{"id":2861,"date":"2005-01-01T10:38:14","date_gmt":"2005-01-01T09:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2861"},"modified":"2015-12-01T10:41:46","modified_gmt":"2015-12-01T09:41:46","slug":"die-kindheit-adolf-hitlers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-kindheit-adolf-hitlers\/","title":{"rendered":"DIE KINDHEIT ADOLF HITLERS"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>DIE KINDHEIT ADOLF HITLERS VOM VERBORGENEN ZUM MANIFESTEN GRAUEN<\/h1>\n<p>&#8222;Meine P\u00e4dagogik ist hart. Das Schwache mu\u00df weggeh\u00e4mmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewaltt\u00e4tige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend mu\u00df das alles sein. Schmerzen mu\u00df sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Z\u00e4rtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier mu\u00df erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und sch\u00f6n will ich meine Jugend. . . So kann ich das Neue schaffen.&#8220;<br \/>\n\u2014Adolf Hitler<\/p>\n<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>\n        Der Wunsch, \u00fcber Adolf Hitlers Kindheit N\u00e4heres zu erfahren,<br \/>\n        tauchte bei mir erst beim Schreiben dieses Buches auf und \u00fcberraschte<br \/>\n        mich nicht wenig. Der unmittelbare Anla\u00df dazu war der Gedanke, da\u00df<br \/>\n        meine auf Grund der analytischen Behandlungen gewonnene \u00dcberzeugung<br \/>\n        von der reaktiven (und nicht angeborenen) Herkunft der menschlichen Destruktivit\u00e4t<br \/>\n        am Fall von Adolf Hitler gegebenenfalls eine Best\u00e4tigung erf\u00fchre<br \/>\n        oder, wenn Erich Fromm u. a. recht behalten sollten, v\u00f6llig in Frage<br \/>\n        gestellt werden m\u00fc\u00dfte. Das Ziel war f\u00fcr mich wichtig genug,<br \/>\n        um diesen Schritt zu machen, obwohl ich zun\u00e4chst sehr daran gezweifelt<br \/>\n        habe, da\u00df es mir m\u00f6glich sein w\u00fcrde, diesem Menschen,<br \/>\n        den ich f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften mir bekannten Verbrecher halte,<br \/>\n        mit Empathie zu begegnen. Die Empathie, d. h. hier der Versuch, ein Kinderschicksal<br \/>\n        vom kindlichen Erlebnis heraus nachzuf\u00fchlen und es nicht mit den<br \/>\n        Augen der erzogenen Erwachsenen zu beurteilen, ist mein einziges Instrument<br \/>\n        des Verstehens, und ohne sie w\u00e4re die ganze Untersuchung sinn- und<br \/>\n        zwecklos. Ich war froh, als ich merkte, da\u00df es mir gelungen ist,<br \/>\n        der Sache zuliebe dieses Instrument nicht zu verlieren und Hitler als<br \/>\n        Menschen zu sehen.<\/p>\n<p>        Dabei mu\u00dfte ich mich von der \u00fcberlieferten, idealisierenden<br \/>\n        und auf Abspaltung und Projektion des B\u00f6sen beruhenden Kategorie<br \/>\n        des &#8222;Menschlichen&#8220; befreien und einsehen, da\u00df Menschsein<br \/>\n        und &#8222;Bestie&#8220; einander nicht ausschlie\u00dfen (vgl. Fromm-Zitat<br \/>\n        S. 208). Kein Tier steht unter dem tragischen Zwang, noch nach Jahrzehnten<br \/>\n        fr\u00fch erfahrene, narzi\u00dftische Kr\u00e4nkungen r\u00e4chen zu<br \/>\n        m\u00fcssen, wie wir das z. B. am Leben Friedrichs des Gro\u00dfen beobachten<br \/>\n        k\u00f6nnen. Jedenfalls sind mir das Unbewu\u00dfte und die Geschichtlichkeit<br \/>\n        des Tieres nicht genug bekannt, um dar\u00fcber Aussagen zu machen. Mir<br \/>\n        ist die extremste Bestialit\u00e4t bisher nur im menschlichen Bereich<br \/>\n        begegnet, daher kann ich nur in diesem Bereich ihren Spuren nachgehen<br \/>\n        und nach den Gr\u00fcnden fragen. Auf dieses Fragen kann ich aber nicht<br \/>\n        verzichten, solange ich mich nicht zum Instrument der Grausamkeit, d.<br \/>\n        h. zu ihrem ahnungslosen (und daher zwar schuldfreien, aber blinden) Tr\u00e4ger<br \/>\n        und Vermittler machen lassen will.<\/p>\n<p>        Wenn wir dem Unfa\u00dfbaren den R\u00fccken kehren und es entr\u00fcstet<br \/>\n        als &#8222;unmenschlich&#8220; bezeichnen, versagen wir uns dessen Kenntnis.<br \/>\n        So kommen wir leichter in Gefahr, es beim n\u00e4chstenmal in aller Unschuld<br \/>\n        und Naivit\u00e4t wieder zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>In den letzten 35 Jahren erschienen unz\u00e4hlige Publikationen \u00fcber<br \/>\n        das Leben Adolf Hitlers. Ich habe zweifellos mehrere Male geh\u00f6rt,<br \/>\n        da\u00df Hitler von seinem Vater geschlagen wurde, habe es auch vor einigen<br \/>\n        Jahren in der Monographie von Helm Stierlin gelesen, ohne da\u00df mich<br \/>\n        diese Information n\u00e4her ber\u00fchrt h\u00e4tte. Seitdem ich mich<br \/>\n        aber f\u00fcr die Erniedrigungen des Kindes in den ersten Lebensjahren<br \/>\n        sensibilisiert habe, bekam die fr\u00fchere Information ein viel gr\u00f6\u00dferes<br \/>\n        Gewicht f\u00fcr mich. Ich stellte mir die Frage: Wie war die Kindheit<br \/>\n        dieses Menschen beschaffen, eines Menschen, der sein ganzes Leben vom<br \/>\n        Ha\u00df besessen war und dem es so leicht gelungen ist, andere Menschen<br \/>\n        in diesen Ha\u00df hineinzuziehen? Dank der Lekt\u00fcre der Schwarzen<br \/>\n        P\u00e4dagogik und den Gef\u00fchlen, die in mir dadurch wach wurden,<br \/>\n        konnte ich mir pl\u00f6tzlich vorstellen und konnte f\u00fchlen, was sich<br \/>\n        in der Wohnung der Familie Hitler abgespielt hat, als Adolf Hitler ein<br \/>\n        kleines Kind war. Der fr\u00fchere Schwarzwei\u00df-Film verwandelte<br \/>\n        sich in einen farbigen, der sich allm\u00e4hlich mit meinen eigenen Erlebnissen<br \/>\n        des letzten Weltkrieges so verwob, da\u00df er aufh\u00f6rte, ein Film<br \/>\n        zu sein, und zum Leben wurde, zu einem Leben, das nicht nur irgendwo und<br \/>\n        irgendwann einmal stattgefunden hat, sondern in seinen Konsequenzen und<br \/>\n        der M\u00f6glichkeit der Wiederholungen uns alle, so scheint es mir, auch<br \/>\n        hier und jetzt betrifft. Denn die Hoffnung, da\u00df es auf die Dauer<br \/>\n        gelingen sollte, den nuklearen Untergang der Menschheit mit Hilfe von<br \/>\n        vern\u00fcnftigen Abkommen abzuwenden, entspricht im Grunde einem irrationalen<br \/>\n        Wunschdenken und widerspricht jeglicher Erfahrung. Sp\u00e4testens im<br \/>\n        Dritten Reich, wenn nicht schon wiederholt fr\u00fcher, konnten wir erleben,<br \/>\n        da\u00df die Vernunft nur ein kleiner Teil des Menschen ist und nicht<br \/>\n        einmal der st\u00e4rkste. Es gen\u00fcgte der Wahn eines F\u00fchrers,<br \/>\n        es gen\u00fcgten einige Millionen gut erzogener B\u00fcrger, um in wenigen<br \/>\n        Jahren das Leben unz\u00e4hliger unschuldiger Menschen auszul\u00f6schen.<br \/>\n        Wenn wir nicht alles tun, um das Entstehen dieses Hasses zu verstehen,<br \/>\n        werden uns auch die kompliziertesten strategischen Abkommen nicht retten<br \/>\n        k\u00f6nnen. Die Ansammlung von Nuklearwaffen ist nur ein Symbol f\u00fcr<br \/>\n        die aufgestauten Ha\u00dfgef\u00fchle und die damit zusammenh\u00e4ngende<br \/>\n        Unf\u00e4higkeit, die echten Bed\u00fcrfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Kindheit von Adolf Hitler l\u00e4\u00dft sich die Entstehungsgeschichte<br \/>\n        eines Hasses untersuchen, unter dessen Auswirkungen Millionen von Menschen<br \/>\n        zu leiden hatten. Die Qualit\u00e4t dieses zerst\u00f6rerischen Hasses<br \/>\n        ist den Psychoanalytikern l\u00e4ngst bekannt, doch wird man von der Psychoanalyse<br \/>\n        vergeblich Hilfe erwarten, solange diese ihn als Ausdruck des Todestriebes<br \/>\n        versteht. Auch die Nachfolger von Melanie Klein, die den fr\u00fchkindlichen<br \/>\n        Ha\u00df zwar sehr genau beschreiben, aber ihn als angeboren (triebhaft)<br \/>\n        und nicht reaktiv deuten, bilden hier keine Ausnahme. Am ehesten n\u00e4hert<br \/>\n        sich Heinz Kohut dem Ph\u00e4nomen dieses Hasses &#8211; mit seinem Begriff<br \/>\n        der narzi\u00dftischen Wut, den ich mit der Reaktion des S\u00e4uglings<br \/>\n        auf die Nichtverf\u00fcgbarkeit des prim\u00e4ren Objektes in Zusammenhang<br \/>\n        gebracht habe (1979).<br \/>\n        Aber um die Entstehung eines lebenslangen, uners\u00e4ttlichen Hasses,<br \/>\n        wie er Adolf Hitler beherrschte, zu verstehen, mu\u00df man einen Schritt<br \/>\n        weiter gehen. Man mu\u00df den vertrauten Boden der Triebtheorie verlassen<br \/>\n        und sich der Frage \u00f6ffnen, was sich in einem Kind abspielt, das einerseits<br \/>\n        von seinen Eltern gedem\u00fctigt und erniedrigt wird und andererseits<br \/>\n        unter dem Gebot steht, die Person, die ihm das antut, zu respektieren,<br \/>\n        zu lieben und seine Schmerzen auf keinen Fall zum Ausdruck zu bringen.<br \/>\n        Obwohl man etwas dergleichen Absurdes kaum von einem Erwachsenen erwarten<br \/>\n        w\u00fcrde (au\u00dfer in ausgesprochen sado-masochistischen Beziehungen),<br \/>\n        erwarten Eltern gerade das in den meisten F\u00e4llen von ihren Kindern,<br \/>\n        und sie wurden in den fr\u00fcheren Generationen selten in dieser Erwartung<br \/>\n        entt\u00e4uscht. In diesem ersten Lebensalter ist es noch m\u00f6glich,<br \/>\n        die schlimmsten Grausamkeiten zu vergessen und den Angreifer zu idealisieren.<br \/>\n        Doch die Art der sp\u00e4teren Inszenierung verr\u00e4t, da\u00df die<br \/>\n        ganze Geschichte der fr\u00fchkindlichen Verfolgung irgendwo aufgespeichert<br \/>\n        wurde, sie entfaltet sich nun vor den Zuschauern mit einerunerh\u00f6rten<br \/>\n        Pr\u00e4zision, nur unter anderen Vorzeichen: das einst verfolgte Kind<br \/>\n        wird in der Neuinszenierung selber zum Verfolger. In der psychoanalytischen<br \/>\n        Behandlung spielt sich die Geschichte innerhalb der \u00dcbertragung und<br \/>\n        Gegen\u00fcbertragung ab.<\/p>\n<p>        Wenn sich die Psychoanalyse einmal von ihrer Bindung an die Annahme des<br \/>\n        Todestriebes befreien w\u00fcrde, k\u00f6nnte sie dank dem vorhandenen<br \/>\n        Material \u00fcber die fr\u00fchkindliche Konditionierung sehr viel Wesentliches<br \/>\n        zur Friedensforschung beitragen. Doch leider zeigen die meisten Psychoanalytiker<br \/>\n        kein Interesse f\u00fcr die Frage, was Eltern mit ihren Kindern taten<br \/>\n        und \u00fcberlassen diese Frage den Familientherapeuten. Da diese wiederum<br \/>\n        nicht mit der \u00dcbertragung arbeiten und sich vor allem auf \u00c4nderungen<br \/>\n        in der Interaktion zwischen den Familienmitgliedern konzentrieren, erreichen<br \/>\n        sie selten den Zugang zu dem fr\u00fchkindlichen Geschehen.<\/p>\n<p>Um zu zeigen, wie sich die fr\u00fche Erniedrigung, Mi\u00dfhandlung<br \/>\n        und psychische Vergewaltigung eines Kindes in seinem ganzen sp\u00e4teren<br \/>\n        Leben \u00e4u\u00dfern, w\u00fcrde es gen\u00fcgen, die Geschichte einer<br \/>\n        einzigen Analyse ganz minuzi\u00f6s nachzuerz\u00e4hlen. Doch dies ist<br \/>\n        aus Diskretionsgr\u00fcnden eher unm\u00f6glich. Hitlers Leben wurde indessen<br \/>\n        bis auf den letzten Tag von sehr vielen Zeugen so genau beobachtet und<br \/>\n        protokolliert, da\u00df man an diesem Material unschwer die Inszenierungen<br \/>\n        der fr\u00fchen Kindheitssituation aufweisen kann. Au\u00dfer den Zeugenaussagen<br \/>\n        und den historischen Taten, in denen sich sein Handeln dokumentierte,<br \/>\n        hat sich sein Denken und F\u00fchlen, wenn auch verschl\u00fcsselt, in<br \/>\n        den zahlreichen Reden und in seinem Buch Mein Kampf artikuliert. Es w\u00e4re<br \/>\n        eine ungemein aufschlu\u00dfreiche und lohnende Aufgabe, Hitlers ganze<br \/>\n        politische Aktivit\u00e4t im Zusammenhang mit seiner fr\u00fchkindlichen<br \/>\n        Verfolgungsgeschichte verst\u00e4ndlich zu machen. Doch diese Aufgabe<br \/>\n        w\u00fcrde den Rahmen dieses Buches sprengen, weil es mir hier nur um<br \/>\n        Beispiele f\u00fcr die Wirksamkeit der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220;<br \/>\n        geht. Deshalb werde ich mich auf einige wenige Punkte dieser Lebensgeschichte<br \/>\n        beschr\u00e4nken, wobei ich bestimmten Erlebnissen aus der Kindheit, die<br \/>\n        bisher von Biographen wenig beachtet wurden, eine ganz besondere Bedeutung<br \/>\n        beimesse. Da sich die Historiker von Berufs wegen mit \u00e4u\u00dferen<br \/>\n        Tatsachen und die Psychoanalytiker mit dem \u00d6dipuskomplex befassen,<br \/>\n        scheinen sich bisher wenige ernsthaft die Frage gestellt zu haben: Was<br \/>\n        hat dieses Kind empfunden, was hat es in sich gespeichert, als es von<br \/>\n        klein auf t\u00e4glich von seinem Vater geschlagen und erniedrigt wurde?<\/p>\n<p>Aufgrund der vorhandenen Dokumente kann man sich unschwer ein Bild von<br \/>\n        der Atmosph\u00e4re machen, in der Adolf Hitler aufgewachsen ist. Die<br \/>\n        Struktur seiner Familie lie\u00dfe sich wohl als Prototyp des totalit\u00e4ren<br \/>\n        Regimes charakterisieren. Sein einziger, unumstrittener, oft brutaler<br \/>\n        Herrscher ist der Vater. Die Frau und die Kinder sind seinem Willen, seinen<br \/>\n        Stimmungen und Launen total unterworfen, m\u00fcssen Dem\u00fctigungen<br \/>\n        und Ungerechtigkeiten fraglos und dankbar hinnehmen; Gehorsam ist ihr<br \/>\n        wichtigstes Lebensprinzip. Die Mutter hat zwar ihren Bereich im Haushalt,<br \/>\n        in dem sie, wenn der Vater nicht zu Hause ist, den Kindern gegen\u00fcber<br \/>\n        Herrscherin ist, d. h. sich teilweise f\u00fcr die erlittenen Dem\u00fctigungen<br \/>\n        an noch Schw\u00e4cheren entsch\u00e4digen kann. Im totalit\u00e4ren Staat<br \/>\n        kommt diese Funktion etwa der Sicherheitspolizei zu, es sind die Sklavenw\u00e4chter,<br \/>\n        die selber Sklaven sind, die die W\u00fcnsche des Diktators ausf\u00fchren,<br \/>\n        ihn in seiner Abwesenheit repr\u00e4sentieren, in seinem Namen Angst einfl\u00f6\u00dfen,<br \/>\n        Strafen erteilen, sich zu Herrschern der Rechtlosen aufspielen.<\/p>\n<p>        Die Rechtlosen sind die Kinder. Falls nach ihnen kleinere kommen, gibt<br \/>\n        es da noch ein Feld, wo die eigenen Dem\u00fctigungen abreagiert werden<br \/>\n        k\u00f6nnen. Sobald noch schw\u00e4chere, noch hilflosere Wesen vorhanden<br \/>\n        sind, ist man nicht der letzte Sklave. Manchmal aber, wie im Falle von<br \/>\n        Christiane F., steht man als Kind weit unter dem Hund, denn der Hund braucht<br \/>\n        nicht geschlagen zu werden, wenn doch schon das Kind daf\u00fcr da ist.<br \/>\n        Diese Rangordnung, wie wir sie z. B. an der Organisation der KZ-Lager<br \/>\n        (mit W\u00e4rtern, Kapos usw.) genau studieren k\u00f6nnen, von der &#8222;Schwarzen<br \/>\n        P\u00e4dagogik&#8220; v\u00f6llig legitimiert, wird vielleicht immer noch<br \/>\n        in manchen Familien eingehalten. Was sich daraus bei einem begabten Kind<br \/>\n        ergeben kann, l\u00e4\u00dft sich am Fall von Adolf Hitler an vielen<br \/>\n        Einzelheiten verfolgen.<\/p>\n<h2>Der Vater &#8211; sein Schicksal und die Beziehung zum Sohn<\/h2>\n<p>\u00dcber die Herkunft und das Leben Alois Hitlers vor Adolfs Geburt<br \/>\n        berichtet Joachim Fest folgendes:<\/p>\n<p>Im Hause des Kleinbauern Johann Trummelschlager in Strones Nr. 13 brachte<br \/>\n        die ledige Magd Maria Anna Schicklgruber am 7. Juni 1837 ein Kind zur<br \/>\n        Welt, das noch am gleichen Tag auf den Namen Alois getauft wurde. Im Geburtenbuch<br \/>\n        der Gemeinde D\u00f6llersheim blieb die Rubrik, die \u00fcber die Person<br \/>\n        des Kindesvaters Auskunft gibt, unausgef\u00fcllt. Daran \u00e4nderte<br \/>\n        sich auch nichts, als die Mutter f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter den stellungslosen,<br \/>\n        &#8222;vazierenden&#8220; (? AM) M\u00fcllergesellen Johann Georg Hiedler<br \/>\n        heiratete. Vielmehr gab sie ihren Sohn im gleichen Jahr zum Bruder ihres<br \/>\n        Mannes, dem Bauern Johann Nepomuk H\u00fcttler aus Spital vermutlich nicht<br \/>\n        zuletzt, weil sie f\u00fcrchtete, das Kind nicht geh\u00f6rig aufziehen<br \/>\n        zu k\u00f6nnen; jedenfalls waren die Hiedlers, der \u00dcberlieferung<br \/>\n        nach, so verarmt, da\u00df sie &#8222;schlie\u00dflich nicht einmal mehr<br \/>\n        eine Bettstelle hatten, sondern in einem Viehtrog schliefen&#8220;.<\/p>\n<p>        Mit den beiden Br\u00fcdern, dem M\u00fcllergesellen Johann Georg Hiedler<br \/>\n        und dem Bauern Johann Nepomuk H\u00fcttler, sind zwei der mutma\u00dflichen<br \/>\n        V\u00e4ter Alois Schicklgrubers benannt. Der dritte ist, einer eher abenteuerlichen,<br \/>\n        immerhin aus der engeren Umgebung Hitlers stammenden Versicherung zufolge,<br \/>\n        ein Grazer Jude namens Frankenberger, in dessen Haushalt Maria Anna Schicklgruber<br \/>\n        t\u00e4tig gewesen sein soll, als sie schwanger wurde. Jedenfalls hat<br \/>\n        Hans Frank, Hitlers langj\u00e4hriger Anwalt und sp\u00e4terer Generalgouverneur<br \/>\n        in Polen, im Rahmen seines N\u00fcrnberger Rechenschaftsberichts bezeugt,<br \/>\n        Hitler habe im Jahre 1930 von einem Sohn seines Halbbruders Alois in m\u00f6glicherweise<br \/>\n        erpresserischer Absicht einen Brief erhalten, der sich in dunklen Andeutungen<br \/>\n        \u00fcber &#8222;sehr gewisse Umst\u00e4nde&#8220; der hitlerschen Familiengeschichte<br \/>\n        erging. Frank erhielt den Auftrag, der Sache vertraulich nachzugehen,<br \/>\n        und fand einige Anhaltspunkte f\u00fcr die Vermutung, da\u00df Frankenberger<br \/>\n        der Gro\u00dfvater Hitlers gewesen sei. Der Mangel an nachpr\u00fcfbaren<br \/>\n        Belegen l\u00e4\u00dft diese These freilich \u00fcberaus fragw\u00fcrdig<br \/>\n        erscheinen, wie wenig Anla\u00df Frank auch gehabt haben mag, Hitler<br \/>\n        von N\u00fcrnberg aus einen j\u00fcdischen Vorfahren zuzuschreiben; j\u00fcngere<br \/>\n        Untersuchungen haben die Glaubw\u00fcrdigkeit seiner Versicherung weiter<br \/>\n        ersch\u00fcttert, so da\u00df die These der ernsthaften Er\u00f6rterung<br \/>\n        kaum noch standh\u00e4lt. Ihre eigentliche Bedeutung liegt denn auch weniger<br \/>\n        in ihrer objektiven Stichhaltigkeit; weit entscheidender und psychologisch<br \/>\n        von Bedeutung war, da\u00df Hitler seine Herkunft durch die Ergebnisse<br \/>\n        Franks in Zweifel gezogen sehen mu\u00dfte. Eine erneute Nachforschungsaktion,<br \/>\n        im August 1942 von der Gestapo im Auftrag Heinrich Himmlers unternommen,<br \/>\n        blieb ohne greifbaren Erfolg, und nicht viel gesicherter als alle \u00fcbrigen<br \/>\n        Gro\u00dfvaterschaftstheorien, wenn auch von einigem kombinatorischen<br \/>\n        Ehrgeiz zeugend, ist die Version, die Johann Nepomuk H\u00fcttler &#8222;mit<br \/>\n        an absolute Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit&#8220; als Vater Alois<br \/>\n        Schicklgrubers bezeichnet. Zuletzt endet die eine wie die andere dieser<br \/>\n        Thesen im Dunkel verworrener, von Not, Dumpfheit und l\u00e4ndlicher Bigotterie<br \/>\n        gepr\u00e4gter Verh\u00e4ltnisse: Adolf Hitler wu\u00dfte nicht, wer<br \/>\n        sein Gro\u00dfvater war. Neunundzwanzig Jahre, nachdem Maria Anna Schicklgruber<br \/>\n        an Auszehrung infolge Brustwassersucht in Klein-Motten bei Strones verstorben<br \/>\n        war, und neunzehn Jahre nach dem Tode ihres Mannes erschien dessen Bruder<br \/>\n        Johann Nepomuk zusammen mit drei Bekannten beim Pfarrer Zahnschirm in<br \/>\n        D\u00f6llersheim und beantragte die Legitimierung seines inzwischen nahezu<br \/>\n        vierzigj\u00e4hrigen &#8222;Ziehsohnes&#8220;, des Zollbeamten Alois Schicklgruber;<br \/>\n        allerdings sei nicht er selber, sondern sein verstorbener Bruder Johann<br \/>\n        Georg der Vater, dieser habe das auch zugestanden, seine Begleiter k\u00f6nnten<br \/>\n        den Sachverhalt bezeugen. Tats\u00e4chlich lie\u00df sich der Pfarrer<br \/>\n        t\u00e4uschen oder \u00fcberreden. In dem alten Standesbuch ersetzte er<br \/>\n        unter der Eintragung vom 7. Juni 1837 kurzerhand den Vermerk &#8222;unehelich&#8220;<br \/>\n        durch &#8222;ehelich&#8220;, f\u00fcllte die Rubrik zur Person des Vaters<br \/>\n        wie gew\u00fcnscht aus und notierte am Rande f\u00e4lschlich: &#8222;Da\u00df<br \/>\n        der als Vater eingetragene Georg Hitler, welcher den gefertigten Zeugen<br \/>\n        wohl bekannt, sich als der von der Kindesmutter Anna Schicklgruber angegebene<br \/>\n        Vater des Kindes Alois bekannt und um die Eintragung seines Namens in<br \/>\n        das hiesige Taufbuch nachgesucht habe, wird durch die Gefertigten best\u00e4tigt<br \/>\n        + + + Josef Romeder, Zeuge; + + + Johann Breiteneder, Zeuge; + + + Engelbert<br \/>\n        Paukh.