{"id":2993,"date":"2003-01-02T15:34:28","date_gmt":"2003-01-02T14:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2993"},"modified":"2015-12-02T15:51:11","modified_gmt":"2015-12-02T14:51:11","slug":"folgen-fur-jede-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/folgen-fur-jede-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/h1>\n<h2>Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft<\/h2>\n<ol>\n<li><a href=\"\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Einleitung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/destruktivitat\/\">Destruktivit\u00e4t<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/sadismus\/\">Sadismus<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/der-private-wahn\/\">Der private Wahn<\/a><\/li>\n<li>Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft<\/li>\n<li><a href=\"\/de\/zum-schluss\/\">Zum Schluss<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Das in der Kindheit individuell erlebte Grauen kann eine Gesellschaft auf verschiedene Art und Weise einholen. Dies erhellt sehr anschaulich Bernward Vespers Fragment gebliebener autobiographischer Roman &#8222;Die Reise&#8220;. Bernward ist der Sohn des nationalsozialistischen Gedichteschreibers Will Vesper. Der Vater ist ausgesprochen tyrannisch, die Mutter kalt und gleichg\u00fcltig. Das Kind w\u00e4chst ohne jede Form der Zuwendung oder Liebe auf. Einmal darf es eine junge Katze zun\u00e4chst behalten. Der Vater aber hasst Katzen und wartet nur auf einen Vorwand, um das Tier beseitigen zu k\u00f6nnen. Bernward liebt dieses Tier und hat furchtbare Angst, dass der Vater es t\u00f6tet. Schlie\u00dflich t\u00f6tet der Junge die Katze selbst, damit sie vom Vater nicht erschlagen wird.<br \/>\nDas Schicksal Bernward Vespers zeigt auch, wie manche Eltern Jagd machen auf die besten Eigenschaften des Kindes: seine Liebesf\u00e4higkeit (die Katze) und seine Kreativit\u00e4t. Der kleine Bernward versucht, seine Gef\u00fchle schreibend auszudr\u00fccken. Das macht ihm Freude. Zuf\u00e4llig findet die Mutter einen solchen Zettel und am Abendbrottisch macht sich die ganze Familie \u00fcber die Schreibversuche des Kindes lustig. Sp\u00e4ter hat Bernward Vesper keinen anderen Wunsch, als seinen Roman zu schreiben. Doch die Zerst\u00f6rung gewinnt die Oberhand. Der Roman wird nie beendet. Das Fragment macht den Hass auf die Eltern sehr deutlich. Sigrid Chamberlain hat anhand dieses Buches die Folgen der Erziehung nach den Prinzipien der Johanna Haarer aufgezeigt.<br \/>\nDas Romanfragment ist in mehrfacher Hinsicht Ausdruck der Geschichte einer Generation. Der Hass m\u00fcndet in die Destruktivit\u00e4t, weil eine echte L\u00f6sung von den Eltern nicht gelingt. Bernward steht der Roten Armee Fraktion nahe, konsumiert Drogen, landet schlie\u00dflich in einer psychiatrischen Klinik und begeht im Alter von 33 Jahren Selbstmord. Am Schicksal dieses Mannes wird besonders klar, wie die in der Kindheit erlebte Destruktivit\u00e4t sich sp\u00e4ter sowohl gegen die Gesellschaft als auch gegen den Betroffenen selbst richten kann. Es entsteht ein Kreislauf der Destruktivit\u00e4t mit weitreichenden Folgen, denn es k\u00f6nnen ja unter Umst\u00e4nden zahlreiche Menschen betroffen sein.