{"id":2961,"date":"2004-06-30T13:22:04","date_gmt":"2004-06-30T12:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2961"},"modified":"2015-12-02T13:23:36","modified_gmt":"2015-12-02T12:23:36","slug":"perversion-und-gesellschaft-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-1\/","title":{"rendered":"Perversion und Gesellschaft, Teil 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<p align=\"right\">von <b>Thomas Gruner<\/b><\/p>\n<h1 style=\"padding-top:10px;\">Perversion und Gesellschaft, Teil 1<br \/><span class=\"soustitre\">Wednesday 30 June 2004<\/span><\/h1>\n<p><b>Perversion und Gesellschaft<br \/>\n\u00dcber das Leben im Paradies<\/b><\/p>\n<p>\n<b>Vorspann: Einige Fragen an mich selbst und die Antworten<\/b><\/p>\n<p>Glaubst du, dass alle Menschen oder alle Politiker pervers sind? Nein. \u2013 Glaubst du, dass jeder Mensch in der Kindheit misshandelt und missbraucht wurde? Auf keinen Fall, aber viele Menschen sind auf die eine oder andere Art davon betroffen. \u2013 Kannst du dir nicht vorstellen, dass es doch Eltern gibt, die ihre Kinder lieben? Das kann ich mir nicht nur vorstellen, davon bin ich \u00fcberzeugt. \u2013 D\u00fcrfen Eltern keine Fehler machen? Ich rede doch nicht von Fehlern. Ich rede von Vernachl\u00e4ssigung, Gewalt oder Inzest. \u2013 Meinst du, dass jeder in der Kindheit misshandelte Mensch pervers wird? Nein, nicht zwangsl\u00e4ufig. Ich meine, dass jeder Mensch, der sp\u00e4ter eine Perversion ausbildet, in der Kindheit von k\u00f6rperlicher oder seelischer Gewalt betroffen war. Das kann man nachweisen. \u2013 Bist du der Meinung, dass alle Menschen, die eine Perversion entwickelt haben, faschistoid sind? \u00dcberhaupt nicht, es ist nur schwer anzuzweifeln, dass der faschistoide Charakter in jedem Fall auch ein perverser, n\u00e4mlich ein sadistischer ist. \u2013 Ist es kein Fortschritt, dass die blutigen Diktaturen Europas durch die westlichen Demokratien abgel\u00f6st wurden? Ja, sicher, aber eine Gesellschaft braucht doch mehr, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, als die Minimal\u00fcbereinkunft, andere beispielsweise nicht zu vergasen. Es gibt keinen Grund, sich damit zu br\u00fcsten. \u2013 Interpretierst du die Perversion als Menetekel f\u00fcr den Untergang des Planeten, f\u00fcr Dekadenz oder moralische Verfehlung, als S\u00fcnde? In keiner Weise. Die Perversion ist ein Symptom f\u00fcr etwas, das ist alles. \u2013 Glaubst du, dass man ein politisches Zeitereignis wie etwa den Krieg im Irak mit der Kindheit der Entscheidungstr\u00e4ger erkl\u00e4ren kann? Jedes Ereignis steht in einem historischen, \u00f6konomischen und politischen Kontext. Es gibt viele Ursachen und viele Wirkungen. Wenn ein einzelner Mensch selbstzerst\u00f6rerische Tendenzen entwickelt und keine Alternative sucht oder findet, hat dies mit den ersten Erfahrungen in der Kindheit zu tun. Das Destruktive kann auf die Gesellschaft zur\u00fcck wirken, wenn die zerst\u00f6rerischen Impulse von einer hinreichenden Anzahl Menschen geteilt und auch im Rahmen der Politik oder der \u00d6konomie wirksam werden. \u2013 W\u00e4ren alle Probleme gel\u00f6st, wenn Kinder nicht mehr geschlagen oder missbraucht w\u00fcrden? Ich vermute, dass bestimmte gravierende Probleme in der Form nicht existieren w\u00fcrden oder die Menschen w\u00e4ren in der Lage, sie zu l\u00f6sen. Ein Paradies auf Erden kann es nat\u00fcrlich nicht geben. \u2013 Willst du die Welt erkl\u00e4ren? Ich habe nicht vor, irgendjemandem irgendetwas zu erkl\u00e4ren. Ich will \u00fcber etwas nachdenken, das mich interessiert. Ich will nicht nur wissen, wer ich bin, ich will auch wissen, wo ich lebe. <\/p>\n<p>\n&#8230; aber warum solle es nicht eine Chance f\u00fcr eine ganze Kultur sein, wenn es m\u00f6glichst viele ihrer Mitglieder wagen k\u00f6nnen, der eigenen Wahrheit ohne Angst ins Gesicht zu sehen?<br \/>\nChrista Wolf<\/p>\n<p>\n<b>1 \t\u201eWir fanden, es sah lustig aus. Deshalb wurden die Fotos gemacht.\u201c<\/b><br \/>\n(Lynndie England, Milit\u00e4rpolizistin, 21 Jahre, zur Entstehung eines Polit-Pornos)<\/p>\n<p>Als in den vergangenen Wochen Bilder der von amerikanischen und britischen Soldatinnen und Soldaten vergewaltigten und gedem\u00fctigten irakischen Gefangenen in den Medien erschienen, \u00e4u\u00dferten sich auf der Stra\u00dfe befragte B\u00fcrger verschiedener Nationen schockiert und kommentierten das Geschehen manchmal kurz und b\u00fcndig: Was sie da sehen w\u00fcrden, erschiene ihnen pervers, meinten die Menschen.<br \/>\nAuch Politiker der westlichen Staaten zeigten eine gewisse Irritation. Ihre verlegenen Gesichter mochten eine Erkl\u00e4rungsnot zum Ausdruck bringen, denn immerhin hatten sie ihren W\u00e4hlern jahrelang gepredigt, diese lebten in der besten aller Welten, allenthalben herrschten Freiheit und Demokratie, sogar in einem solchen \u00dcberfluss, dass diese Werte gleich in s\u00e4mtliche Regionen des Globus exportiert werden m\u00fcssten, auch wenn die dort lebenden Menschen nicht das mindeste Bed\u00fcrfnis nach der westlichen Variante dieses hehren Exportgutes versp\u00fcrten. Und wer nicht so recht glauben k\u00f6nne, dass er im Paradies lebe, sei eben ein Feind sowohl der Freiheit als auch der Demokratie oder, was wohl dasselbe bedeuten soll, anti-amerikanisch. Nun aber zeigte sich eine bemerkenswerte Sprachlosigkeit derer, die sich selbst als die gesellschaftliche Elite bezeichnen. \u00dcblicherweise verf\u00fcgen Minister, Kanzler und Pr\u00e4sidenten \u00fcber einen Tross unterbezahlter akademischer Hilfskr\u00e4fte, die ihnen jedes in der \u00d6ffentlichkeit ge\u00e4u\u00dferte Wort zuvor sorgf\u00e4ltig aufschreiben und mit viel M\u00fche einstudieren m\u00fcssen. Nun sah es so aus, als ob jene Souffleure kollektiv zur selben Zeit krank feiern w\u00fcrden. Zu h\u00f6ren war n\u00e4mlich lediglich ein mehr oder weniger peinliches Gestammel \u00fcber Abscheu und Aufkl\u00e4rungsbedarf. Der britische Premierminister verk\u00fcndete nach der Art sehr kleiner Kinder, die sich die Hand vor das Gesicht halten und glauben, man k\u00f6nne sie nun nicht mehr sehen: Das haben wir nicht gemacht, das waren wir gar nicht. Der amerikanische Pr\u00e4sident sagte, wie sein Verteidigungsminister, ahnungslos etwas sehr Bedeutungsvolles: Das sind nicht wir; so sind wir nicht. <br \/>\nGl\u00fccklicherweise haben wir die Medien und ihre allwissenden Kommentatoren, die uns die Welt immer so aufschlussreich erkl\u00e4ren. Was lesen und h\u00f6ren wir? In jedem Menschen lebe ein Tier, eine Bestie, die vermutlich insbesondere in Kriegszeiten aus einem Schlummer erwache, ihr Unwesen treibe und sich p\u00fcnktlich mit dem Ende der Kampfhandlungen wieder zur Ruhe begebe. Jetzt wissen wir alles und sind mehr als ersch\u00f6pfend aufgekl\u00e4rt. Oder doch nicht? <\/p>\n<p>Ich stimme denen zu, die meinen, die auf den Bildern dargestellten Qu\u00e4lereien und Erniedrigungen seien pervers. Der Politprominenz der Vereinigten Staaten kann ich hingegen nicht zustimmen, sondern stehe im Gegenteil vor der Frage: Halten uns diese Bilder, jedem Einzelnen wie der Gesellschaft, nicht einen Spiegel vor? Was sehen wir in diesen Bildern \u00fcber uns selbst? Was sagen diese Bilder \u00fcber den Zustand des gesellschaftlichen Systems aus, in dem wir leben? <br \/>\nBislang wurde das sogenannte, aber niemals definierte \u201eB\u00f6se\u201c immer au\u00dferhalb gefunden und bek\u00e4mpft: sehr selten in rechtsextremistischen Folterdiktaturen, immer im Kommunismus und neuerdings, seitdem dieser fast g\u00e4nzlich verschwunden ist, im Islam. Nun scheint aber \u201edas B\u00f6se\u201c gleichsam wie ein Bumerang auf uns zur\u00fcckgekommen zu sein, es ist pl\u00f6tzlich in unserer Mitte. \u201eDas B\u00f6se\u201c kann nicht mehr ideologisiert werden. Dies war f\u00fcr mich der Ausl\u00f6ser \u00fcber die durch die Bilder entlarvten Perversionen scheinbar \u201enormaler\u201c, rechtschaffener B\u00fcrger und Angeh\u00f6riger einer \u201edemokratischen\u201c Armee intensiver nachzudenken. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Was ist auf den Bildern zu sehen? Nackte m\u00e4nnliche Gefangene werden zu gegenseitigen sexuellen Handlungen gezwungen. M\u00e4nnliche Bewacher urinieren auf die ihnen ausgelieferten M\u00e4nner. Gefangene M\u00e4nner m\u00fcssen sich nackt in verschiedene sexuelle Posen begeben; sie werden gezwungen zu onanieren. Alle Gefangenen wurden ihrer Pers\u00f6nlichkeit, ihrer Identit\u00e4t beraubt, indem man ihnen Plastiks\u00e4cke \u00fcber die K\u00f6pfe st\u00fclpte. F\u00fcr ihre Peiniger hatten sie also kein Gesicht mehr. Man sieht ebenfalls Bewacher, die hingegen ihr Gesicht zeigen, und sich selbstbewusst, ein wenig aufgegeilt, mit ihren Gefangenen fotografieren lie\u00dfen, ein Ph\u00e4nomen, das seit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern keineswegs neu ist. <br \/>\nFerner sagen inzwischen freigelassene Opfer der Misshandlungen aus, man habe sie gezwungen, ihre Nahrung aus verschmutzen Toilettenbecken zu sich zu nehmen oder die Schuhe bzw. Stiefel ihrer Bewacher zu lecken.