&#8220; Da die drei Zeugen nicht schreiben konnten, unterzeichneten<br \/>\n        sie mit drei Kreuzen, und der Pfarrer setzte ihre Namen hinzu. Doch vers\u00e4umte<br \/>\n        er es, das Datum einzutragen, auch fehlten die eigene Unterschrift sowie<br \/>\n        die der (lange verstorbenen) Eltern. Wenn auch gesetzwidrig, war die Legitimierung<br \/>\n        doch wirksam; vom Januar 1877 an nannte Alois Schicklgruber sich Alois<br \/>\n        Hitler.<\/p>\n<p>        Der Ansto\u00df zu dieser d\u00f6rflichen Intrige ist zweifellos von<br \/>\n        Johann Nepomuk H\u00fcttler ausgegangen; denn er hatte Alois erzogen und<br \/>\n        war begreiflicherweise stolz auf ihn. Alois war gerade erneut bef\u00f6rdert<br \/>\n        worden, er hatte geheiratet und es weiter gebracht als je ein H\u00fcttler<br \/>\n        oder Hiedler zuvor: nichts war verst\u00e4ndlicher, als da\u00df Johann<br \/>\n        Nepomuk das Bed\u00fcrfnis empfand, den eigenen Namen in dem seines Ziehsohnes<br \/>\n        zu erhalten. Doch auch Alois mochte ein Interesse an der Namens\u00e4nderung<br \/>\n        reklamieren; denn immerhin hatte er, ein energischer und pflichtbedachter<br \/>\n        Mann, inzwischen eine bemerkenswerte Karriere gemacht, so da\u00df sein<br \/>\n        Bed\u00fcrfnis einleuchtete, ihr durch einen &#8222;ehrlichen&#8220; Namen<br \/>\n        Gew\u00e4hr und festen Grund zu verschaffen. Erst dreizehn Jahre alt,<br \/>\n        war er nach Wien zu einem Schuhmacher in die Lehre gegangen, hatte dann<br \/>\n        jedoch entschlossen das Handwerk aufgegeben, um in den \u00f6sterreichischen<br \/>\n        Finanzdienst einzutreten. Er war rasch avanciert und am Ende als Zollamtsoberoffizial<br \/>\n        in die h\u00f6chste Rangklasse bef\u00f6rdert worden, die ihm aufgrund<br \/>\n        seiner Vorbildung \u00fcberhaupt offenstand. Mit Vorliebe zeigte er sich<br \/>\n        als Repr\u00e4sentant der Obrigkeit, bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen<br \/>\n        und legte Wert darauf, mit seinem korrekten Titel angesprochen zu werden.<br \/>\n        Einer seiner Zollamtskollegen hat ihn als &#8222;streng, genau, sogar pedantisch&#8220;<br \/>\n        bezeichnet, und er selber hat einem Verwandten, der ihn um Rat bei der<br \/>\n        Berufswahl seines Sohnes bat, erkl\u00e4rt, der Finanzdienst verlange<br \/>\n        absoluten Gehorsam, Pflichtbewu\u00dftsein und sei nichts f\u00fcr &#8222;Trinker,<br \/>\n        Schuldenmacher, Kartenspieler und andere Leute mit unmoralischer Lebensf\u00fchrung&#8220;.<br \/>\n        Die photographischen Portr\u00e4ts, die er meist aus Anla\u00df seiner<br \/>\n        Bef\u00f6rderungen anfertigen lie\u00df, zeigen unver\u00e4ndert einen<br \/>\n        stattlichen Mann, der unterm mi\u00dftrauischen Amtsgesicht rauhe, b\u00fcrgerliche<br \/>\n        Lebenst\u00fcchtigkeit und b\u00fcrgerliche Repr\u00e4sentationslust erkennen<br \/>\n        l\u00e4\u00dft: nicht ohne W\u00fcrde und Selbstgefallen stellt er sich,<br \/>\n        mit blitzenden Uniformkn\u00f6pfen, dem Betrachter. (J. Fest, 1978, S.<br \/>\n        31.)<\/p>\n<p>Zu diesem Bericht ist noch hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df Maria Schicklgruber<br \/>\n        nach der Geburt ihres Sohnes von dem bei Fest genannten j\u00fcdischen<br \/>\n        Kaufmann 14 (vierzehn) Jahre lang Alimente erhalten hat. Den genauen Wortlaut<br \/>\n        von Franks Bericht zitiert Fest in seiner Hitler-Biographie von 1973 nicht<br \/>\n        mehr, wohl aber in seinem fr\u00fcheren, 1963 erstmals erschienenen, Buch.<br \/>\n        Dieser lautet:<br \/>\n        Der Vater Hitlers war das uneheliche Kind einer in einem Grazer Haushalt<br \/>\n        angestellten K\u00f6chin namens Schickelgruber aus Leonding bei Linz .<br \/>\n        . . Diese K\u00f6chin Schickelgruber, Gro\u00dfmutter Adolf Hitlers,<br \/>\n        war in einem j\u00fcdischen Haushalt mit Namen Frankenberger bedienstet,<br \/>\n        als sie ihr Kind gebar (m\u00fc\u00dfte richtig hei\u00dfen: als sie<br \/>\n        in die Hoffnung kam; der Verf.). Und dieser Frankenberger hat f\u00fcr<br \/>\n        seinen damals &#8211; die Sache spielt in den drei\u00dfiger Jahren des vorigen<br \/>\n        Jahrhunderts &#8211; etwa neunzehnj\u00e4hrigen Sohn (der die K\u00f6chin geschw\u00e4ngert<br \/>\n        hatte &#8211; AM), mit der Geburt beginnend, bis in das vierzehnte Lebensjahr<br \/>\n        dieses Kindes der Schickelgruber Alimente bezahlt. Es gab auch einen jahrelangen<br \/>\n        Briefwechsel zwischen diesen Frankenbergers und der Gro\u00dfmutter Hitlers,<br \/>\n        dessen Gesamttendenz die stillschweigende gemeinsame Kenntnis der Beteiligten<br \/>\n        war, da\u00df das Kind der Schickelgruber unter den Frankenberger alimentenpflichtig<br \/>\n        machenden Umst\u00e4nden gezeugt worden war\u2026 (J. Fest, 1963, S. 18).<\/p>\n<p>Wenn diese Tatsachen im Dorf so gut bekannt waren, da\u00df sie nach<br \/>\n        100 Jahren noch erz\u00e4hlt wurden, ist es undenkbar, da\u00df Alois<br \/>\n        nichts davon gewu\u00dft h\u00e4tte. Es ist auch nicht gut denkbar, da\u00df<br \/>\n        Menschen in seiner Umgebung an eine derart unbegr\u00fcndete Gro\u00dfz\u00fcgigkeit<br \/>\n        geglaubt hatten. Wie es auch tats\u00e4chlich gewesen sein mag, es lastete<br \/>\n        auf Alois eine mehrfache Schmach<\/p>\n<ol>\n<li>der Armut;<\/li>\n<li>der unehelichen Geburt;<\/li>\n<li>der Trennung von der leiblichen Mutter im Alter von 5 Jahren und<\/li>\n<li>des j\u00fcdischen Blutes.<\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00dcber die ersten drei Punkte bestand Gewi\u00dfheit, der vierte mag<br \/>\n        blo\u00df ein Ger\u00fccht gewesen sein, das machte die Lage nicht leichter.<br \/>\n        Wie will man sich gegen ein Ger\u00fccht wehren, mit dem niemand offen<br \/>\n        herausr\u00fcckt, \u00fcber das nur getuschelt wird? Mit Gewi\u00dfheiten<br \/>\n        kann man besser leben, auch mit den schlimmsten. Man kann sich z. B. beruflich<br \/>\n        so hoch hinaufarbeiten, da\u00df von Armut keine Spur mehr bleibt. Das<br \/>\n        ist auch Alois gelungen. Es ist ihm auch gelungen, seine zwei sp\u00e4teren<br \/>\n        Ehefrauen vorehelich zu schw\u00e4ngern, um das erlittene Schicksal seiner<br \/>\n        unehelichen Geburt an seinen Kindern aktiv zu wiederholen und es unbewu\u00dft<br \/>\n        zu r\u00e4chen. Aber die Frage nach der eigenen Herkunft blieb sein ganzes<br \/>\n        Leben unbeantwortet.<\/p>\n<p>        Die Ungewi\u00dfheit \u00fcber die eigene Herkunft, wenn nicht bewu\u00dft<br \/>\n        erlebt und betrauert, kann einen Menschen in eine gro\u00dfe Unruhe und<br \/>\n        Unrast bringen, besonders aber, wenn sie, wie im Fall von Alois, mit einem<br \/>\n        omin\u00f6sen Ger\u00fccht, das weder nachweisbar noch je vollst\u00e4ndig<br \/>\n        widerlegbar war, verbunden ist.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte k\u00fcrzlich von einem beinahe 80j\u00e4hrigen Mann,<br \/>\n        Einwanderer aus Osteuropa, der seit 35 Jahren mit Frau und erwachsenen<br \/>\n        Kindern in Westeuropa lebt. Zu seinem gr\u00f6\u00dften Erstaunen erhielt<br \/>\n        dieser Mann vor kurzem einen Brief von seinem jetzt 53 j\u00e4hrigen,<br \/>\n        unehelichen Sohn aus der Sowjetunion, von dem er seit 50 Jahren glaubte,<br \/>\n        er w\u00e4re tot. Das damals dreij\u00e4hrige Kind befand sich gerade<br \/>\n        bei seiner Mutter, als diese erschossen wurde. Der Vater des Kindes kam<br \/>\n        anschlie\u00dfend als politischer H\u00e4ftling ins Gef\u00e4ngnis, und<br \/>\n        es ist ihm sp\u00e4ter nie eingefallen, diesen Sohn zu suchen, so sehr<br \/>\n        war er von dessen Tod \u00fcberzeugt. Der Sohn aber, der den Namen der<br \/>\n        Mutter trug, schrieb in seinem Brief, da\u00df er seit 50 Jahren keine<br \/>\n        Ruhe gehabt h\u00e4tte und, von einer Information zur anderen geleitet,<br \/>\n        immer wieder neue Hoffnungen gesch\u00f6pft habe, die sich immer wieder<br \/>\n        zerschlugen. Aber er hat es fertig gebracht, seinen Vater nach 50 Jahren<br \/>\n        zu finden, obwohl er zun\u00e4chst nicht einmal seinen Namen kannte. Man<br \/>\n        kann sich vorstellen, wie stark dieser Mann seinen unbekannten Vater idealisiert<br \/>\n        hat, welche Hoffnungen er an das Wiedersehen gekn\u00fcpft hat. Denn es<br \/>\n        mu\u00dften ungeheure Energiemengen daf\u00fcr verwendet werden, um von<br \/>\n        einer kleinen Provinzstadt in der Sowjetunion aus einen Mann in Westeuropa<br \/>\n        ausfindig zu machen.<\/p>\n<p>Diese Geschichte zeigt, wie lebensnotwendig es f\u00fcr einen Menschen<br \/>\n        sein kann, die ungel\u00f6ste Frage seiner Herkunft zu kl\u00e4ren und<br \/>\n        dem unbekannten Elternteil zu begegnen. Es ist unwahrscheinlich, da\u00df<br \/>\n        Alois Hitler bewu\u00dft solche Bed\u00fcrfnisse h\u00e4tte erleben k\u00f6nnen,<br \/>\n        au\u00dferdem war es ihm nicht m\u00f6glich, den unbekannten Vater zu<br \/>\n        idealisieren, wenn das Ger\u00fccht umging, da\u00df dieser ein Jude<br \/>\n        gewesen war, was in seiner Umgebung Schmach und Isolierung bedeutete.<br \/>\n        Der von Joachim Fest beschriebene, an Fehlleistungen reiche Akt der \u00c4nderung<br \/>\n        des Namens im Alter von 40 Jahren zeigt, wie bedeutsam, aber auch wie<br \/>\n        konfliktreich die Frage der Herkunft f\u00fcr Alois war.<\/p>\n<p>        Doch emotionale Konflikte lassen sich nicht mit offiziellen Dokumenten<br \/>\n        aus der Welt schaffen. Das ganze Gewicht dieser mit Leistungen, Beamtenstelle,<br \/>\n        Uniform und protzigem Verhalten abgewehrten Unruhe bekamen seine Kinder<br \/>\n        zu sp\u00fcren.<br \/>\n        John Toland berichtet:<\/p>\n<p>Er war streits\u00fcchtig und reizbar geworden. Zum Hauptobjekt der v\u00e4terlichen<br \/>\n        Mi\u00dfstimmung wurde Alois jr. Zeitweise lag der Vater, der absoluten<br \/>\n        Gehorsam verlangte, mit diesem Sohn in dauerndem Streit, weil der Junge<br \/>\n        sich weigerte, diese F\u00fcgsamkeit zu zeigen. Sp\u00e4ter beklagte Alois<br \/>\n        jr. sich bitter dar\u00fcber, da\u00df sein Vater ihn h\u00e4ufig &#8222;unbarmherzig<br \/>\n        mit der Nilpferdpeitsche geschlagen&#8220; habe, aber im damaligen \u00d6sterreich<br \/>\n        waren schlimme k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigungen von Kindern keinesfalls<br \/>\n        un\u00fcblich; man erachtete eine solche Behandlung als g\u00fcnstig f\u00fcr<br \/>\n        die seelische Entwicklung des Kindes. Als der Junge einmal an drei Tagen<br \/>\n        nicht zur Schule gegangen war, weil er ein Spielzeugboot fertigstellen<br \/>\n        wollte, wurde er wieder von seinem Vater, der ihn durchaus zu diesem Hobby<br \/>\n        ermutigt hatte, mit der Peitsche traktiert und dann so lange mi\u00dfhandelt,<br \/>\n        bis er das Bewu\u00dftsein verlor. Einigen Erz\u00e4hlungen zufolge wurde<br \/>\n        auch Adolf &#8211; wenn auch nicht so h\u00e4ufig &#8211; mit der Peitsche gez\u00fcchtigt,<br \/>\n        und den Hund schlug der Herr des Hauses &#8222;so lange, bis er sich kr\u00fcmmte<br \/>\n        und den Fu\u00dfboden n\u00e4\u00dfte&#8220;. Gewaltt\u00e4tigkeiten<br \/>\n        dieser Art mu\u00dfte, Alois Hitler jr. zufolge, sogar die duldsame Ehefrau<br \/>\n        Klara Hitler ertragen; wenn diese Angaben stimmen, so m\u00fcssen solche<br \/>\n        Auftritte bei Adolf Hitler einen unausl\u00f6schlichen Eindruck hinterlassen<br \/>\n        haben (J. Toland, 1977, S. 26).<\/p>\n<p>Interessanterweise schreibt Toland: &#8222;wenn diese Angaben stimmen&#8220;,<br \/>\n        obwohl er selber eine Information von Adolfs Schwester Paula besitzt,<br \/>\n        die er zwar in seinem Buch nicht ver\u00f6ffentlicht, die aber in der<br \/>\n        Monographie von Helm Stierlin mit dem Hinweis auf die Toland Collection<br \/>\n        zitiert wird. Sie lautet:<\/p>\n<p>\n        Es war vor allem Bruder Adolf, der meinen Vater zu extremer H\u00e4rte<br \/>\n        provozierte und jeden Tag sein geh\u00f6riges Ma\u00df an Pr\u00fcgel<br \/>\n        bekam. Er war ein etwas unfl\u00e4tiger kleiner Lausbub, und alle Versuche<br \/>\n        seines Vaters, ihm die Frechheit auszupr\u00fcgeln und ihn dazu zu bringen,<br \/>\n        den Beruf eines Staatsbeamten zu w\u00e4hlen, waren vergeblich. (H. Stierlin<br \/>\n        1975, S. 23).<\/p>\n<p>\n        Wenn die Schwester Paula John Toland pers\u00f6nlich erz\u00e4hlte, da\u00df<br \/>\n        ihr Bruder Adolf jeden Tag &#8222;sein geh\u00f6riges Ma\u00df an Pr\u00fcgel&#8220;<br \/>\n        vom Vater bekam, besteht kein Grund, daran zu zweifeln. Es ist aber bezeichnend<br \/>\n        f\u00fcr alle Biographen, da\u00df sie M\u00fche haben, sich mit dem<br \/>\n        Kind zu identifizieren und ganz unbewu\u00dft die Mi\u00dfhandlungen<br \/>\n        der Eltern bagatellisieren. Sehr aufschlu\u00dfreich ist die folgende<br \/>\n        Stelle von Franz Jetzinger:<\/p>\n<p>Man schrieb auch, da\u00df der Bub vom Vater arg geschlagen worden sei.<br \/>\n        Man beruft sich dabei auf einen angeblichen Ausspruch der Angela, die<br \/>\n        gesagt haben soll: &#8222;Adolf, denk daran, wie ich und die Mutter den<br \/>\n        Vater am Uniformrock zur\u00fcckhielten, wenn er dich schlagen wollte!&#8220;<br \/>\n        Dieser angebliche Ausspruch ist sehr verd\u00e4chtig. Der Vater trug seit<br \/>\n        der Hafelder Zeit keine Uniform mehr; das letzte Jahr, da er noch die<br \/>\n        Uniform trug, lebte er nicht bei der Familie; diese Szenen h\u00e4tten<br \/>\n        sich also abspielen m\u00fcssen zwischen 1892 und 1894; da war Adolf erst<br \/>\n        vier Jahre, und die Angela erst zw\u00f6lf Jahre, da h\u00e4tte sie es<br \/>\n        nie gewagt, den so strengen Vater am Uniformrock zur\u00fcckzuhalten.<br \/>\n        Das hat einer erfunden, der in der Zeitrechnung schlecht beschlagen war!<br \/>\n        Der &#8222;F\u00fchrer&#8220; selber erz\u00e4hlte seinen Sekret\u00e4rinnen,<br \/>\n        denen er \u00fcberhaupt gern M\u00e4tzchen vormachte, der Vater habe ihm<br \/>\n        einmal drei\u00dfig Schl\u00e4ge auf das verl\u00e4ngerte R\u00fcckgrat<br \/>\n        appliziert, aber der F\u00fchrer erz\u00e4hlte in diesem Kreis manches,<br \/>\n        was nachweisbar unrichtig ist, und gerade diese Erz\u00e4hlung verdient<br \/>\n        um so weniger Glauben, weil er sie im Zusammenhang mit Indianergeschichten<br \/>\n        erz\u00e4hlte und sich br\u00fcstete, er habe bei dieser Prozedur nach<br \/>\n        Indianerart nicht einen einzigen Laut von sich gegeben. Es mag schon sein,<br \/>\n        da\u00df der recht unfolgsame und widerborstige Bub ab und zu eine appliziert<br \/>\n        bekam, verdient h\u00e4tte er es redlich, aber zu den &#8222;verpr\u00fcgelten<br \/>\n        Kindern&#8220; geh\u00f6rte er auf keinen Fall; sein Vater war ein durch<br \/>\n        und durch fortschrittlich gesinnter Mann. Mit solch erk\u00fcnstelten<br \/>\n        Theorien l\u00f6st man das R\u00e4tsel Hitler nicht, kompliziert es nur!<\/p>\n<p>        Es hat im Gegenteil weit mehr den Anschein, da\u00df der Vater Hitler,<br \/>\n        der doch zur Leondinger Zeit schon mehr als 61 Jahre alt war, beim Buben<br \/>\n        alle f\u00fcnf grad sein lie\u00df und sich um seine Erziehung \u00fcberhaupt<br \/>\n        nicht viel k\u00fcmmerte. (Jetzinger, 1957, S.94.)<\/p>\n<p>Wenn Jetzingers historische Belege stimmen, und es besteht kein Grund,<br \/>\n        daran zu zweifeln, so best\u00e4tigt er mit seiner &#8222;Beweisf\u00fchrung&#8220;<br \/>\n        meine feste \u00dcberzeugung, da\u00df Adolf nicht erst als gro\u00dfer<br \/>\n        Junge, sondern bereits als sehr kleines Kind, n\u00e4mlich unter vier<br \/>\n        Jahren, geschlagen wurde. Eigentlich bedarf es dieser Beweise nicht, denn<br \/>\n        das ganze Leben Adolfs ist ein Beweis daf\u00fcr. Er selber schreibt in<br \/>\n        Mein Kampf nicht zuf\u00e4llig vom &#8222;sagen wir&#8220; dreij\u00e4hrigen<br \/>\n        Kind. Jetzinger nimmt offenbar an, da\u00df dies nicht m\u00f6glich gewesen<br \/>\n        w\u00e4re. Warum eigentlich nicht? Wie oft ist doch das kleine Kind der<br \/>\n        Tr\u00e4ger des im Erwachsenen abgewehrten B\u00f6sen.<a href=\"#fussnote1\">\u00b9<\/a><br \/>\n        In den Erziehungsschriften, die ich oben zitierte, und in den B\u00fcchern<br \/>\n        des Dr. Schreber, die seinerzeit ungemein popul\u00e4r waren, wird ja<br \/>\n        die Z\u00fcchtigung des S\u00e4uglings eindringlich empfohlen. Immer wieder<br \/>\n        wird darauf hingewiesen, da\u00df man das B\u00f6se nie fr\u00fch genug<br \/>\n        austreiben k\u00f6nne, damit das &#8222;Gute ungest\u00f6rt wachse&#8220;.<br \/>\n        Au\u00dferdem wissen wir aus Zeitungsberichten, da\u00df M\u00fctter<br \/>\n        ihre S\u00e4uglinge schlagen, und wir w\u00fc\u00dften vielleicht noch<br \/>\n        viel mehr dar\u00fcber, wenn Kinder\u00e4rzte frei erz\u00e4hlen w\u00fcrden,<br \/>\n        was sie t\u00e4glich erleben, aber bis vor kurzem hat es ihnen die \u00e4rztliche<br \/>\n        Schweigepflicht (zumindest in der Schweiz) sogar ausdr\u00fccklich verboten,<br \/>\n        und jetzt schweigen sie vielleicht immer noch aus Gewohnheit oder &#8222;aus<br \/>\n        Anstand&#8220;. Sollte also jemand an den fr\u00fchen Z\u00fcchtigungen<br \/>\n        Adolf Hitlers zweifeln, so w\u00e4re f\u00fcr ihn die oben zitierte Stelle<br \/>\n        aus Jetzingers Biographie eine objektive Information, obwohl Jetzinger<br \/>\n        eigentlich das Gegenteil beweisen m\u00f6chte &#8211; jedenfalls bewu\u00dft.<br \/>\n        Unbewu\u00dft hat er einiges mehr wahrgenommen, was sich in dem offenen<br \/>\n        Widerspruch zeigt. Denn entweder mu\u00dfte Angela Angst haben vor dem<br \/>\n        &#8222;strengen Vater&#8220;, dann war Alois nicht so gutm\u00fctig wie<br \/>\n        Jetzinger ihn darstellt, oder er war so, dann h\u00e4tte sie keine Angst<br \/>\n        zu haben brauchen.<\/p>\n<p>Ich habe mich so lange bei dieser Stelle aufgehalten, weil sie mir als<br \/>\n        Beleg daf\u00fcr dient, wie Biographien durch die Schonung der Eltern<br \/>\n        entstellt werden. Bezeichnenderweise spricht Jetzinger von &#8222;M\u00e4tzchen&#8220;<br \/>\n        da, wo Hitler seine bittere Wahrheit erz\u00e4hlt, behauptet, da\u00df<br \/>\n        er &#8222;auf keinen Fall&#8220; zu den &#8222;verpr\u00fcgelten Kindern&#8220;<br \/>\n        geh\u00f6rte und da\u00df &#8222;der unfolgsame und widerborstige Bub&#8220;<br \/>\n        seine Schl\u00e4ge &#8222;redlich verdiente&#8220;. Denn &#8222;sein Vater<br \/>\n        war ein durch und durch (!) fortschrittlich gesinnter Mann&#8220;. \u00dcber<br \/>\n        Jetzingers Begriff der fortschrittlichen Gesinnung lie\u00dfe sich sicher<br \/>\n        streiten, aber abgesehen davon gibt es V\u00e4ter, die nach au\u00dfen<br \/>\n        tats\u00e4chlich fortschrittlich denken und nur bei ihren Kindern oder<br \/>\n        sogar nur bei einem, dem dazu auserw\u00e4hlten, die Geschichte ihrer<br \/>\n        Kindheit wiederholen.<\/p>\n<p>Aus der p\u00e4dagogischen Haltung, die ihre Hauptaufgabe im Schutz der<br \/>\n        Eltern vor den Vorw\u00fcrfen des Kindes sieht, ergeben sich die seltsamsten<br \/>\n        psychologischen Interpretationen. So meint z. B. Fest, da\u00df erst<br \/>\n        Franks Bericht von 1938 \u00fcber die j\u00fcdische Herkunft seines Vaters<br \/>\n        bei Adolf Hitler Aggressionen gegen den Vater ausgel\u00f6st h\u00e4tte.<br \/>\n        Im Gegensatz zu meiner These, da\u00df Adolf Hitlers begr\u00fcndeter<br \/>\n        Kindheitsha\u00df auf seinen Vater im Judenha\u00df ein Ventil gefunden<br \/>\n        hatte, meinte Fest, da\u00df Adolf Hitler als erwachsener Mann, im Jahre<br \/>\n        1938, anfing, seinen Vater zu hassen, nachdem er durch Frank von dessen<br \/>\n        j\u00fcdischer Abstammung erfahren hatte. Er schreibt:<\/p>\n<p>Niemand vermag zu sagen, welche Reaktionen die Aufdeckung dieser Zusammenh\u00e4nge<br \/>\n        in seinem Sohn ausl\u00f6ste, der sich soeben zur Eroberung der Macht<br \/>\n        in Deutschland anschickte; doch spricht einiges daf\u00fcr, da\u00df<br \/>\n        die dumpfen Aggressionen, die er dem Vater gegen\u00fcber stets empfunden<br \/>\n        hatte, nun in offenen Ha\u00df umschlugen. Schon im Mai 1938, wenige<br \/>\n        Wochen nach dem Anschlu\u00df \u00d6sterreichs, lie\u00df er die Ortschaft<br \/>\n        D\u00f6llersheim und deren weitere Umgebung in einen Truppen\u00fcbungsplatz<br \/>\n        umwandeln. Die Geburtsst\u00e4tte des Vaters und die Grabstelle der Gro\u00dfmutter<br \/>\n        wurden von den Panzern der Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht (J. Fest,<br \/>\n        1963, S. 18).