{"id":2986,"date":"2003-01-02T15:30:03","date_gmt":"2003-01-02T14:30:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2986"},"modified":"2015-12-02T15:48:13","modified_gmt":"2015-12-02T14:48:13","slug":"destruktivitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/destruktivitat\/","title":{"rendered":"Destruktivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/h1>\n<h2>Destruktivit\u00e4t<\/h2>\n<ol>\n<li><a href=\"\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Einleitung<\/a><\/li>\n<li>Destruktivit\u00e4t<\/li>\n<li><a href=\"\/de\/sadismus\/\">Sadismus<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/der-private-wahn\/\">Der private Wahn<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/folgen-fur-jede-gesellschaft\/\">Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/zum-schluss\/\">Zum Schluss<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Als Sie sich 1980 in &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; mit der Kindheit Adolf Hitlers besch\u00e4ftigten und nachwiesen, dass der sp\u00e4tere Sadismus des F\u00fchrers sehr wohl auf seine Erlebnisse mit dem Vater zur\u00fcck gef\u00fchrt werden kann, wurde Ihnen entgegnet, diese Argumentation sei monokausal. Ich selbst denke, dass Hitler eben kein singul\u00e4res Ph\u00e4nomen darstellt und dass es nach wie vor Menschen mit seinem Charakter, mit seinen St\u00f6rungen und seinen Perversionen gibt. Nat\u00fcrlich bekommen nicht alle diese Leute politische Macht. Sie kommen an die Macht, wenn ihnen (wie im Falle Hitlers) aufgrund politischer und \u00f6konomischer Interessen die M\u00f6glichkeit dazu gegeben, wenn ihnen also gleichsam die Macht vor die F\u00fc\u00dfe gelegt wird. Nur kann man den speziellen Charakter des damals von den meisten Deutschen so sehr verg\u00f6tterten F\u00fchrers schwerlich allein aus \u00f6konomischen oder politischen Verh\u00e4ltnissen heraus erkl\u00e4ren. Diese Verh\u00e4ltnisse pr\u00e4gen das Leben der Menschen, aber die Grundlage f\u00fcr den sp\u00e4teren Hass, den Sadismus, die Wahnvorstellungen erwerben Menschen wie Hitler sehr fr\u00fch bei den Eltern.<\/p>\n<p>Man muss sich einfach vor Augen halten, dass noch eine im Jahre 2000 von UNICEF unterst\u00fctzte Untersuchung \u00fcber Gewalt gegen Kinder die Hochrechnung erlaubt, dass weltweit 80 bis 90 Prozent aller Kinder in der elterlichen und schulischen Erziehung teilweise massiver Gewalt ausgesetzt sind. Darauf weist auch der Professor f\u00fcr Literatur Olivier Maurel in Frankreich immer wieder hin. Das ist der Hintergrund der Themen, die wir diskutieren, den man nicht vergessen darf.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sie sind in Ihren B\u00fcchern neben Hitler auch immer wieder auf andere Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts wie Stalin oder Ceausescu eingegangen und haben ein Muster sichtbar gemacht: Was in den Familien geschieht, kann unter speziellen Konstellationen auf die gesamte Gesellschaft zur\u00fcckschlagen. Diese Diktaturen geh\u00f6ren der Vergangenheit an. Wir r\u00fchmen uns heute der Freiheit und Demokratie, wobei die j\u00fcngsten Ereignisse im Irak eine etwas bizarre Vorstellung von Freiheit enth\u00fcllten, der die westlichen Gesellschaften offenbar anheim gefallen sind. Was ist also heute an der Figur Hitler noch bedeutsam? Ich meine immer, dass Menschen mit einem Charakter, wie Hitler ihn hatte, im Familienverband weiterhin ihre Kinder terrorisieren und tyrannisieren und sie auch einem (totalit\u00e4ren) Regime unterwerfen k\u00f6nnen, wie Hitler dies mit den Deutschen tat.