<br \/>\nBesonders wurden von den Medien jene Bilder aufgegriffen, die eine junge Soldatin zeigen: ein kleines, wenig weiblich, daf\u00fcr sehr unscheinbar wirkendes Gesch\u00f6pf. Mal zerrt sie einen nackten, am Boden liegenden Gefangenen an einer Hundeleine und wirkt noch so, als ob sie \u00fcber die Macht, die ihr als Frau pl\u00f6tzlich zuteil wurde, selbst \u00fcberrascht sei. Dann aber ist sie schon kecker zu sehen: Mit Kippe im Mund grinst sie in die Kamera und zeigt auf die Geschlechtsteile der m\u00e4nnliche Gefangenen, als wolle sie mit einer Pistole abdr\u00fccken. Gleichwohl scheint ihr der Anblick der vielen m\u00e4nnlichen Geschlechtsteile doch noch nicht ganz geheuer zu sein. <br \/>\nWas fangen wir an mit der auf diesen Bildern gezeigten Realit\u00e4t? Es erscheint mir sinnvoll, diese Realit\u00e4t auf ihren Aussagewert hin zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich muss sagen, dass ich in diesen Bildern nichts Neues entdecken kann. In erster Linie sehe ich auf diesen Bildern Pornographie mit einem Inhalt, der nicht jedem, aber der Mehrheit pornographischer Erzeugnisse eigen ist: eine Inszenierung, und zwar eine spezielle, n\u00e4mlich die Inszenierung des sexuellen Missbrauchs durch M\u00e4chtige an Ohnm\u00e4chtigen. Deswegen bin ich der Auffassung, dass diese Bilder Perversionen dokumentieren. Pornographie will ja auch etwas zeigen, das der Betrachter nicht jeden Tag zu sehen bekommt, denn w\u00fcrde er es t\u00e4glich sehen k\u00f6nnen, m\u00fcsste er kein Geld f\u00fcr pornographische Erzeugnisse ausgeben. Pornographie zeigt unter anderem etwas, das bislang heimlich, im Verborgenen ausge\u00fcbt wurde oder der Gegenstand heimlicher, nicht offen ge\u00e4u\u00dferter W\u00fcnsche war, in aller Offenheit, Schonungslosigkeit, sozusagen im hellen Tageslicht. Da dem Begriff Perversion landl\u00e4ufig die Nebenbedeutung des Verbotenen anhaftet, eignen sich Perversionen (auch \u00f6konomisch) vorz\u00fcglich f\u00fcr die Darstellung im Rahmen der Pornographie. <\/p>\n<p>Sicherlich gibt es die sogenannten \u201eEdel-Pornos\u201c, die in der Regel gut trainierte junge K\u00f6rper bei eher herk\u00f6mmlichen sexuellen Aktivit\u00e4ten zeigen. Wirtschaftlich interessanter sind aber jene Produkte im Rahmen der Pornoindustrie, die einen ausgefalleneren Geschmack bedienen. Man h\u00f6rt oft, dass auf Freiwilligkeit beruhende sexuelle Handlungen welcher Form auch immer unproblematisch seien. Die irakischen Gefangenen wurden hingegen gezwungen, sie mussten sich auf verschiedene Art und Weise sexuell erniedrigen lassen, sie hatten keine Wahl. Gerade dies zeichnet aber auch den Charakter des florierendsten Zweigs der Pornoindustrie aus: der Kinderpornographie. Die Kinderpornographie zeigt die Inszenierung der Macht eines Erwachsenen \u00fcber den ohnm\u00e4chtigen K\u00f6rper eines Kindes. Dieses Kind ist kein Individuum mehr, es ist seiner Menschlichkeit beraubt, es ist Gegenstand der Begierde, auch der Neugierde des Erwachsenen. Das Kind ist reduziert auf seine Geschlechtsteile. Der kindliche K\u00f6rper erscheint in den verschiedensten Posen; Kinder und Jugendliche werden zu sexuellen Handlungen mit Erwachsenen oder zu gegenseitigen sexuellen Handlungen gen\u00f6tigt. Ich finde, dass der Kern, der Aussagewert der Kinderpornographie dem der Bilder der inhaftierten irakischen M\u00e4nner entspricht. Da es sich bei der Kinderpornographie und \u2013prostitution weltweit um einen ungemein boomenden Erwerbszweig handelt, sind sie ebenso allt\u00e4glich wie der Inhalt der Inszenierungen der amerikanischen Milit\u00e4rs mit ihren Gefangenen. <\/p>\n<p>Nicht allt\u00e4glich, sondern \u00fcberraschend scheint f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit das Erscheinen perverser Inszenierungen im Rahmen des Gesellschaftlichen, des Politischen zu sein. Die pornographischen Inszenierungen in Bagdad beseitigen die Illusion, dass das Perverse lediglich eine private Angelegenheit einzelner Individuen sei. Sie enth\u00fcllen einen Zusammenhang zwischen Perversion und Macht, genauer zwischen Perversion und Politik. Inzwischen haben Beteiligte und Zeugen der Misshandlungen ausgesagt, dass diese mit Wissen und Billigung auch der h\u00f6chsten Entscheidungstr\u00e4ger stattfanden; diesem Thema hat unl\u00e4ngst u.a. der TV-Sender Arte eine ausf\u00fchrliche Dokumentation gewidmet. \t<br \/>\nDas besondere Interesse der \u00d6ffentlichkeit an der jungen Lynndie England scheint ferner die Verbl\u00fcffung dar\u00fcber zum Ausdruck zu bringen, dass auch eine Frau an den sexuellen und nicht-sexuellen Misshandlungen im Irak beteiligt war. Hinter dieser Verbl\u00fcffung verbirgt sich offenbar die Frage: Ist es denkbar, dass auch eine Frau pervers ist? Gibt es also perverse Frauen? Hat die Frau in Gestalt der 21-j\u00e4hrigen Lynndie England nun ihre ewige Unschuld verloren?\t<br \/>\nWir h\u00f6ren schlie\u00dflich, dass das bislang ver\u00f6ffentlichte Material lediglich die Spitze des Eisberges darstelle, das wahre Ausma\u00df wolle und k\u00f6nne man der \u00d6ffentlichkeit nicht zumuten, insbesondere die Dokumentation analer Vergewaltigungen der m\u00e4nnlichen Gefangenen durch m\u00e4nnliche Angeh\u00f6rige der \u201eKoalition der Freiheit\u201c. Homosexuelle \u00dcbergriffe wurden auf den Bildern aber bereits sichtbar. Nicht nur in der amerikanischen Armee gelten diese Handlungen als besonders verp\u00f6nt und ehrenr\u00fchrig. Nun scheint deutlich zu werden, dass die Hochburg der Heterosexualit\u00e4t wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Vermutlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Perversion und Heuchelei, und es fragt sich, unter welchen Umst\u00e4nden erkl\u00e4rterma\u00dfen heterosexuelle M\u00e4nner scheinbar pl\u00f6tzlich ein Interesse an den Geschlechtsteilen, K\u00f6rper\u00f6ffnungen und am Beobachten gleichgeschlechtlicher sexueller Aktivit\u00e4ten ihrer Geschlechtsgenossen entdecken. Nicht dass dieses Interesse am Ende schon immer da gewesen ist. Bewahre. <\/p>\n<p>Werden Kinderpornographie und Kindesmissbrauch aufgedeckt, \u00e4u\u00dfern sich die T\u00e4ter sehr h\u00e4ufig nach folgendem Muster: Es sei gar nichts geschehen, sie h\u00e4tten eigentlich nichts gemacht, und wenn doch etwas geschehen sei, habe dies keine Bedeutung, es handele sich um einen Ausrutscher, zuf\u00e4llig sei man in eine mehr oder weniger schmuddelige Angelegenheit hineingeraten. Involvierte Frauen artikulieren in aller Regel: Ich habe gar nichts getan und wenn ich etwas getan habe, dann wurde ich von M\u00e4nnern dazu gezwungen.<br \/>\nAls Lynndie England \u00fcber ihre Beteiligung an den Misshandlungen befragt wurde, meinte sie, sie habe wirklich nichts gemacht, was man auf den Bildern sehe, sei gar nicht geschehen und wenn es doch geschehen sei, dann habe sie auf Befehl von Vorgesetzten gehandelt und au\u00dferdem sei sie schwanger. Ihre Schwester Destiny erscheint im Fernsehen und verlautbart: Alles, was man sehe, sei gar nicht wahr, es k\u00f6nne auch nicht wahr sein, denn Lynndie sei ein ganz normaler Mensch, ihre ganze Familie sei v\u00f6llig normal. Das, was jedermann sehen kann, ist also scheinbar gar nicht vorhanden. <br \/>\nDie Angeh\u00f6rigen der internationalen Politik argumentieren sehr \u00e4hnlich: Man habe eine Unmenge an Material gefunden, aber alles, was sich ereignet habe, sei ein singul\u00e4rer Vorfall, es k\u00f6nne sich nur um Einzelf\u00e4lle handeln, weil es so etwas eigentlich \u00fcberhaupt nicht gebe, auch wenn die F\u00fclle der Enth\u00fcllungen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit eine Zumutung sei. In Gro\u00df-Britannien findet die seltsame Logik einen H\u00f6hepunkt: Die Bilder seien gef\u00e4lscht, britische Soldaten w\u00fcrden niemals Gefangene misshandeln, und die Soldaten, die Gefangene unter der Folter get\u00f6tet h\u00e4tten, w\u00fcrden angeklagt, auch wenn man nicht so genau wisse, dass jemand unter der Folter zu Tode gekommen sei. Der amerikanische Au\u00dfenminister fliegt nach Bagdad, besichtigt den Tatort, ordnet die Freilassung von etlichen hundert Inhaftierten an, die noch wenige Augenblicke zuvor als die ganze Welt bedrohende Terroristen galten, und verbietet Foltermethoden, die es angeblich nie gab, die nie jemand angeordnet hat, von denen nie jemand wusste. Der deutsche Au\u00dfenminister reist in die Vereinigten Staaten und sagt eigentlich gar nichts, nur, meint er ungef\u00e4hr, in Ordnung sei das alles nicht.