<\/p>\n<p>Ein solcher Ha\u00df auf den Vater kann nicht dem blo\u00dfen Gehirn<br \/>\n        eines erwachsenen Menschen entstammen, einer &#8222;intellektuell&#8220;<br \/>\n        antisemitischen Haltung gewisserma\u00dfen; ein solcher Ha\u00df hat<br \/>\n        erfahrungsgem\u00e4\u00df tiefe Wurzeln im Dunkel der eigenen Kindheitserlebnisse.<br \/>\n        Bezeichnenderweise meint auch Jetzinger, da\u00df sich der &#8222;politische<br \/>\n        Ha\u00df&#8220; gegen die Juden nach Franks Nachricht in einen &#8222;pers\u00f6nlichen<br \/>\n        Ha\u00df&#8220; gegen den Vater und die Familienangeh\u00f6rigen &#8222;gewandelt&#8220;<br \/>\n        h\u00e4tte (vgl. Jetzinger, S. 54).<\/p>\n<p>Nach dem Tod von Alois brachte die Linzer &#8222;Tagespost&#8220; vom 8.1.1903<br \/>\n        einen Nachruf, in dem es hie\u00df:<\/p>\n<p>&#8222;Fiel auch ab und zu ein schroffes Wort aus seinem Munde, unter<br \/>\n        einer rauhen H\u00fclle barg sich ein gutes Herz. F\u00fcr Recht und Rechtlichkeit<br \/>\n        trat er jeder Zeit mit aller Energie ein. In allen Dingen unterrichtet,<br \/>\n        konnte er \u00fcberall ein entscheidendes Wort mitsprechen.&#8220; Der<br \/>\n        Grabstein Alois Hitlers tr\u00e4gt ein Bild des einstigen Zollamts-Oberoffizials,<br \/>\n        auf dem er den Blick entschlossen nach oben richtet (zitiert nach J. Toland,<br \/>\n        S. 34).<\/p>\n<p>Smith berichtet sogar, da\u00df Alois einen &#8222;echten Respekt vor<br \/>\n        den Rechten der Menschen und eine tiefe Sorge um ihr Wohlergehen zeigte&#8220;<br \/>\n        (Stierlin, S. 20).<\/p>\n<p>        Was bei &#8222;Respektpersonen&#8220; als &#8222;rauhe H\u00fclle&#8220; ankommt,<br \/>\n        kann beim eigenen Kind die reinste H\u00f6lle sein. Daf\u00fcr gibt auch<br \/>\n        J. Toland ein Beispiel:<\/p>\n<p>In einer besonders rebellischen Phase beschlo\u00df Adolf eines Tages,<br \/>\n        davonzulaufen. Sein Vater erfuhr jedoch davon und schlo\u00df ihn in<br \/>\n        einem der oberen R\u00e4ume ein. In der Nacht versuchte der Junge durch<br \/>\n        eine Fenster\u00f6ffnung zu entkommen; und nachdem sie sich als zu eng<br \/>\n        erwiesen hatte, entledigte er sich seiner Kleider. In diesem Augenblick<br \/>\n        h\u00f6rte er seinen Vater die Treppe heraufkommen; er gab seinen Versuch<br \/>\n        auf und bedeckte seine Bl\u00f6\u00dfen hastig mit einem Tischtuch. Der<br \/>\n        alte Herr griff diesmal nicht zur Peitsche; stattdessen brach er in Gel\u00e4chter<br \/>\n        aus und rief seine Frau; sie m\u00f6ge doch heraufkommen und sich den<br \/>\n        &#8222;Togaj\u00fcngling&#8220; ansehen. Dieser Spott traf den Sohn h\u00e4rter<br \/>\n        als jede k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung. Helene Hanfstaengl bekannte<br \/>\n        er sp\u00e4ter, er habe &#8222;lange gebraucht, um \u00fcber diese Episode<br \/>\n        hinwegzukommen&#8220;.<\/p>\n<p>        Viele Jahre sp\u00e4ter erz\u00e4hlte Hitler einer seiner Sekret\u00e4rinnen,<br \/>\n        er habe einmal in einem Abenteuerroman gelesen, es sei ein Zeichen von<br \/>\n        Mut, seinen Schmerz nicht zu zeigen. Und so &#8222;nahm ich mir vor, bei<br \/>\n        der n\u00e4chsten Tracht Pr\u00fcgel keinen Laut von mir zu geben. Und<br \/>\n        als dies soweit war &#8211; ich wei\u00df noch, meine Mutter stand drau\u00dfen<br \/>\n        \u00e4ngstlich an der T\u00fcr -, habe ich jeden Schlag mitgez\u00e4hlt.<br \/>\n        Die Mutter dachte, ich sei verr\u00fcckt geworden, als ich ihr stolz strahlend<br \/>\n        berichtete: &#8220; Zweiunddrei\u00dfig Schl\u00e4ge hat mir der Vater<br \/>\n        gegeben! &#8220; (Toland, S. 30).<\/p>\n<p>Aus diesen und \u00e4hnlichen Stellen bekommt man den Eindruck, da\u00df<br \/>\n        Alois die blinde Wut \u00fcber die Erniedrigungen seiner Kindheit immer<br \/>\n        wieder in seinen Sohn hineingeschlagen hat. Offenbar stand er unter dem<br \/>\n        Zwang, gerade diesem Kind die Erniedrigungen und die Schmerzen seiner<br \/>\n        Kindheit zukommen zu lassen.<\/p>\n<p>Eine Geschichte k\u00f6nnte hier helfen, die Hintergr\u00fcnde eines<br \/>\n        solchen Zwanges zu verstehen. In einer amerikanischen Fernsehsendung wird<br \/>\n        eine therapeutische Gruppe junger M\u00fctter gezeigt, die berichten,<br \/>\n        wie sie ihre S\u00e4uglinge mi\u00dfhandelt haben. Eine der M\u00fctter<br \/>\n        erz\u00e4hlt, da\u00df sie es einmal nicht mehr aushalten konnte, das<br \/>\n        Schreien des Kindes zu h\u00f6ren, es pl\u00f6tzlich aus seinem Bettchen<br \/>\n        gerissen und an die Wand geschlagen h\u00e4tte. Sie vermittelte dem Zuschauer<br \/>\n        sehr deutlich ihre damalige Verzweiflung und erz\u00e4hlte weiter, da\u00df<br \/>\n        sie, als sie sich nicht mehr zu helfen wu\u00dfte, den Telefondienst<br \/>\n        benutzte, den es in Amerika f\u00fcr diese Zwecke zu geben scheint. Die<br \/>\n        Stimme am Telefon fragte, wen sie eigentlich h\u00e4tte schlagen wollen.<br \/>\n        Zu ihrer eigenen \u00dcberraschung h\u00f6rte sie sich sagen: &#8222;mich<br \/>\n        selbst&#8220; und brach schluchzend zusammen.<\/p>\n<p>        Mit dieser Geschichte m\u00f6chte ich erkl\u00e4ren, wie ich das Schlagen<br \/>\n        von Alois verstehe. Das \u00e4ndert aber nichts daran, da\u00df Adolf,<br \/>\n        der ja das alles als Kind nicht wissen konnte, in einer t\u00e4glichen<br \/>\n        Bedrohung, ja in einer H\u00f6lle lebte, in einer st\u00e4ndigen Angst<br \/>\n        und im realen Trauma; da\u00df er zugleich gezwungen war, alle diese<br \/>\n        Gef\u00fchle zu unterdr\u00fccken und sogar nur so seinen Stolz retten<br \/>\n        konnte; da\u00df er den Schmerz nicht zeigte und ihn auch abspalten mu\u00dfte.<\/p>\n<p>        Welch unb\u00e4ndigen, unbewu\u00dften Neid mu\u00dfte der kleine Junge<br \/>\n        schon mit seinem blo\u00dfen Dasein in Alois provoziert haben! Geboren<br \/>\n        als &#8222;legales&#8220; eheliches Kind, dazu als Sohn eines Zollamtsoffizials,<br \/>\n        bei einer Mutter, die ihn nicht wegen Armut anderen Leuten abgeben mu\u00dfte,<br \/>\n        und mit einem Vater, den er kannte (den er sogar t\u00e4glich k\u00f6rperlich<br \/>\n        zu sp\u00fcren bekam, so deutlich und nachhaltig, da\u00df er ihn das<br \/>\n        ganze Leben nicht vergessen sollte). War es nicht genau das, was Alois<br \/>\n        so schmerzlich entbehren mu\u00dfte und was er trotz gr\u00f6\u00dfter<br \/>\n        Anstrengung seines ganzen Lebens nicht erreichen konnte, weil man das<br \/>\n        Schicksal der Kindheit niemals \u00e4ndern kann? Man kann es nur hinnehmen<br \/>\n        und mit der Wahrheit der Vergangenheit leben oder aber es vollst\u00e4ndig<br \/>\n        verleugnen und daf\u00fcr andere leiden lassen.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt vielen Menschen sehr schwer, die traurige Wahrheit hinzunehmen,<br \/>\n        da\u00df Grausamkeit meistens unschuldige Menschen trifft. Man lernt<br \/>\n        ja schon als kleines Kind, alle Grausamkeiten der Erziehung als Strafen<br \/>\n        f\u00fcr eigenes Verschulden anzusehen. Eine Lehrerin erz\u00e4hlte mir,<br \/>\n        da\u00df mehrere Kinder ihrer Klasse meinten, nachdem sie den Holocaust-Film<br \/>\n        gesehen hatten: &#8222;Die Juden mu\u00dften doch schuld sein, sonst h\u00e4tte<br \/>\n        man sie nicht so bestraft&#8220;.<br \/>\n        Von dort her sind auch die Bem\u00fchungen aller Biographen zu verstehen,<br \/>\n        die dem kleinen Adolf alle m\u00f6glichen S\u00fcnden zuschreiben, vor<br \/>\n        allem Faulheit, Widerborstigkeit und L\u00fcgenhaftigkeit. Kommt denn<br \/>\n        ein Kind als L\u00fcgner auf die Welt? Und ist die L\u00fcge nicht manchmal<br \/>\n        die einzige Chance, bei einem solchen Vater zu \u00fcberleben und einen<br \/>\n        Rest seiner W\u00fcrde zu retten? In einer so totalen Auslieferung an<br \/>\n        die Launen einer anderen Person, wie Adolf Hitler (und nicht nur er!)<br \/>\n        sie erlebte, sind Verstellung und schlechte Schulzeugnisse manchmal die<br \/>\n        einzige M\u00f6glichkeit, ein St\u00fcck Autonomie im Geheimen zu entwickeln.<br \/>\n        Es ist daher eher anzunehmen, da\u00df Hitlers sp\u00e4tere Schilderungen<br \/>\n        eines offenen Kampfes mit dem Vater um die Berufswahl nachtr\u00e4gliche<br \/>\n        Retouchen waren, aber nicht weil der Sohn &#8222;von Natur aus&#8220; feige<br \/>\n        war, sondern weil dieser Vater keine Diskussionen zulassen konnte. Eher<br \/>\n        wird die folgende Stelle aus Mein Kampf dem wahren Sachverhalt entsprechen:<\/p>\n<p>        Ich konnte mit meinen inneren Anschauungen etwas zur\u00fcckhalten, brauchte<br \/>\n        ja nicht immer gleich zu widersprechen. Es gen\u00fcgte mein eigener fester<br \/>\n        Entschlu\u00df, sp\u00e4ter einmal nicht Beamter zu werden, um mich innerlich<br \/>\n        vollst\u00e4ndig zu beruhigen (zit. n. K. Heiden, 1936, S. 16).<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, da\u00df der Biograph, Konrad Heiden, der diese<br \/>\n        Stelle zitiert, am Schlu\u00df bemerkt: &#8222;also ein kleiner Duckm\u00e4user&#8220;.<br \/>\n        Wir verlangen eben von einem Kind, da\u00df es sich in einem totalit\u00e4ren<br \/>\n        Regime offen und ehrlich verh\u00e4lt, zugleich aber aufs Wort gehorcht,<br \/>\n        gute Noten heimbringt, dem Vater nicht widerspricht, immer seine Pflicht<br \/>\n        erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>        Auch der Biograph Rudolf Olden schreibt in seiner Biographie (1935) folgendes<br \/>\n        \u00fcber Hitlers Schulschwierigkeiten:<\/p>\n<p>Unlust und Unf\u00e4higkeit steigern sich schnell. Mit der harten Hand<br \/>\n        des Vaters, der pl\u00f6tzlich stirbt, f\u00e4llt ein wichtiger Antrieb<br \/>\n        (!) weg (R. Olden, 1935, S. 18).<\/p>\n<p>Die Schl\u00e4ge des Vaters sollten also der Antrieb zum Lernen sein.<br \/>\n        Das schreibt ausgerechnet der gleiche Biograph, der kurz zuvor \u00fcber<br \/>\n        Alois folgendes berichtet:<\/p>\n<p>Er hatte auch als Verabschiedeter den typischen Beamtenstolz und verlangte,<br \/>\n        da\u00df man ihn Herr und mit seinem Titel anredete. Die Bauern und H\u00e4usler<br \/>\n        sagen Du zueinander. Zum Spott gaben sie dem Ortsfremden die Ehren, die<br \/>\n        er verlangte. In ein gutes Verh\u00e4ltnis kam er nicht zu seiner Umgebung.<br \/>\n        Daf\u00fcr hatte er im eigenen Haus eine famili\u00e4re Diktatur errichtet.<br \/>\n        Die Frau sah zu ihm auf, f\u00fcr die Kinder hatte er eine harte Hand.<br \/>\n        Besonders Adolf verstand er nicht. Er tyrannisierte ihn. Sollte der Junge<br \/>\n        kommen, so pfiff der alte Unteroffizier auf zwei Fingern (Olden, S. 12).<\/p>\n<p>        Diese Szene, 1935 beschrieben, als noch viele Bekannte der Familie Hitler<br \/>\n        in Braunau lebten und als es noch nicht so schwer war, Informationen zu<br \/>\n        bekommen, findet sich meines Wissens nicht mehr in den Nachkriegsbiographien.<br \/>\n        Das Bild des Mannes, der sein Kind mit einem Pfiff wie einen Hund hereinruft,<br \/>\n        erinnert so stark an die Beschreibungen aus den KZ- Lagern, da\u00df<br \/>\n        man sich nicht wundern kann, wenn die heutigen Biographen das &#8211; aus einer<br \/>\n        verst\u00e4ndlichen Scheu &#8211; \u00fcbersehen haben. Dazu kommt die in allen<br \/>\n        Biographien zu findende Tendenz, die Brutalit\u00e4t des Vaters zu verharmlosen,<br \/>\n        mit dem Hinweis, da\u00df Schl\u00e4ge damals ganz normal waren, oder<br \/>\n        sogar mit komplizierten Beweisen gegen solche &#8220; Verleumdungen&#8220;<br \/>\n        des Vaters, wie das z. B. Jetzinger tut. Traurigerweise sind gerade Jetzingers<br \/>\n        sorgfaltige Nachforschungen eine wichtige Quelle der sp\u00e4teren Arbeiten.<br \/>\n        Seine psychologischen Einsichten entfernen sich aber nicht weit von denen<br \/>\n        eines Alois.<\/p>\n<p>Wie Hitler als Kind seinen Vater wirklich erfahren haben mu\u00df, zeigte<br \/>\n        er, indem er unbewu\u00dft dessen Verhalten \u00fcbernahm und in der<br \/>\n        Weltgeschichte aktiv spielte. Der zackige, uniformierte, etwas l\u00e4cherliche<br \/>\n        Diktator, wie Chaplin ihn in seinem Film dargestellt hat und wie ihn auch<br \/>\n        die Feinde gesehen haben, das war Alois in den Augen seines kritischen<br \/>\n        Sohnes. Der gro\u00dfe, geliebte und bewunderte F\u00fchrer des deutschen<br \/>\n        Volkes, das war der andere Alois, der bewunderte und geliebte Mann der<br \/>\n        unterw\u00fcrfigen Mutter Klara, deren Ehrfurcht und Bewunderung der ganz<br \/>\n        kleine Adolf zweifellos noch teilte. Diese beiden verinnerlichten Aspekte<br \/>\n        seines Vaters lassen sich in Adolfs sp\u00e4teren Inszenierungen an vielen<br \/>\n        Stellen so deutlich finden (denken wir doch nur an den Gru\u00df &#8222;Heil<br \/>\n        Hitler&#8220;, an die Huldigungen der Massen usw.), da\u00df man den Eindruck<br \/>\n        bekommt, seine k\u00fcnstlerische Begabung h\u00e4tte ihn mit ungeheurer<br \/>\n        Wucht dazu gedr\u00e4ngt, im ganzen sp\u00e4teren Leben die ersten, unbewu\u00dft<br \/>\n        gebliebenen, aber tief eingepr\u00e4gten Eindr\u00fccke vom tyrannischen<br \/>\n        Vater in Szene zu setzen und darzustellen. Sie sind jedem Zeitgenossen<br \/>\n        unverge\u00dflich geblieben, wobei ein Teil der Zeitgenossen den Diktator<br \/>\n        im Entsetzen des mi\u00dfhandelten und ein anderer ihn in der vollen<br \/>\n        Hingebung und Bejahung des ahnungslosen Kindes erleben konnte. Jeder gro\u00dfe<br \/>\n        K\u00fcnstler sch\u00f6pft aus dem Unbewu\u00dften seiner Kindheit, und<br \/>\n        Hitlers Werk h\u00e4tte auch ein Kunstwerk werden k\u00f6nnen, wenn es<br \/>\n        nicht Millionen das Leben gekostet h\u00e4tte, wenn nicht so viele Menschen<br \/>\n        seine ungelebten, in der Grandiosit\u00e4t abgewehrten Schmerzen h\u00e4tten<br \/>\n        ertragen m\u00fcssen. Aber trotz der Identifikation mit dem Aggressor<br \/>\n        gibt es Stellen in Mein Kampf, die auch direkt zeigen, wie Adolf Hitler<br \/>\n        seine Kindheit erlebte.<\/p>\n<p>&#8222;In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust<br \/>\n        eine sechsk\u00f6pfige Arbeiterfamilie. Unter den Kindern auch ein Junge<br \/>\n        von, nehmen wir an, drei Jahren [. . .] Schon die Enge und \u00dcberf\u00fcllung<br \/>\n        des Raumes f\u00fchrt nicht zu g\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen. Streit<br \/>\n        und Hader werden sehr h\u00e4ufig schon auf diese Weise entstehen [ .<br \/>\n        . . ] Wenn [ . . . ] dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten<br \/>\n        wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Rohheit oft wirklich<br \/>\n        nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbriglassen, dann m\u00fcssen sich, wenn<br \/>\n        auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes<br \/>\n        bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein m\u00fcssen, wenn dieser<br \/>\n        gegenseitige Zwist die Formen roher Ausschreitungen des Vaters gegen die<br \/>\n        Mutter annimmt, zu Mi\u00dfhandlungen im betrunkenen Zustand f\u00fchrt,<br \/>\n        kann sich der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen.<br \/>\n        Mit 6 Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen ein<br \/>\n        Erwachsener nur Grauen empfinden kann. . . Was der kleine Kerl sonst zu<br \/>\n        Hause h\u00f6rt, f\u00fchrt auch nicht zu einer St\u00e4rkung oder Achtung<br \/>\n        vor der lieben Mitwelt [. . .]&#8220; &#8222;\u00dcbel aber endet es, wenn<br \/>\n        der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den<br \/>\n        Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und<br \/>\n        in dem Ma\u00dfe, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er<br \/>\n        dem Alkohol n\u00e4her. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber<br \/>\n        nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller<br \/>\n        und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, da\u00df Gott erbarm.<\/p>\n<p>        In Hunderten von Beispielen habe ich dies alles erlebt [. . .]&#8220; (Stierlin,<br \/>\n        1975, S. 24).<br \/>\n        Obwohl die tiefe und nachhaltige Verletzung seiner W\u00fcrde Adolf Hitler<br \/>\n        nicht erlaubt h\u00e4tte, die Situation dieses &#8222;nehmen wir an&#8220;<br \/>\n        dreij\u00e4hrigen Jungen als die seine in der Ichform zu schildern, kann<br \/>\n        am Erlebnisgehalt dieser Darstellung kein Zweifel bestehen.<br \/>\n        Ein Kind, das von seinem Vater nicht mit seinem Namen gerufen, sondern<br \/>\n        wie ein Hund herbeigepfiffen wird, hat in der Familie den gleichen rechtslosen<br \/>\n        und namenlosen Status wie &#8222;der Jude&#8220; im Dritten Reich.<\/p>\n<p>Es ist Hitler tats\u00e4chlich gelungen, aus dem unbewu\u00dften Wiederholungszwang<br \/>\n        sein Familientrauma auf das ganze deutsche Volk zu \u00fcbertragen. Durch<br \/>\n        die Einf\u00fchrung der Rassengesetze wurde es f\u00fcr jeden B\u00fcrger<br \/>\n        notwendig, seine Herkunft bis in die dritte Generation zur\u00fcck legitimieren<br \/>\n        zu m\u00fcssen und die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen. Die<br \/>\n        falsche oder unklare Herkunft konnte einem Menschen zuerst Schmach, Erniedrigung<br \/>\n        und schlie\u00dflich den Tod bedeuten &#8211; und das mitten im Frieden, mitten<br \/>\n        im Staat, der sich ein Rechtsstaat nannte. Das ist ein Ph\u00e4nomen,<br \/>\n        das nirgends sonst in der Geschichte anzutreffen ist, nirgends auch Vorbilder<br \/>\n        hat. Denn die Inquisition z. B. verfolgte die Juden ihres Glaubens wegen,<br \/>\n        sie lie\u00df ihnen jedoch die M\u00f6glichkeit einer Taufe zum \u00dcberleben.<br \/>\n        Im Dritten Reich haben aber kein Verhalten, keine Verdienste und Leistungen<br \/>\n        geholfen &#8211; als Jude war man von der Herkunft her zur Erniedrigung und<br \/>\n        sp\u00e4ter zum Tode verurteilt. Spiegelt sich hier nicht das Schicksal<br \/>\n        Hitlers in zweifacher Weise?<\/p>\n<ol>\n<li>Es war ja auch f\u00fcr Hitlers Vater unm\u00f6glich, trotz aller Anstrengungen,<br \/>\n        Erfolge, beruflicher Aufstiege vom Schuster zum Zollamtsoberoffizial den<br \/>\n        &#8222;Schmutzfleck&#8220; in seiner Vergangenheit auszutilgen, wie es sp\u00e4ter<br \/>\n        den Juden verboten war, den Davidstern zu entfernen. Der &#8222;Schmutzfleck&#8220;<br \/>\n        blieb bestehen und bedr\u00fcckte ihn sein ganzes Leben. Es mag sein,<br \/>\n        da\u00df die vielen Umz\u00fcge (nach Fest elfmal) neben dem beruflichen<br \/>\n        auch diesen Grund gehabt haben &#8211; Spuren zu verwischen. Diese Tendenz ist<br \/>\n        ja auch in Adolfs Leben sehr deutlich: &#8222;Als ihm 1942 berichtet wurde,<br \/>\n        da\u00df sich in dem Dorf Spital [der Herkunftsgegend seines Vaters &#8211;<br \/>\n        AM] eine Gedenktafel bef\u00e4nde, bekam er einen seiner hemmungslosen<br \/>\n        Wutanf\u00e4lle&#8220;, berichtet Fest.<\/li>\n<li>Zugleich bedeutete das Rassengesetz die Wiederholung des eigenen Kindheitsdramas.<br \/>\n        So wie der Jude jetzt keine Chance hatte, konnte einst das Kind Adolf<br \/>\n        den Schl\u00e4gen seines Vaters nicht entgehen, denn die Ursache der Schl\u00e4ge<br \/>\n        waren ja die ungel\u00f6sten Probleme des Vaters, die Abwehr seiner Trauer<br \/>\n        um die eigene Kindheit, nicht aber das Verhalten des Kindes. Solche V\u00e4ter<br \/>\n        pflegen auch ihre schlafenden Kinder aus den Betten zu zerren, wenn sie<br \/>\n        mit einer Stimmung nicht fertig werden (sich vielleicht gerade irgendwo<br \/>\n        in der Gesellschaft klein und unsicher gef\u00fchlt haben), und ihr Kind<br \/>\n        zu verpr\u00fcgeln, um sich ihr narzi\u00dftisches Gleichgewicht wieder<br \/>\n        zu verschaffen (vgl. Christiane F., S. 19 f.).