<\/p>\n<p>Es ist wahr, dass diese Systeme in Deutschland und auch anderswo immer noch funktionieren, dass ein Patriarch sich alle anderen in der Familie unterwirft und so unter Umst\u00e4nden einen Tyrannen produzieren k\u00f6nnte, der sp\u00e4ter bewundert wird. Aber ich w\u00fcrde meinen, dass seit einigen Jahren die Erziehung der Kinder doch nicht die gleiche Form behalten hat; es gen\u00fcgt heute nicht mehr, dass einer einem Angst macht, und schon hat er die ganze Macht. Ich habe den amerikanischen Film von Winkler \u00fcber Hitler gesehen, der vor etwa einem Jahr gedreht wurde (deutscher Titel: &#8222;Der Aufstieg des B\u00f6sen&#8220;). Ich glaube, es wurde sehr realit\u00e4tsgerecht gezeigt, wie Hitler durch seine Wutausbr\u00fcche die anderen sofort zum Schweigen brachte und wie sie in Angst vor ihm erstarrten, wenn er sich so geb\u00e4rdete wie sein Vater einst mit ihm. Da kann ich mir vorstellen, dass heute, 70 Jahre sp\u00e4ter, diese Angst vielleicht nicht mehr geschlossen auftreten, sondern dass er auf mehr Menschen l\u00e4cherlich wirken w\u00fcrde, die eben toleranter und freiz\u00fcgiger aufgewachsen sind. Das ist heute anders. Ich w\u00fcrde meinen, dass jenes Auftreten eines brutalen Vaters, wie es Hitler der deutschen Bev\u00f6lkerung vorf\u00fchrte und in Erinnerung rief, heute nicht mehr auf diese Art und Weise m\u00f6glich w\u00e4re. Die Skinheads und die Rechtsradikalen haben ja auch diese zackigen Manieren, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass heute ein ganzes Volk hinter denen hermarschieren w\u00fcrde. Oder was meinen Sie dazu?<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich denke auch, dass inzwischen viele Kinder weniger brutal oder weniger gewaltt\u00e4tig erzogen werden, aber es gibt immer noch genug Kinder, die so eine Diktatur privat in ihrem Elternhaus erleben. Daraus bilden sich Charaktere, die zu allem Ja und Amen sagen, die gehorchen, weil sie ihr ganzes Leben lang von Angst beherrscht werden, oder die buchst\u00e4blich nur auf einen Anlass warten, an dem sie zuschlagen k\u00f6nnen. Das beweisen zum Beispiel die Skinheads. Sie sind v\u00f6llig verwahrloste junge M\u00e4nner und Frauen, die in ihrer Kindheit mit Sicherheit nicht die geringste Zuwendung und Aufmerksamkeit erfahren haben. Allerdings tut sich die deutsche Gesellschaft schwer, diese Gewaltt\u00e4ter entsprechend zu bek\u00e4mpfen.<br \/>\nNat\u00fcrlich sind die politischen Verh\u00e4ltnisse heute anders, man braucht derzeit keinen Hitler. Es geht mir nicht darum, ob in K\u00fcrze in Europa ein Hitler an die Macht kommt, aber dieser Charakter, den man einen autorit\u00e4ren, deformierten Charakter nennen kann, gibt es nach wie vor. Vor allem aber gibt es im ganzen nicht so viel Widerspruch, wenn politische Entscheidungen getroffen werden, die absurd oder destruktiv sind, die die Gesellschaft ganz offensichtlich an den Rand ihrer Existenzf\u00e4higkeit treiben. Dass man Autorit\u00e4ten zu gehorchen hat, ist eigentlich selbstverst\u00e4ndlich. Was mich am meisten besch\u00e4ftigt, ist die Frage, warum Menschen destruktive, selbstzerst\u00f6rerische Entscheidungen treffen, die dann auf der politischen Ebene Konsequenzen f\u00fcr die ganze Gesellschaft haben.