<br \/>\nMan bekommt den Eindruck, dass sich die politischen Entscheidungstr\u00e4ger ertappt f\u00fchlen. Anders lie\u00dfe sich ihre Verlegenheit und ihre hektische Betriebsamkeit nicht erkl\u00e4ren. Nicht die Folter und die Erniedrigungen sind das Schlimme, sondern die Aufdeckung derselben. Peinlich eben.<\/p>\n<p>Ein mir bekannter Psychologe arbeitete einige Zeit in einer Einrichtung, die missbrauchenden V\u00e4tern Therapie anbietet. Er berichtete mir einmal anonymisiert von einem Vater, 40 Jahre alt, der von seinen kleinen f\u00fcnfj\u00e4hrigen Zwillingst\u00f6chtern pornographische Fotos angefertigt hatte. In der Therapie sagt der Vater, er habe wirklich nichts gemacht, lediglich seine T\u00f6chter fotografiert. Darauf hingewiesen, dass seine T\u00f6chter auf den Fotographien unbekleidet und in durchaus obsz\u00f6nen Posen zu sehen sind, findet der Mann, dass diese Bilder lediglich zuf\u00e4llig entstanden seien. Das habe nichts zu bedeuten. Mit der Tatsache konfrontiert, dass die Bilder die Vagina und den Anus seiner T\u00f6chter in Gro\u00dfaufnahme zeigen, dass zu sehen ist, wie er selbst die Finger in die Vagina und den Anus seiner kleinen T\u00f6chter praktiziert, \u00e4u\u00dfert der Vater spontan: Das habe er so nicht gemeint. Befragt, warum er seine T\u00f6chter fotografiert und ob er sexuelle Erregung dabei empfunden habe, sagt er: Aber nein, es hat keinen besonderen Grund, keinen besonderen Anlass f\u00fcr die Fotos gegeben. Ob er nicht beim Anblick der Vagina seiner kleinen T\u00f6chtern sexuell stimuliert sei, will der Therapeut noch einmal wissen. Nein, antwortet der Mann, sicher nicht, sie sind ja noch Kinder. Warum er dann Abz\u00fcge der Bilder m\u00e4nnlichen Bekannten zur Verf\u00fcgung gestellt habe, wodurch schlie\u00dflich der Missbrauch aufgedeckt wurde? &#8211; Ja, daran kann ich mich nun nicht mehr erinnern.<\/p>\n<p>Ich sehe die gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit der Reaktion und Argumentation auf den aufgedeckten privaten sexuellen Missbrauch und den aufgedeckten sexuellen Missbrauch im Rahmen der Politik. Ich finde durchaus ein gemeinsames Muster. Wenn Kinder, verh\u00f6rt durch die Eltern, sich aus Angst vor Strafe in unlogische Argumente und offenkundige Unwahrheiten verstricken, auf denen sie dennoch beharren m\u00fcssen, in der Hoffnung der Strafe zu entgehen, ist das mehr als verst\u00e4ndlich und vor allem auch altersangemessen. Wenn Erwachsene \u00e4hnlich verfahren, muss man wohl oder \u00fcbel von einer mentalen Besch\u00e4digung ausgehen und eine mehr oder weniger ausgepr\u00e4gte Infantilit\u00e4t vermuten. (\u00dcbrigens: Gerade Politiker m\u00fcssen sich vor Enth\u00fcllungen nicht f\u00fcrchten. Vielleicht m\u00fcssen sie von ihrem Amt zur\u00fcck treten, aber doch nur, um sogleich einen wesentlich h\u00f6her dotierten \u201eJob\u201c in der Wirtschaft zu erhalten. Von den sogenannten Ruhegeldern ganz zu schweigen.) Ich finde also einen Zusammenhang zwischen Perversion und Infantilit\u00e4t auf der einen, aber auch einen innigen Zusammenhang zwischen Politik, Perversion und Infantilit\u00e4t auf der anderen Seite. <\/p>\n<p>Lynndie England \u00e4u\u00dferte in einer Befragung, sie habe \u201elustig\u201c gefunden, wenn sie sich mit den erniedrigten Gefangenen fotografieren lie\u00df. Dies ist keine erstaunliche Bemerkung, denn sie dokumentiert durch die Bagatellisierung lediglich die v\u00f6llige Abspaltung von ihren Emotionen. England\u2019s \u00c4u\u00dferung enth\u00fcllt aber noch mehr. Sie und ihre Kollegen m\u00fcssen sich sehr sicher gewesen sein, nicht belangt zu werden, sozusagen in einem allgemeinen Konsens zu handeln. Vor allem ber\u00fchrt sie einen entscheidenden Aspekt: Pornographische Inszenierungen des sexuellen Missbrauchs enthalten und erzeugen f\u00fcr den Konsumenten einen \u201eKick\u201c. Es lohnt sich, diesen \u201eKick\u201c sehr genau anzusehen. Ich werde darauf noch zur\u00fcck kommen.<\/p>\n<p>In den Medien wird haupts\u00e4chlich die Folterung der Gefangenen skandalisiert. Es ist zutreffend, dass die ver\u00f6ffentlichten Bilder unter anderem auch k\u00f6rperliche und seelische Folter beweisen, aber in erster Linie sind sie ein Dokument des sexuellen Missbrauchs, der sicher auch Folter ist. Mir fiel nur auf, dass im Zuge der allgemeinen Diskussion die Dinge nur sehr selten beim Namen genannt werden. Die \u00f6ffentliche Diskussion verschleiert letztlich eher, als zu einer Aufkl\u00e4rung beizutragen.<br \/>\nLynndie England stammt, so konnte man lesen, aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen; eigentlich hatte sie studieren wollen, landete aber vor ihrer milit\u00e4rischen Laufbahn in einem H\u00fchnerschlachthof. Offenbar soll suggeriert werden, dass es einen Zusammenhang zwischen nicht konformem Verhalten und Armut gebe. Vielleicht w\u00e4re es interessant, wenn sich Journalisten sehr genau mit der Familiengeschichte der Misshandler besch\u00e4ftigen w\u00fcrden. Ein Mensch wird nicht einfach pervers geboren, sondern er wird sehr fr\u00fch pervers gemacht. Da, was leicht zu zeigen ist, viele Menschen von Perversionen betroffen sind, muss diese Tatsache eine R\u00fcckwirkung auf die Gesellschaft haben; logischerweise gibt es keinen gesellschaftlichen Bereich, der in diesem Zusammenhang ausgeklammert werden k\u00f6nnte. Die Perversion als Massenph\u00e4nomen sagt also etwas aus \u00fcber den Zustand unserer Kultur. Anders formuliert: Es ist \u00fcberf\u00e4llig, die Verfassung wenigstens unserer (westlichen) Gesellschaften im Licht dieses Massenph\u00e4nomens zu beschreiben.<\/p>\n<p>Dies ist in einem Artikel nat\u00fcrlich nicht zu leisten, ich m\u00f6chte im Folgenden jedoch zeigen, dass und wie die Perversion unseren Alltag durchdrungen hat. \t<br \/>\nUm zu verstehen, welche Funktion die Perversionen erf\u00fcllen und welche Botschaften sie vermitteln, ist es f\u00fcr mich kaum hilfreich, auf die Theorien der unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen zur\u00fcck zu greifen. Die verschiedenen klassischen psychoanalytischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze seit Freud weisen zwar auf den feindseligen, gegen die Mutter gerichteten Charakter der Perversion hin, verlieren sich aber im Obskuren, indem sie die sp\u00e4tere Perversion als Fehlleistung des fast ausnahmslos m\u00e4nnlichen Kindes beschreiben, das den sogenannten \u00f6dipalen Konflikt nicht bew\u00e4ltigen konnte und (wie sehr oft deutlich wird) aus angeblicher Verw\u00f6hntheit auch nicht wollte. Die psychoanalytischen Theorien sind also vielmehr ein recht unverbl\u00fcmter Ausdruck der Feindseligkeit des Therapeuten gegen\u00fcber dem Kind, das der Patient einmal war. \t<br \/>\nDer Realit\u00e4t n\u00e4her kommt der prim\u00e4rtherapeutische Erkl\u00e4rungsversuch (den sich vor einem anderen Hintergrund inzwischen auch modernere Analytiker zu eigen gemacht haben) insbesondere bei Arthur Janov, der anhand der Praxis belegt, dass die Perversion ein Agieren darstelle, welches die Sexualit\u00e4t lediglich als Mittel benutze, um starke, unbewusste Emotionen zu vermeiden. Sobald diese Gef\u00fchle bewusst wahrgenommen und ausgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnten, sei die Perversion verschwunden. Janov hat hier auf etwas oberfl\u00e4chliche und reduzierte Weise eine Funktion der Perversion beschrieben, ohne sehr viel von ihrer Entstehung und stummen Sprache verstanden zu haben. Dies mag daran liegen, dass seine Publikationen eher der Werbung f\u00fcr sein \u201eTherapie-Imperium\u201c als der Herstellung von Realit\u00e4t dienen. <br \/>\nDie Psychiatrie oder Psychopathologie verwickelt sich in der Regel in Widerspr\u00fcche: Ein Zusammenhang zwischen der Perversion des Erwachsenen und seiner Kindheit sei nicht nachweisbar, gleichwohl finde die psychosexuelle Entwicklung eines Menschen in der fr\u00fchesten Kindheit statt, sei sp\u00e4ter kaum noch zu ver\u00e4ndern und allenfalls durch verhaltenstherapeutische Konditionierungen zu variieren. <br \/>\nSchlie\u00dflich gibt es noch die These, die sich aktuell gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit erfreut, weil sie jede unangenehme Frage vom Tisch wischt und die individuelle Lebensgeschichte negiert: Perversionen seien wie die Depression und andere seelische Leidenszust\u00e4nde genetisch bedingt, ein unausweichliches Schicksal also. <\/p>\n<p>Dem Begriff des Perversen wird gerne der des Normalen gegen\u00fcber gestellt. Der Vorstellung, was gut und schlecht oder b\u00f6se, gesund und krank sei, sind auch die Psychotherapien verhaftet. Die Psychotherapie als Institution versucht seit jeher, in irgendeiner Weise abweichendes Verhalten zu begradigen. Das bezeichnet sie als Heilung. Sigmund Freud hat im negativen Sinne folgenschwere Theorien in die Welt gesetzt, untern denen bis heute Patienten leiden m\u00fcssen. Allerdings kann man feststellen, dass er zumindest die Breite menschlicher Sexualit\u00e4t und die Perversion beschrieben und diskutiert hat, ohne moralisch zu argumentieren oder zu werten. Dieser Haltung schlie\u00dfe ich mich an. Es w\u00e4re sinnlos, Lynndie England und ihren Kollegen moralische Vorhaltungen zu machen. Die Moral kann eine Perversion nicht au\u00dfer Kraft setzen, ebenso wenig ein juristisches Verbot. So ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in vielen L\u00e4ndern gesetzlich untersagt, wird aber bekanntlich ausgesprochen rege praktiziert. Ich meine, man sollte eine Perversion ansehen und beschreiben, um die Geschichte, die sie in verschl\u00fcsselter Form erz\u00e4hlt, verstehen zu k\u00f6nnen. Dabei ist es sinnvoll, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sich ihrer Perversion bewusst wurden und immerhin unter ihr leiden. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren einige Male in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen erlebt, dass M\u00e4nner und Frauen den seltenen Versuch unternahmen, \u00fcber ihre Perversionen zu sprechen. Das hat mir erheblich mehr erkl\u00e4rt als die F\u00fclle der Fachliteratur. Gl\u00fccklicherweise konnten diese Menschen eine Verbindung zwischen ihrer Perversion und ihrer Kindheit entdecken und verstehen. So kann ich mir den Versuch ersparen, \u00fcber die ver\u00f6ffentlichten Bilder R\u00fcckschl\u00fcsse auf die mir unbekannte Biographie der missbrauchenden Soldaten sowie der ihrer Vorgesetzten ziehen zu wollen. Die keineswegs verbl\u00fcffende \u00dcbereinstimmung zwischen den authentischen Beschreibungen Betroffener und der Missbrauchsinszenierung im Irak wird unmittelbar deutlich.<\/p>\n<p>Ich kann nicht definieren, was \u201enormal\u201c sei. Eine solche Definition interessiert mich nicht. Mich interessiert auch nicht, welche sexuellen Praktiken der christliche Gott, der Prophet, der Papst oder Arthur Janov und seine Kollegen f\u00fcr statthaft oder verp\u00f6nt halten. Mich interessiert aber der Punkt, an dem private \u00dcbereink\u00fcnfte innerhalb sexueller Kontakte in selbstzerst\u00f6rerische oder andere zerst\u00f6rende Handlungen umschlagen und damit zwangsl\u00e4ufig einen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft erhalten. Mich interessiert, warum das so ist und warum das auch gar nicht anders sein kann. <br \/>\nLandl\u00e4ufig wird das Wort pervers gerne mit dem Begriff abartig gleichgesetzt. Diese letztlich ideologische Zuordnung ist falsch. Der Begriff pervers stammt vom lateinischen \u201eperversus\u201c und bedeutet urspr\u00fcnglich: \u201everdreht, umgekehrt\u201c. Es liegt nahe, sich die Frage zu stellen, was in einem Menschen verdreht ist oder besser, verdreht wurde und wodurch dies geschah. <br \/>\nDie Vorstellung, welche sexuellen Praktiken konform seien oder nicht, ist st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen unterworfen. Was noch vor einigen Jahrzehnten als pervers galt, ist heute common sense und f\u00e4llt unter die Kategorie \u201eBl\u00fcmchensex\u201c. <\/p>\n<p>Weil die \u00dcbergriffe im Irak in erster Linie Perversionen dokumentieren, ist mein Ansatz also ein anderer: Ich m\u00f6chte der stummen Sprache der perversen Inszenierung genauer zuh\u00f6ren, um sie als Sprache des einstigen Kindes verstehen zu k\u00f6nnen, das den Perversionen der Eltern ohnm\u00e4chtig ausgeliefert war. Diese stumme Sprache hat, wie auch die Pornographie, etwas Schonungsloses, so dass man ihr nur mit ebenso schonungslosen, eindeutigen Worten begegnen kann. <\/p>\n<p>\n<b>2 \t\u201eM, Ende 30, gut aussehend, will von Paar (M u. W) ab ca. 60 als Sexspielzeug benutzt werden. Euer Wille ist mir Befehl.\u201c<\/b><br \/>\n\t(Eine Kontaktanzeige in einem Berliner Stadtmagazin: Perversion und Alltag)<\/p>\n<p>Es ist schon l\u00e4nger her, dass in einem privaten Fernsehsender Deutschlands zu sp\u00e4ter Stunde eine Prostituierte sehr freiz\u00fcgig gekleidet, im vorger\u00fcckten Alter und mit erheblicher Leibesf\u00fclle eine Talk-Show moderierte. Zuschauer konnten sie anrufen und \u00fcber ihre sexuellen Vorlieben plaudern. Selten stand das Telefon des Studios still. M\u00e4nner jeden Alters riefen an; einige beschimpften die Frau als \u201edreckige Nutte\u201c, wenige w\u00fcnschten ihr die \u201eVergasung\u201c, die meisten wollten das Gespr\u00e4ch am liebsten gar nicht beenden. Alle M\u00e4nner waren aber von dem speziellen Habitus dieser Frau ganz offenbar auf je unterschiedliche Weise stark beeindruckt. \t<br \/>\nDie Anrufer brachten immer wieder zum Ausdruck, dass sie den Typ Frau, den die Dame repr\u00e4sentierte, schon sehr lange gesucht h\u00e4tten, kaum sei ihnen eine Frau begegnet, die dem gesuchten Idealbild so sehr entspreche. Ob sie denn auch \u201eh\u00e4rteren\u201c Sex praktiziere, wurde immer wieder gefragt, ob sie, die Prostituierte, eventuell bereit w\u00e4re, die M\u00e4nner mit verschiedenen Gegenst\u00e4nden zu schlagen, an einer Leine wie einen Hund durch ihr Studio zu dirigieren, ob sie auch \u201eversaut reden\u201c, die M\u00e4nner mehr oder weniger in der F\u00e4kalsprache beschimpfen w\u00fcrde, denn, so die Anrufer, von \u201e0815-Sex\u201c seien sie inzwischen bedient, den k\u00f6nnten sie ja immer haben. Na klar doch, hauchte die Prostituierte ins Telefon und gab sich sexuell stimuliert, sie mache einfach alles von \u201ezart bis hart\u201c, sei ausgesprochen \u201eexperimentierfreudig\u201c, sie kenne keine Tabus: \u201eErlaubt ist, was gef\u00e4llt\u201c. <\/p>\n<p>Diese Plattit\u00fcden mag ein junger Mann zum Anlass genommen haben, noch detaillierter und pr\u00e4ziser \u00fcber seine sexuellen W\u00fcnsche zu sprechen. Immer habe er Probleme gehabt, erz\u00e4hlte er, mit gleichaltrigen Frauen sexuell zu verkehren, dabei langweile er sich n\u00e4mlich und es sei folglich sehr schwer f\u00fcr ihn, \u00fcberhaupt eine Erektion zu bekommen. Lange habe er sich seiner sexuellen Phantasien gesch\u00e4mt, sich f\u00fcr \u201eabartig\u201c gehalten, bis es ihm endlich gelungen sei, seine \u201ewahren Bed\u00fcrfnisse\u201c zu akzeptieren, die, wie er genau wisse, schon immer da gewesen seien. \u201eJetzt endlich\u201c, sagte der Mann, \u201ekann ich zu mir stehen, Scham habe ich gar nicht mehr, ich f\u00fchle mich so befreit\u201c, und er berichtete weiter, dass er keine Z\u00e4rtlichkeit brauche, \u201edieses Geschmuse\u201c ihm vielmehr auf die Nerven gehe, eine Beziehung wolle er gar nicht, er lebe gerne allein, reden k\u00f6nne er mit Freunden und Freundinnen bei einem Bier in der Kneipe, dazu brauche er keine Partnerin. Was er sich w\u00fcnsche, sei \u201eganz einfach knallharter Sex\u201c, bei dem es wirklich zur Sache gehe, \u201ekein Vorspiel, kein Nachspiel, kein unn\u00f6tiges Gerede, vor allem keine Tabus\u201c. Die Prostituierte l\u00e4chelte verst\u00e4ndnisinnig und wollte genauer wissen, was er sich denn vorstelle unter \u201eknallhartem Sex\u201c. \u2013 \u201eIch suche eine Frau, die viel \u00e4lter ist als ich, sie sollte einige Pfunde mitbringen, mit diesem Schlankheits- und Jugendwahn kann ich nichts anfangen. Ich kann mir vorstellen, zu dir zu kommen und du befiehlst mir, dass ich mich ausziehen muss. Ich m\u00f6chte, dass du sehr streng zu mir bist, dass du mich z\u00fcchtigen und abstrafen wirst. Ich muss mich b\u00fccken und du schl\u00e4gst mich mit meinem eigenen G\u00fcrtel, es darf ruhig etwas bluten, aber nicht zu sehr. Ich liebe das Gef\u00fchl, beherrscht und bestraft zu werden, mich macht die Verbindung zwischen Schmerz und Lust einfach geil. Das ist f\u00fcr mich Orgasmus, meistens komme ich dann schon, da muss ich mich nicht einmal selbst anfassen.\u201c Und noch einmal: \u201eIch finde das einfach geil.\u201c \u201eAber das ist es doch auch\u201c, die Dame produzierte einen Augenaufschlag, \u201eund ich finde es ganz super, wie du zu deiner Lust stehen kannst?\u201c <br \/>\nDie Frau beendete schlie\u00dflich ihre Sendung, nicht ohne zu bedauern, dass so wenige Menschen \u201eihre Geilheit\u201c akzeptieren w\u00fcrden, da sei noch viel zu tun, deswegen liebe sie ihren Beruf und sie liebe auch die Anrufer.