<br \/>\n        Diese Funktion hatte der Jude im Dritten Reich, das sich auf seine Kosten<br \/>\n        von der Schmach der Weimarer Republik erholen mu\u00dfte, und diese Funktion<br \/>\n        hatte Adolf in seiner ganzen Kindheit. Er mu\u00dfte es wehrlos hinnehmen,<br \/>\n        da\u00df jeden Moment ein Gewitter \u00fcber ihn losbrechen konnte, ohne<br \/>\n        da\u00df er es mit irgendeinem Einfall, irgendeiner Leistung h\u00e4tte<br \/>\n        von sich abwenden oder vermeiden k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Weil Adolf mit seinem Vater keine Z\u00e4rtlichkeiten verband (er nennt<br \/>\n        ihn in Mein Kampf bezeichnenderweise &#8222;Herr Vater&#8220;), war der<br \/>\n        aufsteigende Ha\u00df in ihm kontinuierlich und eindeutig. Anders ist<br \/>\n        es bei Kindern, deren V\u00e4ter Wutausbr\u00fcche haben und zwischendurch<br \/>\n        wieder reizend mit den Kindern spielen k\u00f6nnen. Da kann der Ha\u00df<br \/>\n        in dieser reinen Form gar nicht so kultiviert werden. Diese Menschen haben<br \/>\n        es in einer anderen Art sehr schwer, suchen sich Partner mit einer \u00e4hnlich<br \/>\n        zu Extremen neigenden Struktur, sind mit tausend Ketten an diese gebunden,<br \/>\n        k\u00f6nnen die Partner nicht verlassen, leben immer in der Erwartung,<br \/>\n        da\u00df die gute Seite endlich von Dauer sein wird, verzweifeln bei<br \/>\n        jedem neuen Ausbruch immer aufs Neue. Solche sado-masochistischen Bindungen,<br \/>\n        die auf das doppelte Gesicht eines Elternteils zur\u00fcckgehen, sind<br \/>\n        st\u00e4rker als eine Liebesbeziehung, sie sind nicht zu trennen und bedeuten<br \/>\n        permanente Selbstzerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>        Dem Kind Adolf war die Kontinuit\u00e4t der Schl\u00e4ge gesichert. Was<br \/>\n        er auch getan haben mochte, es konnte auf die t\u00e4glichen Pr\u00fcgel<br \/>\n        keinen Einflu\u00df haben. Es blieb ihm nur die Verleugnung der Schmerzen,<br \/>\n        also die Selbstverleugnung und die Identifikation mit dem Aggressor. Niemand<br \/>\n        konnte ihm helfen, nicht einmal seine Mutter, die sonst in Gefahr geriet.<br \/>\n        Denn auch sie wurde geschlagen (vgl. J. Toland, S. 26).<br \/>\n        Diese st\u00e4ndige Bedrohung spiegelt sich im Schicksal der Juden im<br \/>\n        Dritten Reich sehr genau wider. Versuchen wir uns eine Szene vorzustellen:<br \/>\n        Ein Jude geht auf die Stra\u00dfe, vielleicht um Milch zu holen, da st\u00fcrzt<br \/>\n        sich ein Mensch mit der SA-Binde um den Arm auf ihn, ein Mensch, der das<br \/>\n        Recht hat, alles mit ihm zu machen, was er will, was ihm seine Phantasie<br \/>\n        gerade eingibt und was f\u00fcr sein Unbewu\u00dftes im Moment notwendig<br \/>\n        ist. Auf all das kann der Jude jetzt keinen Einflu\u00df nehmen- so wenig<br \/>\n        wie einst das Kind Adolf. Wehrt sich der Jude, kann und darf er zu Tode<br \/>\n        getrampelt werden, wie seinerzeit der 11j\u00e4hrige Adolf, als er mit<br \/>\n        drei Kameraden verzweifelt von zu Hause weggelaufen war, um sich auf einem<br \/>\n        selbstgebauten Flo\u00df den Flu\u00df heruntertreiben zu lassen und<br \/>\n        sich vor der Gewalt des Vaters zu retten. F\u00fcr den blo\u00dfen Gedanken<br \/>\n        an eine Flucht wurde er beinahe zu Tode gepr\u00fcgelt (vgl. H. Stierlin,<br \/>\n        S. 23). Auch dem Juden steht jetzt keine Fluchtm\u00f6glichkeit zur Verf\u00fcgung,<br \/>\n        alle Wege sind abgeschnitten und f\u00fchren in den Tod, wie das Bahngeleise,<br \/>\n        das vor Treblinka und vor Auschwitz einfach endete, da h\u00f6rte das<br \/>\n        Leben auf. So f\u00fchlt sich doch jedes Kind, das t\u00e4glich geschlagen<br \/>\n        wird und wegen des Gedankens an Flucht fast umgebracht worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>        In der von mir geschilderten Szene, die sich in vielen Varianten zwischen<br \/>\n        1933 und 1945 unz\u00e4hlige Male abgespielt hat, mu\u00df der Jude alles<br \/>\n        wie ein hilfloses Kind ertragen. Er mu\u00df es \u00fcber sich ergehen<br \/>\n        lassen, da\u00df dieses schreiende, au\u00dfer sich geratene, in ein<br \/>\n        Monstrum verwandelte Gesch\u00f6pf mit der SA-Binde ihm die Milch \u00fcber<br \/>\n        den Kopf gie\u00dft, andere herbeiruft, um sich zu am\u00fcsieren (wie<br \/>\n        Alois \u00fcber Adolfs Toga lachte), sich jetzt gro\u00df und stark f\u00fchlt<br \/>\n        neben einem Menschen, der ganz ihm, ganz seiner Macht ausgeliefert ist.<br \/>\n        Wenn dieser Jude das Leben liebt, wird er es jetzt nicht aufs Spiel setzen,<br \/>\n        nur um sich Mut und H\u00e4rte zu beweisen. Er verh\u00e4lt sich also<br \/>\n        ruhig und ist innerlich voller Widerwillen und Verachtung f\u00fcr diesen<br \/>\n        Menschen, genauso wie damals Adolf, der die Schw\u00e4che seines Vaters<br \/>\n        mit der Zeit durchschaute und anfing, ihm mit seinem Schulversagen, das<br \/>\n        den Vater kr\u00e4nkte, wenigstens ein bi\u00dfchen zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<p>Joachim Fest meint, der Grund von Adolfs Schulversagen k\u00f6nne nicht<br \/>\n        in seiner Beziehung zum Vater liegen, sondern in der Erschwerung der gestellten<br \/>\n        Forderungen &#8211; in Linz, wo Adolf der Konkurrenz mit den aus b\u00fcrgerlichen<br \/>\n        H\u00e4usern stammenden Kameraden nicht mehr gewachsen war. Andererseits<br \/>\n        schreibt Fest, Adolf sei &#8222;ein aufgeweckter, lebhafter und offenbar<br \/>\n        begabter Sch\u00fcler gewesen&#8220; (S. 37). Warum sollte ein solcher<br \/>\n        Junge in der Schule versagen, wenn nicht aus dem Grund, den er selber<br \/>\n        angibt, dem Fest aber mi\u00dftraut, weil er Adolf &#8222;einen Hang zur<br \/>\n        Bequemlichkeit&#8220; und &#8222;ein schon fr\u00fchzeitig hervortretendes<br \/>\n        Unverm\u00f6gen zu geregelter Arbeit&#8220; vorwirft (S. 37). So h\u00e4tte<br \/>\n        Alois reden k\u00f6nnen, aber da\u00df der gr\u00fcndlichste Biograph,<br \/>\n        der auf Tausenden von Seiten Hitlers sp\u00e4tere Leistungsf\u00e4higkeit<br \/>\n        selber unter Beweis stellt, sich mit dem Vater gegen das Kind identifiziert,<br \/>\n        w\u00e4re erstaunlich, wenn es nicht die Regel w\u00e4re. Fast alle Biographen<br \/>\n        \u00fcbernehmen fraglos die Wertma\u00dfst\u00e4be der Erziehungsideologie,<br \/>\n        nach der die Eltern immer recht haben und die Kinder faul, verw\u00f6hnt,<br \/>\n        &#8222;st\u00f6rrisch&#8220; und &#8222;launisch&#8220; (S. 37) sind, wenn<br \/>\n        sie nicht unter allen Umst\u00e4nden wie gew\u00fcnscht funktionieren.<br \/>\n        Falls die Kinder etwas gegen die Eltern sagen, kommen sie oft in den Verdacht<br \/>\n        der L\u00fcge. Fest schreibt:<\/p>\n<p>Ihn (den Vater) hat der Sohn sp\u00e4ter sogar, um einige effektvolle<br \/>\n        Schw\u00e4rze ins Bild zu bringen (als ob das noch n\u00f6tig gewesen<br \/>\n        w\u00e4re! AM) zum Trunks\u00fcchtigen gemacht, den er bettelnd und schimpfend,<br \/>\n        in Szenen &#8222;gr\u00e4\u00dflicher Scham&#8220; aus &#8222;stinkenden,<br \/>\n        rauchigen Kneipen&#8220; nach Hause zerren mu\u00dfte (Fest 1978, S. 37).<\/p>\n<p>Warum ist das effektvolle Schw\u00e4rze? Weil sich die Biographen einig<br \/>\n        dar\u00fcber sind, da\u00df der Vater zwar gern im Wirtshaus trank und<br \/>\n        anschlie\u00dfend zu Hause Szenen machte, aber &#8222;kein Alkoholiker<br \/>\n        war&#8220;. Mit der Diagnose &#8222;kein Alkoholiker&#8220; kann alles, was<br \/>\n        der Vater tat, weggewischt werden und dem Kind die Bedeutung seines Erlebnisses,<br \/>\n        n\u00e4mlich der Schmach und Scham im Anblick der furchtbaren Szenen,<br \/>\n        vollst\u00e4ndig ausgeredet werden.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches geschieht, wenn Menschen w\u00e4hrend ihrer Analyse bei<br \/>\n        entfernten Familienangeh\u00f6rigen \u00fcber ihre verstorbenen Eltern<br \/>\n        nachfragen. Die zu Lebzeiten fehlerlosen Eltern avancieren mit ihrem Tode<br \/>\n        m\u00fchelos zu Engeln und hinterlassen ihre Kinder in einer H\u00f6lle<br \/>\n        von Selbstvorw\u00fcrfen. Da kaum ein Mensch in der Umgebung die einstigen<br \/>\n        Wahrnehmungen dieser Kinder best\u00e4tigen wird, bleiben sie mit ihnen<br \/>\n        isoliert und halten sich deswegen f\u00fcr sehr b\u00f6se. Adolf Hitler<br \/>\n        wird es nicht anders ergangen sein, als er mit 13 Jahren seinen Vater<br \/>\n        verlor und von da an in seiner ganzen Umgebung nur dem idealisierten Vaterbild<br \/>\n        begegnete. Wer h\u00e4tte ihm damals die Grausamkeit und Brutalit\u00e4t<br \/>\n        seines Vaters best\u00e4tigt, wenn die Biographen noch heute bem\u00fcht<br \/>\n        sind, dessen regelm\u00e4\u00dfige Schl\u00e4ge als harmlos zu schildern?<br \/>\n        Sobald es aber Adolf Hitler gelang, seine Erfahrung des B\u00f6sen auf<br \/>\n        den &#8220; Juden an sich&#8220; zu transponieren, gelang es ihm, die Isolierung<br \/>\n        zu durchbrechen.<\/p>\n<p>        Es gibt wohl kaum ein zuverl\u00e4ssigeres Bindeglied unter den V\u00f6lkern<br \/>\n        Europas als den Judenha\u00df. Er ist seit jeher ein gesch\u00e4tztes<br \/>\n        Manipulationsmittel der Regierenden und eignet sich offenbar vorz\u00fcglich<br \/>\n        zur Verschleierung von sehr verschiedenen Interessen, so da\u00df auch<br \/>\n        extrem miteinander verfeindete Gruppierungen sich \u00fcber die Gef\u00e4hrlichkeit<br \/>\n        oder Gemeinheit der Juden v\u00f6llig einig sein k\u00f6nnen. Der erwachsene<br \/>\n        Hitler wu\u00dfte das und sagte einmal zu Rauschning, da\u00df, &#8222;wenn<br \/>\n        es den Juden nicht g\u00e4be, man ihn erfinden m\u00fc\u00dfte&#8220;.<br \/>\n        <\/p>\n<p>        Woher bezieht der Antisemitismus seine ewige Erneuerungsf\u00e4higkeit?<br \/>\n        Das ist nicht schwer zu verstehen. Man ha\u00dft den Juden nicht deshalb,<br \/>\n        weil er das oder jenes tut oder ist. Alles, was die Juden tun oder sind,<br \/>\n        l\u00e4\u00dft sich auch bei anderen V\u00f6lkern finden. Man ha\u00dft<br \/>\n        den Juden, weil man einen unerlaubten Ha\u00df in sich tr\u00e4gt und<br \/>\n        begierig ist, ihn zu legitimieren. Das j\u00fcdische Volk eignet sich<br \/>\n        f\u00fcr diese Legitimierung in ganz besonderem Ma\u00dfe. Weil seine<br \/>\n        Verfolgung seit zwei Jahrtausenden von h\u00f6chsten kirchlichen und staatlichen<br \/>\n        Autorit\u00e4ten ausge\u00fcbt wurde, brauchte man sich des Judenhasses<br \/>\n        nie zu sch\u00e4men, nicht einmal dann, wenn man mit strengsten moralischen<br \/>\n        Prinzipien aufgewachsen war und sich f\u00fcr die nat\u00fcrlichsten Regungen<br \/>\n        der Seele sonst zu sch\u00e4men hatte (vgl. S. I 13f.). Ein im Panzer<br \/>\n        der zu fr\u00fch geforderten Tugenden aufwachsendes Kind wird gerne nach<br \/>\n        der einzig erlaubten Abfuhr greifen, sich seinen Antisemitismus ( d. h.<br \/>\n        sein Recht auf den Ha\u00df) &#8222;holen&#8220; und ihn sein Leben lang<br \/>\n        behalten. M\u00f6glicherweise war aber diese Abfuhr Adolf nicht ohne weiteres<br \/>\n        zug\u00e4nglich, weil sie ein Tabu der Familie ber\u00fchrt h\u00e4tte.<br \/>\n        Sp\u00e4ter, in Wien, geno\u00df er es, dieses stillschweigende Verbot<br \/>\n        aufzuheben, und als er zur Macht kam, brauchte er nur den einzigen in<br \/>\n        der abendl\u00e4ndischen Tradition legitimen Ha\u00df zur h\u00f6chsten<br \/>\n        Tugend des arischen Menschen zu proklamieren.<\/p>\n<p>        Meine Vermutung, da\u00df die Abstammungsfrage in Adolfs Elternhaus tabuisiert<br \/>\n        gewesen war, leite ich von der gro\u00dfen Bedeutung ab, die er sp\u00e4ter<br \/>\n        diesem Thema beima\u00df. Seine Reaktion auf Franks Bericht im Jahre<br \/>\n        1930 best\u00e4tigt nur diese Vermutung. Sie zeigt die f\u00fcr ein Kind<br \/>\n        so bezeichnende Mischung von Wissen und Nichtwissen und spiegelt die in<br \/>\n        der Familie herrschende Verwirrung im Zusammenhang mit diesem Thema. In<br \/>\n        Franks Bericht hei\u00dft es u.a. Adolf Hitler selbst wu\u00dfte, da\u00df<br \/>\n        sein Vater nicht von dem geschlechtlichen Verkehr der Schicklgruber mit<br \/>\n        dem Grazer Juden herstammte, er wu\u00dfte es von seines Vaters und der<br \/>\n        Gro\u00dfmutter Erz\u00e4hlungen. Er wu\u00dfte, da\u00df sein Vater<br \/>\n        herstammte aus den vorehelichen Beziehungen seiner Gro\u00dfmutter mit<br \/>\n        ihrem sp\u00e4teren Mann. Aber diese beiden waren arm, und der Jude zahlte<br \/>\n        die Alimente als h\u00f6chst erw\u00fcnschte jahrelange Zulage zum armseligen<br \/>\n        Haushalt. Man hatte ihn, den Zahlungsf\u00e4higen, als Vater angegeben,<br \/>\n        und ohne Proze\u00df zahlte der Jude, weil er wohl einen prozessualen<br \/>\n        Austrag und die damit zusammenh\u00e4ngende \u00d6ffentlichkeit scheute<br \/>\n        (zitiert nach Jetzinger, S. 30).<\/p>\n<p>Jetzinger kommentiert Hitlers Reaktion mit folgenden Worten:<\/p>\n<p>In diesem Absatz wird offensichtlich wiedergegeben, was Hitler zu der<br \/>\n        Enth\u00fcllung durch Frank sagte. Er wird nat\u00fcrlich sehr best\u00fcrzt<br \/>\n        gewesen sein, durfte sich aber selbstverst\u00e4ndlich vor Frank nichts<br \/>\n        anmerken lassen und tat daher so, als sei ihm das Berichtete nicht vollkommen<br \/>\n        neu; er sagte, er wisse aus den Erz\u00e4hlungen seines Vaters und seiner<br \/>\n        Gro\u00dfmutter, da\u00df sein Vater nicht von dem Grazer Juden stamme.<br \/>\n        Da hat sich aber Adolf in der momentanen Verwirrung gr\u00fcndlich verrannt!<br \/>\n        Seine Gro\u00dfmutter lag schon mehr als vierzig Jahre im Grab, als er<br \/>\n        geboren wurde, die konnte ihm nichts erz\u00e4hlt haben! Und sein Vater?<br \/>\n        Der h\u00e4tte es ihm erz\u00e4hlt haben m\u00fcssen, als Adolf noch nicht<br \/>\n        vierzehn Jahre alt war, denn dann starb sein Vater; einem solchen Buben<br \/>\n        erz\u00e4hlt man nicht derartige Sachen und schon gar nicht sagt man ihm:<br \/>\n        &#8222;Dein Gro\u00dfvater war kein Jude&#8220;, wenn ohnehin ein j\u00fcdischer<br \/>\n        Gro\u00dfvater nicht in Frage kam! Weiters antwortete Hitler, er wisse,<br \/>\n        da\u00df sein Vater aus den vorehelichen Beziehungen seiner Gro\u00dfmutter<br \/>\n        mit ihrem sp\u00e4teren Manne stammt. Warum hatte er dann etliche Jahre<br \/>\n        vorher in seinem Buche geschrieben, sein Vater sei der Sohn eines armen,<br \/>\n        kleinen H\u00e4uslers? Der M\u00fcllergeselle, mit dem allein seine Gro\u00dfmutter,<br \/>\n        aber erst nachdem sie wieder in D\u00f6llersheim lebte, h\u00e4tte voreheliche<br \/>\n        Beziehungen haben k\u00f6nnen, war nie in seinem Leben H\u00e4usler! Und<br \/>\n        die Gro\u00dfmutter der Gemeinheit bezichtigen, ob es nun Hitler tat<br \/>\n        oder Frank, sie habe einfach einen Zahlungskr\u00e4ftigen als Kindesvater<br \/>\n        angegeben, entspricht einer Denkungsart, wie sie unter verkommenen Subjekten<br \/>\n        \u00fcblich sein mag, beweist aber nichts f\u00fcr die Abstammung! Adolf<br \/>\n        Hitler wu\u00dfte \u00fcber seine Herkunft rein gar nichts! Man pflegt<br \/>\n        ja auch Kinder \u00fcber so etwas nicht aufzukl\u00e4ren (Jetzinger, S.<br \/>\n        30 f.).<\/p>\n<p>Eine solche unertr\u00e4gliche Verwirrung im Elternhaus kann dazu f\u00fchren,<br \/>\n        da\u00df das Kind Schulschwierigkeiten bekommt (weil das Wissen verboten,<br \/>\n        also bedrohlich und gef\u00e4hrlich ist). Auf jeden Fall wollte Adolf<br \/>\n        Hitler es sp\u00e4ter von jedem B\u00fcrger ganz genau, bis in die dritte<br \/>\n        Generation, wissen, ob nicht doch noch ein j\u00fcdischer Ahne &#8222;dahinter<br \/>\n        steckte&#8220;.<\/p>\n<p>Adolfs Schulversagen widmet Fest mehrere \u00dcberlegungen, darunter<br \/>\n        auch die, da\u00df es auch nach dem Tode des Vaters andauerte, womit<br \/>\n        der Beweis erbracht werden soll, da\u00df es nicht mit dem Vater in Zusammenhang<br \/>\n        stand. Dagegen l\u00e4\u00dft sich einiges geltend machen:<\/p>\n<p>        1. Die Zitate aus der Schwarzen P\u00e4dagogik zeigen sehr deutlich, wie<br \/>\n        gerne die Lehrer die Nachfolge der V\u00e4ter bei der Z\u00fcchtigung<br \/>\n        der Sch\u00fcler antreten und welchen Gewinn sie zur narzi\u00dftischen<br \/>\n        Stabilisierung ihrer selbst daraus ziehen.<br \/>\n        2. Als Adolfs Vater starb, war er ja bereits l\u00e4ngst von seinem Sohn<br \/>\n        verinnerlicht worden, und die Lehrer boten sich nun als Vaterersatz an,<br \/>\n        bei dem man versuchen konnte, sich mit etwas mehr Erfolg zu wehren. Das<br \/>\n        Schulversagen geh\u00f6rt zu den wenigen Mitteln, die man hat, um den<br \/>\n        Lehrer (Vater) zu strafen.<br \/>\n        3. Mit 11 Jahren wurde Adolf fast zu Tode gepr\u00fcgelt, als er sich<br \/>\n        aus einer f\u00fcr ihn unertr\u00e4glichen Situation durch Flucht zu befreien<br \/>\n        versuchte. Damals starb auch sein Bruder Edmund, an dem er als dem Schw\u00e4cheren<br \/>\n        vielleicht noch ein St\u00fcck Macht hatte erleben d\u00fcrfen. Dar\u00fcber<br \/>\n        wissen wir nichts. In diese Zeit f\u00e4llt jedenfalls sein Schulversagen,<br \/>\n        das im Gegensatz zu den fr\u00fcheren guten Noten stand. Wer wei\u00df,<br \/>\n        vielleicht h\u00e4tte dieses aufgeweckte, begabte Kind noch einen anderen,<br \/>\n        humaneren Weg gefunden, um mit dem aufgestauten Ha\u00df umzugehen, wenn<br \/>\n        seine Neugier und Vitalit\u00e4t in den Schulen mehr Nahrung h\u00e4tten<br \/>\n        finden k\u00f6nnen. Aber auch die Bekanntschaft mit geistigen Werten wurde<br \/>\n        ihm durch diese erste, tief gest\u00f6rte Vaterbeziehung, die sich auf<br \/>\n        Lehrer und Schule \u00fcbertrug, unm\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>        Das in der Art des Vaters w\u00fctende Kind von damals befiehlt sp\u00e4ter,<br \/>\n        B\u00fccher von freidenkenden Menschen zu verbrennen. Es sind B\u00fccher,<br \/>\n        die Adolf ha\u00dfte und nie gelesen hatte, aber vielleicht h\u00e4tte<br \/>\n        lesen und verstehen k\u00f6nnen, wenn man ihm von Anfang an erm\u00f6glicht<br \/>\n        h\u00e4tte, seine F\u00e4higkeiten zu entwickeln. Das Verbrennen von B\u00fcchern<br \/>\n        und das Verdammen von K\u00fcnstlern sind ja auch eine Rache daf\u00fcr,<br \/>\n        da\u00df dieses begabte Kind um den Genu\u00df der Schule gebracht worden<br \/>\n        ist. Was hier gemeint ist, kann vielleicht mit Hilfe einer Geschichte<br \/>\n        verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>\n        Ich sa\u00df einmal auf einer Bank im Park einer mir fremden Gro\u00dfstadt.<br \/>\n        Neben mich setzte sich ein alter Mann, der, wie er mir sp\u00e4ter sagte,<br \/>\n        bereits 82 Jahre alt war. Er fiel mir auf, weil er sehr beteiligt und<br \/>\n        respektvoll mit spielenden Kindern sprach, und ich lie\u00df mich in<br \/>\n        ein Gespr\u00e4ch mit ihm ein, in dem er mir von seinen Erlebnissen als<br \/>\n        Soldat im ersten Weltkrieg erz\u00e4hlte. &#8222;Wissen Sie&#8220;, sagte<br \/>\n        er, &#8222;ich habe in mir einen Schutzengel, der mich immer begleitet.<br \/>\n        So oft erlebte ich, da\u00df alle meine Kameraden, von Granaten oder<br \/>\n        Bomben getroffen, tot umgefallen sind und ich, obwohl ich daneben stand,<br \/>\n        am Leben blieb und nicht einmal eine Wunde hatte.&#8220; Es ist unwichtig,<br \/>\n        ob sich dies in allen Einzelheiten so abgespielt hatte, aber was dieser<br \/>\n        Mann ausdr\u00fcckte, war eine Darstellung seines Selbst, des gro\u00dfen<br \/>\n        Vertrauens in sein Schicksal. So erstaunte es mich nicht, da\u00df er<br \/>\n        auf meine Frage nach seinen Geschwistern antwortete: &#8222;die sind alle<br \/>\n        tot, ich war ein Nesth\u00e4kchen&#8220;. Seine Mutter h\u00e4tte &#8222;das<br \/>\n        Leben geliebt&#8220;, erz\u00e4hlte er. Sie h\u00e4tte ihn morgens im Fr\u00fchling<br \/>\n        manchmal geweckt, um mit ihm dem Vogelgesang im Wald zu lauschen, noch<br \/>\n        bevor er in die Schule ging. Das waren die sch\u00f6nsten<\/p>\n<p>        Erlebnisse. Auf meine Frage, ob er geschlagen worden w\u00e4re, antwortete<br \/>\n        er: &#8222;Geschlagen wurde ich kaum, vielleicht ist dem Vater mal die<br \/>\n        Hand ausgerutscht, das machte mich jedesmal zornig, aber er tat es nie<br \/>\n        in Mutters Gegenwart, die h\u00e4tte das niemals zugelassen. Aber wissen<br \/>\n        Sie&#8220;, berichtete er, &#8222;einmal wurde ich grauenhaft geschlagen<br \/>\n        &#8211; vom Lehrer. In den ersten drei Klassen war ich der beste Sch\u00fcler,<br \/>\n        in der vierten bekamen wir einen neuen Lehrer. Der hat mich einmal einer<br \/>\n        Tat beschuldigt, die ich nicht begangen hatte. Dann nahm er mich auf sein<br \/>\n        Zimmer und schlug und schlug und schrie dauernd wie ein Besessener: Wirst<br \/>\n        Du jetzt die Wahrheit sagen? Wie konnte ich aber? Ich h\u00e4tte ja f\u00fcr<br \/>\n        ihn l\u00fcgen m\u00fcssen, und das hatte ich bisher nie getan, weil ich<br \/>\n        vor meinen Eltern keine Angst zu haben brauchte. Also hielt ich das Schlagen<br \/>\n        eine Viertelstunde aus, aber danach interessierte ich mich nicht mehr<br \/>\n        f\u00fcr die Schule und wurde ein schlechter Sch\u00fcler. Es hat mich<br \/>\n        sp\u00e4ter oft geschmerzt, da\u00df ich kein Abitur gemacht habe. Aber<br \/>\n        ich glaube, ich hatte damals keine andere Wahl.