<\/p>\n<p>Der Selbstmordterrorismus zeigt eindeutig: Es sind doch Akte der Verzweiflung, gelindert durch die Ideologie und die Solidarit\u00e4t der Gruppe, der man daf\u00fcr, wie einst in der eigenen Familie, den Preis des Lebens zu schulden meint. Und man sucht die Erl\u00f6sung &#8222;im Himmel&#8220;, durch den Tod.<br \/>\nVespers Schicksal macht auch klar, dass die Vergangenheit nicht ruht, auch die Vergangenheit einer Gesellschaft nicht, sie meldet sich immer wieder, wenn die Menschen nicht versuchen, sie zu verstehen. Lebensfeindliche und destruktive Entscheidungen der Erwachsenen resultieren aus einem Klima der Destruktivit\u00e4t in der Kindheit, das nicht durchschaut werden darf. Es ist denkbar, dass ein Mensch sich nicht mehr selbst zerst\u00f6ren will, wenn er sieht, wie zerst\u00f6rerisch sich die Angriffe der Eltern auf die Seele und den K\u00f6rper des Kindes ausgewirkt haben, und vor allem wenn er f\u00fchlen kann, was ihm das bedeutet hat. Dann muss man nicht die Gesellschaft hassen und blinde Aktionen planen, mit denen man sich selbst ins Abseits stellt. Man kann eine Gesellschaft kritisieren oder ablehnen, muss aber keine Bomben werfen. Man muss sich dann auch nicht selbst zerst\u00f6ren, man will das dann nicht mehr, weil man sich endlich ein Existenzrecht zubilligt. Nat\u00fcrlich gen\u00fcgt es auch nicht, die Eltern zu hassen. Das Gef\u00fchl ist ja berechtigt in vielen F\u00e4llen, aber man muss genau hinsehen, um schlie\u00dflich alle unbewussten Gef\u00fchle differenziert wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Der Roman dieses Autors verdeutlicht den Zusammenhang zwischen ganz pers\u00f6nlichen Folgen und denen f\u00fcr die Allgemeinheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sie haben in Ihrem Buch &#8222;Abbruch der Schweigemauer&#8220; die Kindheit des rum\u00e4nischen Diktators Ceausescu beschrieben, Sie haben in diesem Zusammenhang aufgezeigt, wie er die Bev\u00f6lkerung zwang, Kinder in die Welt zu setzen, die unerw\u00fcnscht waren und von den Eltern oftmals nicht ern\u00e4hrt werden konnten. Die Diktatur in Rum\u00e4nien endete 1989\/90. Heute landen die unerw\u00fcnschten Kinder der rum\u00e4nischen Familien auf der Stra\u00dfe in der Massenprostitution. V\u00e4ter begleiten ihre 13-j\u00e4hrigen S\u00f6hne nach Italien, um sie dort auf den Strich zu schicken. Der TV-Sender Arte brachte im Januar 2004 hier\u00fcber eine Dokumentation (&#8222;Kinderprostitution &#8211; Das schmutzige Gesch\u00e4ft: Stra\u00dfenkinder in Bukarest&#8220;, 20.01.2004). Man sagt, die Armut treibe die Menschen zu solchen Handlungen. Ich meine: Die Armut mag solche Handlungen forcieren, aber welcher Vater w\u00fcrden seinen Sohn auf den Strich schicken, wenn der Missbrauch nicht vom Anfang seines Lebens an die Luft gewesen w\u00e4re, die er eingeatmet hat, wenn er nicht selbst behandelt worden w\u00e4re wie ein Gegenstand zu beliebigem Gebrauch.