{"id":2988,"date":"2003-01-02T15:31:07","date_gmt":"2003-01-02T14:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2988"},"modified":"2015-12-02T15:49:53","modified_gmt":"2015-12-02T14:49:53","slug":"sadismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/sadismus\/","title":{"rendered":"Sadismus"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/h1>\n<h2>Sadismus<\/h2>\n<ol>\n<li><a href=\"\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Einleitung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/destruktivitat\/\">Destruktivit\u00e4t<\/a><\/li>\n<li>Sadismus<\/li>\n<li><a href=\"\/de\/der-private-wahn\/\">Der private Wahn<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/folgen-fur-jede-gesellschaft\/\">Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/zum-schluss\/\">Zum Schluss<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich habe in den vergangenen Wochen Biographien \u00fcber einige ber\u00fcchtigte Diktatoren des 20. Jahrhunderts recherchiert. Tats\u00e4chlich wird auf Details der Kindheit kaum eingegangen. Es wird auch nicht versucht, bestimmte Erlebnisse aus der Kindheit (soweit sie bekannt sind) mit sp\u00e4teren Verhaltensmustern der Potentaten in Zusammenhang zu bringen. Autoren wie der Amerikaner Jerrold Post weisen zwar auf massive psychische St\u00f6rungen der Diktatoren hin und f\u00fchren diese auf traumatische Erfahrungen in der Kindheit zur\u00fcck, sie gehen aber selten n\u00e4her darauf ein. Post unternimmt den Versuch, die seelische Struktur von Potentaten in psychologische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu bringen, ohne aber ihre Ursache genauer zu untersuchen. Hingegen sp\u00fcrt man bei der Lekt\u00fcre durchaus so etwas wie Respekt auch vor der grausamen Autorit\u00e4t, vor der Macht. Man k\u00f6nnte weitere Autoren anf\u00fchren, die \u00e4hnlich verfahren. In meinen Augen gen\u00fcgt es nicht, zu sagen, ein Potentat war seelisch deformiert, man m\u00fcsste genau zeigen, wie diese Deformation entstanden ist.<\/p>\n<p>Post schreibt wie ein Analytiker \u00fcber die innere Struktur der Potentaten, aber kaum \u00fcber die Realit\u00e4t ihrer Kindheit und die damals erlittenen Dem\u00fctigungen. Das w\u00fcrde sofort ein Licht auf die absurden Anordnungen und das destruktive, ganz spezifisch destruktive Verhalten der Herrscher werfen. &#8222;Monster&#8220; werden nicht geboren, sie werden gemacht. Die Kausalit\u00e4t zwischen den Erlebnissen in der Kindheit und der sp\u00e4teren Lust, anderen Menschen Leid zuzuf\u00fcgen, muss allerdings so genau wie m\u00f6glich beschrieben werden. In diesem Zusammenhang f\u00e4llt auf, dass es kaum Autoren gibt, die sich auf die Suche nach entsprechenden Fakten begeben. Und es stellt sich die Frage, warum das so ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Claude Lanzmann, der Regisseur der ber\u00fchmten Dokumentation &#8222;Shoah&#8220; meinte einmal sinngem\u00e4\u00df, es sei obsz\u00f6n, wenn man versuche, die Untaten des Faschismus, die Wurzeln des Sadismus im Zusammenhang mit den Naziverbrechen zu erkl\u00e4ren, weil diese mit einem Erkl\u00e4rungsversuch verharmlost w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es gibt viele Menschen, die sich weigern, die Entstehung von Grausamkeit aus der Kindheit heraus begreifen zu wollen. Ich kann mich in die Menschen nicht einf\u00fchlen, die sich damit abfinden, dass es &#8222;das extrem B\u00f6se&#8220; in der Welt gibt, die &#8222;dieses B\u00f6se&#8220; sogar in einem Film deutlich gemacht haben, ohne sich zu fragen, wie der Sadismus, die Freude am Qu\u00e4len, und die Grausamkeit entstehen. Diese Haltung ist mir sehr fremd, allerdings gut bekannt. Selbstverst\u00e4ndlich kann man die Massenbrutalit\u00e4t und auch die spezifischen Verbrechen verstehen. Die Treibjagd auf die Juden kann man unter anderem auch als Symbol sehen f\u00fcr den Vernichtungsfeldzug gegen all das, was den Eltern am eigenen Kind Angst machte, weil es &#8222;irgendwie anders&#8220; war.