p>Ich versuche das Kind im Leser zu erreichen und ihm den Zugang zu seinen Gef\u00fchlen zu er\u00f6ffnen. So biete ich ihm Schl\u00fcssel an. Jeder kann sie nehmen und eine T\u00fcr in seinem Inneren damit \u00f6ffnen. Oder er kann sagen, ich will diese T\u00fcre nicht \u00f6ffnen; ich gebe Ihnen die Schl\u00fcssel zur\u00fcck. Ich versuche, Gef\u00fchle mit Hilfe von Bildern zu wecken. Mit diesen Schl\u00fcsseln ausgestattet, kann man zu den eigenen Kindern gehen und von ihnen noch mehr lernen, mehr als von mir, weil man eigentlich nur aus der eigenen Erfahrung lernen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Warum haben Sie beschlossen, die Praxis aufzul\u00f6sen und zu schreiben?<\/p>\n<p>Ich wollte Menschen \u00fcber all das informieren, was ich als Therapeutin gefunden habe. Ich wollte zeigen, da\u00df es keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt gibt, der Kinder mi\u00dfbraucht, ohne selbst als Kind mi\u00dfbraucht worden zu sein. Das zu realisieren scheint mir ganz wesentlich, und es kann helfen, vieles zu verstehen. Als Analytikerin konnte ich diese Einsicht nicht mit meinen Kollegen teilen. Es war nicht m\u00f6glich, und ich wollte verstehen, weshalb. So habe ich das dritte Buch geschrieben, Du sollst nicht merken. Ich f\u00fchlte mich in der Position des Kindes in Andersens M\u00e4rchen, das nicht begreifen konnte, weshalb alle Menschen um es herum die einfachsten Fakten leugnen, n\u00e4mlich da\u00df der Kaiser keine Kleider anhatte. Dann begannen andere Interesse an meinen B\u00fcchern zu entwickeln. Der bekannte Anthropologe Ashley Montagu hat meine Sicht sehr stark best\u00e4tigt, und ich fand in den USA viel Unterst\u00fctzung von anderen Schriftstellern, die ebenfalls \u00fcber Kindesmi\u00dfhandlungen schrieben. Montagu sandte mir sein Buch Growing Young, in dem er sich mit meiner Kritik der Psychoanalyse vollauf solidarisierte. Er zitierte darin den ber\u00fchmten englischen Psychoanalytiker Edward Glover, der \u00fcber das normale Kind schrieb, es sei \u00bbegozentrisch, gierig, schmutzig, gewaltt\u00e4tig im Temperament, destruktiv in seinem Verhalten, tief sexuell in seinen Absichten, mit einem total primitiven Realit\u00e4tssinn, ohne Bewu\u00dftsein und moralische Gef\u00fchle. Seine Haltung zur Gesellschaft, die von den Eltern repr\u00e4sentiert ist, ist opportunistisch, dominierend und sadistisch.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Sicht des Kindes ist eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr die Menschheit. Mit solchen Vorstellungen ma\u00dfen sich also Fachleute an, den Kindern die Normen der Gesellschaft zu vermitteln und es zu einem sozialen Wesen zu erziehen. Es war f\u00fcr mich ein Schock zu sehen, da\u00df diese Einsch\u00e4tzung des Kleinkindes den psychoanalytischen Theorien zugrunde liegt. Ganz kra\u00df kommt dies in den Schriften von Melanie Klein zum Vorschein.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie sind die Reaktionen der Kleinianer auf Ihre Werke?<\/p>\n<p>Es gibt nur selten Reaktionen von dieser Seite, aber einmal schrieb mir ein holl\u00e4ndischer Psychiater, der in der kleinianischen Schule ausgebildet war: \u00bbWas Sie publizieren, hat alles auf den Kopf gestellt, was ich gelernt habe, und machte mir zuerst Angst. Aber heute bin ich Ihnen dankbar daf\u00fcr, denn jetzt erlebe ich die Klinik jeden Tag als faszinierend. Fr\u00fcher habe ich mich gelangweilt, als ich versuchte, mit der Brille der kleinianischen Theorie vom b\u00f6sen S\u00e4ugling die Menschen zu sehen. Pl\u00f6tzlich sehe ich die Geschichten der Patienten, und ich kann von ihnen lernen.