<\/p>\n<p>Es war auch so. Ceausescu regierte auf eine ganz perfide Art, bis in die Schlafzimmer der jungen Paare. Da er in extremer Armut und im Kinder\u00fcberfluss aufwuchs, musste sein &#8222;geliebtes Rum\u00e4nien&#8220; ebenfalls mit dem \u00dcberfluss ungewollter Kinder vorlieb nehmen, die man jetzt auf den Strich schickt. Nicht nur gelegentlich, sondern innerhalb einer gut organisierten kriminellen Mafia. Das hei\u00dft: Die Diktatur ist beendet, aber die Folgen gehen weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wenn man sich mit Diktatoren befasst, sollte man auch die Frage stellen, welche Verhaltensmuster, die man in diesem Zusammenhang findet, sich in den heutigen westlichen Demokratien im Rahmen der Politik ebenfalls entdecken lassen. Dabei sieht man sich zumindest in Deutschland h\u00e4ufig mit dem Vorwurf konfrontiert, man setze die heutige Bundesrepublik mit der Hitlerdiktatur gleich. Man ist gezwungen, zu beteuern (und das mache ich hiermit), dass einem nichts ferner liege als eben dieser Vergleich. Allerdings sollte es erlaubt sein, psychische Auff\u00e4lligkeiten und Ausf\u00e4lle der gegenw\u00e4rtig Regierenden zu benennen. Man kann sicher im einen oder anderen Fall auch von erheblichen seelischen St\u00f6rungen sprechen. Diese St\u00f6rungen beeinflussen politische Entscheidungen, sie machen Politiker zu Wachsfiguren in den H\u00e4nden entsprechender Lobbies.<br \/>\nMir geht es nicht darum, im Privatleben von Menschen herumzustochern, aber einiges aus dem Privatleben westlicher F\u00fchrungspolitiker ist inzwischen \u00f6ffentlich bekannt. Paranoide Z\u00fcge weisen Post und andere Autoren (Accoce \/ Rentchnick; Tuchman) auch bei manchen demokratisch gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten, Kanzlern und F\u00fchrungspolitikern nach. Der Impuls der Macht scheint sich doch in vielen F\u00e4llen immer wieder aus einer erniedrigenden Kindheit zu speisen.<\/p>\n<p>Ich vermute, dass die Jagd, das Getrieben-Sein nach Macht (wenn dies der Fall ist) in den Dem\u00fctigungen der Kindheit wurzeln. Weshalb sollten sich Menschen, die als Kinder geliebt und geachtet wurden, sp\u00e4ter zerst\u00f6rerisch geb\u00e4rden? Sofern sie sich so verhalten.<br \/>\nBei vielen Politikern k\u00f6nnen wir die Sprache und den Habitus der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220; in Ihren \u00f6ffentlichen Auftritten entdecken. Sie verhalten sich mehr wie manipulatorische Erzieher, wenngleich auf ganz andere Art und nat\u00fcrlich mit anderen Auswirkungen als im Falle der Diktatoren. Die W\u00e4hler, die B\u00fcrger k\u00f6nnen das leichter durchschauen, wenn sie ihre eigene Erziehung durchschaut haben. Dann kann man die Manipulationen der eigenen Erziehung hinterfragen und ist weniger konditioniert auf Gehorsam oder Anpassung um jeden Preis. Man braucht dann auch keine Ideologien, um sich geborgen f\u00fchlen und seinem Leben einen Sinn geben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Man muss sich gar nicht nur auf destruktive Entscheidungen konzentrieren, die einfach (koste es, was es wolle) durchgesetzt werden. Auffallend ist ja auch die Sprachohnmacht vieler Politiker, sie k\u00f6nnen (oder d\u00fcrfen?) sich nicht ausdr\u00fccken.<br \/>\nEin deutscher Politiker, der heute in einer der Regierungsparteien auf Bundesebene einiges zu sagen hat, bekannte einmal freim\u00fctig in einem Fernsehinterview, dass er nie etwas gelernt habe. Er sagte w\u00f6rtlich und lachend in die Fernsehkamera: &#8222;Ich habe nicht die geringste Bildung und darauf bin ich auch stolz.