<\/p>\n<p>Aber es gibt doch sehr viel Kritik auch an den Politikern in Deutschland, oder mache ich mir da etwas vor? Ich sehe, dass etwa der Bundeskanzler doch in Frage gestellt wird. Das war fr\u00fcher gar nicht m\u00f6glich. Man h\u00f6rt immer wieder von Skandalen und von Missbr\u00e4uchen, aber man h\u00f6rt etwas dar\u00fcber, man kann etwas dar\u00fcber sagen und schreiben, das war undenkbar in der Hitlerzeit, in einem totalit\u00e4ren Regime. Da durfte man \u00fcberhaupt nichts sagen. Man konnte sich nur unterwerfen oder in Dachau sterben oder gequ\u00e4lt werden.<br \/>\nWas ich heute sehe, ist eher eine Unsicherheit im Erkennen von Missbrauchsmustern. Weil das Erziehungssystem von Missbrauch durchdrungen ist, k\u00f6nnen auch Erwachsene das nicht durchschauen. Und dann kommt es zu diesen Missbr\u00e4uchen, auch finanziellen Skandalen, die dann in der Presse erscheinen, und es wird ironisch dar\u00fcber geschrieben. Doch die klare Emp\u00f6rung \u00fcber solche Missbr\u00e4uche, die fehlt in der \u00d6ffentlichkeit immer noch, w\u00fcrde ich meinen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich stimme Ihnen zu, frage mich aber, ob die Form der Pressefreiheit, die wir haben, nicht allein deshalb existiert, weil sie selten konsequent genutzt wird und entsprechende Ver\u00f6ffentlichungen durch das Ausbleiben der Emp\u00f6rung eben meist folgenlos bleiben. Vor allem gibt es noch gen\u00fcgend Menschen, die zeigen, dass sie Lust an der Zerst\u00f6rung empfinden.<\/p>\n<p>Genau, das ist richtig. Und darum bleibt es f\u00fcr mich wichtig, herauszufinden, wie solche Menschen entstehen. Wie war es m\u00f6glich, dass ein Hitler Millionen Menschen f\u00fcr sich einnehmen konnte, obwohl er letztlich nichts Anderes zu bieten hatte, als die Idee, man m\u00fcsse das j\u00fcdische Volk vernichten, damit er sich zufrieden und frei in der Welt f\u00fchlen k\u00f6nne. Und sehr \u00e4hnlich funktionieren auch die gegenw\u00e4rtigen Terroristen. Sie leben immer mit der Idee, dass die Zerst\u00f6rung der Anderen und sogar die Selbstzerst\u00f6rung zu einem Paradies auf Erden f\u00fchre. Da haben wir noch eine riesige Arbeit vor uns, zu zeigen, dass das, was irrational aussieht, eigentlich die Folge von einer Situation ist, die tats\u00e4chlich real f\u00fcr das Kind war, aber noch nie benannt wurde. Weder in der Gesellschaft, noch in der Familie, noch in der Kindheit. Das ist zum Beispiel die Situation eines kleinen Kindes, das man schl\u00e4gt und dies Korrektur oder Disziplin nennt, eines Kindes, das in einer religi\u00f6sen Schule mit drei oder vier Jahren lernen muss, den Koran auswendig herunterzuplappern, und wenn es einen Fehler macht, bekommt es jedes Mal einen Schlag mit der Rute. Diese Situation ist absolut absurd, und trotzdem wird sie verinnerlicht von diesen Menschen. Was im Koran steht, spielt eigentlich keine Rolle f\u00fcr sie, sondern dass sie f\u00fcr jeden Fehler geschlagen wurden. Das geht beim Erwachsenen weiter. Er wird immer wieder das wiederholen, was mit ihm passiert ist. Er wird wom\u00f6glich die einzige Lust im Leben darin sehen, sich daf\u00fcr