&#8220;<\/p>\n<p>        Dieser Mann schien als Kind von seiner Mutter so geachtet worden zu sein,<br \/>\n        da\u00df er selbst auch seine Gef\u00fchle respektieren und leben konnte.<br \/>\n        Deshalb merkte er, da\u00df er auf den Vater zornig wurde, wenn diesem<br \/>\n        &#8222;die Hand ausrutschte&#8220;, er merkte, da\u00df ihn der Lehrer<br \/>\n        zur L\u00fcge verf\u00fchren und erniedrigen wollte, und er sp\u00fcrte<br \/>\n        auch die Trauer dar\u00fcber, da\u00df er f\u00fcr seine W\u00fcrde und<br \/>\n        Treue zu sich selbst mit dem Verzicht auf die Bildung bezahlen mu\u00dfte,<br \/>\n        weil es f\u00fcr ihn damals keinen anderen Weg gab. Es fiel mir auf, da\u00df<br \/>\n        er nicht wie die meisten Menschen sagte: &#8222;Meine Mutter hat mich sehr<br \/>\n        geliebt&#8220;, sondern er sagte: &#8222;Sie liebte das Leben&#8220;, und<br \/>\n        ich erinnerte mich, da\u00df ich das einmal \u00fcber Goethes Mutter<br \/>\n        geschrieben hatte. Die sch\u00f6nsten Augenblicke erlebte dieser alte<br \/>\n        Mann mit seiner Mutter im Wald, als er ihre Freude an den V\u00f6geln<br \/>\n        sp\u00fcrte, die sie mit ihm teilte. Diese warme Mutterbeziehung strahlte<br \/>\n        immer noch aus seinen alten Augen, und der Respekt seiner Mutter f\u00fcr<br \/>\n        ihn dr\u00fcckte sich unmi\u00dfverst\u00e4ndlich in der Art aus, in<br \/>\n        der er jetzt mit den spielenden Kindern sprach. In seiner Haltung war<br \/>\n        nichts \u00dcberhebliches, nichts Verniedlichendes, sondern einfach Aufmerksamkeit<br \/>\n        und Achtung.<\/p>\n<p>Ich habe mich bei Hitlers Schulschwierigkeiten so lange aufgehalten,<br \/>\n        weil sie sowohl in ihren Ursachen als auch in den sp\u00e4teren Auswirkungen<br \/>\n        ein Beispiel f\u00fcr Millionen sind. Hitlers gro\u00dfe und begeisterte<br \/>\n        Anh\u00e4ngerschaft bewies, da\u00df sie \u00e4hnlich wie er strukturiert,<br \/>\n        d. h. \u00e4hnlich erzogen, war. Die heutigen Biographien zeigen, wie<br \/>\n        weit unser Denken noch von der Erkenntnis entfernt ist, da\u00df ein<br \/>\n        Kind das Recht auf Respekt hat. Joachim Fest, der eine immense und gr\u00fcndliche<br \/>\n        Arbeit auf sich genommen hat, um Hitlers Leben zu schildern, kann dem<br \/>\n        Sohn nicht glauben, wie sehr er unter seinem Vater gelitten hat, und meint,<br \/>\n        Adolf &#8222;dramatisiere&#8220; nur die Schwierigkeiten mit dem Vater,<br \/>\n        als ob es \u00fcberhaupt jemandem anstehen w\u00fcrde, dar\u00fcber mehr<br \/>\n        zu wissen als Adolf Hitler selber. \u00dcber Fests Perspektive der Elternschonung<br \/>\n        wird man sich kaum wundern, wenn man bedenkt, wie wenig selbst die Psychoanalyse<br \/>\n        von ihr frei ist. Soweit ihre Anh\u00e4nger noch &#8211; etwa im Sinne von Wilhelm<br \/>\n        Reich &#8211; meinen, lediglich um die Befreiung der Sexualit\u00e4t k\u00e4mpfen<br \/>\n        zu m\u00fcssen, \u00fcbersehen sie ganz entscheidende Aspekte. Was ein<br \/>\n        Kind, das keine Achtung f\u00fcr sich erfahren und deshalb auch in sich<br \/>\n        nicht entwickeln konnte, mit der &#8222;befreiten&#8220; Sexualit\u00e4t<br \/>\n        macht, k\u00f6nnen wir auf dem &#8222;Babystrich&#8220; und in der Drogenszene<br \/>\n        sehen. Dort lernt man u. a. auch, in welche verh\u00e4ngnisvolle Abh\u00e4ngigkeiten<br \/>\n        (von anderen Menschen und vom Heroin) die &#8222;Freiheit&#8220; der Kinder<br \/>\n        f\u00fchrt, die keine ist, solange sie mit der eigenen Entw\u00fcrdigung<br \/>\n        einhergeht.<\/p>\n<p>        Nicht nur das Schlagen der Kinder, sondern auch dessen Folgen sind so<br \/>\n        gut in unser Leben integriert, da\u00df diese uns in ihrer Absurdit\u00e4t<br \/>\n        kaum mehr auffallen. Die &#8222;heldenhafte Bereitschaft&#8220; Jugendlicher,<br \/>\n        sich in Kriegen zu schlagen und (gerade am Beginn ihres Lebens!) f\u00fcr<br \/>\n        fremde Interessen zu fallen, mag auch damit zusammenh\u00e4ngen, da\u00df<br \/>\n        sich in der Pubert\u00e4t der fr\u00fchkindliche, abgewehrte Ha\u00df<br \/>\n        nochmals intensiviert. Jugendliche k\u00f6nnen ihn von ihren Eltern ableiten,<br \/>\n        wenn sie ein eindeutiges Feindbild bekommen, das sie dann frei und erlaubterma\u00dfen<br \/>\n        hassen d\u00fcrfen. Aus diesem Grund sind wohl im ersten Weltkrieg so<br \/>\n        viele junge Maler und Dichter freiwillig an die Front gegangen. Die Hoffnung<br \/>\n        auf Befreiung aus den Zw\u00e4ngen des Elternhauses lie\u00df sie die<br \/>\n        Wonnen der Marschmusik genie\u00dfen. Das Heroin ersetzt unter anderem<br \/>\n        auch diese Funktion, nur da\u00df sich hier die Zerst\u00f6rungswut gegen<br \/>\n        den eigenen K\u00f6rper und das eigene Selbst richtet.<\/p>\n<p>Lloyd deMause, der sich als Psychohistoriker vor allem f\u00fcr Motivationen<br \/>\n        interessiert und die ihnen zugrundeliegenden Gruppenphantasien beschreibt,<br \/>\n        ist einmal der Frage nachgegangen, von welchen Phantasien die kriegserkl\u00e4renden<br \/>\n        V\u00f6lker beherrscht werden. Bei der Durchsicht seines Materials fiel<br \/>\n        ihm auf, da\u00df unter den zahlreichen \u00c4u\u00dferungen der Staatsm\u00e4nner<br \/>\n        dieser V\u00f6lker immer wieder Bilder auftauchten, die an den Vorgang<br \/>\n        der Geburt erinnern. Auffallend h\u00e4ufig ist da von Strangulierung<br \/>\n        die Rede, in der sich das kriegserkl\u00e4rende Volk angeblich bef\u00e4nde<br \/>\n        und aus der es sich mit Hilfe des Krieges endlich zu befreien hoffe. L.<br \/>\n        deMause meint, in dieser Phantasie spiegle sich die reale Situation des<br \/>\n        Kindes w\u00e4hrend der Geburt, die in jedem Menschen als Trauma zur\u00fcckbleibe<br \/>\n        und deshalb dem Wiederholungszwang unterworfen ist (vgl. L. de Mause,<br \/>\n        1979).<\/p>\n<p>        F\u00fcr die Richtigkeit dieser These k\u00f6nnte die Beobachtung sprechen,<br \/>\n        da\u00df das Gef\u00fchl, stranguliert zu werden und sich befreien zu<br \/>\n        m\u00fcssen, nicht bei den wirklich bedrohten V\u00f6lkern, wie z. B.<br \/>\n        Polen 1939, vorkommt, sondern da, wo dies nicht real der Fall war, z.<br \/>\n        B. in Deutschland 1914 und 1939 oder bei Kissinger in der Zeit des Vietnamkrieges.<br \/>\n        Es handelt sich also bei der Kriegserkl\u00e4rung zweifellos um die Befreiung<br \/>\n        aus einer phantasierten Bedrohung, Beengung, Erniedrigung. Aus dem, was<br \/>\n        ich jetzt \u00fcber die Kindheit wei\u00df und was ich unter anderem<br \/>\n        am Beispiel von Adolf Hitler zu zeigen versuche, w\u00fcrde ich allerdings<br \/>\n        eher folgern, da\u00df im Kriegswunsch nicht das Geburtstrauma, sondern<br \/>\n        andere Erfahrungen wiederbelebt werden. Auch die schwerste Geburt ist<br \/>\n        ein einmaliges, abgeschlossenes Trauma, das wir trotz unserer Kleinheit<br \/>\n        und Schw\u00e4che meistens aktiv oder mit Hilfe rettender Drittpersonen<br \/>\n        bew\u00e4ltigt haben. Im Gegensatz dazu ist die Erfahrung des Geschlagenwerdens,<br \/>\n        der seelischen Dem\u00fctigung und Grausamkeit, die sich immer wiederholt,<br \/>\n        aus der es kein Entrinnen und in der es keine rettende Hand gibt, weil<br \/>\n        niemand diese H\u00f6lle als H\u00f6lle ansieht, ein immerw\u00e4hrender<br \/>\n        oder immer wieder neu erlebter Zustand, in dem es am Ende keinen erl\u00f6senden<br \/>\n        Schrei geben darf und der lediglich mit Hilfe der Abspaltung und Verdr\u00e4ngung<br \/>\n        vergessen werden kann. Es sind deshalb genau diese unbew\u00e4ltigten<br \/>\n        Erlebnisse, die sich im Wiederholungszwang einen Ausdruck verschaffen<br \/>\n        m\u00fcssen. Im Jubel der Kriegserkl\u00e4renden lebt die Hoffnung auf,<br \/>\n        die einstigen Erniedrigungen endlich r\u00e4chen zu k\u00f6nnen, und vermutlich<br \/>\n        auch die Erl\u00f6sung \u00fcber die Erlaubnis zu hassen und zu schreien.<br \/>\n        Das einstige Kind ergreift die erste Chance, endlich aktiv sein zu k\u00f6nnen<br \/>\n        und nicht mehr schweigen zu m\u00fcssen. Wo die Trauerarbeit nicht m\u00f6glich<br \/>\n        war, wird im Wiederholungszwang versucht, die Vergangenheit ungeschehen<br \/>\n        zu machen und die einstige tragische Passivit\u00e4t mit Hilfe der heutigen<br \/>\n        Aktivit\u00e4t aus der Welt zu schaffen. Da dies aber nicht gelingen kann,<br \/>\n        weil Vergangenes nicht zu \u00e4ndern ist, f\u00fchren solche Kriege den<br \/>\n        Angreifer nicht zur Befreiung, sondern schlie\u00dflich zur Katastrophe,<br \/>\n        auch im Falle der vorl\u00e4ufigen Siege.<\/p>\n<p>Trotz dieser \u00dcberlegungen k\u00f6nnte man sich vorstellen, da\u00df<br \/>\n        die Geburtsphantasie hier eine Rolle spielt. F\u00fcr ein Kind, das t\u00e4glich<br \/>\n        geschlagen wird und dabei schweigen mu\u00df, ist die Geburt vielleicht<br \/>\n        das einzige Ereignis in seiner Kindheit, aus dem es nicht nur in der Phantasie,<br \/>\n        sondern real als Sieger hervorgegangen ist: sonst h\u00e4tte es ja nicht<br \/>\n        \u00fcberlebt. Es hat sich durch die Enge hindurchgek\u00e4mpft, durfte<br \/>\n        nachher schreien und wurde trotzdem von helfenden H\u00e4nden versorgt.<br \/>\n        L\u00e4\u00dft sich diese Seligkeit mit dem vergleichen, was sp\u00e4ter<br \/>\n        kam? Es w\u00e4re nicht verwunderlich, wenn wir uns mit diesem gro\u00dfen<br \/>\n        Triumph helfen wollten, \u00fcber die Niederlagen und die Verlassenheit<br \/>\n        der sp\u00e4teren Zeit hinwegzukommen. In diesem Sinne w\u00e4ren die<br \/>\n        Assoziationen zum Geburtstrauma w\u00e4hrend der Kriegserkl\u00e4rung<br \/>\n        als Abwehr des tats\u00e4chlichen, verborgenen Traumas, das nirgends in<br \/>\n        der Gesellschaft ernstgenommen wird und deshalb auf Inszenierungen angewiesen<br \/>\n        ist, zu verstehen. In Adolf Hitlers Leben geh\u00f6ren die &#8222;Burenkriege&#8220;<br \/>\n        der Schulzeit, Mein Kampf und der Zweite Weltkrieg zur sichtbaren Spitze<br \/>\n        des Eisberges. Die verborgene Vorgeschichte einer solchen Entwicklung<br \/>\n        kann nicht in der Erfahrung des Durchgangs durch den Geburtskanal gesucht<br \/>\n        werden, die Hitler mit allen Menschen teilt. Aber nicht alle Menschen<br \/>\n        wurden als Kinder so wie er gequ\u00e4lt.<\/p>\n<p>Was hat der Sohn nicht alles unternommen, um das Trauma der v\u00e4terlichen<br \/>\n        Schl\u00e4ge zu vergessen: Er hat sich die herrschende Klasse Deutschlands<br \/>\n        unterworfen, er hat die Massen gewonnen, sich die Regierungen Europas<br \/>\n        gef\u00fcgig gemacht. Er besa\u00df eine beinahe unbeschr\u00e4nkte Macht.<br \/>\n        Aber nachts, im Schlaf, wenn das Unbewu\u00dfte dem Menschen die fr\u00fchkindlichen<br \/>\n        Erfahrungen mitteilt, gab es kein Entrinnen: Da erschien ihm sein furchterregender<br \/>\n        Vater, und das Grauen breitete sich aus. Rauschning schreibt (S. 273):<\/p>\n<p>Aber er hat Zust\u00e4nde, die an Verfolgungswahnsinn und Pers\u00f6nlichkeitsspaltung<br \/>\n        nahe heranreichen. Seine Schlaflosigkeit ist mehr als nur die \u00dcberreizung<br \/>\n        seines Nervensystems. Er wacht oft des Nachts auf. Er wandert ruhelos<br \/>\n        umher. Dann mu\u00df Licht um ihn sein. Neuerdings l\u00e4\u00dft er<br \/>\n        sich dann junge Leute kommen, die die Stunden eines offenbaren Grauens<br \/>\n        mit ihm teilen m\u00fcssen. Zu Zeiten m\u00fcssen diese Zust\u00e4nde<br \/>\n        einen besonders b\u00f6sartigen Charakter angenommen haben. Mir hat jemand<br \/>\n        aus seiner engsten t\u00e4glichen Umgebung berichtet: er wache des Nachts<br \/>\n        mit Schreikr\u00e4mpfen auf. Er schreie um Hilfe. Auf seiner Bettkante<br \/>\n        sitzend k\u00f6nne er sich nicht r\u00fchren. Die Furcht sch\u00fcttle<br \/>\n        ihn, soda\u00df das ganze Bett vibriere. Er sto\u00dfe verworrene, v\u00f6llig<br \/>\n        unverst\u00e4ndliche Worte hervor. Er keuche, als glaube er ersticken<br \/>\n        zu m\u00fcssen. Der Mann erz\u00e4hlte mir eine Szene, die ich nicht glauben<br \/>\n        w\u00fcrde, wenn sie nicht aus solcher Quelle k\u00e4me. Taumelnd habe<br \/>\n        er im Zimmer gestanden, irr um sich blickend. &#8222;Er! Er! Er ist dagewesen&#8220;,<br \/>\n        habe er gekeucht. Die Lippen seien blau gewesen. Der Schwei\u00df habe<br \/>\n        nur so an ihm heruntergetropft. Pl\u00f6tzlich habe er Zahlen vor sich<br \/>\n        hergesagt. Ganz sinnlos. Einzelne Worte und Satzbrocken. Es habe schauerlich<br \/>\n        geklungen. Merkw\u00fcrdig zusammengesetzte Wortbildungen habe er gebraucht,<br \/>\n        ganz fremdartig. Dann habe er wieder ganz still gestanden und die Lippen<br \/>\n        bewegt. Man habe ihn abgerieben, habe ihm etwas zu Trinken eingefl\u00f6\u00dft.<br \/>\n        Dann habe er pl\u00f6tzlich losgebr\u00fcllt: &#8222;Da, da! in der Ecke!<br \/>\n        Wer steht da?&#8220; Er habe aufgestampft, habe geschrien wie man das an<br \/>\n        ihm gewohnt sei. Man habe ihm gezeigt, da\u00df da nichts Ungew\u00f6hnliches<br \/>\n        sei, und dann habe er sich allm\u00e4hlich beruhigt. Viele Stunden h\u00e4tte<br \/>\n        er danach geschlafen. Und dann sei es f\u00fcr eine Zeit wieder ertr\u00e4glich<br \/>\n        mit ihm gewesen.<\/p>\n<p>        Obwohl (oder weil) die meisten Menschen in Hitlers Umgebung einst geschlagene<br \/>\n        Kinder waren, hat niemand den Zusammenhang zwischen seiner panischen Angst<br \/>\n        und den &#8222;unverst\u00e4ndlichen Zahlen&#8220; begriffen. Die in der<br \/>\n        Kindheit unterdr\u00fcckten Gef\u00fchle der Angst beim Z\u00e4hlen der<br \/>\n        Schl\u00e4ge \u00fcberfielen nun den Erwachsenen auf dem H\u00f6hepunkt<br \/>\n        seines Erfolges in Form von Alptr\u00e4umen, pl\u00f6tzlich und unentrinnbar,<br \/>\n        in der Einsamkeit der Nacht.<br \/>\n        Die ganze Welt h\u00e4tte als Opfer nicht ausgereicht, um den verinnerlichten<br \/>\n        Vater von Adolf Hitlers Schlafzimmer fernzuhalten, denn das eigene Unbewu\u00dfte<br \/>\n        wird mit der Vernichtung der Welt nicht vernichtet. Aber die Welt h\u00e4tte<br \/>\n        trotzdem herhalten m\u00fcssen, wenn Hitler noch l\u00e4nger am Leben<br \/>\n        geblieben w\u00e4re, denn die Quelle seines Hasses flo\u00df ununterbrochen<br \/>\n        &#8211; auch im Schlaf. . .<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, denen die Kr\u00e4fte des Unbewu\u00dften nie zum<br \/>\n        Erlebnis geworden sind, mag es naiv klingen, wenn jemand Hitlers Werk<br \/>\n        von seiner Kindheit her zu verstehen versucht. Es gibt immer noch viele<br \/>\n        M\u00e4nner (und Frauen), die der Meinung sind, &#8222;Kindersachen seien<br \/>\n        Kindersachen&#8220; und Politik sei etwas Ernsthaftes, etwas f\u00fcr erwachsene<br \/>\n        Leute, kein Kinderspiel. Diese Menschen finden die Verkn\u00fcpfungen<br \/>\n        mit der Kindheit befremdend oder l\u00e4cherlich, weil sie die Wahrheit<br \/>\n        dieser Zeit &#8211; begreiflicherweise &#8211; v\u00f6llig vergessen m\u00f6chten.<br \/>\n        Hitlers Leben eignet sich aber deshalb besonders gut f\u00fcr einen Anschauungsunterricht,<br \/>\n        weil die Kontinuit\u00e4t hier so deutlich zu fassen ist. Schon als kleiner<br \/>\n        Junge lebt er seine Sehnsucht nach Befreiung aus dem v\u00e4terlichen<br \/>\n        Joch in den gespielten Kriegen. Er f\u00fchrt zuerst die Indianer, dann<br \/>\n        die Buren zum Kampf gegen die Unterdr\u00fccker: &#8222;Nicht lange dauerte<br \/>\n        es, und der gro\u00dfe Heldenkampf war mir zum gr\u00f6\u00dften inneren<br \/>\n        Erlebnis geworden&#8220;, schreibt er in Mein Kampf, und an anderer Stelle<br \/>\n        zeichnet sich der verh\u00e4ngnisvolle Weg vom Spiel aus kindlicher Not<br \/>\n        zum gef\u00e4hrlichen Ernst: &#8222;Von nun an schw\u00e4rmte ich mehr<br \/>\n        und mehr f\u00fcr alles, was irgendwie mit Krieg oder mit Soldatentum<br \/>\n        zusammenhing&#8220; (Mein Kampf, zitiert nach Toland, S. 31).<\/p>\n<p>Hitlers Deutschlehrer, Dr. Huemer, berichtet, da\u00df Adolf in der<br \/>\n        Pubert\u00e4t &#8222;Belehrungen und Mahnungen seiner Lehrer \u2026 nicht<br \/>\n        selten mit schlecht verh\u00fclltem Widerwillen entgegengenommen (hatte);<br \/>\n        wohl aber verlangte er von seinen Mitsch\u00fclern unbedingte Unterordnung&#8220;<br \/>\n        (vgl. Toland, S. 77). Die fr\u00fche Identifizierung mit dem tyrannischen<br \/>\n        Vater f\u00fchrte dazu, da\u00df Adolf, nach der Aussage eines Zeugen<br \/>\n        aus Braunau, schon als ganz kleiner Junge, auf einem H\u00fcgel stehend,<br \/>\n        &#8222;lange und leidenschaftliche Reden hielt&#8220;.<a href=\"#fussnote2\">\u00b2<\/a><br \/>\n        Braunau bedeutete die ersten drei Lebensjahre, so fr\u00fch hat also die<br \/>\n        F\u00fchrerlaufbahn begonnen. In diesen Reden spielte das Kind die Reden<br \/>\n        des gro\u00dfartigen Vaters, so wie es ihn damals gesehen hatte, und<br \/>\n        erlebte zugleich im Publikum sich selbst als das staunende, bewundernde<br \/>\n        Kind der ersten Lebensjahre<\/p>\n<p>        Diese Funktion hatten sp\u00e4ter die organisierten Massenauftritte, in<br \/>\n        denen der fr\u00fchkindliche Teil des F\u00fchrers auch untergebracht<br \/>\n        war. Die narzi\u00dftische, symbiotische Einheit von F\u00fchrer und<br \/>\n        Volk kommt sehr klar in den Worten seines Jugendfreundes Kubizek, vor<br \/>\n        dem Hitler viele Reden hielt, zum Ausdruck. John Toland schreibt:<\/p>\n<p>Sie wirkten auf Kubizek wie &#8222;vulkanische Entladungen&#8220;; er empfand<br \/>\n        sie als b\u00fchnenreife Darstellung und war &#8222;anfangs nicht mehr<br \/>\n        als ein betroffener und fassungsloser Zuh\u00f6rer, der vor Staunen am<br \/>\n        Ende zu applaudieren verga\u00df&#8220;. Erst allm\u00e4hlich erkannte<br \/>\n        Kubizek, dass es sich nicht im entferntesten um Theater handelte, sondern<br \/>\n        da\u00df sein Freund dabei &#8222;von t\u00f6dlichem Ernst&#8220; erf\u00fcllt<br \/>\n        war. Zugleich wurde ihm klar, da\u00df Hitler von ihm nur eines erwartete:<br \/>\n        Zustimmung. Kubizek, der mehr von der Art und dem Stil dieser leidenschaftlichen<br \/>\n        Vortr\u00e4ge als von ihrem Inhalt hingerissen war, geizte nicht damit.<br \/>\n        . . . Adolf schien genau zu sp\u00fcren, was Kubizek f\u00fchlte. &#8222;Er<br \/>\n        empfand alles, was mich bewegte, so unmittelbar, als w\u00e4re es ihm<br \/>\n        selbst geschehen. . . Ich hatte manches Mal das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde<br \/>\n        er neben seinem eigenen Leben auch meines mitleben&#8220; (Toland, S. 41).<\/p>\n<p>Es gibt wohl keinen besseren Kommentar zum Verst\u00e4ndnis der legend\u00e4ren<br \/>\n        Hitlerschen Verf\u00fchrungskunst: w\u00e4hrend die Juden den gedem\u00fctigten,<br \/>\n        geschlagenen Teil seines kindlichen Selbst repr\u00e4sentierten, den er<br \/>\n        mit allen Mitteln aus der Welt zu schaffen suchte, war das ihm huldigende<br \/>\n        deutsche Volk, hier von Kubizek dargestellt, der gute und sch\u00f6ne<br \/>\n        Teil seiner Seele, die den Vater liebt und vom Vater geliebt wird. Das<br \/>\n        deutsche Volk und der Schulkamerad \u00fcbernehmen die Rolle des guten<br \/>\n        Kindes Adolf. Der Vater sch\u00fctzt die reine, kindliche Seele auch vor<br \/>\n        eigenen Gefahren, indem er &#8222;die b\u00f6sen Juden&#8220;, d. h. auch<br \/>\n        die &#8222;b\u00f6sen Gedanken&#8220; vertreiben und vernichten l\u00e4\u00dft,<br \/>\n        damit endlich die ungest\u00f6rte Einheit zwischen Vater und Sohn einziehen<br \/>\n        kann.<\/p>\n<p>        Diese Ausf\u00fchrungen sind nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr Menschen geschrieben,<br \/>\n        die &#8222;Tr\u00e4ume f\u00fcr Sch\u00e4ume&#8220; und das Unbewu\u00dfte<br \/>\n        f\u00fcr eine Erfindung &#8222;des kranken Geistes&#8220; halten. Doch ich<br \/>\n        k\u00f6nnte mir vorstellen, da\u00df auch diejenigen, die sich mit dem<br \/>\n        Unbewu\u00dften bereits befa\u00dft haben, meinem Versuch, Hitlers Handlungen<br \/>\n        aus seiner Kindheit heraus verstehen zu wollen, mit Mi\u00dftrauen oder<br \/>\n        Entr\u00fcstung begegnen, weil sie mit dieser ganzen &#8222;unmenschlichen<br \/>\n        Geschichte&#8220; nichts zu. tun haben m\u00f6chten. Aber k\u00f6nnen wir<br \/>\n        wirklich annehmen, da\u00df der liebe Gott pl\u00f6tzlich die Idee hatte,<br \/>\n        eine &#8222;nekrophile Bestie&#8220; auf die Erde herunterzuschicken, etwa<br \/>\n        im Sinne der Worte von Erich Fromm, der schrieb:<\/p>\n<p>Wie l\u00e4\u00dft es sich erkl\u00e4ren, da\u00df diese beiden gutmeinenden,<br \/>\n        stabilen, sehr normalen und sicherlich nicht destruktiven Menschen das<br \/>\n        sp\u00e4tere Ungeheuer Adolf Hitler in die Welt setzten? (zitiert nach<br \/>\n        Stierlin, 1975, S. 36).