&#8220; Es wundert dann nicht mehr, mit welcher Ignoranz solche Politiker wirklich durchdachten, auf fundierten Kenntnissen beruhenden Argumenten und Konzepten begegnen. Es scheint so, dass die Politik einen Ausgleich bieten soll f\u00fcr einen tiefsitzenden Neid und f\u00fcr ein enormes Minderwertigkeitsgef\u00fchl, dass also Politik (nicht immer, aber oft) missbraucht wird, um einen Ausgleich zu schaffen f\u00fcr die massiven pers\u00f6nlichen Defizite einzelner ihrer Protagonisten. Und damit wird sie gef\u00e4hrlich in meinen Augen. Eine f\u00fcr mich be\u00e4ngstigende Vorstellung, dass in einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, Menschen zu gro\u00dfer politischer Entscheidungsbefugnis gelangen, die vielmehr in die Macht verliebt sind.<\/p>\n<p>Viele Menschen sind noch nicht gewohnt, in psychologischen Kategorien zu denken, es sei denn in psychoanalytischen, die die Realit\u00e4t der Kindheit eher verschleiern. Sie sehen weder den privaten Wahn der erzwungenen faschistischen noch den ihrer demokratischen, von ihnen selbst gew\u00e4hlten Herrscher, sondern suchen f\u00fcr deren Leidenschaften wirtschaftlich plausible Erkl\u00e4rungen. Sie sehen z.B. den Ausbruch von Kriegen ausschlie\u00dflich in den Interessen von Konzernen begr\u00fcndet. Das stimmt zum Teil, es sind ja diese Konzerne, die Wahlk\u00e4mpfe finanzieren. Ich zweifle aber nicht daran, dass die pers\u00f6nliche treibende Kraft vieler Politiker und Politikerinnen auch in ihrer Familiengeschichte begr\u00fcndet ist.<br \/>\nStarke pers\u00f6nliche Motive f\u00fcr angeblich &#8222;notwendige&#8220; Feldz\u00fcge in der Geschichte kann man am Beispiel der Kriege Friedrichs des Gro\u00dfen erl\u00e4utern: Er hatte einen Vater, der ihm als Kind w\u00f6rtlich in die Suppe spuckte, um ihn zu Gehorsam und Demut zu erziehen. Sp\u00e4ter lie\u00df er seinen besten Freund hinrichten. Friedrich musste es aufgeben, sich seinem sadistischen Vater zu widersetzen. Das war zu gef\u00e4hrlich. Hier bleibt die Frage, wie sich Friedrich als Regent verhalten und entschieden, ob er Eroberungskriege f\u00fcr &#8222;notwendig&#8220; erachtet h\u00e4tte, wenn es ihm m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, dem Vater die Stirn zu bieten. Eine \u00e4hnliche Dynamik k\u00f6nnte man sich auch im Falle gegenw\u00e4rtiger politischer F\u00fchrer der westlichen Demokratien vorstellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Die beim Studium der Diktatoren gewonnenen Erkenntnisse gelten eben auch f\u00fcr demokratisch gew\u00e4hlte Staatsoberh\u00e4upter, so dass also in unserer Gesellschaft die individuelle Kindheit unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls eine Bedeutung f\u00fcr das gesamte Gemeinwesen im Rahmen der Politik bekommt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Das magische Wort Demokratie sch\u00fctzt die Menschen nicht davor, Opfer des privaten Wahns eines Einzelnen zu werden (sei er auch nur eine Marionette von finanzstarken Konzernen) und dies blind zu tolerieren.<br \/>\nFr\u00fcher mussten die Menschen der Willk\u00fcr eines K\u00f6nigs oder Kaisers gehorchen und als Soldaten in Eroberungskriege marschieren, die der Herrscher in erster Linie f\u00fcr sich pers\u00f6nlich brauchte. Sie mussten ihm gehorchen, weil sie kein Recht auf die eigene Meinung hatten.