<\/p>\n<p>Es ist nicht erforderlich, den kommerziellen Sex-Markt oder einschl\u00e4gige Magazine zu konsultieren, es reicht aus, eine beliebige, ganz seri\u00f6se Programmzeitschrift einer beliebigen gr\u00f6\u00dferen Stadt aufzuschlagen, um unter den verschiedenen Gesuchen in der Rubrik \u201eKontakte\u201c stets sehr \u00e4hnliche W\u00fcnsche zu entdecken. Was auch immer im Einzelnen gesucht wird, die verwendeten Vokabeln sind fast ausnahmslos identisch und tauchen immer wieder auf: \u201eStrafe, Bestrafung, Abstrafung, Erziehungsspiele, Hiebe, Z\u00fcchtigung, Abrichtung, Erniedrigung, Dem\u00fctigung, Benutzung\u201c, manchmal kaschiert durch die Begriffe \u201eDominanz und Unterwerfung\u201c. Unbedingt soll die gesuchte Person \u00fcber ein sehr genau beschriebenes \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild verf\u00fcgen, das nahezu keine Abweichungen duldet; entscheidend ist sehr oft auch ein erheblicher Altersunterschied. Im Regelfall wird keine Partnerschaft angestrebt, durchaus aber ein \u201eDauerkontakt\u201c, jedoch \u201eohne Anlaufzeit\u201c, seltener werden explizit famili\u00e4re Bez\u00fcge hergestellt. So schreibt ein junger Mann, der sich als \u201eBoy, 29 Jahre alt\u201c vorstellt, in einer Berliner Stadtzeitung, er suche einen Mann \u201eab 60 Jahre\u201c, \u201eOpatyp\u201c, der ihn zwinge, sich zu entkleiden, in die Badewanne stecke, seinen Anus und seinen Penis wasche, ihn dabei ohrfeige und beschimpfe und hernach n\u00f6tige, ihn oral zu befriedigen. Eindeutig dr\u00fccken auch einige homosexuelle M\u00e4nner ihre Sehnsucht nach einem \u201eDaddy-Typ\u201c aus, der sie \u201ekonsequent und ohne Tabus\u201c erziehen m\u00f6ge. <br \/>\nDem Wunsch nach Dem\u00fctigung, k\u00f6rperlicher Z\u00fcchtigung und Beherrschung korrespondiert auf der anderen Seite die Suche nach einer Person, die, je nach sexueller Orientierung, \u00fcber ein knaben- oder m\u00e4dchenhaftes \u00c4u\u00dferes verf\u00fcgen und erheblich j\u00fcnger sein soll, sowie \u201ef\u00fcgsam, gehorsam, gef\u00fcgig, willig, brav, unterw\u00fcrfig, devot\u201c, gerne \u201eunerfahren\u201c, in jedem Falle ohne K\u00f6rperbehaarung (\u201erasiert\u201c), \u201ebelastbar\u201c, das hei\u00dft schmerztolerant. Auch hier wird zuweilen ausdr\u00fccklich auf \u201eVater\/Sohn-\u201e respektive \u201eVater\/Tochter-Spiele\u201c oder die Suche nach dem \u201eTyp kleine Lolita\u201c hingewiesen. <br \/>\nDass es in diesem Zusammenhang keineswegs um die konkrete, aktuelle sexuelle Befriedigung gehen muss, sondern vielmehr die Inszenierung der Erziehung, der Bestrafung, also ein Ritual, im Vordergrund stehen kann, dokumentiert anschaulich etwa das Dauerinserat eines \u201eErziehers\u201c im Alter von 50 Jahren wiederum in einer Berliner Stadtzeitung: \u201eSuche junge M u. W, 18 bis maximal 20 J., die sich von mir auf meinem Dachboden mit Riemen, Peitsche, Stock auf den nackten Hintern schlagen lassen. Kein Sex, gutes TG [Taschengeld] m\u00f6glich\u201c. <\/p>\n<p>Die Inszenierung des Strafens und Bestraft-, des Erniedrigens und Erniedrigt-Werdens beinhaltet ausdr\u00fccklich zahlreiche Details, wie das Fesseln und Knebeln, das Verbinden der Augen, das Anschreien und verbale Beschimpfen, das Lecken von Schuhen und Stiefeln. Gesucht werden vielfach Kandidaten m\u00e4nnlichen und weiblichen Geschlechts, die das Attribut \u201ezeigefreudig\u201c f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nnen, sich \u201eblo\u00dfstellen, entbl\u00f6\u00dfen, zur Schau stellen, obsz\u00f6n posieren, sich begutachten, untersuchen, fotografieren lassen\u201c (respektive umgekehrt). Sehr h\u00e4ufig taucht die Phantasie auf, die in einer etwas skurrilen Vornehmheit mit den Substantiven \u201eNatursekt und Kaviar\u201c umschrieben wird und schon von Freud sehr sachlich diskutiert wurde. Ein zentraler Bestandteil oder auch Mittelpunkt des Rituals der Erniedrigung ist f\u00fcr viele Menschen der Wunsch, die Ausscheidungen fl\u00fcssiger oder fester Konsistenz ihrer Sexualpartner und \u2013partnerinnen zu sich zu nehmen bzw. \u201esich anpissen, anpinkeln, einsauen, vollsauen\u201c oder sich \u201ezur Sau machen\u201c zu lassen. Der Vorgang des Ausscheidens und die Ausscheidungsprodukte haben offenbar vielfach eine gro\u00dfe Bedeutung. Diese W\u00fcnsche k\u00f6nnen sich ebenfalls von konkreten sexuellen Handlungen abl\u00f6sen und in der sprachlichen Formulierung mehr oder weniger direkt erneut eine Assoziation zu fr\u00fchen Kindheit herstellen. So erscheint in einer Berliner Stadtzeitung mehrfach das Gesuch eines Mannes \u201e40 J.\u201c mit folgendem Inhalt: \u201esuche dom. [dominant] W nicht unter 50, schwergewichtig, gro\u00dfe Br\u00fcste, die mich windelt u. mich auspeitscht, wenn die Windel voll ist. Kein Sex, Honorar m\u00f6gl.\u201c. <br \/>\nDass sich manche Menschen jenseits der Sexualit\u00e4t und ihrer sexuellen Orientierung nur noch als Container der Ausscheidungs- oder Abfallprodukte anderer begreifen, k\u00f6nnte folgendes b\u00fcndig formulierte Inserat nahe legen: \u201eMittelalterlicher Mann dient als mobile Toilette f\u00fcr M u. W, keine finanz. Interessen\u201c.<br \/>\nEindeutige Assoziationen bietet zusammenfassend folgender Text: \u201eM, Ende 30, gut aussehend, will von Paar (M u. W) ab ca. 60 als Sexspielzeug benutzt werden. Euer Wille ist mir Befehl.\u201c<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen Dokumentarfilm, der 1989 in einem Berliner Programmkino gezeigt wurde. Ein junger Mann, Ende 20, wurde mit der Kamera begleitet und erz\u00e4hlte ohne Scheu, wie er sein Leben ganz als Diener seiner jeweiligen Herren und Herrinnen ausgerichtet habe, von denen er sich mit Schl\u00e4gen traktieren und als \u201eToilettensklave\u201c \u201eabrichten\u201c lie\u00df. Dies war der Mittelpunkt seiner Existenz. Besonders ist mir eine Szene im Ged\u00e4chtnis geblieben: Der Mann kauerte nackt und angekettet auf dem Fu\u00dfboden, w\u00e4hrend er auf die Verdauungsprodukte seiner jungen Herrin wartete, die ihm bald in einem Hundefressnapf vorgesetzt wurden. \u201eF\u00fcr mich ist es befreiend gewesen,\u201c meinte er ausgerechnet in dieser Haltung, \u201eich bin stolz darauf, dass ich zu meinen Bed\u00fcrfnissen stehen kann und finde, dieses Thema darf kein Tabu mehr sein.\u201c <br \/>\nDer Film kam an dem Tag ins Programm, als in Berlin die Mauer ge\u00f6ffnet wurde und die Freiheit westlicher Provenienz \u00fcber das sp\u00e4tere ostdeutsche Beitrittsgebiet hereinbrach. Dies war sicherlich Zufall, entbehrte aber nicht einer gewissen sinisteren Komik. Es handelte sich hierbei in keiner Weise um Pornographie, der Film war informierend, sogar aufkl\u00e4rend gemeint. Das Kino war trotz der aufw\u00fchlenden Zeitereignisse ausgesprochen gut besetzt. Ich musste damals auch an das Schlagwort der \u201evon der Liebe befreiten Sexualit\u00e4t\u201c denken, dessen sich dann wieder viele homosexuelle M\u00e4nner so sehr r\u00fchmen. <\/p>\n<p>Diese Inserate und die in ihnen dokumentierten sexuellen W\u00fcnsche sind weder Einzel- noch Extremf\u00e4lle, sondern allt\u00e4glich und weit verbreitet. Andernfalls w\u00e4re es auch unm\u00f6glich, dass ein kompletter Industriezweig von ihnen profitiert. (\u00dcbrigens wird in diesem Zusammenhang nicht zuletzt immer wieder offenbar, wie stark homosexuelle W\u00fcnsche auch bei Familienv\u00e4tern ausgepr\u00e4gt sind. Dies belegte bereits in den 40iger Jahren der sogenannte \u201eKinsey-Report\u201c in den USA. Man kann also in keiner Weise behaupten, die gleichgeschlechtliche Orientierung sei die Angelegenheit einer gesellschaftlichen Minderheit.) Ich m\u00f6chte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich keineswegs die Auffassung vertrete, Sexualit\u00e4t k\u00f6nne oder d\u00fcrfe nur im Rahmen einer festen Partnerschaft, ausschlie\u00dflich mit demselben Partner, derselben Partnerin, nur zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts oder lediglich zum Zweck der Zeugung eines Kindes stattfinden. Das w\u00e4re l\u00e4cherlich. Ich kann auf die von mir erw\u00e4hnten Inserate weder emp\u00f6rt, angewidert, am\u00fcsiert noch geh\u00e4ssig reagieren. F\u00fcr mich sind diese Gesuche gerade in ihrer K\u00fcrze und notwendigen Klarheit auch Tr\u00e4ger von indirekten Botschaften und diesen gilt mein Interesse.