<\/p>\n<p>Ich zweifle nicht daran, da\u00df sich hinter jedem Verbrechen eine<br \/>\n        pers\u00f6nliche Trag\u00f6die verbirgt. Wenn wir diesen Geschichten und<br \/>\n        Vorgeschichten der Verbrechen genauer nachgehen w\u00fcrden, k\u00f6nnten<br \/>\n        wir m\u00f6glicherweise mehr tun, um neue zu verhindern, als mit unserer<br \/>\n        Entr\u00fcstung und mit Moralpredigten. Vielleicht wird jemand sagen:<br \/>\n        Nicht jeder, der als Kind geschlagen wurde, mu\u00df ein M\u00f6rder<br \/>\n        werden, sonst w\u00fcrden doch fast alle Menschen zu M\u00f6rdern. Das<br \/>\n        ist in gewissem Sinn richtig. Doch so friedlich ist es heute nicht um<br \/>\n        die Menschheit bestellt, und wir wissen nie, was ein Kind aus dem ihm<br \/>\n        gegen\u00fcber begangenen Unrecht machen wird und mu\u00df, es gibt unz\u00e4hlige<br \/>\n        &#8222;Techniken&#8220;, damit umzugehen. Aber vor allem wissen wir noch<br \/>\n        nicht, wie die Welt aussehen k\u00f6nnte, wenn Kinder ohne Dem\u00fctigungen,<br \/>\n        von ihren Eltern als Menschen geachtet und ernstgenommen, aufwachsen w\u00fcrden.<br \/>\n        Mir ist jedenfalls kein Mensch bekannt, der als Kind diese Achtung* genossen<br \/>\n        und sp\u00e4ter als Erwachsener das Bed\u00fcrfnis gehabt h\u00e4tte,<br \/>\n        andere Menschen umzubringen. * Mit Achtung des Kindes meine ich aber keineswegs<br \/>\n        die sog. antiautorit\u00e4re Erziehung, sofern diese eine Indoktrinierung<br \/>\n        des Kindes ist und deshalb seine eigene Welt mi\u00dfachtet (vgl. S.<br \/>\n        121).<\/p>\n<p>        Doch der Sinn f\u00fcr die Entw\u00fcrdigung des Kindes ist noch kaum<br \/>\n        in uns entwickelt. Der Respekt f\u00fcr das Kind und das Wissen um seine<br \/>\n        Dem\u00fctigung sind eben keine intellektuellen Angelegenheiten, sonst<br \/>\n        w\u00e4ren sie schon l\u00e4ngst zum Allgemeingut geworden. Mit dem Kind<br \/>\n        zu f\u00fchlen, was es empfindet, wenn es entbl\u00f6\u00dft, gekr\u00e4nkt,<br \/>\n        gedem\u00fctigt wird, bedeutet zugleich, da\u00df man wie im Spiegel<br \/>\n        pl\u00f6tzlich dem Leiden der eigenen Kindheit begegnet, was viele Menschen<br \/>\n        aus Angst abwehren m\u00fcssen, andere wieder mit Trauer akzeptieren k\u00f6nnen.<br \/>\n        Menschen, die diesen Weg der Trauer gegangen sind, verstehen dann von<br \/>\n        der Dynamik des Seelischen mehr, als sie je aus B\u00fcchern h\u00e4tten<br \/>\n        erfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>        Die Jagd auf Menschen mit j\u00fcdischer Herkunft, die Notwendigkeit,<br \/>\n        eine &#8222;reine Rasse&#8220; bis zur dritten Generation aufzuweisen, die<br \/>\n        Abstufung der Verbote je nach nachweisbarer Rassenreinheit sind nur auf<br \/>\n        den ersten Blick grotesk. Denn sie erschlie\u00dfen erst ihren Sinn,<br \/>\n        wenn man sich vorstellt, da\u00df sie in der unbewu\u00dften Phantasie<br \/>\n        von Adolf Hitler zwei sehr starke Tendenzen verdichteten: einerseitswar<br \/>\n        sein Vater der geha\u00dfte Jude, den er verachten und jagen, mit Vorschriften<br \/>\n        bedrohen und \u00e4ngstigen konnte, denn sein Vater w\u00e4re ja auch<br \/>\n        vom Rassengesetz betroffen worden, wenn er noch am Leben gewesen w\u00e4re.<br \/>\n        Zugleich aber &#8211; und das ist die andere Tendenz &#8211; sollten die Rassengesetze<br \/>\n        die Lossagung Adolfs vom Vater und seiner Herkunft besiegeln. Neben der<br \/>\n        Rache am Vater war auch die qu\u00e4lende Ungewi\u00dfheit der Hitler-Familie<br \/>\n        ein wichtiges Motiv der Rassengesetze: das ganze Volk mu\u00dfte sich<br \/>\n        bis zur dritten Generation ausweisen, weil Adolf Hitler gerne mit Sicherheit<br \/>\n        gewu\u00dft h\u00e4tte, wer sein Gro\u00dfvater gewesen war. Und vor<br \/>\n        allem wird der Jude zum Tr\u00e4ger aller b\u00f6sen und verachtenswerten<br \/>\n        Eigenschaften, die das Kind je am Vater beobachtet hat. In der f\u00fcr<br \/>\n        Hitlers Vorstellung vom Judentum charakteristischen ganz spezifischen<br \/>\n        Mischung von luziferischer Gr\u00f6\u00dfe und \u00dcbermacht (das Weltjudentum<br \/>\n        und seine Bereitschaft, die ganze Welt zu zerst\u00f6ren) einerseits und<br \/>\n        der l\u00e4cherlichen Schw\u00e4che und Gebrechlichkeit des h\u00e4\u00dflichen<br \/>\n        Juden andererseits spiegelt sich die Allmacht, die auch der schw\u00e4chste<br \/>\n        Vater \u00fcber sein Kind besitzt: der aus Unsicherheit tobende Zollbeamte,<br \/>\n        der tats\u00e4chlich die Welt des Kindes zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>        In Analysen kommt es oft vor, da\u00df sich der erste Durchbruch zur<br \/>\n        Kritik am Vater im Auftauchen einer verdr\u00e4ngten kleinen L\u00e4cherlichkeit<br \/>\n        den Weg bahnt. Der \u00fcberdimensionierte gro\u00dfe Vater sah z. B.<br \/>\n        in seinem kurzen Nachthemd so komisch aus. Das Kind hatte nie einen nahen<br \/>\n        Kontakt mit diesem Vater, f\u00fcrchtete ihn st\u00e4ndig, aber in diesem<br \/>\n        Bild mit dem kurzen Nachthemd erhielt es sich in der Phantasie ein St\u00fcck<br \/>\n        Rache, das jetzt, wenn die Ambivalenz in der Analyse durchbricht, als<br \/>\n        Waffe gegen das g\u00f6ttliche Monument verwendet wird. \u00c4hnlich verbreitet<br \/>\n        Hitler im St\u00fcrmer seinen Ha\u00df und Ekel gegen den &#8222;stinkenden&#8220;<br \/>\n        Juden, um Menschen zum Verbrennen der Werke von Freud, Einstein und unz\u00e4hliger<br \/>\n        j\u00fcdischer Intellektueller, die wirklich Gr\u00f6\u00dfe besa\u00dfen,<br \/>\n        animieren zu k\u00f6nnen. Der Durchbruch zu dieser Idee, die eine \u00dcbertragung<br \/>\n        aufgestauten Hasses vom Vater auf die Juden als Volk erm\u00f6glicht,<br \/>\n        ist sehr aufschlu\u00dfreich; er wird in der folgenden Stelle aus Mein<br \/>\n        Kampf beschrieben:<\/p>\n<p>Seit ich mich mit dieser Frage zu besch\u00e4ftigen begonnen hatte, auf<br \/>\n        den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen<br \/>\n        Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich<br \/>\n        sah, um so sch\u00e4rfer sonderten sie sich f\u00fcr das Auge von den<br \/>\n        anderen Menschen ab. Besonders die innere Stadt und die Bezirke n\u00f6rdlich<br \/>\n        des Donaukanals wimmelten von einem Volke, das schon \u00e4u\u00dferlich<br \/>\n        eine \u00c4hnlichkeit mit dem deutschen nicht mehr besa\u00df. . . Dies<br \/>\n        alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgesto\u00dfen mu\u00dfte<br \/>\n        man aber werden, wenn man \u00fcber die k\u00f6rperliche Unsauberkeit<br \/>\n        hinaus pl\u00f6tzlich die moralischen Schmutzflecken des auserw\u00e4hlten<br \/>\n        Volkes entdeckte. Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner<br \/>\n        Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude<br \/>\n        beteiligt gewesen w\u00e4re? Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst<br \/>\n        hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet<br \/>\n        vom pl\u00f6tzlichen Lichte, ein J\u00fcdlein . . . Ich begann sie allm\u00e4hlich<br \/>\n        zu hassen (zitiert nach Fest, S. 63).<\/p>\n<p>Wenn es gelingt, seinen ganzen aufgestauten Ha\u00df auf ein Objekt<br \/>\n        zu richten, ist es zun\u00e4chst wie eine gro\u00dfe Erl\u00f6sung. (&#8222;Wo<br \/>\n        immer ich ging, sah ich nun Juden. . .&#8220;) Die bisher verbotenen, gemiedenen<br \/>\n        Gef\u00fchle bekommen nun freien Lauf. Je mehr man von ihnen erf\u00fcllt<br \/>\n        und bedr\u00fcckt war, um so gl\u00fccklicher f\u00fchlt man sich, endlich<br \/>\n        ein Ersatzobjekt gefunden zu haben. Der eigene Vater wird vom Ha\u00df<br \/>\n        verschont, und die Staud\u00e4mme lassen sich jetzt aufheben, ohne da\u00df<br \/>\n        man daf\u00fcr geschlagen wird.<\/p>\n<p>        Aber die Ersatzbefriedigung s\u00e4ttigt nicht &#8211; an keinem Beispiel l\u00e4\u00dft<br \/>\n        sich das besser demonstrieren als an Adolf Hitler. Es hat wohl kaum je<br \/>\n        ein Mensch Hitlers Macht besessen, in diesem Ma\u00dfe ungestraft Leben<br \/>\n        zu vernichten, und all das konnte ihm trotzdem keine Ruhe bringen. Sein<br \/>\n        Testament zeigt das sehr eindr\u00fccklich.<\/p>\n<p>Man sieht mit Staunen, wie genau das Kind die Art seines Vaters gespeichert<br \/>\n        hat, wenn man den Zweiten Weltkrieg erlebt hat und Stierlins Charakteristik<br \/>\n        des Vaters von Adolf Hitler liest:<\/p>\n<p>Es sieht jedoch so aus, als sei dieser soziale Aufstieg nicht ohne Kosten<br \/>\n        f\u00fcr ihn selbst und andere m\u00f6glich gewesen. Alois war zwar gewissenhaft,<br \/>\n        pflichtbewu\u00dft und flei\u00dfig, aber auch emotionallabil, ungew\u00f6hnlich<br \/>\n        rastlos und m\u00f6glicherweise zeitweilig geistesgest\u00f6rt. Zumindest<br \/>\n        eine Quelle legt nahe, da\u00df er einmal in einem Asyl f\u00fcr Geisteskranke<br \/>\n        untergebracht war. Auch hatte er nach der Meinung eines Psychoanalytikers<br \/>\n        psychopathische Z\u00fcge, die sich etwa in dem Geschick bewiesen, mit<br \/>\n        dem er Regeln und Dokumente f\u00fcr seine eigenen Zwecke auszulegen und<br \/>\n        zurechtzustutzen und dabei zugleich die Fassade der Legitimit\u00e4t zu<br \/>\n        wahren vermochte. Er vereinte, kurz gesagt, gro\u00dfen Ehrgeiz mit einem<br \/>\n        durchaus flexiblen Gewissen. Als er beispielsweise wegen seiner Heirat<br \/>\n        mit Klara (die rechtlich seine Cousine war) um p\u00e4pstlichen Dispens<br \/>\n        nachsuchte, strich er die zwei kleinen mutterlosen Kinder heraus, die<br \/>\n        Klaras F\u00fcrsorge bedurften, unterlie\u00df es aber, Klaras Schwangerschaft<br \/>\n        zu erw\u00e4hnen (Stierlin, 1975, S. 68).<\/p>\n<p>Nur das Unbewu\u00dfte eines Kindes kann einen Elternteil so genau kopieren,<br \/>\n        da\u00df jeder Zug in ihm sp\u00e4ter auffindbar ist, auch wenn sich<br \/>\n        die Biographen nicht darum k\u00fcmmern.<\/p>\n<h2>Die Mutter- ihre Stellung in der Familie und ihre Rolle in Adolfs Leben<\/h2>\n<p>Alle Biographen sind sich dar\u00fcber einig, da\u00df Klara Hitler<br \/>\n        ihren Sohn &#8222;sehr liebte und verw\u00f6hnte&#8220;. Zun\u00e4chst mu\u00df<br \/>\n        man sagen, da\u00df dieser Satz einen Widerspruch in sich enth\u00e4lt,<br \/>\n        wenn man Liebe so versteht, da\u00df die Mutter f\u00fcr die wahren Bed\u00fcrfnisse<br \/>\n        des Kindes offen und hellh\u00f6rig ist. Gerade wenn das fehlt, wird das<br \/>\n        Kind verw\u00f6hnt, d. h. mit Gew\u00e4hrungen und Dingen \u00fcberh\u00e4uft,<br \/>\n        die es nicht braucht, und dies nur als Ersatz f\u00fcr das, was man dem<br \/>\n        Kind aus eigener Not eben nicht zu geben vermag. Gerade die Verw\u00f6hnung<br \/>\n        zeigt also einen ernsten Mangel an, den das sp\u00e4tere Leben best\u00e4tigt.<br \/>\n        Wenn Adolf Hitler tats\u00e4chlich ein geliebtes Kind gewesen w\u00e4re,<br \/>\n        dann w\u00e4re auch er liebesf\u00e4hig geworden. Seine Beziehungen zu<br \/>\n        Frauen, seine Perversionen (vgl. Stierlin, S. 168) und seine ganze distanzierte<br \/>\n        und im Grunde kalte Beziehung zu Menschen zeigen aber, da\u00df er von<br \/>\n        keiner Seite Liebe erfahren hat.<\/p>\n<p>Bevor Adolf auf die Welt kam, hatte Klara drei Kinder, die alle innerhalb<br \/>\n        eines Monats an Diphtherie starben. Die zwei ersten erkrankten vielleicht<br \/>\n        noch vor der Geburt des dritten Kindes, das dann ebenfalls nach drei Tagen<br \/>\n        starb. 13 Monate sp\u00e4ter wurde Adolf geboren. Ich \u00fcbernehme die<br \/>\n        sehr \u00fcbersichtliche Tabelle von Stierlin:<\/p>\n<table style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px; margin:0px;\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">&nbsp;<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>Geboren<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>Gestorben<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>Alter zur Zeit des Todes<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>1. Gustav (Diphtherie)<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>17.5.1885<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>8.12.1887<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>2 Jahre, 7 Monate<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>2. Ida (Diphtherie)<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>23.9.1886<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>2.1.1888<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>1 Jahr, 4 Monate<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>3. Otto (Diphtherie)<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>1887<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>1887<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>ungef\u00e4hr drei Tage<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>4. Adolf<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>20.4.1889<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">&nbsp;<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>5. Edmund (Masern)<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>24.3.1894<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>2.2.1900<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>fast 6 Jahre<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>6. Paula<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">\n<p>21.1.1896<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">&nbsp;<\/td>\n<td style=\"background-image:none; background-color:white; padding:0px;\">&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die sch\u00f6ne Legende zeigt Klara als liebevolle Mutter, die nach dem<br \/>\n        Tod ihrer drei ersten Kinder ihre ganze Z\u00e4rtlichkeit Adolf geschenkt<br \/>\n        hat. Es ist vielleicht kein Zufall, da\u00df alle Biographen, die dieses<br \/>\n        liebliche Madonnenbild zeichneten, M\u00e4nner waren. Eine redliche Frau<br \/>\n        von heute, die selber Mutter war oder ist, kann sich vielleicht etwas<br \/>\n        realistischer die Ereignisse vorstellen, die Adolfs Geburt vorausgegangen<br \/>\n        waren, und sich ein genaueres Bild dar\u00fcber machen, in welcher emotionalen<br \/>\n        Umwelt sich sein erstes, f\u00fcr die Sicherheit des Kindes so entscheidendes<br \/>\n        Lebensjahr vollzogen hat.<br \/>\n        Mit 16 Jahren zieht Klara P\u00f6tzl in das Haus ihres &#8222;Onkel Alois&#8220;,<br \/>\n        wo sie sich um seine kranke Ehefrau und seine zwei Kinder k\u00fcmmern<br \/>\n        sollte. Dort wird sie sp\u00e4ter noch vor dem Tod seiner Frau vom Herrn<br \/>\n        des Hauses geschw\u00e4ngert, dann mit 24 Jahren vom 48j\u00e4hrigen Alois<br \/>\n        geheiratet, bringt innerhalb von zweieinhalb Jahren drei Kinder auf die<br \/>\n        Welt und verliert alle drei innerhalb von 4-5 Wochen. Versuchen wir uns<br \/>\n        das genau vorzustellen: Das erste Kind, Gustav, erkrankt im November an<br \/>\n        Diphtherie, Klara kann es kaum pflegen, weil sie bereits dabei ist, das<br \/>\n        dritte Kind, Otto, zur Welt zu bringen, das wahrscheinlich von Gustav<br \/>\n        mit Diphtherie angesteckt wird und nach drei Tagen stirbt. Kurz danach,<br \/>\n        vor Weihnachten, stirbt auch Gustav und drei Wochen sp\u00e4ter das M\u00e4dchen<br \/>\n        Ida. So hat Klara innerhalb von 4-5 Wochen eine Geburt und den Tod von<br \/>\n        drei Kindern \u00fcberstanden. Eine Frau mu\u00df nicht besonders sensibel<br \/>\n        sein, um durch einen solchen Schock, dazu neben einem herrischen und fordernden<br \/>\n        Mann, selber noch im Alter der Adoleszenz, aus dem Gleichgewicht zu geraten.<br \/>\n        Vielleicht erlebte die praktizierende Katholikin diesen dreifachen Tod<br \/>\n        als Gottes Strafe f\u00fcr ihre unehelichen Beziehungen mit Alois, vielleicht<br \/>\n        machte sie sich Vorw\u00fcrfe, da\u00df sie, durch ihre dritte Geburt<br \/>\n        verhindert, Gustav nicht genug gepflegt hatte. Auf jeden Fall mu\u00df<br \/>\n        eine Frau aus Holz sein, um von diesen Schicksalsschl\u00e4gen unber\u00fchrt<br \/>\n        zu bleiben; aus Holz war Klara nicht. Aber niemand konnte ihr helfen,<br \/>\n        die Trauer zu erleben, ihre ehelichen Pflichten bei Alois gingen weiter,<br \/>\n        noch im gleichen Jahr des Todes von Ida wird sie wieder schwanger, und<br \/>\n        im April des n\u00e4chsten Jahres gebiert sie Adolf. Gerade weil sie ihre<br \/>\n        Trauer unter diesen Umst\u00e4nden kaum verarbeiten konnte, mu\u00dfte<br \/>\n        die Geburt eines neuen Kindes den k\u00fcrzlich erfahrenen Schock wieder<br \/>\n        aktivieren, in ihr die gr\u00f6\u00dften \u00c4ngste und das Gef\u00fchl<br \/>\n        einer tiefen Unsicherheit in bezug auf ihre F\u00e4higkeiten zur Mutterschaft<br \/>\n        mobilisieren. Welche Frau mit dieser Vergangenheit h\u00e4tte nicht schon<br \/>\n        w\u00e4hrend der Schwangerschaft \u00c4ngste vor einer Wiederholung? Es<br \/>\n        ist kaum denkbar, da\u00df ihr Sohn in der ersten symbiotischen Zeit<br \/>\n        neben seiner Mutter das Gef\u00fchl von Ruhe, Zufriedenheit und Geborgenheit<br \/>\n        mit der Muttermilch in sich eingesogen hat. Es ist wahrscheinlicher, da\u00df<br \/>\n        die Unruhe seiner Mutter, die durch die Geburt Adolfs aufgerissenen, frischen<br \/>\n        Erinnerungen an die drei toten Kinder und die bewu\u00dfte oder unbewu\u00dfte<br \/>\n        Angst, da\u00df auch dieses Kind sterbe, direkt mit den Gef\u00fchlen<br \/>\n        des S\u00e4uglings wie zwei miteinander verbundene Gef\u00e4\u00dfe kommuniziert<br \/>\n        haben. Den \u00c4rger auf ihren selbstbezogenen Mann, der sie mit ihren<br \/>\n        seelischen Leiden allein lie\u00df, durfte Klara ja auch nicht bewu\u00dft<br \/>\n        erleben; um so mehr hat ihn der S\u00e4ugling, den man ja nicht wie den<br \/>\n        Herrscher zu f\u00fcrchten braucht, zu sp\u00fcren bekommen. Das alles<br \/>\n        ist Schicksal; den daran Schuldigen zu suchen, w\u00e4re m\u00fc\u00dfig.<br \/>\n        Viele Menschen hatten \u00e4hnliche Schicksale. Z. B. Novalis, H\u00f6lderlin,<br \/>\n        Kafka, die den Tod mehrerer Geschwister erlebten, wurden dadurch stark<br \/>\n        gepr\u00e4gt, aber sie hatten die M\u00f6glichkeit, ihr Leiden auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>        Im Falle Adolf Hitlers kam hinzu, da\u00df er seine Gef\u00fchle und<br \/>\n        die aus der fr\u00fchen gest\u00f6rten Mutterbeziehung stammende tiefe<br \/>\n        Beunruhigung mit niemandem teilen konnte und gezwungen war, sie zu unterdr\u00fccken,<br \/>\n        um beim Vater nicht aufzufallen und nicht neue Schl\u00e4ge zu provozieren.<br \/>\n        Es blieb nur die Identifikation mit dem Aggressor.<br \/>\n        Dazu kommt ein anderer Umstand, der aus dieser ungew\u00f6hnlichen Familienkonstellation<br \/>\n        resultiert: M\u00fctter, die ein Kind nach einem verstorbenen geb\u00e4ren,<br \/>\n        idealisieren oft das verstorbene Kind (wie die verpa\u00dften Chancen<br \/>\n        eines ungl\u00fccklichen Lebens). Das lebende Kind f\u00fchlt sich dann<br \/>\n        angespornt, sich ganz besonders anzustrengen und Au\u00dfergew\u00f6hnliches<br \/>\n        zu leisten, um dem toten nicht nachzustehen. Aber die wahre Liebe der<br \/>\n        Mutter geh\u00f6rt meistens dem toten, idealisierten Kind, das in ihrer<br \/>\n        Phantasie alle Vorz\u00fcge aufzuweisen h\u00e4tte &#8211; w\u00e4re es nur<br \/>\n        am Leben geblieben. Das gleiche Schicksal hatte van Gogh, wobei dort nur<br \/>\n        ein Bruder gestorben war.