<br \/>\nHeute, m\u00f6chte man meinen, ist es anders. Man m\u00f6chte annehmen, dass heute z.B. eine Karriere wie die von Napoleon undenkbar w\u00e4re. Warum sollten freie B\u00fcrger freiwillig einen Herrscher w\u00e4hlen, der sein &#8222;geliebtes&#8220; Volk in ein blankes Elend f\u00fchrt (wie etwa Napoleon seine Armee nach Moskau), nur weil sein Ehrgeiz dies von ihm verlangt und ihn dazu treibt? Napoleon wird in Frankreich immer noch als der gro\u00dfe Feldherr verehrt und nicht als Massenm\u00f6rder wahrgenommen. \u00c4hnliches ist nach wie vor m\u00f6glich, und es geschieht immer wieder. Hitler wurde ja von seinem Volk gew\u00e4hlt, obwohl er in &#8222;Mein Kampf&#8220; bereits seine Absichten unzweideutig bekannt gegeben hatte.<br \/>\nWoher wissen wir also, dass ein geschickter, in sich verliebter und skrupelloser Verf\u00fchrer nicht auch heute noch eine ganze Nation dazu bringen kann, ihn zu w\u00e4hlen und der Nation unn\u00f6tige Kriege aufzuzwingen? Was einem mittellosen Hitler in der demokratischen Weimarer Republik gelingen konnte, kann ja heute auch leicht gelingen, wenn der Kandidat mit der Unterst\u00fctzung ausgedehnter Beziehungen zu den reichsten Familien eines Landes und potenten Konzernen rechnen darf. Wenn er sich ihnen als Marionette zur Verf\u00fcgung stellt, ohne die geringsten Bedenken. Die hat er nicht, weil er gar keine eigenen Meinungen hat, auf die er verzichten m\u00fcsste. Seine ganze Handlungsweise ist lediglich auf den Erfolg ausgerichtet, diktiert einzig durch den Wunsch nach Macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Und die W\u00e4hler? In den Demokratien liegt ja auch viel Verantwortung bei den B\u00fcrgern.<\/p>\n<p>Das stimmt. Doch um sich dem Ehrgeiz eines Einzelnen zu f\u00fcgen, braucht es leider keine Intelligenz, schon gar nicht den Wunsch nach Autonomie und Klarheit, es gen\u00fcgt die Naivit\u00e4t und das kindliche Vertrauen, die Vaterfigur (der F\u00fchrer, der Diktator, der Pr\u00e4sident) wolle die B\u00fcrger vor Feinden besch\u00fctzen, dass es ihm wichtig sei, in ihrem Interesse nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Dies wird in Wahlk\u00e4mpfen auch immer wieder verk\u00fcndet. Nur bemerken viele Menschen nicht, dass diesem angeblich besorgten &#8222;Vater&#8220; das Wohl der Nation absolut gleichg\u00fcltig ist. Ihn interessiert ausschlie\u00dflich seine eigene Person. Er w\u00e4re jederzeit bereit, diese Nation zu opfern, wenn seine Interessen dies verlangten und er gebraucht die Nation nur, er benutzt sie, um mit ihrer Hilfe an die Macht zu kommen. In diese Macht ist er verliebt, von dieser Idee besessen, weil sie, so meint er, ihm helfen wird, das ehemalige Leiden des geschlagenen und fr\u00fch gedem\u00fctigten Kindes weiter zu verleugnen.<br \/>\nLeider k\u00f6nnen die W\u00e4hler dies oft nicht realisieren, wenn sie selber einen solchen Vater hatten, diesen geliebt und verehrt haben. Als Kind glaubten sie dem Vater alles, was auch immer er erz\u00e4hlte. Sie konnten es sich als Kinder nicht leisten, sein Spiel zu durchschauen. Nat\u00fcrlich gibt es auch Menschen, die ihre Eltern in Frage stellen k\u00f6nnen und sich daher nicht von Demagogen beeindrucken lassen. Solche W\u00e4hler werden sich h\u00fcten, einem Menschen an die Macht zu verhelfen, wenn sie merken, dass nichts anderes f\u00fcr ihn von Bedeutung ist, als sein pers\u00f6nlicher Erfolg, Ruhm und Geld. Sie werden schnell verstehen, dass ein Mensch nur die Befriedigung seiner privaten, oft unbewussten Motive sucht, dass die Politik nur ein Mittel zu einem sehr pers\u00f6nlichen Zweck darstellt, wenn ein Mensch zur Politik greift, obwohl er sich beispielsweise fr\u00fcher nie daf\u00fcr interessierte oder zu bestimmten Fragen der Gegenwart keine auf Fachkenntnissen beruhenden Konzepte vorweisen kann, sondern lediglich Versprechungen, dass bald alles gut werde.