Alice Miller, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch

Ein neues Buch von Alice Miller, Jenseits der Tabus, 2009, exclusiv im Internet

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Amstetten: Zur Kindheit von Josef Fritzl
Montag 05 Mai 2008

Liebe Alice Miller,

ein Leserbriefschreiber sprach vor ein paar Tagen Amstetten an, den grauenvollen inzestuösen Missbrauch seiner Tochter durch Josef Fritzl.
Auf der Internetseite des britischen "Independent" gibt es einen Artikel, in dem es - leider sehr kurz - um die Kindheit Fritzls geht, er heisst passenderweise "The making of a monster", also ungefähr "Die Erzeugung eines Monsters" .

Dort wird die Schwägerin Fritzls zitiert, die Schwester seiner Frau: "Josef wuchs ohne einen Vater auf. Seine Mutter erzog ihn mit ihren Fäusten. Sie schlug ihn beinah jeden Tag grün und blau. Etwas in ihm muss dadurch zerbrochen sein. Er war unfähig, irgendeine Art von Mitgefühl für andere Menschen zu spüren. Er demütigte meine Schwester (das ist Mutter der Keller-Tochter, die angeblich nichts wusste) die meiste Zeit ihres Lebens." (meine Übersetzung)

Mehr steht da leider nicht. Aber der Zusammenhang scheint schrecklich klar, im Sinne Ihrer Bücher. Er ist in seiner Kindheit grauenvoll missbraucht worden und er hat das auf unvorstellbar grausame Weise an seine Tochter weitergegeben.

Außerdem wird darauf hingewiesen, dass Fritzl im Krieg aufwuchs und auf die Gewalt dieser Zeit - was alleine weniger erklärt, denke ich, denn das trifft ja auf viele Menschen zu, alle seiner Generation. Was man sich auch fragen könnte, ja müsste, ist, was für eine Kindheit seine Frau gehabt haben muss, wenn sie so einen Mann heiratet, der kein Mitgefühl für irgendjemanden zeigt und sie täglich demütigt, und sie dennoch bei ihm bleibt.

Der Artikel:
http://www.independent.co.uk/news/europe/josef-fritzl-the-making-of-a-%20monster-820370.html.

Vielen Dank für Ihre Arbeit! M.

AM: Vielen Dank für Ihren wichtigen Brief. Die kurze Meldung aus dem Independent erklärt ja VOLLSTÄNDIG das Verhalten von Joseph Fritzl. Er hat auf eine unheimlich genaue Art inszeniert, was ihm als Kind widerfahren ist: Seine Mutter war sein ALLEINIGER HERRSCHER, denn der Vater war nicht da zum Ausgleich. Sie hat ihn täglich geschlagen, ihn vollkommen besessen, so dass er keine helfenden Zeugen hatte, bei denen er hätte merken können, wie schlecht es ihm ging, zumal die Mutter offenbar für sein Essen gewissenhaft gesorgt hat. Er war zum totalen Gehorsam gezwungen und musste die konstante Vergewaltigung durch seine Mutter täglich ertragen, musste ihr auch dankbar sein für die Versorgung mit Kleidern und Essen, konnte sich vielleicht kleine Wünsche im Geheimen erfüllen und war stolz auf seine Schlauheit und Erfindungslust im Lügen und Verstellen. Sein Leben spielte sich im Verborgenen ab wie jetzt im Schatten der Polizeimacht. Genauso hat er die Lage seiner Tochter organisiert, um die Verleugnung der Leiden seiner Kindheit aufrechtzuerhalten. Sein Anwalt spricht von seinen "guten Seiten", wie Fritzl vermutlich von den guten Seiten seiner Mutter sprechen würde, die ihn so total versklavt hat, wie er es jetzt der ganzen Welt vorführt. Fritzl hat der Welt vorgeführt, was mit einem Kind später geschehen kann, dem von seiner allein versorgenden Mutter die Freiheit TOTAL entzogen wird, das keine Zeugen hat, das der Mutter dankbar sein sollte, niemals ihr widersprechen darf, jahrelang im Geheimen Rachewünsche in sich aufstaut, bis er sie nach Jahren in einer Serie von Vergewaltigungen fremder Frauen befriedigen kann, ohne jemals genug davon zu haben. Weil die Rache keine Befriedigung gibt und immer neue Inszenierungen verlangt. Sogar Ferien in Thailand wurden dazu benötigt. Wenn man jetzt Fritzl fragen würde, wie seine Kindheit war, würde er vermutlich seine Mutter und ihre Fürsorglichkeit loben und noch nicht realisiert haben, dass er in einem Gefängnis aufgewachsen ist, in dem zwar seine Muskeln offenbar gut genährt wurden, aber sein Gehirn durch Missachtung seiner Würde vollständig VERGIFTET wurde. Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese alleinstehende, machthungrige und brutale Mutter ihren kleinen Sohn NICHT für ihre sexuellen Wünsche benutzt hat und damit die Verwirrung (was ist Liebe und was ist Gemeinheit?) in seinem Gehirn noch verstärkt hat. Auf diese Art entstehen Perversionen, die uns Rätseln aufgeben, wenn wir nicht den Mut haben, die Geschichten der Kindheiten ernst zu nehmen.
Die Ableitung der Verbrechen aus der verleugneten Kindheitssituation soll keineswegs Josef Fritzls Schuld mildern wollen und zum Mitleid aufrufen. Er ist als Erwachsener für alle seine Taten voll verantwortlich und verdient dafür die größten Strafen. Seine meisterhafte Geschicktheit im Täuschen und Manipulieren der Polizei und anderer Behörden sowie sein extremer Sadismus zeigen, dass er planvoll vorgegangen ist und stark psychopathische Züge aufweist, aber kaum irgendeine positive Prognose für eine wirksame Psychotherapie erhoffen lässt, denn er ist, wie jeder Psychopath, nicht daran interessiert, sich zu verstehen, sondern lediglich, die anderen zu beherrschen und zu täuschen. Offenbar gelang ihm diese Täuschung auch im Gespräch mit dem Anwalt, der folglich als unerfahrener Laie der Meinung sei, Fritzl gehöre in eine Psychiatrische Klinik und nicht ins Gefängnis. Es wäre sehr naiv und verhängnisvoll, dieser Idee zu folgen, denn das würde heißen, Fritzl eine Riesenbühne zu liefern, auf der er das Personal und die Mitpatienten nach Belieben meisterhaft täuschen und so schädigen könnte.

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