<br \/>\nDie Botschaft besteht f\u00fcr mich in einem Bild, in einer Momentaufnahme: Ein sehr kleines Kind wird auf gewaltt\u00e4tige Art und Weise immer wieder von den Eltern kujoniert, die ihren Spa\u00df dabei haben, die Lust erleben, weil sie nun endlich ein Wesen gefunden haben, das sie nach Belieben unterwerfen und gef\u00fcgig machen, dessen K\u00f6rper sie bis in alle intimen Funktionen unter ihre st\u00e4ndige Kontrolle bringen k\u00f6nnen. Ein Kind ist gezwungen, die Z\u00fcchtigungen, die es erf\u00e4hrt, als angemessen und gerechtfertigt zu empfinden, um sich die Existenz der Eltern zu bewahren. Die Unterwerfung wird, wenn sie h\u00e4ufig genug stattfindet, zur Normalit\u00e4t, Allt\u00e4glichkeit. Aus den vom Kind so sehr gef\u00fcrchteten Schl\u00e4gen, werden im Laufe einer Biographie geliebte und ersehnte Schl\u00e4ge. Der K\u00f6rper erz\u00e4hlt zwanghaft die Geschichte der fr\u00fchesten Erfahrungen eines Kindes, die vom Erwachsenen aber nicht verstanden wird, weil die seltsame Lust von Mutter oder Vater in ihn eingegangen ist, den K\u00f6rper vollst\u00e4ndig besetzt h\u00e4lt. Man kann auch sagen, dass die kujonierenden Eltern weiterhin ihr Unwesen im erwachsenen Menschen treiben, nach wie vor die Regie \u00fcber das Leben \u00fcbernehmen. Wie sonst sollte es m\u00f6glich sein, dass jemand, der gerade gefesselt und geschlagen wird, davon spricht, nun endlich seine Freiheit gefunden zu haben. Vielleicht sind dabei Menschen, die sich in die Rolle des Leidenden, Erduldenden phantasieren, der Realit\u00e4t ihrer Kindheit noch n\u00e4her, als jene, deren Selbstbild vollst\u00e4ndig mit den aggressiven Eltern verschmolzen zu sein scheint.<br \/>\nMan mag sich diesen Gedankeng\u00e4ngen anschlie\u00dfen oder nicht, einleuchtend werden sie jedenfalls f\u00fcr mich durch die Tatsache, dass immer eine Assoziationsm\u00f6glichkeit zu einem Eltern-Kind-Verh\u00e4ltnis nahe liegt. Stets wird eine Person mit einem sehr genauen und entweder der Eltern- oder Kindfigur entsprechenden \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild gesucht, der Altersunterschied ist oft erheblich und das verwendete Vokabular ist nur allzu bekannt, es entstammt ohne Ausnahme der \u201eSchwarzen P\u00e4dagogik\u201c. Ich habe mich bewusst auf Inhalte konzentriert, die relativ leicht einen Bezug zur Kindheit sichtbar machen k\u00f6nnen und zugleich faktische \u00c4hnlichkeiten mit den Misshandlungen im Irak aufweisen. Damit m\u00f6chte ich die Menschen, die beispielsweise entsprechende Kontaktanzeigen aufgaben, nicht mit den misshandelnden Milit\u00e4rs, von denen ich in meinen \u00dcberlegungen ausging, gleich setzen. Ich halte es allerdings f\u00fcr bedeutsam, dass die enth\u00fcllten Inszenierungen im Irak Gegenstand der sexuellen Phantasien und Praktiken vieler Menschen sind. Warum also sollte es erstaunlich sein, dass Soldaten und Soldatinnen einer westlichen Armee sowie diejenigen, die ihnen spezielle Verh\u00f6rmethoden nahe legen und diese entwickeln, nicht ebensolche sexuellen W\u00fcnsche haben, die sie nun (was ich f\u00fcr entscheidend halte) in einer realen und nicht im Rollenspiel vereinbarten Misshandlungs- und Erniedrigungssituation umsetzen k\u00f6nnen. Die Erniedrigung muss nicht mehr nur phantasiert oder gespielt werden, jetzt endlich kann man sie in der Tat praktizieren. <\/p>\n<p>Anzeigen in seri\u00f6sen Zeitschriften m\u00fcssen sich sprachlich wie inhaltlich immer noch an gewisse Gepflogenheiten halten. Hier sind es auch \u00fcberwiegend M\u00e4nner, die sich auf die Suche begeben, wie sie sich ihre besonderen W\u00fcnsche erf\u00fcllen k\u00f6nnten. Das Internet bietet aber durch den Schutz seiner Anonymit\u00e4t und seine Unkontrollierbarkeit ein Feld f\u00fcr ganz offen vorgetragene sexuelle Obsessionen, die sehr deutlich machen, von welchen Zw\u00e4ngen viele Menschen unserer Gesellschaft, M\u00e4nner wie Frauen, besetzt sind. Hier wird dann der Zusammenhang zum sexuellen Missbrauch und zur k\u00f6rperlichen Misshandlung des Kindes durch die Eltern offener artikuliert und somit evident. Jeder Mensch, der \u00fcber einen Internetzugang verf\u00fcgt, kann dies m\u00fchelos nachpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Das Internet als \u201eHauptumschlagplatz\u201c gewerblicher und nicht-gewerblicher Kinderpornographie im strafrechtlichen Sinne wird gelegentlich in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert. Auch au\u00dferhalb der aktuellen juristischen Tragweite offenbaren die Kommunikationsm\u00f6glichkeiten des Mediums, wie stimulierend die Vorstellung, mit einem Kind sexuell zu verkehren oder es zu dem\u00fctigen und zu schlagen, offenbar ist. Der Anblick eines unbekleideten Kindes besonders in der Vorpubert\u00e4t ist f\u00fcr viele M\u00e4nner und Frauen anscheinend unglaublich erregend.<br \/>\nAllein der Anbieter Yahoo verf\u00fcgt \u00fcber zahlreiche Gruppen, die angeblich Kindern und Jugendlichen ein Forum f\u00fcr ihre verschiedensten Interessen er\u00f6ffnen sollen. Diese Interessen sind recht eindeutig: \u201eFreik\u00f6rperkultur\u201c bzw. \u201eFKK\u201c, verbunden mit der Bitte an die Kinder, diverse Fotos von sich einzusenden, auf denen sie unbekleidet zu sehen sind; Austauschm\u00f6glichkeiten \u00fcber sexuelle Fragen und Erfahrungen; Kontaktforen f\u00fcr Kinder und Jugendliche, teilweise nach Geschlechtern getrennt. Dass hier eher eine Stimulation f\u00fcr Erwachsenenphantasien geschaffen wurde, liegt auf der Hand.<br \/>\nVor allem sprechen die Themen der im gesamten Internet von Nutzern immer wieder eingerichteten und frei zug\u00e4nglichen Chat-R\u00e4ume f\u00fcr sich: \u201eInzest\u201c, \u201eVaterundSohn\u201c, \u201eSohnaufMutter\u201c, \u201eBruderundSchwester\u201c, \u201eMutterundTochtergesucht\u201c, \u201ePapisSuesse\u201c, \u201eRohrstockfuerKids\u201c, \u201efreieEltern\u201c, \u201estrengeEltern\u201c, \u201eFamilienFKK\u201c, \u201eTeenies\u201c, \u201enurbis7jahre\u201c, \u201ewinzigeMuschi\u201c, \u201eSusi12Jbrauchtes\u201c \u2013 die Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen. <br \/>\nEin hohes Erregungspotential kommt offensichtlich auch der Vorstellung des erzwungenen sexuellen Verkehrs von Frauen und M\u00e4dchen mit Tieren zu, was folgende h\u00e4ufig auftauchende Raumnamen plausibel machen: \u201evonHundgenommen\u201c, \u201etierliebesiegesucht\u201c.<br \/>\nAlle diese R\u00e4ume werden in hohem Ma\u00dfe frequentiert und belegen sowohl die Wurzel als auch den zentralen Inhalt der Perversion. Dabei dr\u00e4ngt sich mir die Frage auf: Sind wir eine p\u00e4dophile Gesellschaft?<\/p>\n<p>Der Kern der Perversion ist nicht nur (ob in der Phantasie oder der Realit\u00e4t) das Erniedrigen und Zuf\u00fcgen von Schmerz, das Brechen des Willens, das vielf\u00e4ltige Benutzen eines K\u00f6rpers, sondern vermutlich ausnahmslos gebunden an das fr\u00fche, sehr konkrete Verh\u00e4ltnis zwischen Eltern und Kind. Dies dokumentieren die Inszenierungen im Rahmen der Perversion teils verschl\u00fcsselt oder symbolisch, sehr oft aber auch eindeutig und unmittelbar. F\u00fcr die der Perversion immanente Botschaft spielt es dabei keine Rolle, ob die Inszenierung lediglich phantasiert oder in die Tat umgesetzt wird. <br \/>\nDeutlich wurde bereits, dass die Inszenierung sehr h\u00e4ufig bestimmter Gegenst\u00e4nde und Kleidungst\u00fccke bedarf. Der \u201eFetisch\u201c hat als magisches Objekt urspr\u00fcnglich eine religi\u00f6se Bedeutung; hier verst\u00e4rkt und symbolisiert er das Gef\u00fcge, das System von Macht und Ohnmacht, Unterwerfung und Dem\u00fctigung, von Terrorisierung und Angst. Der Fetisch kann aber auch als Medium dienen, \u00fcber die herk\u00f6mmlichen Praktiken der Selbstbefriedigung hinaus eine angstfreie Sexualit\u00e4t ohne jede Bindung, Beziehung, ohne Kontakt und die Anwesenheit eines anderen Menschen zu erm\u00f6glich. Kann man in diesem Fall von einer Art autistischer Sexualit\u00e4t sprechen, der eine gro\u00dfe Furcht vor N\u00e4he zugrunde liegt? Und wenn das so ist, wer hat auf welche Art und Weise das Kind derartig ge\u00e4ngstigt, dass der Erwachsene sp\u00e4ter keine N\u00e4he mehr ertragen kann? Auf diese Fragen brachte mich eine vor wenigen Tagen im Fernsehen ausgestrahlte Dokumentation \u00fcber \u201esexuelle Abweichungen\u201c. Ein Mann berichtete, dass er sich mittels eines sehr speziellen Gegenstandes \u201eOrgasmen\u201c verschaffen k\u00f6nne, die er im Kontakt mit einer Frau niemals erlebe. Diese Entdeckung habe ihn unabh\u00e4ngig von Beziehungen gemacht, er m\u00fcsse auch nicht mehr nach Kontakten suchen, der Fetisch st\u00e4rke seine Autonomie und Freiheit. \u201eWarum sollte ich auf die Lust verzichten, die ich auf diese Weise erreichen kann?\u201c, fragte der Mann. Ich habe immer gedacht, dass die Perversion sehr oft einsam macht, aber dieser Mann schien in keiner Weise so zu empfinden. Im Gegenteil: Offenbar hatte er f\u00fcr irgendetwas eine ideale L\u00f6sung gefunden.