<br \/>\nEin Mensch, der als Kind nie ernstgenommen wurde, wie zum Beispiel Saddam Hussein, kann sich als Pr\u00e4sident die Illusion verschaffen, dass dies nie so gewesen sei. Doch solange er seiner Wahrheit ausweicht, bleibt er gef\u00e4hrlich, weil er andere f\u00fcr seinen Selbstbetrug bezahlen l\u00e4sst.<br \/>\nMenschen, die gelernt haben, die wahren Motive ihrer machtgierigen Eltern zu durchschauen (oder deren Eltern gar nicht machtgierig waren), werden kaum ihre Stimmen f\u00fcr narzisstische Demagogen hergeben. Aber diese W\u00e4hler sind leider in der Minderheit. Die gro\u00dfe Mehrheit der heutigen W\u00e4hler rekrutiert sich aus einst geschlagenen Kindern, die im Geiste der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220; zum Gehorsam und zum Vertrauen in elterliche und kirchliche Autorit\u00e4ten erzogen wurden. Sie werden sich daher freiwillig einem Menschen f\u00fcgen, der die Register ihrer Erziehung zu ziehen versteht, weil er dies auch selbst schon in der Kindheit gelernt hat. Er meint, er braucht nichts neues dazu zu lernen, braucht sich beispielsweise nur auf Gott zu berufen, der ihn angeblich in seiner Mission unterst\u00fctzt, wie er seine Eltern bei der Erziehung unterst\u00fctzte, er braucht nur die leeren Floskeln zu verwenden, die vermutlich schon sein Vater von sich gab, und das Spiel ist gewonnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Politische und \u00f6konomische Entscheidungstr\u00e4ger k\u00f6nnen in der Regel emotional nicht begreifen, was ihre Entscheidungen, ihre Aktionen unter Umst\u00e4nden f\u00fcr andere bedeuten. Es scheint ihnen auch gleichg\u00fcltig zu sein. Es geht darum, sich durchzusetzen, f\u00fcr den Augenblicksvorteil, aber auch allein um die Geste des Sich-Durchsetzens. Politik erzeugt oft den Eindruck, als ob sie nach dem Motto funktioniert: Dieses und jenes wird jetzt beschlossen und umgesetzt, auch wenn wir wissen, dass die Folgen nur verheerend sein k\u00f6nnen. Das ist der helle Wahn in meinen Augen. Die Abwesenheit dessen, was man als &#8222;emotionale Intelligenz&#8220; bezeichnen k\u00f6nnte, spielt in der Politik eine gro\u00dfe Rolle. Dies mag sich f\u00fcr einige Leute naiv anh\u00f6ren, aber ich kann mir anders nicht erkl\u00e4ren, warum politische Entscheidungen getroffen werden, die die Entscheidenden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter selbst um ihre Position bringen.<\/p>\n<p>Viele Menschen verf\u00fcgen nicht \u00fcber ihre eigenen Gef\u00fchle, das gilt auch f\u00fcr Politiker. Man hat ihnen die Gef\u00fchle sehr fr\u00fch mit Hilfe der Schl\u00e4ge oder anderer Mittel abgew\u00f6hnt. Machtbesessene Menschen wollen nur wissen, was die anderen h\u00f6ren wollen, und das werden sie der Bev\u00f6lkerung mit Worten bieten: den angeblich starken Vater, der &#8222;das Volk&#8220; zu besch\u00fctzen verspricht.