<\/p>\n<p>Es konsultierte mich einmal ein Patient, der in einer auffallend schw\u00e4rmerischen<br \/>\n        Art von seiner gl\u00fccklichen und harmonischen Kindheit sprach. Ich<br \/>\n        bin an solche Idealisierungen gew\u00f6hnt, aber hier fiel mir im Ton<br \/>\n        etwas auf, das ich noch nicht verstehen konnte. Im Lauf des Gespr\u00e4ches<br \/>\n        stellte sich heraus, da\u00df dieser Mann eine Schwester gehabt hatte,<br \/>\n        die mit knapp zwei Jahren gestorben war und die offenbar f\u00fcr ihr<br \/>\n        Alter \u00fcbermenschliche F\u00e4higkeiten hatte: sie konnte angeblich<br \/>\n        die Mutter pflegen, wenn diese krank war, sie konnte ihr Lieder singen,<br \/>\n        &#8222;um sie zu beruhigen&#8220;, konnte ganze Gebete auswendig usw. Als<br \/>\n        ich den Mann fragte, ob er meine, das sei in dem Alter m\u00f6glich, schaute<br \/>\n        er mich an, als ob ich das gr\u00f6\u00dfte Sakrileg begangen h\u00e4tte,<br \/>\n        und sagte: &#8222;Normalerweise nicht, aber bei diesem Kind war es so &#8211;<br \/>\n        es war eben ein ganz au\u00dfergew\u00f6hnliches Wunder&#8220;. Ich sagte<br \/>\n        ihm, da\u00df M\u00fctter ihre verstorbenen Kinder sehr oft stark idealisieren,<br \/>\n        erz\u00e4hlte ihm die Geschichte von van Gogh und meinte, es sei f\u00fcr<br \/>\n        das lebende Kind manchmal sehr schwer, immer mit einem so gro\u00dfartigen<br \/>\n        Bild verglichen zu werden, dem man ja nie gewachsen sein k\u00f6nne. Der<br \/>\n        Mann fing wieder an, mechanisch \u00fcber die F\u00e4higkeiten seiner<br \/>\n        Schwester zu sprechen und wie schrecklich es sei, da\u00df sie gestorben<br \/>\n        w\u00e4re. Dann, ganz pl\u00f6tzlich, hielt er inne und wurde von Trauer<br \/>\n        gesch\u00fcttelt &#8211; wie er glaubte &#8211; \u00fcber den Tod der Schwester, der<br \/>\n        beinahe 35 Jahre zur\u00fccklag. Ich hatte den Eindruck, da\u00df er<br \/>\n        da vielleicht zum ersten Mal Tr\u00e4nen \u00fcber sein eigenes Kinderschicksal<br \/>\n        vergo\u00df, denn diese Tr\u00e4nen waren echt. Jetzt erst verstand ich<br \/>\n        auch den fremden, k\u00fcnstlichen Ton in seiner Stimme, der mir am Anfang<br \/>\n        der Stunde aufgefallen war. Vielleicht hat er mir unbewu\u00dft vorf\u00fchren<br \/>\n        m\u00fcssen, wie seine Mutter \u00fcber ihre Erstgeborene gesprochen hatte.<br \/>\n        Er sprach so \u00fcberschwenglich \u00fcber seine Kindheit wie die Mutter<br \/>\n        \u00fcber das verstorbene Kind, zugleich aber teilte er mir in diesem<br \/>\n        unechten Ton die dahinterliegende Wahrheit \u00fcber sein Schicksal mit.<\/p>\n<p>        An diese Geschichte mu\u00df ich oft denken, wenn Menschen mich besuchen,<br \/>\n        die eine \u00e4hnliche Familienkonstellation hatten. Wenn ich sie darauf<br \/>\n        anspreche, erfahre ich immer wieder, welcher Kult da mit den Gr\u00e4bern<br \/>\n        der verstorbenen Kinder getrieben wird, der oft jahrzehntelang andauert.<br \/>\n        Je bed\u00fcrftiger das narzi\u00dftische Gleichgewicht der Mutter, um<br \/>\n        so mehr vers\u00e4umte M\u00f6glichkeiten malt sie sich im verstorbenen<br \/>\n        Kind aus. Dieses Kind h\u00e4tte ihr alle eigenen Entbehrungen, jedes<br \/>\n        Leid beim Ehepartner und alle Sorgen mit den schwierigen lebenden Kindern<br \/>\n        kompensiert. Es w\u00e4re ihr die ideale, vor allem Leid besch\u00fctzende<br \/>\n        &#8222;Mutter&#8220; gewesen &#8211; wenn es nur am Leben geblieben w\u00e4re.<\/p>\n<p>Da Adolf als erstes Kind nach drei verstorbenen Kindern auf die Welt<br \/>\n        kam, kann ich mir nicht vorstellen, da\u00df die Beziehung seiner Mutter<br \/>\n        zu ihm als nur &#8222;hingebungsvolle Liebe&#8220; aufgefa\u00dft werden<br \/>\n        kann, wie das die Biographen schildern. Sie meinen alle, Hitler h\u00e4tte<br \/>\n        zuviel Liebe von seiner Mutter erhalten (sie sehen in der Verw\u00f6hnung<br \/>\n        oder, wie sie sich ausdr\u00fccken, in der &#8222;oralen Verw\u00f6hnung&#8220;<br \/>\n        ein \u00dcberma\u00df an Liebe) und deshalb sei er so gierig nach Bewunderung<br \/>\n        und Anerkennung gewesen. Weil er eine so gute und lange Symbiose mit seiner<br \/>\n        Mutter gehabt h\u00e4tte, soll er sie immer wieder auch in der narzi\u00dftischen<br \/>\n        Verschmelzung mit den Massen gesucht haben. Solche S\u00e4tze findet man<br \/>\n        manchmal auch in den psychoanalytischen Krankengeschichten.<\/p>\n<p>        Es scheint mir, da\u00df ein tief in uns allen verankertes Erziehungsprinzip<br \/>\n        bei solchen Deutungen wirksam ist. Man findet in Erziehungsschriften immer<br \/>\n        wieder den Ratschlag, man solle Kinder nicht mit zu viel Liebe und R\u00fccksicht<br \/>\n        (was als &#8222;Affenliebe&#8220; bezeichnet wird) &#8222;verw\u00f6hnen&#8220;,<br \/>\n        sondern von Anfang an f\u00fcr das richtige Leben abh\u00e4rten. Psychoanalytiker<br \/>\n        dr\u00fccken sich hier anders aus, z. B. meinen sie, &#8222;man m\u00fcsse<br \/>\n        das Kind vorbereiten, Frustrationen zu ertragen&#8220;, als ob ein Kind<br \/>\n        das nicht von selbst im Leben lernen k\u00f6nnte. Im Grunde ist es n\u00e4mlich<br \/>\n        genau umgekehrt: ein Kind, das einst echte Zuwendung bekommen hat, kann<br \/>\n        besser als Erwachsener ohne diese auskommen als jemand, der sie nie wirklich<br \/>\n        erhalten hat. Wenn also ein Mensch nach Zuwendung s\u00fcchtig oder &#8222;gierig&#8220;<br \/>\n        ist, ist das immer ein Zeichen, da\u00df er etwas sucht, was er nie hatte<br \/>\n        und nicht, da\u00df er etwas nicht aufgeben will, weil er in der Kindheit<br \/>\n        zuviel davon bekommen hat.<\/p>\n<p>        Es kann etwas von au\u00dfen als Gew\u00e4hrung erscheinen, ohne es zu<br \/>\n        sein. So kann ein Kind mit Nahrung, Spielzeug, Sorge (!) verw\u00f6hnt<br \/>\n        werden, ohne je wirklich als das, was es war, gesehen und beachtet worden<br \/>\n        zu sein. Am Beispiel Hitlers ist es doch zumindest leicht vorstellbar,<br \/>\n        da\u00df er niemals als Hasser seines Vaters, der er doch im Grunde auch<br \/>\n        war, von seiner Mutter geliebt worden w\u00e4re. Wenn seine Mutter zur<br \/>\n        Liebe und nicht nur zur genauen Pflichterf\u00fcllung je f\u00e4hig gewesen<br \/>\n        ist, so mu\u00df ihre Bedingung gewesen sein, da\u00df er ein braver<br \/>\n        Junge sein und dem Vater alles &#8222;verzeihen und vergessen&#8220; solle.<br \/>\n        Eine aufschlu\u00dfreiche Stelle bei Smith zeigt, wie wenig Adolfs Mutter<br \/>\n        in der Lage gewesen w\u00e4re, ihm in seiner Not mit dem Vater beizustehen:<\/p>\n<p>Das dominierende Gehabe des Hausherrn fl\u00f6\u00dfte seiner Frau und<br \/>\n        den Kindern dauernden Respekt, wenn nicht Furcht ein. Selbst nach seinem<br \/>\n        Tod blieben seine Pfeifen ehrfurchtgebietend auf einem Gestell in der<br \/>\n        K\u00fcche aufgereiht, und wenn immer seine Witwe im Gespr\u00e4ch etwas<br \/>\n        Besonderes unterstreichen wollte, verwies sie mit einer Geste auf die<br \/>\n        Pfeifen, als ob sie die Autorit\u00e4t des Meisters beschw\u00f6ren wolle<br \/>\n        (zitiert nach Stierlin, Seiten 21\/22).<\/p>\n<p>Da Klara die &#8222;Ehrfurcht&#8220; vor ihrem Mann noch nach seinem Tod<br \/>\n        auf seine Pfeifen \u00fcbertrug, kann man sich kaum vorstellen, da\u00df<br \/>\n        sich ihr Sohn ihr gegen\u00fcber mit seinen wahren Gef\u00fchlen je h\u00e4tte<br \/>\n        anvertrauen d\u00fcrfen. Besonders, da seine drei verstorbenen Geschwister<br \/>\n        in der Phantasie seiner Mutter doch sicher &#8222;immer brav&#8220; gewesen<br \/>\n        waren und nun im Himmel ohnehin nichts B\u00f6ses mehr anstellen konnten.<\/p>\n<p>        Adolf konnte also die Zuwendung seiner Eltern nur auf Kosten einer vollst\u00e4ndigen<br \/>\n        Verstellung und Verleugnung seiner wahren Gef\u00fchle bekommen. Daraus<br \/>\n        entstand seine ganze Lebenshaltung, die Fest wie einen roten Faden in<br \/>\n        Hitlers Geschichte heraussp\u00fcrt. Am Anfang seiner Hitler-Biographie<br \/>\n        stehen die folgenden sehr zutreffenden, zentralen S\u00e4tze:<\/p>\n<p>Die eigene Person zu verh\u00fcllen wie zu verkl\u00e4ren, war eine der<br \/>\n        Grundanstrengungen seines Lebens. Kaum eine Erscheinung der Geschichte<br \/>\n        hat sich so gewaltsam, mit so pedantisch anmutender Konsequenz stilisiert<br \/>\n        und im Pers\u00f6nlichen unauffindbar gemacht. Die Vorstellung, die er<br \/>\n        von sich hatte, kam einem Monument n\u00e4her als dem Bild eines Menschen.<br \/>\n        Zeitlebens war er bem\u00fcht, sich dahinter zu verbergen (Fest, 1978,<br \/>\n        S. 29).<\/p>\n<p>Ein Mensch, der die Liebe der Mutter erfahren hat, mu\u00df sich niemals<br \/>\n        so verstellen.<\/p>\n<p>        Adolf Hitler suchte systematisch den Kontakt zu seiner Vergangenheit abzuschneiden,<br \/>\n        seinen Halbbruder Alois lie\u00df er gar nicht an sich heran, seine Schwester<br \/>\n        Paula, die ihm den Haushalt machte, zwang er, den Namen zu wechseln. Aber<br \/>\n        auf der weltpolitischen B\u00fchne inszenierte er unbewu\u00dft sein<br \/>\n        wahres Kindheitsdrama &#8211; unter anderen Vorzeichen. Er war nun, wie einst<br \/>\n        sein Vater, der einzige Diktator, der einzige, der etwas zu sagen hatte.<br \/>\n        Die anderen hatten zu schweigen und zu gehorchen. Er war der, der Angst<br \/>\n        einfl\u00f6\u00dfte, aber auch die Liebe des Volkes besa\u00df, das<br \/>\n        zu seinen F\u00fc\u00dfen lag, wie damals die untert\u00e4nige Klara<br \/>\n        zu F\u00fc\u00dfen ihres Mannes.<br \/>\n        Die besondere Faszination, die Hitler bei Frauen geno\u00df, ist ja bekannt.<br \/>\n        Er verk\u00f6rperte f\u00fcr sie den Vater, der ganz genau wu\u00dfte,<br \/>\n        was richtig und falsch war und ihnen dazu noch ein Ventil f\u00fcr ihren<br \/>\n        seit der Kindheit aufgestauten Ha\u00df anbieten konnte. Diese Kombination<br \/>\n        verschaffte Hitler bei Frauen und M\u00e4nnern seine gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft.<br \/>\n        Denn all diese Menschen waren einst zum Gehorsam erzogen worden, in Pflicht<br \/>\n        und christlichen Tugenden aufgewachsen; sie hatten schon sehr fr\u00fch<br \/>\n        lernen m\u00fcssen, ihren Ha\u00df und ihre Bed\u00fcrfnisse zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Und nun kam ein Mensch, der diese ihre b\u00fcrgerliche Moral an sich<br \/>\n        nicht in Frage stellte, der im Gegenteil ihre anerzogene, gehorsame Haltung<br \/>\n        gerade noch gut gebrauchen konnte, der sie also nirgends mit Fragen oder<br \/>\n        inneren Krisen konfrontierte, statt dessen ihnen ein universales Mittel<br \/>\n        in die Hand gab, um endlich den seit den ersten Tagen ihres Lebens unterdr\u00fcckten<br \/>\n        Ha\u00df auf v\u00f6llig legale Art ausleben zu k\u00f6nnen. Wer w\u00fcrde<br \/>\n        nicht davon Gebrauch machen? Der Jude wurde jetzt schuld an allem, und<br \/>\n        die wirklichen ehemaligen Verfolger, die eigenen, oft wirklich tyrannischen<br \/>\n        Eltern, konnten in Ehren gesch\u00fctzt und idealisiert bleiben.<\/p>\n<p>Ich kenne eine Frau, die zuf\u00e4llig nie mit einem Juden in Ber\u00fchrung<br \/>\n        gekommen war, bis sie in den &#8222;Bund Deutscher M\u00e4del&#8220; eintrat.<br \/>\n        In ihrer Kindheit wurde sie sehr streng erzogen, ihre Eltern brauchten<br \/>\n        sie zu Hause f\u00fcr den Haushalt, nachdem die anderen Geschwister (zwei<br \/>\n        Br\u00fcder und eine Schwester) das Haus verlassen hatten. Sie durfte<br \/>\n        deshalb keinen Beruf erlernen, obwohl sie ganz ausgepr\u00e4gte Berufsw\u00fcnsche<br \/>\n        hatte und auch die Begabung daf\u00fcr besa\u00df. Sie erz\u00e4hlte<br \/>\n        mir viel sp\u00e4ter, mit welcher Begeisterung sie &#8222;von den Verbrechen<br \/>\n        der Juden&#8220; in Mein Kampf gelesen und welche Erleichterung es in ihr<br \/>\n        ausgel\u00f6st hatte, zu wissen, da\u00df man da jemanden so eindeutig<br \/>\n        hassen durfte. Nie hatte sie ihre Geschwister offen beneiden d\u00fcrfen,<br \/>\n        als diese ihren Berufen hatten nachgehen k\u00f6nnen. Aber dieser j\u00fcdische<br \/>\n        Bankier, dem ihr Onkel f\u00fcr ein Darlehen Zinsen hatte zahlen m\u00fcssen,<br \/>\n        der war ein Ausbeuter auf Kosten des armen Onkels, mit dem sie sich identifizierte.<br \/>\n        Denn sie wurde tats\u00e4chlich von den Eltern ausgebeutet, und auf die<br \/>\n        Geschwister neidisch, aber solche Gef\u00fchle durfte ein anst\u00e4ndiges<br \/>\n        M\u00e4dchen nicht haben. Und nun gab es ganz unerwartet eine so einfache<br \/>\n        L\u00f6sung: Man durfte hassen, soviel man wollte, und blieb doch oder<br \/>\n        gerade deshalb das liebe Kind des Vaters und die n\u00fctzliche Tochter<br \/>\n        des Vaterlandes. Au\u00dferdem konnte man das &#8222;b\u00f6se&#8220; und<br \/>\n        schwache Kind, das man in sich immer zu verachten lernte, auf die Juden<br \/>\n        projizieren, die eben schwach und hilflos waren, und sich selbst als nur<br \/>\n        stark, nur rein (arisch), nur gut erleben.<\/p>\n<p>        Und Hitler selbst? Hier nahm ja die ganze Inszenierung ihren Anfang. Auch<br \/>\n        f\u00fcr ihn gilt, da\u00df er im Juden das hilflose Kind, das er selber<br \/>\n        einst gewesen ist, in der gleichen Art mi\u00dfhandelt, wie sein Vater<br \/>\n        ihn. Und wie der Vater nie genug hatte und jeden Tag neu pr\u00fcgelte<br \/>\n        und ihn mit 11 Jahren fast zu Tode schlug, so hatte auch Adolf Hitler<br \/>\n        nie genug und schrieb in seinem Testament, nachdem er 6 Millionen Juden<br \/>\n        hatte t\u00f6ten lassen, es m\u00fc\u00dften noch die Reste des Judentums<br \/>\n        ausgerottet werden. \u00c4hnlich wie bei Alois und den anderen schlagenden<br \/>\n        V\u00e4tern zeigt sich hier die Angst vor der m\u00f6glichen Auferstehung<br \/>\n        und R\u00fcckkehr der abgespaltenen Teile ihres Selbst. Deshalb ist dieses<br \/>\n        Schlagen eine nie endende Aufgabe, hinter ihr steht die Angst vor dem<br \/>\n        Aufleben der eigenen unterdr\u00fcckten Ohnmacht, Dem\u00fctigung, Hilflosigkeit,<br \/>\n        denen man das ganze Leben mit Hilfe der Grandiosit\u00e4t zu entfliehen<br \/>\n        versucht hat: Alois mit dem Posten des h\u00f6heren Zollbeamten, Adolf<br \/>\n        als F\u00fchrer, ein anderer vielleicht als Psychiater, der auf Elektroschocks<br \/>\n        schw\u00f6rt, oder als Arzt, der Affengehirne verpflanzt, als Professor,<br \/>\n        der Meinungen vorschreibt oder einfach als Vater, der seine Kinder erzieht.<br \/>\n        In all diesen Anstrengungen geht es nicht um die anderen Menschen (oder<br \/>\n        Affen), in allem, was diese M\u00e4nner mit Menschen tun, wenn sie andere<br \/>\n        verachten und erniedrigen, geht es eigentlich um die Ausrottung der eigenen<br \/>\n        einstigen Ohnmacht und Vermeidung der Trauer.<\/p>\n<p>Helm Stierlins interessante Studie \u00fcber Hitler geht davon aus, da\u00df<br \/>\n        Adolf von seiner Mutter zu ihrer Rettung unbewu\u00dft &#8222;delegiert&#8220;<br \/>\n        wurde. Das unterdr\u00fcckte Deutschland w\u00e4re dann ein Symbol f\u00fcr<br \/>\n        die Mutter. Dies mag wohl stimmen, aber in der Verbissenheit seines sp\u00e4teren<br \/>\n        Handelns kommen zweifellos auch ureigene, unbewu\u00dfte Interessen zum<br \/>\n        Ausdruck. Es ist ein gigantischer Kampf um die Befreiung des eigenen Selbst<br \/>\n        aus den Spuren grenzenloser Erniedrigung, f\u00fcr das Deutschland symbolisch<br \/>\n        einsteht. Doch das eine schlie\u00dft das andere nicht aus: Auch die<br \/>\n        Rettung der Mutter bedeutet f\u00fcr ein Kind den Kampf um die eigene<br \/>\n        Existenz. Anders ausgedr\u00fcckt: wenn Adolfs Mutter eine starke Frau<br \/>\n        gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte sie ihn- in der Phantasie des Kindes &#8211; nicht<br \/>\n        diesen Qualen und der st\u00e4ndigen Furcht und Todesangst ausgesetzt.<br \/>\n        Da sie aber selber erniedrigt und ihrem Manne v\u00f6llig h\u00f6rig war,<br \/>\n        konnte sie das Kind nicht besch\u00fctzen. Nun mu\u00dfte er die Mutter<br \/>\n        (Deutschland) vor dem Feind retten, um eine gute, reine, starke, judenfreie<br \/>\n        Mutter zu haben, die ihm Sicherheit gegeben h\u00e4tte. Sehr oft phantasieren<br \/>\n        Kinder, da\u00df sie ihre M\u00fctter erl\u00f6sen oder retten m\u00fc\u00dften,<br \/>\n        damit sie ihnen endlich die M\u00fctter sein k\u00f6nnten, die sie einst<br \/>\n        gebraucht h\u00e4tten. Das kann zu einer Ganztagsbesch\u00e4ftigung im<br \/>\n        sp\u00e4teren Leben werden. Da aber kein Kind die M\u00f6glichkeit hat,<br \/>\n        die eigene Mutter zu retten, f\u00fchrt der Wiederholungszwang dieser<br \/>\n        Ohnmacht, falls er in seinem Ursprung nicht erkannt und erlebt wird, unweigerlich<br \/>\n        zum Mi\u00dferfolg oder sogar zur Katastrophe. Stierlins Gedanken lie\u00dfen<br \/>\n        sich unter diesem Gesichtspunkt weiter verfolgen und w\u00fcrden in der<br \/>\n        Symbolsprache etwa zu folgendem Ergebnis f\u00fchren: Die Befreiung Deutschlands<br \/>\n        und die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Volkes bis auf den letzten<br \/>\n        Juden, d.h. die vollst\u00e4ndige Beseitigung des b\u00f6sen Vaters, h\u00e4tten<br \/>\n        Hitler die Bedingungen geschaffen, die ihn zum gl\u00fccklichen, in Ruhe<br \/>\n        und Frieden mit seiner geliebten Mutter aufwachsenden Kind h\u00e4tten<br \/>\n        machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>        Diese unbewu\u00dfte symbolische Zielsetzung hat selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\n        wahnhaften Charakter, weil die Vergangenheit nicht mehr zu \u00e4ndern<br \/>\n        ist, doch jeder Wahn hat seinen Sinn, der sehr leicht zu verstehen ist,<br \/>\n        wenn man die Kindheitssituation kennt. Durch Krankengeschichten und Angaben<br \/>\n        der Biographen, die gerade die wesentlichsten Daten aus Abwehrgr\u00fcnden<br \/>\n        \u00fcbersehen, wird dieser Sinn h\u00e4ufig entstellt. So wurde z. B.<br \/>\n        viel dar\u00fcber geschrieben und recherchiert, ob der Vater von Alois<br \/>\n        Hitler wirklich ein Jude war oder nicht und ob Alois als Alkoholiker bezeichnet<br \/>\n        werden k\u00f6nne oder nicht.<br \/>\n        Aber die psychische Realit\u00e4t des Kindes hat mit dem, was die Biographen<br \/>\n        sp\u00e4ter als Fakten &#8222;beweisen&#8220;, oft sehr wenig zu tun. Gerade<br \/>\n        der Verdacht auf j\u00fcdisches Blut in der Familie ist f\u00fcr ein Kind<br \/>\n        viel belastender als die Gewi\u00dfheit. Schon Alois mu\u00dfte unter<br \/>\n        dieser Ungewi\u00dfheit gelitten haben, und zweifellos hat Adolf von<br \/>\n        den Ger\u00fcchten geh\u00f6rt, auch wenn man nicht gerne und laut dar\u00fcber<br \/>\n        gesprochen hat. Gerade das, was die Eltern verschweigen wollen, besch\u00e4ftigt<br \/>\n        das Kind am meisten, besonders wenn es ein Haupttrauma seines Vaters war<br \/>\n        (vgl. S. 196f.).<\/p>\n<p>Die Verfolgung der Juden &#8222;erm\u00f6glichte&#8220; Hitler in der Phantasie,<br \/>\n        seine Vergangenheit zu &#8222;korrigieren&#8220;. Sie erlaubte ihm:<\/p>\n<p>1. die Rache am Vater, der als Halbjude verd\u00e4chtigt wurde;<br \/>\n        2. die Befreiung der Mutter (Deutschland) von ihrem Verfolger;<br \/>\n        3. die Erlangung der Liebe der Mutter mit weniger moralischen Sanktionen,<br \/>\n        mit mehr wahrem Selbst (Hitler wurde ja als schreiender Judenhasser vom<br \/>\n        deutschen Volk geliebt, nicht als katholisches braves Kind, das er f\u00fcr<br \/>\n        seine Mutter sein mu\u00dfte);<\/p>\n<p>        4. die Umkehr der Rollen &#8211; er selber ist nun zum Diktator geworden, ihm<br \/>\n        mu\u00df jetzt alles gehorchen und zu F\u00fc\u00dfen liegen, wie einst<br \/>\n        dem Vater, er organisiert Konzentrationslager, in denen Menschen so behandelt<br \/>\n        werden, wie er als Kind behandelt worden ist. (Ein Mensch denkt sich kaum<br \/>\n        etwas Ungeheuerliches aus, wenn er es nicht irgendwie aus Erfahrung kennt.<br \/>\n        Wir neigen nur dazu, die kindliche Erfahrung zu bagatellisieren.)<br \/>\n        5. Au\u00dferdem erm\u00f6glichte die Judenverfolgung eine Verfolgung<br \/>\n        des schwachen Kindes im eigenen Selbst, das auf die Opfer projiziert wurde,<br \/>\n        um keine Trauer \u00fcber vergangenes Leid zu erleben, weil ihm die Mutter<br \/>\n        nie dabei hatte helfen k\u00f6nnen. Darin, sowie in der unbewu\u00dften<br \/>\n        Rache auf den Verfolger der fr\u00fchen Kindheit, traf sich Hitler mit<br \/>\n        einer gro\u00dfen Zahl von Deutschen, die in der gleichen Situation aufgewachsen<br \/>\n        waren.<\/p>\n<p>Im Familienbild von Adolf Hitler, wie es von Stierlin gezeichnet wurde,<br \/>\n        steht noch die liebevolle Mutter, die zwar die Retterfunktion auf das<br \/>\n        Kind delegiert, es aber auch vor der Gewalt des Vaters besch\u00fctzt.<br \/>\n        Auch in Freuds \u00d6dipusversion gibt es diese geliebte und liebende,<br \/>\n        idealisierte Mutterfigur. Klaus Theweleit kommt in seinen M\u00e4nnerphantasien<br \/>\n        der Wirklichkeit dieser M\u00fctter sehr viel n\u00e4her, obwohl auch<br \/>\n        er sich scheut, die letzten Konsequenzen aus seinen Texten zu ziehen.