\u00ab<\/p>\n<p>Wenn ich sage, ich m\u00f6chte die Augen und Ohren der Erwachsenen f\u00fcr das Leiden der Kinder \u00f6ffnen, dann denke ich an die Arbeiten von Fr\u00e9d\u00e9rick Leboyer und an seine Erfahrungen mit Neugeborenen. So viele Menschen haben Geburten miterlebt, und niemand sah, da\u00df das Schreien des Kindes der Ausdruck seiner Leiden war. Niemand f\u00fchlte mit dem Kind. Alle waren \u00fcberzeugt, da\u00df es unbedingt n\u00f6tig sei, da\u00df es nach der Geburt zu schreien beginnt. Leboyer zeigte, da\u00df das nicht so sein mu\u00df, da\u00df das Kind einige Minuten nach der Geburt l\u00e4cheln kann.<\/p>\n<p>Das, was die Fachleute gelernt haben, k\u00f6nnen sie selten in Frage stellen, und was Leboyer f\u00fcr das Neugeborene tat, versuche ich f\u00fcr das Kleinkind zu tun, indem ich dessen Verhalten verst\u00e4ndlich mache, um Kindesmi\u00dfhandlungen in Zukunft zu verhindern. Solange wir diese verleugnen, k\u00f6nnen wir sie nicht aufhalten. Wir nennen sie dann Erziehung. Ich versuche, den Erwachsenen f\u00fcr die Gef\u00fchle des Kindes zu \u00f6ffnen, Gef\u00fchle, die ich bei mir entdeckt habe, als ich zu malen anfing.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Hat das Malen bei Ihnen Gef\u00fchle f\u00fcr Ihr eigenes Leiden geweckt?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Hier war ich unbelastet vom abstrakten Gep\u00e4ck. Ich hatte soviel Freude, als ich zu malen begann. Ich sp\u00fcrte, es ging etwas in mir auf, das ich zwar schwach ahnen konnte, aber noch nicht verstand. Nachdem ich f\u00fcnf Jahre lang gemalt hatte, schrieb ich das Drama. Ich k\u00fcmmerte mich nicht darum, wie andere Leute psychologische B\u00fccher schrieben. Das gab mir die Freiheit, vieles in Frage zu stellen, was ich \u00fcber Theorien gelernt hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Im Drama schreiben Sie, da\u00df die Verdr\u00e4ngung der Gef\u00fchle zum Verlust der Vitalit\u00e4t f\u00fchrt. War das Ihre Erfahrung?<\/p>\n<p>Ja. Nachdem ich die Schmerzen meiner Kindheit zum ersten Mal erlebt hatte, gewann ich meine Vitalit\u00e4t. Die Depression ist der Preis, den wir f\u00fcr die Verdr\u00e4ngung der Gef\u00fchle bezahlen. F\u00fcr mich haben Malen, Schreiben und Tr\u00e4umen etwas Gemeinsames. Ich male, wie ich tr\u00e4ume. Am Anfang wollte ich Geschichten malen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, da\u00df dies nicht mein Weg war. Ich lasse mich von dem leiten, was ich im Moment empfinde und was ich brauche. Diese Farbe, diese Form, diese Linie. Es ist eher eine Art Improvisation.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wer sind Ihre Helden?<\/p>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, desto weniger Helden habe ich. Freud war nie mein Held, aber f\u00fcr eine gewisse Zeit eine Vaterfigur. Doch als ich seine Verleugnung der Wahrheit entdeckte, verlor er diese Rolle f\u00fcr mich. Ich kann heute niemanden idealisieren, wie ich es noch vor vierzig Jahren tat. In meiner Schulzeit war Sokrates f\u00fcr mich eine wichtige Figur, weil er vieles in Frage stellte, aber leider nicht die gewaltsame Erziehung, wie ich erst sp\u00e4ter erfuhr. Ich bin auch sehr angetan von Montaigne, von seiner Ehrlichkeit; ich mag Kafka, und ich bewundere Shakespeare f\u00fcr seine psychologische Intuition. Ich lese gern Geschichten \u00fcber Kindheiten. Die Kindheit gibt mir immer den Zugang zu einer Pers\u00f6nlichkeit. Es ist bedauerlich, da\u00df diese aufschlu\u00dfreichen Fakten meist \u00fcbersehen oder ignoriert werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Was denken Sie im allgemeinen \u00fcber Tr\u00e4ume?<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume erz\u00e4hlen mir die Geschichte der Kindheit, aber nat\u00fcrlich verwandelt. Die Probleme des Vortags sind darin mit verwoben. Sie offenbaren oft die Geschichte der Traumen, aber sie helfen auch dem Tr\u00e4umer, sie zu bew\u00e4ltigen. Sie sind eine kreative Kraft, die jeder Mensch in der Nacht erlebt, wenn die Kontrolle nachl\u00e4\u00dft. Sie k\u00f6nnen auch sehr hilfreich sein, wenn wir eine Entscheidung am n\u00e4chsten Tag  treffen m\u00fcssen, weil Sie uns manchmal dar\u00fcber informieren, was wir eigentlich wirklich tun wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Kann die Therapie eine Ver\u00e4nderung bewirken?