<br \/>\nSo funktionierte auch Hitler, wenngleich die Auswirkungen selbstverst\u00e4ndlich blutiger waren. Er besa\u00df ein wirksames Feindbild, er wusste genau, wie es zu bek\u00e4mpfen sei und versprach ein Paradies auf Erden mit Hilfe der Gewalt, der Brutalit\u00e4t, der Gestapo, der SS und der Lager. Da die Methode von Zuckerbrot und Peitsche den meisten seit jeher bekannt und vertraut war, jubelten sie ihm zu.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Die Beschw\u00f6rung eines Paradieses l\u00e4sst sich ja auch in den Demokratien wiederfinden. Nur geht es hier nicht darum, eine bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppe zu eliminieren. Es wird der Wohlstand gepredigt. Leider muss man, damit ein Teil der Bev\u00f6lkerung im Wohlstand leben kann, einen anderen materiell geh\u00f6rig rupfen, so dass dieser zum Wohlstand nichts beitragen kann und dahin ist es, das Paradies.<\/p>\n<p>Heute versucht man oft mit Hilfe der Manipulationen, falschen Angaben und Verschleierungsman\u00f6vern das Vertrauen der W\u00e4hler zu bekommen, und nennt dies Demokratie. Aber die eigentlichen Ziele der Kandidaten auf Macht k\u00f6nnen die gleichen sein: das Wissen um die unertr\u00e4gliche Ohnmacht der eigenen Kindheit mit Hilfe der Gewalt \u00fcber andere zu verdr\u00e4ngen.<br \/>\nDazu eignen sich die Kriege vorz\u00fcglich. Sie lenken ab von den eigentlichen Problemen und verst\u00e4rken die Abh\u00e4ngigkeit der B\u00fcrger, die durch den Krieg ohne Notwendigkeit in Not geraten sind. Das kann einem narzisstischen F\u00fchrer durchaus recht sein. Auch die Zahl der gefallenen Soldaten bleibt f\u00fcr ihn nur eine Zahl, da er nicht f\u00fchlen kann, er kann nur Gef\u00fchle vorspielen, und nur solche, die erw\u00fcnscht sind. Die Hauptsache ist, dass er an der Macht bleibt.<br \/>\nEin Kind ist niemals imstande, bewusst wahrzunehmen (auch wenn es dies sp\u00fcren kann), dass sein eigenes Wohlergehen seinen Eltern v\u00f6llig gleichg\u00fcltig ist, dass die Versicherungen der Liebe auf den L\u00fcgen der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220; beruhen. Das bewusste Wissen um diese Wahrheit w\u00fcrde es umbringen. Doch wenn dieses kindliche Vertrauen sp\u00e4ter das Leben des Erwachsenen beeinflusst und ihm politische Entscheidungen diktiert, kann das zu schweren Katastrophen f\u00fchren, wie wir sie immer wieder erleben. Die Demokratie kann nur dann einen Fortschritt bedeuten, wenn ihre B\u00fcrger ihre Freiheit zu nutzen verstehen. Das k\u00f6nnen sie erst, wenn sie den Mut finden, die Realit\u00e4t ihrer Kindheit zu sehen und dadurch die F\u00e4higkeit erlangen, die Manipulation und den Egoismus der Demagogen und Scharlatane auf der politischen B\u00fchne zu durchschauen und ihnen ihre Stimmen zu verweigern. Dann k\u00f6nnen Menschen sich der Realit\u00e4t der Gegenwart stellen, ohne sich selbst mit Hilfe von naiven Illusionen (&#8222;der Papa schafft es schon&#8220;) blenden und schonen zu m\u00fcssen. Diese F\u00e4higkeit steht zu ihrer Verf\u00fcgung, sobald sie der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Gef\u00fchlen vertrauen. <\/p>\n<p><a href=\"\/de\/zum-schluss\/\">&gt; Schluss<\/a>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft Einleitung Destruktivit\u00e4t Sadismus Der private Wahn Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft Zum Schluss Das in der Kindheit individuell erlebte Grauen kann eine Gesellschaft auf verschiedene Art und Weise einholen. 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