zu r\u00e4chen. Das sehen wir bei den Diktatoren, aber auch bei den einfachen Menschen, die sich Organisationen wie Al Quaida anschlie\u00dfen, sogar gerne anschlie\u00dfen. Ich sehe meine Rolle darin, dass ich die verborgene Logik im Irrationalen aufdecken will. Und die sehe ich nur in der Kindheit, die total absurd ist. Wie kann ein drei- oder vierj\u00e4hriges Kind verstehen, was man ihm da im Koran sagen will? Der Koran ruft ja nicht zum Mord auf. Doch ein Kind lernt genau, was es k\u00f6rperlich erfahren hat, n\u00e4mlich Schl\u00e4ge, und es hat gelernt, dass man den anderen nicht respektieren soll, dass man Absurdit\u00e4ten annehmen muss, dass man sich alles gefallen lassen muss, dass man nicht dagegen rebelliert, wenn man wie ein Hund behandelt wird. Und dies wird in die Gesellschaft weitergetragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sie meinen also, destruktive Verhaltensweisen werden erlernt, indem das Kind sehr fr\u00fch, wahrscheinlich am Anfang seines Lebens, mit destruktiven Verhaltensweisen seiner Eltern und sp\u00e4ter der Lehrer konfrontiert wird? Es wird angeschrieen, geschlagen, in bestimmter Weise manipuliert, seine Bed\u00fcrfnisse werden nicht befriedigt.<\/p>\n<p>Ja, dieser Zustand der Frustration, dass seine ganz normalen biologischen Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigt werden, bewirkt ja eine enorme Wut, die nie artikuliert werden darf, weil das verboten ist. Das Kind soll gehorchen. Diese Wut wird dann gespeichert und kann sehr lange \u00fcberdauern, bis der Erwachsene die M\u00f6glichkeit hat, sie in Racheakten auszudr\u00fccken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen auf die Welt kommen, vom &#8222;Lieben Gott&#8220; geschickt, mit dem Bed\u00fcrfnis, das &#8222;World Trade Center&#8220; in New York zu zerst\u00f6ren. Das ist doch v\u00f6lliger Unsinn. Dennoch denken viele, Terroristen sind mit schlechtem Erbgut auf die Welt gekommen. Es geh\u00f6rt eine ganze Lebensgeschichte dazu, andere zerst\u00f6ren und genau so ungl\u00fccklich machen zu wollen, wie man selbst als Kind ungl\u00fccklich gemacht wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Man kann sagen, dass sich in der Kindheit unter bestimmten extremen Verh\u00e4ltnissen in einem Menschen ein Hass entwickelt, eigentlich im Grunde auf die Eltern, der aber nicht bewusst auf die Eltern gerichtet werden darf und sich darum gegen andere richtet. Sobald solche Leute die M\u00f6glichkeit haben, an destruktiven Aktionen teilzunehmen, werden sie diese nutzen. Sie k\u00f6nnen dort ihre Rache aus\u00fcben, die im Grunde den Eltern gilt, aber die werden weiterhin geschont und bleiben gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Ja, und da ist noch ein weiterer Aspekt. Solche Menschen haben meist nicht den Mut, das allein zu machen, sondern sie schlie\u00dfen sich Gruppen an. Die Gruppen legalisieren das Verhalten. Es wird ihnen gesagt, sie d\u00fcrfen hassen, und es sei n\u00f6tig, dass sie hassen. Die Serben waren davon \u00fcberzeugt, dass es gut war, was sie mit den Kroaten und den bosnischen Muslimen gemacht haben. Es ist so deutlich, dass alle diese Gruppen mit ethnischen oder antisemitischen Ideologien, sich davon n\u00e4hren, dass ihre Anh\u00e4nger ehemals frustrierte, geschlagene, gedem\u00fctigte Kinder