<br \/>\n        Er stellt fest, da\u00df sich bei den von ihm analysierten Vertretern<br \/>\n        der faschistischen Ideologie immer wieder das Bild eines strengen, z\u00fcchtigenden<br \/>\n        Vaters und der liebevollen, besch\u00fctzenden Mutter findet. Sie wird<br \/>\n        als &#8222;die beste Frau und Mutter von der Welt&#8220;, als &#8222;der<br \/>\n        gute Engel&#8220;, &#8222;als klug, charakterfest, hilfsbereit und tief<br \/>\n        religi\u00f6s&#8220; bezeichnet (vgl. Theweleit, Band 1, S. 133). An den<br \/>\n        M\u00fcttern der Kameraden oder an den Schwiegerm\u00fcttern wird au\u00dferdem<br \/>\n        ein Zug bewundert, von dem man offenbar die eigene Mutter ausgenommen<br \/>\n        haben m\u00f6chte: die H\u00e4rte, die Liebe zum Vaterland, die preu\u00dfische<br \/>\n        Haltung (&#8222;Deutsche weinen nicht&#8220;), &#8211; die Mutter aus Eisen, der<br \/>\n        &#8222;keine Wimper zuckt bei der Nachricht vom Tode ihrer S\u00f6hne&#8220;.<\/p>\n<p>Theweleit zitiert:<\/p>\n<p>Dennoch, nicht diese Nachricht gab der Mutter den Rest. Vier S\u00f6hne<br \/>\n        fra\u00df ihr der Krieg, sie \u00fcberstand es; ein daneben L\u00e4cherliches<br \/>\n        erschlug sie. Lothringen wurde welsch und damit die Erzgruben der Gesellschaft<br \/>\n        (S. 135).<\/p>\n<p>Wie aber, wenn diese beiden Seiten zwei H\u00e4lften der eigenen Mutter<br \/>\n        waren?<br \/>\n        Hermann Ehrhardt erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>Vier Stunden hab ich einmal im Winter in der Nacht verbockt drau\u00dfen<br \/>\n        im Schnee gestanden, bis endlich die Mutter behauptete, es sei nun der<br \/>\n        Strafe genug (ebd., S. 133).<\/p>\n<p>Bevor die Mutter den Sohn &#8222;rettet&#8220;, indem sie findet, es sei<br \/>\n        &#8222;nun der Strafe genug&#8220;, l\u00e4\u00dft sie ihn ja immerhin<br \/>\n        vier Stunden im Schnee stehen. Ein Kind kann nicht verstehen, warum ihm<br \/>\n        die geliebte Mutter so weh tut, es kann es nicht fassen, da\u00df die<br \/>\n        in seinen Augen riesengro\u00dfe Frau im Grunde wie ein kleines M\u00e4dchen<br \/>\n        ihren Mann f\u00fcrchtet und ihre eigenen Kindheitsdem\u00fctigungen ihrem<br \/>\n        kleinen Jungen unbewu\u00dft weitergibt. Ein Kind mu\u00df unter dieser<br \/>\n        H\u00e4rte leiden. Aber es darf dieses Leiden nicht leben und nicht zeigen.<br \/>\n        Es bleibt ihm nichts \u00fcbrig, als es abzuspalten und es auf andere<br \/>\n        zu projizieren, d. h. den harten Zug seiner Mutter fremden M\u00fcttern<br \/>\n        zuzuschreiben und ihn dort schlie\u00dflich sogar zu bewundern.<\/p>\n<p>        Konnte Klara Hitler ihrem Sohn helfen, solange sie selber das h\u00f6rige,<br \/>\n        unterw\u00fcrfige Dienstm\u00e4dchen ihres Gatten war? Sie nannte ihren<br \/>\n        Mann zu Lebzeiten sch\u00fcchtern &#8222;Onkel Alois&#8220;, und nach seinem<br \/>\n        Tode blickte sie ehrfurchtsvoll auf seine in der K\u00fcche ausgestellten<br \/>\n        Pfeifen, jedesmal, wenn jemand seinen Namen erw\u00e4hnte.<br \/>\n        Was geschieht in einem Kind, wenn es immer wieder erfahren mu\u00df,<br \/>\n        da\u00df die gleiche Mutter, die ihm von Liebe spricht, ihm das Essen<br \/>\n        sorgf\u00e4ltig bereitet, ihm sch\u00f6ne Lieder singt, zur Salzs\u00e4ule<br \/>\n        erstarrt und bewegungslos zusieht, wenn dieses Kind vom Vater blutig geschlagen<br \/>\n        wird? Wie mu\u00df es sich f\u00fchlen, wenn es immer wieder vergeblich<br \/>\n        ihre Hilfe, ihre Rettung erhofft; wie mu\u00df es sich f\u00fchlen, wenn<br \/>\n        es vergeblich in seiner Folter erwartet, sie m\u00f6ge doch endlich ihre<br \/>\n        Macht einsetzen, die doch in seinen Augen so gro\u00df ist? Aber diese<br \/>\n        Rettung findet nicht statt. Die Mutter sieht zu, wie ihr Kind gedem\u00fctigt,<br \/>\n        verspottet, gefoltert wird, ohne ihr Kind zu verteidigen, ohne etwas Erl\u00f6sendes<br \/>\n        zu tun, sie ist durch ihr Schweigen mit dem Verfolger solidarisch, sie<br \/>\n        liefert ihr Kind aus. Kann man erwarten, da\u00df das Kind dies versteht?<br \/>\n        Und mu\u00df man sich wundern, wenn die Verbitterung auch der Mutter<br \/>\n        gilt, obschon ins Unbewu\u00dfte verdr\u00e4ngt? Dieses Kind wird seine<br \/>\n        Mutter vielleicht bewu\u00dft hei\u00df lieben; und sp\u00e4ter, bei<br \/>\n        anderen Menschen, wird es immer wieder das Gef\u00fchl haben, ausgeliefert,<br \/>\n        preisgegeben, verraten worden zu sein.<\/p>\n<p>        Hitlers Mutter ist sicher keine Ausnahmeerscheinung, sondern noch vielfach<br \/>\n        die Regel, wenn nicht sogar ein Ideal vieler M\u00e4nner. Aber kann eine<br \/>\n        Mutter, die nur Sklavin ist, ihrem Kind die n\u00f6tige Achtung geben,<br \/>\n        die es braucht, um seine Lebendigkeit zu entwickeln? In der nachfolgenden<br \/>\n        Schilderung der Masse in Mein Kampf l\u00e4\u00dft sich ablesen, welches<br \/>\n        Vorbild an Weiblichkeit Adolf Hitler bekommen hat:<\/p>\n<p>Die Psyche der breiten Masse ist nicht empf\u00e4nglich f\u00fcr alles<br \/>\n        Halbe und Schwache.<br \/>\n        Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gr\u00fcnde<br \/>\n        abstrakter Vernunft bestimmt wird, als durch solche einer undefinierbaren,<br \/>\n        gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Sehnsucht nach erg\u00e4nzender Kraft,<br \/>\n        und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schw\u00e4chling<br \/>\n        beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden,<br \/>\n        und f\u00fchlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine<br \/>\n        andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit;<br \/>\n        sie wei\u00df mit ihr auch meist nur wenig anzufangen und f\u00fchlt<br \/>\n        sich sogar leicht verlassen. Die Unversch\u00e4mtheit ihrer geistigen<br \/>\n        Terrorisierung kommt ihr ebensowenig zum Bewu\u00dftsein, wie die emp\u00f6rende<br \/>\n        Mi\u00dfhandlung ihrer menschlichen Freiheit, ahnt sie doch den inneren<br \/>\n        Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise. So sieht sie nur die r\u00fccksichtslose<br \/>\n        Kraft und Brutalit\u00e4t ihrer zielbewu\u00dften \u00c4u\u00dferungen,<br \/>\n        der sie sich endlich f\u00fcr immer beugt (zit. n. Fest, 1978, S. 79).<\/p>\n<p>In dieser Beschreibung der Masse portr\u00e4tiert Hitler sehr genau seine<br \/>\n        Mutter und ihre Unterwerfung. Seine politischen Richtlinien st\u00fctzen<br \/>\n        sich auf sehr fr\u00fch erworbene Erfahrungen: die Brutalit\u00e4t siegt<br \/>\n        immer.<br \/>\n        Hitlers Verachtung des Weibes, aus seiner Familiensituation begreiflich,<br \/>\n        betont auch Fest. Er meint:<\/p>\n<p>Seine Rassentheorie war durchsetzt von sexuellen Neidkomplexen und einem<br \/>\n        tiefsitzenden antiweiblichen Affekt: das Weib, so versichert er, habe<br \/>\n        die S\u00fcnde in die Welt gebracht, und seine Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr<br \/>\n        die woll\u00fcstigen K\u00fcnste der tierischen Untermenschen sei die<br \/>\n        Hauptursache f\u00fcr die Verpestung des nordischen Blutes (Fest, 1978,<br \/>\n        S. 64).<\/p>\n<p>        Vielleicht nannte Klara ihren Mann &#8222;Onkel Alois&#8220; aus blo\u00dfer<br \/>\n        Sch\u00fcchternheit. Aber er lie\u00df sich das doch zumindest gefallen.<br \/>\n        Ob er es sogar gefordert hat, so wie er von seinen Nachbarn per &#8222;Sie&#8220;<br \/>\n        und nicht mit &#8222;Du&#8220; angeredet zu werden w\u00fcnschte? Auch Adolf<br \/>\n        nennt ihn ja &#8222;Herr Vater&#8220; in Mein Kampf, was m\u00f6glicherweise<br \/>\n        auf den Wunsch des Vaters zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, der sehr fr\u00fch<br \/>\n        verinnerlicht wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df Alois mit solchen<br \/>\n        Anordnungen das Elend seiner fr\u00fchen Kindheit (von der Mutter weggegeben,<br \/>\n        unehelich, arm, von unbekannter Herkunft) kompensieren und sich endlich<br \/>\n        als Herr f\u00fchlen wollte. Aber von dieser Vorstellung ist es nur ein<br \/>\n        Schritt zu dem Gedanken, da\u00df sich deshalb alle Deutschen 12 Jahre<br \/>\n        lang mit &#8222;Heil Hitler&#8220; begr\u00fc\u00dfen mu\u00dften. Ganz<br \/>\n        Deutschland mu\u00dfte sich den ausgefallensten, ganz privaten Anspr\u00fcchen<br \/>\n        des F\u00fchrers f\u00fcgen wie einst Klara und Adolf dem allm\u00e4chtigen<br \/>\n        Vater.<\/p>\n<p>Hitler schmeichelte der &#8222;deutschen, germanischen&#8220; Frau, weil<br \/>\n        er ihre Huldigungen, ihre Wahl-Stimmen und ihre sonstigen Dienste brauchte.<br \/>\n        Auch die Mutter hatte er gebraucht. Aber eine wirklich warme Vertrautheit<br \/>\n        konnte er mit seiner Mutter nicht entwickeln. Stierlin schreibt:<\/p>\n<p>N. Bromberg (1971) berichtet wie folgt \u00fcber Hitlers sexuelle Gewohnheiten:<br \/>\n        &#8220; . . . um zu einer vollen sexuellen Befriedigung zu gelangen, war<br \/>\n        es f\u00fcr Hitler notwendig, eine junge Frau \u00fcber seinem Kopfe hockend<br \/>\n        zu beobachten, die in sein Gesicht urinierte oder def\u00e4zierte.&#8220;<br \/>\n        Er berichtet weiter \u00fcber &#8220; . . . eine Episode von erotogenem<br \/>\n        Masochismus, bei der sich Hitler vor die F\u00fc\u00dfe einer jungen<br \/>\n        deutschen Schauspielerin warf und sie bat, ihn zu treten. Als sie es zun\u00e4chst<br \/>\n        nicht wollte, beschwor er sie, seinem Wunsche zu gen\u00fcgen. Dabei \u00fcbersch\u00fcttete<br \/>\n        er sich selbst mit Anschuldigungen und wand sich in einer so gequ\u00e4lten<br \/>\n        Weise vor ihr, da\u00df sie schlie\u00dflich seinem Flehen stattgab.<br \/>\n        Als sie ihn trat, wurde er erregt und als sie seinem Bitten nachgab und<br \/>\n        ihn noch mehr trat, steigerte sich die Erregung. Der Altersunterschied<br \/>\n        zwischen Hitler und den jungen Frauen, mit denen er sich in irgendeiner<br \/>\n        Weise sexuell einlie\u00df, entsprach gew\u00f6hnlich etwa den 23 Jahren,<br \/>\n        die zwischen seinen Eltern gelegen hatten (Stierlin, 1975, S. 168).<\/p>\n<p>Es ist v\u00f6llig undenkbar, da\u00df ein Mann, der als Kind von seiner<br \/>\n        Mutter z\u00e4rtlich geliebt worden w\u00e4re, was ja die meisten Hitler-Biographen<br \/>\n        beteuern, an solchen sadomasochistischen Zw\u00e4ngen, die auf eine sehr<br \/>\n        fr\u00fche St\u00f6rung hinweisen, gelitten h\u00e4tte. Aber unser Begriff<br \/>\n        der Mutterliebe hat sich offenbar noch nicht ganz von der Ideologie der<br \/>\n        &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220; gel\u00f6st.<\/p>\n<h2>Zusammenfassung<\/h2>\n<p>Wenn ein Leser die \u00dcberlegungen zu Adolf Hitlers fr\u00fcher Kindheit<br \/>\n        als Sentimentalit\u00e4t oder gar als &#8222;Entschuldigung&#8220; seiner<br \/>\n        Taten auffassen sollte, so ist es nat\u00fcrlich sein gutes Recht, das<br \/>\n        Gelesene so zu verstehen, wie er es kann oder mu\u00df. Menschen, die<br \/>\n        z. B. sehr fr\u00fch lernen mu\u00dften, &#8222;auf die Z\u00e4hne zu<br \/>\n        bei\u00dfen&#8220;, empfinden in ihrer Identifikation mit dem Erzieher<br \/>\n        jedes einem Kind erwiesene Mitgef\u00fchl als Ausdruck von R\u00fchrseligkeit<br \/>\n        oder Sentimentalit\u00e4t. Was das Schuldproblem betrifft, so habe ich<br \/>\n        ja gerade deshalb Hitler gew\u00e4hlt, weil mir kein anderer Verbrecher<br \/>\n        bekannt ist, der mehr Menschenleben auf seinem Gewissen hat. Aber mit<br \/>\n        dem Wort &#8222;Schuld&#8220; ist noch nichts gewonnen. Es ist selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\n        unser gutes Recht und eine Notwendigkeit, M\u00f6rder einzusperren, die<br \/>\n        unser Leben bedrohen. Vorl\u00e4ufig kennen wir noch keinen anderen Weg.<br \/>\n        Doch das \u00e4ndert nichts daran, da\u00df das Morden m\u00fcssen der<br \/>\n        Ausdruck eines tragischen Kinderschicksals und das Gef\u00e4ngnis eine<br \/>\n        tragische Besiegelung dieses Schicksals ist.<\/p>\n<p>Sucht man nicht nach neuen Fakten, sondern nach ihrer Bedeutung im Ganzen<br \/>\n        der bekannten Geschichte, so st\u00f6\u00dft man bei der Hitler-Forschung<br \/>\n        auf Fundgruben, die noch kaum ausgewertet worden sind und daher der \u00d6ffentlichkeit<br \/>\n        vorenthalten bleiben. Meines Wissens ist z. B. die wichtige Tatsache,<br \/>\n        da\u00df Klara Hitlers bucklige und schizophrene Schwester, Adolfs Tante<br \/>\n        Johanna, von seiner Geburt an, seine ganze Kindheit hindurch, im gleichen<br \/>\n        Haushalt lebte, bisher wenig beachtet geblieben. In den von mir gelesenen<br \/>\n        Biographien jedenfalls fand ich diese Information nie im Zusammenhang<br \/>\n        mit dem Gesetz der Euthanasie im Dritten Reich. Damit ein solcher Zusammenhang<br \/>\n        einem Menschen auff\u00e4llt, m\u00fc\u00dfte dieser sp\u00fcren d\u00fcrfen,<br \/>\n        welche Gef\u00fchle in einem Kind hochkommen, das t\u00e4glich einem extrem<br \/>\n        absurden und be\u00e4ngstigenden Verhalten ausgesetzt ist und dem es zugleich<br \/>\n        verboten ist, seine Angst, Wut und seine Fragen zu artikulieren. Auch<br \/>\n        die Gegenwart einer schizophrenen Tante kann vom Kind positiv verarbeitet<br \/>\n        werden, aber nur, wenn es mit seinen Eltern auf der emotionalen Ebene<br \/>\n        frei kommunizieren und mit ihnen \u00fcber seine \u00c4ngste sprechen<br \/>\n        kann.<br \/>\n        Franziska H\u00f6rl, die Hausangestellte zur Zeit Adolfs Geburt, berichtete<br \/>\n        in einem Interview mit Jetzinger, da\u00df sie es wegen dieser Tante<br \/>\n        nicht l\u00e4nger ausgehalten h\u00e4tte und ihretwegen weggegangen w\u00e4re.<br \/>\n        Sie sagte einfach: &#8222;Bei dieser spinnenden Buckligen bleibe ich nicht<br \/>\n        mehr&#8220; (vgl. Jetzinger, S. 81).<\/p>\n<p>        Das eigene Kind darf so etwas nicht sagen, es h\u00e4lt alles aus, es<br \/>\n        kann ja nicht weggehen; erst wenn es erwachsen wird, kann es handeln.<br \/>\n        Als Adolf Hitler erwachsen wurde und zur Macht kam, konnte er sich endlich<br \/>\n        tausendfach an dieser ungl\u00fccklichen Tante f\u00fcr sein eigenes Ungl\u00fcck<br \/>\n        r\u00e4chen: er lie\u00df alle in Deutschland lebenden Geisteskranken<br \/>\n        t\u00f6ten, weil sie, seinem Gef\u00fchl nach, f\u00fcr die &#8222;gesunde&#8220;<br \/>\n        Gesellschaft (d. h. f\u00fcr ihn als Kind) &#8222;unbrauchbare Menschen&#8220;<br \/>\n        waren. Als Erwachsener mu\u00dfte sich Adolf Hitler nichts mehr gefallen<br \/>\n        lassen, konnte sogar ganz Deutschland von der &#8222;Plage&#8220; der Geisteskranken<br \/>\n        und Geistesschwachen &#8222;befreien&#8220; und war auch nicht verlegen,<br \/>\n        ideologische Verbr\u00e4mungen f\u00fcr diese ganz pers\u00f6nliche Rache<br \/>\n        zu finden.<\/p>\n<p>Mit der Vorgeschichte des Euthanasie-Gesetzes habe ich mich in meiner<br \/>\n        Darstellung nicht besch\u00e4ftigt, weil es mir in diesem Buch vor allem<br \/>\n        darum ging, die Folgen der aktiven Dem\u00fctigung eines Kindes an einem<br \/>\n        eindr\u00fccklichen Beispiel zu schildern. Da eine solche Dem\u00fctigung,<br \/>\n        gepaart mit Redeverbot, ein stabiler Faktor der Erziehung und \u00fcberall<br \/>\n        anzutreffen ist, wird der Einflu\u00df dieses Faktors auf die sp\u00e4tere<br \/>\n        Entwicklung des Kindes leicht \u00fcbersehen. Mit dem Hinweis, da\u00df<br \/>\n        Schl\u00e4ge \u00fcblich seien, oder gar mit der \u00dcberzeugung, da\u00df<br \/>\n        sie notwendig sind, um zum Lernen anzuspornen, wird das Ausma\u00df der<br \/>\n        kindlichen Trag\u00f6die v\u00f6llig ignoriert. Da ihre Beziehung zu den<br \/>\n        sp\u00e4teren Verbrechen nicht gesehen wird, kann sich die Welt \u00fcber<br \/>\n        diese entsetzen und ihre Vorgeschichte \u00fcbergehen, als ob die M\u00f6rder<br \/>\n        vom heiteren Himmel heruntergefallen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>        Ich habe Hitler hier nur als Beispiel genommen, um zu zeigen:<\/p>\n<ol>\n<li>da\u00df auch der gr\u00f6\u00dfte Verbrecher aller Zeiten nicht<br \/>\n        als Verbrecher auf die Welt gekommen ist;<\/li>\n<li>da\u00df die Einf\u00fchlung in das Kinderschicksal die Einsch\u00e4tzung<br \/>\n        der sp\u00e4teren Grausamkeiten nicht ausschlie\u00dft (das gilt sowohl<br \/>\n        f\u00fcr Alois wie f\u00fcr Adolf);<\/li>\n<li>da\u00df das Verfolgen auf abgewehrtem Opfersein beruht;<\/li>\n<li>da\u00df das bewu\u00dfte Erlebnis des eigenen Opferseins mehr vor<br \/>\n        Sadismus, d. h. vor dem Zwang, andere zu qu\u00e4len und zu dem\u00fctigen,<br \/>\n        sch\u00fctzt als seine Abwehr;<\/li>\n<li>da\u00df die vom Vierten Gebot und von der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220;<br \/>\n        vorgeschriebene Schonung der Eltern dazu f\u00fchrt, ganz entscheidende<br \/>\n        Faktoren in der fr\u00fchen Kindheit und der sp\u00e4teren Entwicklung<br \/>\n        eines Menschen Zu \u00fcbersehen;<\/li>\n<li>da\u00df man als erwachsener Mensch mit Beschuldigungen, Entr\u00fcstung<br \/>\n        und Schuldgef\u00fchlen nicht weiterkommt, sondern mit dem Verstehen der<br \/>\n        Zusammenh\u00e4nge;<\/li>\n<li>da\u00df das wirkliche emotionale Verstehen nichts mit einem billigen,<br \/>\n        sentimentalen Mitleid zu tun hat;<\/li>\n<li>da\u00df die Ubiquit\u00e4t eines Zusammenhangs uns nicht davon befreit,<br \/>\n        ihn zu untersuchen, sondern ganz im Gegenteil, weil er unser aller Schicksal<br \/>\n        ist oder sein kann;<\/li>\n<li>da\u00df das Ausleben eines Hasses im Gegensatz steht zum Erleben.<br \/>\n        Das Erleben ist eine intrapsychische Realit\u00e4t, das Ausleben dagegen<br \/>\n        ist eine Handlung, die den andern Menschen das Leben kosten kann. Wo der<br \/>\n        Weg zum Erlebnis durch Verbote aus der &#8222;Schwarzen P\u00e4dagogik&#8220;<br \/>\n        oder durch die Bed\u00fcrftigkeit der Eltern versperrt ist, da mu\u00df<br \/>\n        es zum Ausleben kommen. Dieses kann sich entweder in der destruktiven<br \/>\n        Form wie bei Hitler oder in der selbstdestruktiven wie bei Christiane<br \/>\n        F. zeigen. Es kann aber auch wie bei den meisten Verbrechern, die im Gef\u00e4ngnis<br \/>\n        landen, sowohl die Zerst\u00f6rung des Selbst wie die des Anderen ausdr\u00fccken.<br \/>\n        Das wird am Beispiel von J\u00fcrgen Bartsch deutlich, mit dem ich mich<br \/>\n        im n\u00e4chsten Kapitel besch\u00e4ftige.<\/li>\n<\/ol>\n<p><a name=\"fussnote1\"><\/a>\u00b9 Die von Ray E. Helfer und C. Henry Kempe<br \/>\n        1979 unter dem Titel. <i>Das geschlagene Kind<\/i><br \/>\n        herausgegebenen Aufs\u00e4tze unterrichten den Leser mit sehr viel Einf\u00fchlung<br \/>\n        und Kenntnis \u00fcber die Motive der Z\u00fcchtigung von S\u00e4uglingen.<\/p>\n<p><a name=\"fussnote2\"><\/a>\u00b2 Diese Information verdanke ich einer m\u00fcndlichen<br \/>\n        Mitteilung von Paul Moor.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/dein-gerettetes-leben-3\/\">Dein gerettetes Leben<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-meines-lebens-2\/\">Bilder Meines Lebens<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-revolte-des-korpers-4\/\">Die Revolte des K\u00f6rpers<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/evas-erwachen-2\/\">Evas Erwachen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-des-lebens-sieben-geschichten\/\">Wege des Lebens &#8211; Sieben Geschichten<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-eine-um-und-fortschreibung\/\">Das Drama des begabten Kindes, eine Um- und Fortschreibung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abbruch-der-schweigemauer-2\/\">Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-gemiedene-schlussel\/\">Der gemiedene Schl\u00fcssel<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-verbannte-wissen\/\">Das verbannte Wissen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/bilder-einer-kindheit\/\">Bilder einer Kindheit<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/du-sollst-nicht-merken-3\/\">Du sollst nicht merken<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/am-anfang-war-erziehung-4\/\">Am Anfang war Erziehung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-drama-des-begabten-kindes-2\/\">Das Drama des begabten Kindes<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE KINDHEIT ADOLF HITLERS VOM VERBORGENEN ZUM MANIFESTEN GRAUEN &#8222;Meine P\u00e4dagogik ist hart. Das Schwache mu\u00df weggeh\u00e4mmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewaltt\u00e4tige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend mu\u00df das alles sein. Schmerzen mu\u00df sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Z\u00e4rtliches [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2861","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-non-classe"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2861"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2864,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2861\/revisions\/2864"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}