<\/p>\n<p>Ja, aber nur, wenn sie den Schmerz verst\u00e4ndlich macht, der durch Schuldgef\u00fchle blockiert ist. Die Vorstellung \u00bbich bin schuld an dem, was mir widerfahren war\u00ab, ist eine Blockierung. Man kann viele unverantwortliche und sch\u00e4dliche Techniken finden, die zwar Schmerzen ausl\u00f6sen, aber keine systematische Konfrontation mit der Vergangenheit erm\u00f6glichen. Manche lassen die Klienten mit mystischen Angeboten oder mit ihrem unaufgel\u00f6sten Schmerz allein. Diese Klienten sind zuerst Opfer von Kindesmi\u00dfbrauch und dann von Therapiemi\u00dfbrauch. Und sie versuchen, sich selbst zu \u00bbhelfen\u00ab \u2013 mit der Einnahme von Drogen, dem Anschlu\u00df an Sekten oder Gurus oder mit der Suche nach anderen Wegen, um die Realit\u00e4t zu verleugnen und die Schmerzen zu t\u00f6ten. Politische Aktivit\u00e4t kann einer dieser Wege sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Welchen Rat w\u00fcrden Sie heute einem Therapeuten geben, der sich in die Ausbildung begibt?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen: \u00bbVersuchen Sie zuerst Ihre Kindheit zu entdecken, und nehmen Sie diese Erfahrung ernst. Lernen Sie, den Klienten zuzuh\u00f6ren und sich von den Theorien zu befreien. Vergessen Sie diese. Analysieren Sie nicht den Klienten wie ein Objekt. Suchen Sie mit ihm seine Kindheit. Wenn der Klient \u00fcber sein Leiden in der Kindheit erz\u00e4hlt, was eher selten vorkommt, glauben Sie ihm. Glauben Sie ihm alles, was er erz\u00e4hlt, und vergessen Sie nicht, da\u00df verdr\u00e4ngte Realit\u00e4t immer schlimmer war als die Phantasien. Niemand erfindet Traumas, weil er diese nicht braucht, um zu \u00fcberleben. Auch die Verleugnung brauchen wir nicht, obwohl viele das meinen. Manche von uns bezahlen daf\u00fcr mit schweren Symptomen. Die Therapie sollte Ihre Gef\u00fchle f\u00fcr das ganze Leben erwecken. Sie sollte Sie aus einem langen Schlaf wecken.\u00ab<\/p>\n<p>Es ist tragisch, in der Therapie statt Hilfe Verwirrung zu finden. Ich erhielt k\u00fcrzlich einen Brief von einer neunundsiebzig j\u00e4hrigen Frau, in dem  es hei\u00dft: \u00bbIch war vierzig Jahre lang in Psychoanalysen. Ich sah acht Analytiker, und sie waren alle sehr nette Menschen, Sie wollten mir helfen. Sie haben aber niemals daran gezweifelt, da\u00df meine Eltern gut zu mir waren. Ich bin so dankbar, da\u00df ich mich nicht mehr schuldig f\u00fchle, nachdem ich Ihre B\u00fccher gelesen habe. Ich sehe jetzt, wie schrecklich ich mi\u00dfbraucht wurde in meinem ganzen Leben. Zuerst waren es meine Eltern und dann meine Analytiker, bei denen ich mich wieder beschuldigt f\u00fchlte f\u00fcr alles, was meine Eltern getan hatten. Ich durfte meinen Gef\u00fchlen nicht glauben, die mir doch fortw\u00e4hrend meine Wahrheit erz\u00e4hlten. In ihrem Brief zitiert sie den letzten Satz aus meinem Buch Am Anfang war Erziehung: \u00bbDenn die menschliche Seele ist praktisch unausrottbar, und ihre Chance, vom Tod aufzuerstehen, bleibt, solange der K\u00f6rper lebt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Kann die Gesellschaft die Sprache des Kindes lernen?<\/p>\n<p>Ich hoffe es. Die Sprache des Kindes ist eigentlich sehr klar, aber wir h\u00f6ren oft einfach nicht zu. Kinder erleiden manchmal vom ersten Moment des Lebens an furchtbare Qualen, nicht zuletzt dank der Technologie in den Spit\u00e4lern. Diese Mi\u00dfhandlungen bleiben im Gehirn gespeichert und k\u00f6nnen das ganze Leben lang aktiv bleiben. Ein durch die Technik mi\u00dfhandeltes Kind braucht ganz bald eine Person, die es in den Arm nimmt, es tr\u00f6stet und ihm zeigt, da\u00df der Schock vorbei ist. Sonst kann es vorkommen, da\u00df der Erwachsene sein ganzes Leben eine Wiederholung bef\u00fcrchtet und bei verschiedenen Gelegenheiten in Panik ger\u00e4t, ohne den Grund zu kennen.