<\/p>\n<p>Ein Kind ist mit einem Vater oder einer Mutter konfrontiert, die es mit Schl\u00e4gen bedrohen, durch Anschreien in Panik versetzen, durch verbale Beleidigungen und erniedrigende Z\u00fcchtigungen etwa mit Gegenst\u00e4nden auf das nackte Ges\u00e4\u00df dem\u00fctigen. Die Eltern machen das Kind zum Container, zum M\u00fclleimer ihrer frei flottierenden Aggressionen. Das Kind erleidet H\u00f6llenqualen, es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht st\u00e4ndig Angst vor den Schmerzen der k\u00f6rperlichen Z\u00fcchtigung haben muss. Wo der Erwachsene vielleicht noch notgedrungen die Z\u00e4hne zusammen bei\u00dfen k\u00f6nnte, wird der kindliche K\u00f6rper von Schmerz \u00fcberflutet. Ein Kind muss durch die physische St\u00e4rke der Eltern das Gef\u00fchl haben, es werde umgebracht. Das Kind wei\u00df nicht, wann der Vater oder die Mutter die Z\u00fcchtigung beenden. Es wei\u00df nur, dass es jederzeit f\u00fcr jeden beliebigen Vorfall, den die Eltern als Vergehen erachten, mit Schl\u00e4gen rechnen muss. Ist schon der sogenannte \u201eKlapps\u201c eine Dem\u00fctigung, so sind die mit St\u00f6cken, Kleiderb\u00fcgeln, K\u00fcchenutensilien verabreichten Pr\u00fcgel nichts anderes als Folter. Ein gr\u00f6\u00dferes Kind wird dar\u00fcber nachdenken, wie es die Wut der Eltern vermeiden kann. Es wird aber die Erfahrung machen, dass diese Wut, was auch immer das Kind unterl\u00e4sst, wie sehr es sich auch bem\u00fchen mag, nicht erlischt. Der Furor der misshandelnden Eltern ist zumindest als Bedrohung stets allgegenw\u00e4rtig. Das Kind leidet unter den Schmerzen, es f\u00fchlt sich wie Unrat, nichtsw\u00fcrdig, erb\u00e4rmlich, falsch, vielfach w\u00e4re es lieber tot, sein Leben ist zur H\u00f6lle geworden. <br \/>\nAber auch Eltern, die ihr Kind nicht schlagen, sondern es mit Worten und Gesten in besch\u00e4mende, entwertende, erniedrigende Situationen bringen, Eltern, die dem Kind immer wieder zeigen, dass sie es nicht leiden k\u00f6nnen, dass es unerw\u00fcnscht, \u00fcberfl\u00fcssig, l\u00e4stig ist, vermitteln dieselbe Botschaft: Wer bist du schon, du hast kein Recht auf deine Existenz; so wie du bist, bist du unertr\u00e4glich, eine Quelle st\u00e4ndigen Missbehagens. Bist du eigentlich nicht viel mehr als ein Haufen Kot?<\/p>\n<p>Ein Vater, der seine Tochter nicht penetriert, sondern lediglich mit Blicken verfolgt oder zuf\u00e4llig, zuf\u00e4llig beim Spiel oder im Badezimmer die Vagina seiner kleinen Tochter immer wieder ber\u00fchrt (\u201ekille, kille, was ist schon dabei\u201c), vermittelt ohne Worte die Botschaft: Du bist ein Gegenstand, ein St\u00fcck Fleisch, du machst mich geil. Ich kann mit dir nichts anfangen, aber dein kleiner K\u00f6rper ist die unersch\u00f6pfliche Quelle meiner Gier, deshalb darfst du existieren. Geschieht etwas Besonderes? Die lustigen, spa\u00dfigen spielerischen Ber\u00fchrungen des Vaters wird das kleine M\u00e4dchen weder deuten noch einordnen oder reflektieren k\u00f6nnen. Papa hat seine kleine Prinzessin ja nur lieb. Aber der K\u00f6rper des M\u00e4dchens registriert auf einer ganz anderen Ebene jeden Vorgang, er registriert den geilen, den gierigen Blick des Vaters, der eingeht in den K\u00f6rper der Tochter, die sich mit eben diesen Augen sehen muss. Der gierige und stets entwertende Blick des Vaters wird zu dem Blick, mit dem sich die Tochter in Zukunft und oft auch f\u00fcr immer wahrnehmen wird: Meine Existenzberechtigung ist deine Gier, mich selbst gibt s doch gar nicht. <br \/>\nEine Mutter herzt ihren kleinen Sohn. Lachend spielt sie beim Baden oder Anziehen mit seinem Penis. Wie lustig dieser kleine \u201eSchnulli\u201c, \u201ePimmel\u201c, \u201ePippimann\u201c, das \u201ePimmelchen, Schniedelchen, Schw\u00e4nzchen\u201c doch ist. Wie besorgt diese Mutter scheinbar um das Wohlergehen des Sohnes ist, indem sie eifrig die Vorhaut vor und zur\u00fcck schiebt. Wie sie den kleinen Penis ihres Sohnes doch stimulieren, manipulieren, kontrollieren kann. Sie muss diesen kindlichen Penis in keiner Weise f\u00fcrchten, er kann ihr nichts antun, ist gar nicht bedrohlich. Doch welches Bild wird sie ihrem kleinen Sohn vermitteln von seiner M\u00e4nnlichkeit, von seinem Geschlecht? Gilt ihm, dem Sohn, ihre volle Aufmerksamkeit, findet sie an dem Kind Gefallen, Vergn\u00fcgen oder an seinem Penis, der zu ihrem Spielzeug geworden ist? <br \/>\nDer Sohn wird notgedrungen die lustigen Spielchen, den Spa\u00df der Mutter als den seinen empfinden m\u00fcssen, denn wie k\u00f6nnte ein Kind ertragen, dass es ein \u201eNichts\u201c ist, das ihm die Seele abgesprochen wird, dass es in den Augen der Mutter, ein Gegenstand ist, ein Objekt, ein Ding, dass es f\u00fcr seine Sehnsucht, ganz einfach geliebt zu werden und gl\u00fccklich zu sein, keine Chance gibt. Der kleine Junge lebt in der H\u00f6lle, aber er ist gezwungen, diese H\u00f6lle als Paradies zu betrachten. <br \/>\nOb dieser Junge sp\u00e4ter dem Ekel vor der Mutter dadurch zu entgehen sucht, indem er den sexuellen Kontakt mit M\u00e4nnern vorzieht, oder etwa in Chatr\u00e4umen, Pornokinos, am Stammtisch gemeinsam mit anderen M\u00e4nnern \u00fcber \u201edie dreckigen Fotzen\u201c herzieht, denen man \u201ees mal so richtig besorgen m\u00fcsste\u201c, mag auch von dem Bild abh\u00e4ngen, das der Vater von sich, von M\u00e4nnlichkeit vermittelt hat. War er schwach und hilflos, stand selbst unter der Knute der Mutter, konnte dem Sohn keinen Schutz bieten und hinterlie\u00df eine lebenslange Sehnsucht, oder pr\u00e4sentierte er sich cholerisch, laut, gewaltt\u00e4tig als Patriarch und somit innerhalb der Familie seine reale Macht, die der Sohn aus Furcht bewundern musste? <br \/>\nEine Mutter bekommt ein Kind und ist vom ersten Tag seines Lebens an fortw\u00e4hrend um die Ausscheidungen dieses Kindes besorgt, sie kontrolliert st\u00e4ndig den K\u00f6rper, zeigt dem Baby ihren Abscheu vor den nat\u00fcrlichsten K\u00f6rperfunktionen, bestraft das Kind, wenn es diese nicht kontrollieren kann, ger\u00e4t au\u00dfer sich und vermittelt dem Kind: Was ich deinen Ausscheidungen gegen\u00fcber empfinde, empfinde ich deinem K\u00f6rper, also dir gegen\u00fcber, dem kleinen Wesen, das du bist. Der Erwachsene kann sich an diese sehr fr\u00fchen Erfahrungen selbst beim besten Willen nicht erinnern, was bleibt ihm \u00fcbrig, als sie immer wieder zu inszenieren. Er mag der jetzt alten Mutter sogar zugetan sein, aber der K\u00f6rper erz\u00e4hlt immer wieder die Botschaft: Schau doch, wie sie wirklich zu dir war, sieh doch, wie ihre wahren Gef\u00fchle f\u00fcr dich gewesen sind. Diese Frau war ein Monster. Sie hat dich im wahrsten Sinne des Wortes f\u00fcr Schei\u00dfe gehalten.<\/p>\n<p>Das Verdrehte der Perversion wird sehr deutlich. Aus der einstigen Angst und dem Schmerz werden scheinbare Lust, aus dem Ekel angebliches Vergn\u00fcgen. Der Terror war f\u00fcr das Kind so allt\u00e4glich, dass der Erwachsene ihn nicht wahrnehmen kann. Das so eindeutige Bild f\u00fcr Unfreiheit, gefesselt zu sein, geknebelt oder angekettet, wird zum Synonym f\u00fcr Freiheit.<br \/>\nEinmal unterhielt ich mich mit einem Mann, der mir sehr selbstbewusst erz\u00e4hlte, wie er Vergn\u00fcgen dabei empfinde, sich beim Sex von anderen M\u00e4nnern auspeitschen und sich mit verschiedenen Ger\u00e4ten, Klammern zum Beispiel, an den Genitalien und den Brustwarzen qu\u00e4len zu lassen. Ich f\u00fchle nicht den geringsten Schmerz dabei, meinte er durchaus stolz. Das kenne ich von mir auch, antwortete ich, aber nicht als Erwachsener. Als Kind wurde ich von meiner Mutter so geschlagen, dass ich Angst hatte, sterben zu m\u00fcssen. Aber eines Tages, im Alter von neun Jahren, entdeckte ich einen Trick. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich buchst\u00e4blich meinen K\u00f6rper verlassen und habe tats\u00e4chlich keine Schmerzen empfunden. Darauf war ich stolz, denn diese Entdeckung rettete mir das Leben. Nur stand ich viel sp\u00e4ter vor der Frage, wie ich in diesen K\u00f6rper wieder zur\u00fcck kehren, wie ich ganz nat\u00fcrliche und berechtigte Gef\u00fchle wieder f\u00fchlen kann. Der Mann stand abrupt auf und ging, ohne ein Wort zu sagen. Meine Antwort war ihm vermutlich zu viel gewesen. <br \/>\nDie Abwesenheit der angemessenen, authentischen Gef\u00fchle und Reaktionen, das Vermeiden k\u00f6rperlicher und emotionaler N\u00e4he zeigt die Angst des sehr kleinen Kindes, die Einsamkeit und die K\u00e4lte, in der es aufwachsen musste. Das Leiden dieses Kindes ist nur noch bildhaft in der Inszenierung sichtbar. Ich frage mich, wie aus einem Kind, das so fr\u00fch zum Objekt gemacht wurde, ein Erwachsener werden soll, der als Subjekt, Herr seiner selbst die Freiheit von der Unfreiheit unterscheiden kann. Denn schlie\u00dflich wurde ihm die Unfreiheit von Anfang an als Segen und Notwendigkeit verkauft. Die Misshandlung, das Ignorieren seiner Bed\u00fcrfnisse geschahen bekanntlich zu seinem Besten. <\/p>\n<p>Die Bed\u00fcrfnisse eines Kindes sind sehr einfach und klar: Nahrung, Pflege, Ansprache, k\u00f6rperliche und emotionale Zuwendung. Werden diese Bed\u00fcrfnisse nicht erf\u00fcllt, muss das Kind sterben. Ein Mensch, der von Anfang seines Lebens an nur Gewalt als einzige Ber\u00fchrung und Antwort erf\u00e4hrt, wird diese, auch wenn sie schmerzhaft war, immer wieder suchen m\u00fcssen. Er ist, wie das ber\u00fchmte G\u00e4nsek\u00fccken bei Konrad Lorenz, konditioniert auf die erste Begegnung. Ein Kind, dessen Bed\u00fcrfnisse st\u00e4ndig ignoriert wurden, weil sein K\u00f6rper, weil der ganze kleine Mensch lediglich den pervertierten sexuellen und emotionalen Bed\u00fcrfnissen der Eltern diente, hatte niemals die Chance, seine eigenen Bed\u00fcrfnisse wahrzunehmen und zu entwickeln. Der Erwachsene wird wom\u00f6glich nicht einmal wissen, dass er sehr fr\u00fch etwas vollkommen anderes brauchte, als er erhielt. Er war der M\u00fclleimer f\u00fcr die entfremdeten perversen W\u00fcnsche der Eltern, die so zu den eigenen wurden. Zumindest f\u00fchlt es sich so an. Wie soll er nun zwischen lebensbejahenden und destruktiven, k\u00fcnstlichen, ihm aufgezwungenen Bed\u00fcrfnissen im pers\u00f6nlichen, aber auch im gesellschaftlichen Bereich unterscheiden k\u00f6nnen. <br \/>\nEs gibt auch Kinder, die weder misshandelt noch missbraucht, stattdessen mit zahlreichen materiellen Dingen \u00fcberh\u00e4uft und mit dem Fernsehger\u00e4t oder dem Computer als Kommunikationsersatz abgespeist werden, weil ihre Eltern als Personen kaum pr\u00e4sent sind. Vielleicht sind die Eltern zu sehr mit der Planung ihrer Karriere besch\u00e4ftigt. Das Kind mag glauben, dass es doch alles hat, was es braucht, mehr hat als andere Kinder, doch die Gleichg\u00fcltigkeit und Ignoranz der Eltern gegen\u00fcber seinen echten Bed\u00fcrfnissen verhindert, dass es mit diesen lebensnotwendigen Informationen \u00fcberhaupt in Kontakt kommen kann. Der Erwachsene hat kaum eine andere Wahl, als die Ignoranz der Eltern als Haltung zu \u00fcbernehmen und wird sp\u00e4ter wom\u00f6glich allein deswegen zufrieden sein, wenn er am allgemeinen Konsum teilhaben darf, zumal diese M\u00f6glichkeit inzwischen zu einem Luxus geworden ist.<\/p>\n<p>Ich meine, dass in diesen individuellen Pr\u00e4gungen eines Kindes sehr wohl eine Ursache f\u00fcr die Entwicklung der fatalen Toleranz f\u00fcr destruktive Entscheidungen etwa im Rahmen der Politik zu sehen ist. Die Menschen lernen fr\u00fch, zu dulden, was die \u201eda oben\u201c, \u201edie Gro\u00dfen\u201c treiben. Manche werden eifrige Kunden der Pornoindustrie, die ihnen ihrerseits suggeriert, dass ihre Verletzungen und Verbiegungen nicht nur ganz normal, sondern sogar erw\u00fcnscht sind. Die Pornoindustrie verbreitet in Bildern eine den Predigten der Politik verwandte Botschaft: Preise uns. Du bist frei, du kannst tun und lassen, was du willst. Nur stelle diese Freiheit nicht in Frage. <br \/>\nWie ein Kind, das froh und dankbar ist, wenn es vom gewaltt\u00e4tigen Vater einmal nur angeschrieen und nicht geschlagen wurde, wird ein fr\u00fch verwirrter Mensch zufrieden und dankbar sein, in einer Welt zu leben, die ihm sogar erlaubt, die Exkremente anderer Personen zu verspeisen. Kann es einem besser gehen? Man muss nur einer der zahlreichen Polit-Runden im Fernsehen aufmerksam zuh\u00f6ren und wird immer wieder feststellen, wie Kritiker unserer aktuellen Lebensweise mit dem nur m\u00fchsam gez\u00fcgelten Hass der anwesenden Politprominenz jeder Couleur abgekanzelt werden: Ich bitte Sie, nat\u00fcrlich haben wir Probleme, aber man muss das Positive sehen, und die Probleme werden wir selbstverst\u00e4ndlich l\u00f6sen. Seien Sie froh, dass Sie hierzulande so frei sprechen d\u00fcrfen, andernorts w\u00fcrden Sie f\u00fcr solche Meinungen ins Gef\u00e4ngnis gesteckt oder an die Wand gestellt. Sollen solche und \u00e4hnliche \u00c4u\u00dferungen suggerieren, dass wir denjenigen, die uns regieren, dankbar sein m\u00fcssen, wenn sie uns nicht standrechtlich exekutieren oder foltern lassen? Die Enth\u00fcllungen im Irak k\u00f6nnten dies nahe legen. Mit Blick zum Beispiel auf die besondere deutsche Geschichte w\u00e4re sogar ein Fortschritt zu verzeichnen. Allerdings haftet dann dem Fortschritt in meinen Augen auch etwas Perverses an.<\/p>\n<p>Mich kann man nicht von der These \u00fcberzeugen, dass es eine der Gattung Mensch innewohnende Lust an der Zerst\u00f6rung gebe. Ich glaube jedoch, dass es einen Zwang zur Rache gibt und ein inneres Getriebensein, die fr\u00fchen Verletzungen immer wieder zu inszenieren. Diese Zw\u00e4nge bleiben wahrscheinlich so lange bestehen, wie die Blindheit des Kindes f\u00fcr den wahren Charakter der Eltern nicht aufgel\u00f6st wurde. Sobald ein Mensch aber anf\u00e4ngt, die Realit\u00e4t seiner Kindheit zu sehen und damit zwangsl\u00e4ufig die Eltern durchschauen lernt, wird er auch die Welt, in der er lebt, mit anderen Augen, manchmal sogar mit dem b\u00f6sen Blick wahrnehmen.\n<\/p><\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/faq-wie-findet-man-einen-guten-therapeuten\/\">FAQ: Wie findet man<br \/>\neinen guten Therapeuten ?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Alice Miller<\/div>\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/therapeutenliste\/\">Therapeutenliste<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auflosung-der-folgen-von-kindesmisshandlungen\/\">Aufl\u00f6sung der Folgen von Kindesmisshandlungen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wir-konnen-die-ursachen-fur-unser-leiden-finden\/\">Wir k\u00f6nnen die Ursachen f\u00fcr unser Leiden finden<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/aus-dem-gefangnis-der-schuldgefuhle\/\">Aus dem Gef\u00e4ngnis der Schuldgef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-fall-jessica\/\">Der Fall Jessica<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-blanke-sadismus\/\">Der blanke Sadismus<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-langste-weg\/\">Der l\u00e4ngste Weg<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/was-ist-hass\/\">Was ist Hass?<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/emporung-als-vehikel-der-therapie\/\">Emp\u00f6rung als Vehikel der Therapie<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/depression-der-zwang-zum-selbstbetrug\/\">Depression &#8211; 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oder Der blinde Fleck unserer Kultur<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/abschied-von-den-eltern\/\">&#8222;Abschied von den Eltern&#8220;<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-2\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 2<\/a><\/li><li class=\"current\"><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/perversion-und-gesellschaft-teil-1\/\">Perversion und Gesellschaft, Teil 1<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/geborgenheit-in-der-moral-oder-die-wahrheit-der-erfahrungen\/\">Geborgenheit in der Moral oder Die Wahrheit der Erfahrungen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/auf-der-suche-nach-der-eigenen-geschichte-der-schriftsteller-jurek-becker\/\">Auf der Suche nach der eigenen Geschichte: Der Schriftsteller Jurek Becker<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/die-doppelte-falle\/\">Die doppelte Falle<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\" style=\"margin-bottom:15px;\">Klaus Schlagmann<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a href=\"\/de\/krankenkassen-finanzieren-die-lobbyarbeit-fur-\nkinderschander\/\">Krankenkassen finanzieren die Lobbyarbeit f\u00fcr<br \/>\nKindersch\u00e4nder<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">Claudio Breda<\/div>\n<ul class=\"fleche\" style=\"margin-top:15px;\">\n<li class=\"fleche\"><a \nhref=\"\/de\/bloss-nie-nachgeben-2\/\">Bloss nie nachgeben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Gruner Perversion und Gesellschaft, Teil 1Wednesday 30 June 2004 Perversion und Gesellschaft \u00dcber das Leben im Paradies Vorspann: Einige Fragen an mich selbst und die Antworten Glaubst du, dass alle Menschen oder alle Politiker pervers sind? Nein. \u2013 Glaubst du, dass jeder Mensch in der Kindheit misshandelt und missbraucht wurde? Auf keinen Fall, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76],"tags":[],"class_list":["post-2961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tg"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2961"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2962,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2961\/revisions\/2962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}