sind, die Racheobjekte suchen. Man kann ihnen das nicht verbieten. Man kann sie in Gef\u00e4ngnisse stecken, aber wie lange k\u00f6nnen wir fortfahren, Gef\u00e4ngnisse zu bauen, und Leute auszubilden, die diese Menschen dann in den Gef\u00e4ngnissen bewachen. Wir m\u00fcssen auch diese Leute noch ern\u00e4hren, das ist eine absurde Situation, denn wenn wir uns noch l\u00e4nger weigern zu verstehen, woher diese Delinquenz, woher dieses Bed\u00fcrfnis nach Rache, nach Mord und Zerst\u00f6rung kommt, k\u00f6nnen wir dies nicht \u00e4ndern. Es wird immer schlimmer werden. Die jungen Leute bekommen Kinder, und die Kinder werden immer noch zu oft misshandelt oder &#8222;nur&#8220; total vernachl\u00e4ssigt. Ich erz\u00e4hle manchmal von dem Fall eines sechsj\u00e4hrigen Jungen, der zur Nachbarin ging und das Baby umgebracht hat. Weil die Mutter f\u00fcr den Sechsj\u00e4hrigen nie Zeit hatte, sie hat mit Drogen gehandelt und war \u00fcberhaupt nie da. Es f\u00e4ngt schon sehr fr\u00fch an, und es ist sehr, sehr deutlich, wie das Bed\u00fcrfnis entsteht, andere zu qu\u00e4len, anderen weh zu tun und Schmerzen zu bereiten. Das liegt nicht in der Natur des Menschen. Das Neugeborene hat doch nicht das Bed\u00fcrfnis, jemanden umzubringen. Das muss man sich vorstellen, jeder kann das beobachten. Es schreit, wenn es Hunger hat, es schreit, wenn es falsch behandelt wird, aber ein Neugeborenes tr\u00e4gt keine Gene in sich, die es sp\u00e4ter dazu zwingen, andere zu t\u00f6ten. Das entsteht in einer total absurden und perversen Lebensgeschichte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Bislang wird einfach immer wieder davon ausgegangen, dass es v\u00f6llig normal und selbstverst\u00e4ndlich ist, eben in der Natur des Menschen liege, andere zu t\u00f6ten oder zu benachteiligen aufgrund von Profitgier zum Beispiel. Man m\u00fcsste eben sehr genau fragen, wie das kleine Kind von Mutter und Vater behandelt wurde, wie die Erziehung die Entwicklung destruktiver Tendenzen bef\u00f6rderte. Zum einen wird das Nachahmung sein, zum anderen sind es eben auch die aufgestaute Wut und die Verzweiflung des Kindes, die bei den Eltern nicht artikuliert werden durften. Es ist ja auch ein Bed\u00fcrfnis des K\u00f6rpers, sich von diesem starken Druck zu befreien. Es entsteht \u00fcberdies eine Toleranz f\u00fcr Brutalit\u00e4t und f\u00fcr sinnlose autorit\u00e4re Entscheidungen; man erduldet auch als Erwachsener, was man schon bei den Eltern ertragen musste.<\/p>\n<p>Ja, ganz genau. Es ist das Dulden der Brutalit\u00e4t und die Glorifizierung der Gewalt. Weil man zum Beispiel, wie jedes Kind, den Vater bewundert und geliebt hat, fand man alles in Ordnung, was er machte. Und sp\u00e4ter wiederholt man das. Man f\u00fcgt sich F\u00fchrern oder Gurus, die sich \u00e4hnlich benehmen, und man ist blind f\u00fcr deren Schw\u00e4chen. Genau so, wie man als Kind blind f\u00fcr die Schw\u00e4chen der Eltern war. Wenn ein Mensch sich sp\u00e4ter von dieser Blindheit befreien kann, wird er erst wirklich erwachsen, weil er die Angst vor der alten Bedrohung verloren hat. Aber die Angst des Kindes bleibt bei allen diesen Leuten, die Gewalt suchen und durchf\u00fchren, vollst\u00e4ndig erhalten und unbewusst. Es muss eine enorm starke Angst vor dem gewaltt\u00e4tigen Vater sein, daher die