<\/p>\n<p>Dieser Mensch hat von Anfang an gelernt, da\u00df er in einer gef\u00e4hrlichen Situation war und niemand seine Schmerzen beachtete. Doch ein solch tragisches Schicksal kann leicht vermieden werden, wenn wir das Neugeborene als ein f\u00fchlendes und h\u00f6chst sensibles Wesen anerkennen. Oft kommt ja das Kind nach einem langen Kampf auf die Welt, und nicht immer realisieren wir, da\u00df es dann unbedingt die tr\u00f6stenden Arme der Mutter braucht. Wir geben ihm stattdessen Medikamente, Spritzen und dergleichen, und denken, es sei gut f\u00fcr das Kind. Nur weil wir dasselbe vor vielen Jahren erlebt haben und, dies daher als ganz \u00bbnormal\u00ab ansehen.<\/p>\n<p>Es hat mir einmal ein Leser geschrieben: \u00bbMeine Mutter war sehr besorgt um meine Gesundheit und brachte mich h\u00e4ufig zum Hausarzt. Doch ich kann mich nicht an einen einzigen Moment erinnern, dass ich mich von ihr angeschaut, wahrgenommen f\u00fchlte. Nicht einmal eine Minute lang.\u00ab Um diesen Mangel zu sp\u00fcren, muss einem Menschen das Bed\u00fcrfnis, gesehen zu werden, bereits bewusst werden. Doch die meisten Menschen haben es sehr fr\u00fch verdr\u00e4ngt, aus Angst, bestraft daf\u00fcr zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Und was m\u00f6chten Sie jetzt machen?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Menschen unterst\u00fctzen, die daran arbeiten, die Sensibilit\u00e4t der Erwachsenen f\u00fcr das Leiden der Kindheit zu wecken. Die vereinzelten Anw\u00e4lte der Kinder k\u00f6nnen Menschenleben retten, weil sie die Dinge beim Namen nennen. Sie verbergen nicht die Wahrheit hinter sch\u00f6nen Worten. Ein solcher Anwalt kann auch helfen, da\u00df das Kind kein Verbrecher wird. Von ihm lernt es, Grausamkeit zu erkennen, sie abzulehnen und sich dagegen zu wehren. Auf diese Weise entgeht es dem Schicksal, Grausamkeit an Unschuldigen zu wiederholen. Experimente haben gezeigt, da\u00df man nicht durch Strafen N\u00e4chstenliebe lernen kann. Was man lernt, ist, die Strafen zu umgehen und zu l\u00fcgen. So lernt man, zwanzig oder drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter eigene Kinder zu mi\u00dfhandeln. Trotz dieser vielsagenden Experimente denken die meisten Menschen, da\u00df Strafen produktiv wirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie denken Sie \u00fcber die milderen Formen der Grausamkeit, zum Beispiel Klapse, Anschreien oder verbale Dem\u00fctigungen?<\/p>\n<p>Die Trag\u00f6die ist, da\u00df auch Menschen, die nicht ausgesprochen brutal behandelt wurden, die nicht zu einer Art Hitler geworden sind, immer wieder behaupten, da\u00df ihre \u00bbstrikte\u00ab Erziehung notwendig war. Sie reklamieren das Recht, das Gleiche mit ihren Kindern zu tun, und sind entschieden gegen das Schlagverbot.<\/p>\n<p>Die Ignoranz unserer Gesellschaft ist das Resultat des Schlagens. Wir wurden geschlagen, um blind zu werden. Wir m\u00fcssen jetzt sehend werden, um den Kindern die Chance zu geben, mit mehr Verantwortung und mehr Wissen aufzuwachsen als unsere Generation, die heute ihre Sicherheit in der atomaren Aufr\u00fcstung sucht. Zum Gl\u00fcck werden nicht alle geschlagenen Kinder sp\u00e4ter zu Diktatoren; aber unter den Diktatoren fand ich keinen einzigen, der nicht in seiner Kindheit schwer mi\u00dfhandelt wurde.\n<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li class=\"current\"><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das f\u00fchlende Kind Interview der Therapeutin Diane Connors mit Alice Miller f\u00fcr die Zeitschrift Omni Publishers International M\u00e4rz 1987 Warum leugnen manche Fachleute das, was Sie schreiben? 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