Unf\u00e4higkeit, produktiv zu denken, und sein Leben oder das der ganzen ethnischen oder sozialen Gruppe produktiv zu organisieren, anstatt &#8222;den Feind&#8220; zu zerst\u00f6ren. Es wird nie bewusst, dass der Hass im Grunde die Eltern meint. Sich dieser Mechanismen hingegen bewusst zu werden, \u00f6ffnet ganz neue Wege, weil die Realit\u00e4t der Kindheit nicht l\u00e4nger verschleiert bleibt. Sobald wir sie voll und ganz wahr- und ernst nehmen k\u00f6nnen, wird es (ohne andere zu zerst\u00f6ren) m\u00f6glich, uns die W\u00fcrde zur\u00fcckzunehmen, die man uns gestohlen hat, als man uns wie Objekte benutzte und nicht wie Menschen behandelte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Dann k\u00f6nnte man formulieren, dass die Unf\u00e4higkeit sich einer gesellschaftlichen Realit\u00e4t zu stellen, auch eine Ursache letztlich in der Angst des Kindes hat, die Eltern real wahrzunehmen. Es mag auch sein, dass sich ein Kind, um sich vor der Entt\u00e4uschung zu sch\u00fctzen, vollkommen mit den Eltern identifiziert. Wer bereits als Kind die Realit\u00e4t seines Lebens, seiner Umgebung nicht wahrnehmen durfte, sich in Besch\u00f6nigungen und Selbstl\u00fcgen fl\u00fcchten musste, wird diese \u00dcberlebensstrategie oftmals f\u00fcr immer beibehalten.<\/p>\n<p>Die Blindheit f\u00fcr das absurde, perverse Verhalten mancher Eltern rettet dem Kind das \u00dcberleben, weil diese Wahrheit (der Schmerz und der Zorn) vom Kind nicht zu ertragen w\u00e4re. Der K\u00f6rper registriert zwar die Grausamkeit, aber das Bewusstsein kann dieses Wissen nicht zulassen. Anders ist es beim Erwachsenen. Er k\u00f6nnte an sich die emotionalen Blockierungen aufgeben und m\u00fcsste sich nicht an seine kindliche Blindheit klammern. Aber viele f\u00fcrchten diesen Weg, besonders, wenn sie keine Begleitung f\u00fcr diesen Weg finden. Einige gehen ihn dennoch, wenn sie begriffen haben, dass das in ihnen eingesperrte Wissen sie krank macht, wenn es sie nicht sogar zu Kriminalit\u00e4t, zur Sucht und zum Ausagieren des Hasses auf Unschuldige treibt. Auch die Unterwerfung unter Gurus und Ideologien geh\u00f6rt zu den verheerenden Folgen der emotionalen Blindheit, die mit einer massiven Verdr\u00e4ngung einhergeht. Wir haben solche Folgen z.B. in Ruanda miterleben k\u00f6nnen und sind vor Wiederholungen nicht gefeit. Daher halte ich Hitlers Kindheitsgeschichte und deren politische Auswirkungen f\u00fcr sehr lehrreich und h\u00f6chst aktuell auch noch in unserer Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der eine gro\u00dfe Mehrheit fr\u00fch gelernt hat, die eigenen lebenserhaltenden Bed\u00fcrfnisse zu respektieren. W\u00e4re sie das Paradies, wie es die Prim\u00e4rtherapeuten oder Autoren wie Jean Liedloff versprachen? Liedloff sieht das Leben der indigenen V\u00f6lker wenigstens zum Teil als Ideal, geht davon aus, dass es f\u00fcr die Menschen einmal einen gewaltfreien, paradiesischen Zustand gegeben habe, den sie verloren im Verlauf eines Vorgangs der Zivilisation.<\/p>\n<p>Ich erwarte kein Paradies, aber es scheint mir logisch, dass Menschen, die nicht geschlagen wurden und ihre Bed\u00fcrfnisse respektieren durften, weniger unbewusste, verdr\u00e4ngte Wut gespeichert haben und daher keine Racheakte ver\u00fcben werden. So wird die blinde, auf S\u00fcndenb\u00f6cke gerichtete Gewalt sicherlich abnehmen. Wenn diese Menschen in ihrer Kindheit ihre Eltern auch in Frage stellen durften, sie nicht idealisieren mussten, werden sie auch viel realistischer gef\u00e4hrliche Politiker und Sektengurus einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen.<br \/>\nSie werden gegen L\u00fcgen und Heuchelei anderer mehr immun bleiben und selber weniger l\u00fcgen als die Menschen von heute, die mit L\u00fcgen aufgewachsen sind. Wenn sie hingegen mit Versicherungen der Liebe gef\u00fcttert wurden, die nie mit Taten best\u00e4tigt worden sind, warten diese Menschen oft ihr Leben lang auf die Erf\u00fcllung der erhaltenen Versprechen, die nicht kommt. Viele geraten dann in blanke Wut, wenn die Ersatzpersonen (ihre eigenen Kinder zum Beispiel) ihnen das nicht geben und nicht geben k\u00f6nnen, was die Eltern ihnen schuldig geblieben sind.<br \/>\nWas ich hier schildere, ist nat\u00fcrlich von den religi\u00f6sen Vorstellungen vom Paradies weit entfernt. Diese entsprechen n\u00e4mlich den kindlichen W\u00fcnschen. In solchen Vorstellungen sitzt Gottvater im Zentrum und schenkt allen gottergebenen Menschen seine Liebe, in deren Schutz man sich gl\u00fccklich und erl\u00f6st f\u00fchlt. So haben wir uns vielleicht als kleine misshandelte Kinder die Erl\u00f6sung von unserer Folter vorgestellt. Aber als Erwachsene brauchen wir solche Bilder nicht zum Leben, wir brauchen vielmehr Mitmenschen, mit denen wir kommunizieren k\u00f6nnen, wir brauchen nicht Konflikte zu f\u00fcrchten und vor ihnen auf den Scho\u00df von Gottvater zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">G\u00e4be es au\u00dfer den psychologischen nicht auch soziale Ver\u00e4nderungen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, das w\u00e4ren dann die Konsequenzen. Die Verminderung der emotionalen Blindheit wird vermutlich die Zahl der Gef\u00e4ngnisinsassen verringern. Die meisten von ihnen behaupten, sie h\u00e4tten eine gute Kindheit gehabt, und wissen nicht, weshalb sie zugeschlagen und get\u00f6tet haben. Ich erhielt k\u00fcrzlich einen Brief von einem jungen Mann, der im Alter von siebzehn Jahren seinen Vater ermordet hat. Er schreibt, dass er seit einigen Jahren seine Strafe verb\u00fc\u00dft und den Verlust seines Vaters betrauert. Leider w\u00fcrde ihm das nicht helfen, seine Tat zu verstehen. Er h\u00e4tte im Gef\u00e4ngnis meine B\u00fccher zu lesen bekommen, und bittet mich um Hilfe, seine Motive zu begreifen. Er k\u00f6nne sie n\u00e4mlich nicht finden und suche eine Erkl\u00e4rung: Sein Vater h\u00e4tte ihn nur selten geschlagen und dies nur, um ihm zu helfen. Er liebte seinen Vater und der Vater auch ihn. Dieser Mann durfte offenbar niemals an seine unterdr\u00fcckte Wut und Verzweiflung herankommen und kann daher deren Ursachen nicht verstehen. Deshalb der Mord und die heutige Verwirrung, die in den Therapien meist nicht gekl\u00e4rt wird, um &#8211; aus sogenannten moralischen Gr\u00fcnden &#8211; das Bild des Vaters zu schonen.<br \/>\n\u00c4hnliches w\u00fcrden vermutlich andere Gefangene erz\u00e4hlen, wenn man sie nach ihrer Kindheit befragen w\u00fcrde, was leider selten geschieht. Nachdem der britische Psychiater Bob Johnson einige Jahre lang als Gef\u00e4ngnistherapeut doch mit dem Konzept der Kindheit erfolgreich gearbeitet und einen starken R\u00fcckgang der Gewalt im Gef\u00e4ngnis und viel Einsicht in ihre Lebenssituation bei den Delinquenten bewirkt hatte, wurde ihm vom Staat die Stelle gek\u00fcndigt. Weil die perversen Taten der Eltern der Kriminellen offenbar nicht gesehen und nicht enth\u00fcllt werden d\u00fcrfen. Sie bleiben gesch\u00fctzt hinter dem &#8222;eisernen Vorhang&#8220;, und die Gesellschaft (die Richter, das Personal im Strafvollzug, die Gefangenen, die Therapeuten) spielt weiter das Spiel &#8222;blinde Kuh&#8220;. Die Kriminellen werden offenbar vom Himmel heruntergeschickt, offenbar zu unschuldigen Eltern &#8211; das ist die heute g\u00fcltige Auffassung \u00fcber die Entstehung der Kriminalit\u00e4t. Ich habe in meinen B\u00fcchern versucht, diese Sicht zu vertiefen und die offensichtliche Kausalit\u00e4t aufzuzeigen, indem ich die Rolle der misshandelnden Eltern bei der Entstehung der Kriminalit\u00e4t und der Krankheiten deutlich benenne.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Bob Johnson hat ja auch ein Buch verfasst: &#8222;Emotional Health&#8220;. Dort ruft er geradezu beschw\u00f6rend aus: &#8222;Let&#8217;s exculpate parents&#8220;. Johnson ist also der Auffassung, dass misshandelnde und missbrauchende Eltern zwar schwerwiegende, oft lebenslange Folgensch\u00e4den bei ihren Kindern produzieren, aber deren Taten dennoch von den dann erwachsenen Kindern nicht verurteilt werden d\u00fcrfen. Trotzdem untersagte man die Fortsetzung seiner Arbeit, obwohl diese T\u00e4tigkeit helfen k\u00f6nnte, immense Kosten einzusparen. Sie wenden sich in Ihren B\u00fcchern ja an den erwachsenen Leser und vermitteln eigentlich sehr kompromisslos die Botschaft: Misshandelnde Eltern ruinieren sehr oft das Leben ihrer Kinder. Deshalb d\u00fcrfen die (erwachsenen) Kinder ihre Eltern verurteilen, um die F\u00e4higkeit entwickeln zu k\u00f6nnen, sich f\u00fcr ihr Leben einzusetzen. Damit ist ja nicht eine lebenslange Anklage gemeint, sondern vielmehr die Erarbeitung einer inneren Haltung gegen\u00fcber den elterlichen Misshandlungen, die helfen k\u00f6nnte, fr\u00fche und gegenw\u00e4rtige Abh\u00e4ngigkeiten zu durchschauen, aufzul\u00f6sen und von inneren Impulsen nicht mehr blind gejagt zu werden. Es w\u00e4re sehr interessant, wenn Menschen berichten w\u00fcrden, wie sie diesen Prozess bei sich erlebt haben.<\/p>\n<p><a href=\"\/de\/sadismus\/\">&gt; Fortsetzung<\/a>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik Destruktivit\u00e4t Einleitung Destruktivit\u00e4t Sadismus Der private Wahn Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft Zum Schluss Als Sie sich 1980 in &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; mit der Kindheit Adolf Hitlers besch\u00e4ftigten und nachwiesen, dass der sp\u00e4tere Sadismus des F\u00fchrers sehr wohl auf seine Erlebnisse mit dem Vater zur\u00fcck gef\u00fchrt werden kann, wurde Ihnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2986","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-non-classe"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2986"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2986\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3012,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2986\/revisions\/3012"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}