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich m\u00f6chte an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, dass z.B. Roman Polanskis Film &#8222;Der Pianist&#8220;, der 2002 in die Kinos kam, in meinen Augen sehr deutlich macht, dass sich die Sadisten im Warschauer Getto geb\u00e4rdeten wie die grausamen Eltern vor dem Kind.<\/p>\n<p>Lanzmann bef\u00fcrchtete, ein Erkl\u00e4rungsversuch w\u00fcrde die Verbrecher als &#8222;normale&#8220; Menschen erscheinen lassen. Aber genau darum geht es ja, es geht darum zu zeigen, dass Hitler in gewisser Weise keine Ausnahme darstellt, er war ein Ph\u00e4notyp. Die Billigung der perversen Verbrechen, die Tatsache, dass so viele scheinbar ganz normale Leute sich an den Verbrechen auf sadistische Art und Weise beteiligten, zeigt gerade, dass Hitler kein Einzelfall war. Es gab viele Hitlers, aber nur einer kam an die Macht. Wie viele V\u00e4ter und auch M\u00fctter mag es gegeben haben, die sich in ihren Familien besonders gegen\u00fcber den Kindern auff\u00fchrten wie Hitler gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wir sind in unserem vorigen Gespr\u00e4ch am Beispiel Hitlers bereits auf die Wurzel des Hasses eingegangen. Wir sprachen dar\u00fcber, wie und wodurch die Wut schon im ganz kleinen Kind entsteht und wie sie sich sp\u00e4ter ein Ventil sucht. Gerade im Zusammenhang mit Hitler wird deutlich, dass man sich nicht damit begn\u00fcgen kann, die Verbrechen der Diktatoren zu verdammen, man muss sich wohl oder \u00fcbel auch mit der Bev\u00f6lkerung befassen, die diese Verbrechen billigte und sich an ihnen beteiligte. Daniel Goldhagen hat dies in seinem Buch &#8222;Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gew\u00f6hnliche Deutsche und der Holocaust&#8220; getan.<br \/>\nEr argumentiert, dass insbesondere die Deutschen vom Antisemitismus geradezu verseucht gewesen seien, der dann mit der Macht\u00fcbergabe an Hitler seine m\u00f6rderischen Konsequenzen entfalten konnte. Goldhagen schildert den Sadismus der Deutschen gegen\u00fcber den Juden. Er beschreibt und beweist sehr genau, dass es nicht nur darum ging, die Juden zu t\u00f6ten, man wollte sie qu\u00e4len und bestialisch t\u00f6ten. Dieses Bed\u00fcrfnis, so weist Goldhagen nach, hatten keineswegs nur die eingefleischten Nazis, sondern auch parteilose Angeh\u00f6rige etwa der deutschen Polizeibataillone, die w\u00e4hrend des Krieges in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern eingesetzt waren. Der Autor zeigt, dass es jedem Angeh\u00f6rigen dieser Truppen frei gestanden h\u00e4tte, sich nicht an Massenexekutionen zu beteiligen. Man hat sogar um Versetzung in die Heimat bitten k\u00f6nnen und dieser Bitte wurde in der Regel entsprochen. Diese M\u00f6glichkeit nahmen aber nur ganz wenige Polizisten wahr. Sie meldeten sich freiwillig immer wieder zu den T\u00f6tungskommandos. Es geht also nicht nur um Antisemitismus, es geht um Sadismus. Der Sadismus entsteht nicht durch eine Ideologie oder durch ein politisches System, er wird aber durch Ideologien und Systeme salonf\u00e4hig gemacht. Die Juden waren also gleichsam S\u00fcndenb\u00f6cke, an denen man den Sadismus ausleben konnte. Ich m\u00f6chte mit Ihnen \u00fcber den Sadismus sprechen: Wie entsteht diese Perversion, was muss in einem Menschen deformiert sein, um ein kleines Kind an den Haaren in der Luft halten und in den Kopf schie\u00dfen zu k\u00f6nnen, um unbeeindruckt davon zu bleiben, dass die eigene Kleidung hernach von der Gehirnmasse und vom Blut dieses Kleinkindes besudelt ist. Was erleben solche Leute in der Kindheit, wie entwickeln sie sich.<\/p>\n<p>Wenn wir die Beschreibungen solcher Szenen lesen, sind wir mit Recht entsetzt, aber die meisten Menschen haben M\u00fche zu realisieren, dass bereits jeder Angriff auf den K\u00f6rper eines kleinen Kindes schon eine Art Unterricht im Aus\u00fcben des Sadismus bedeutet. Die sp\u00e4teren Massenm\u00f6rder sind mit Sicherheit auf grausame Art und Weise von ihren Eltern terrorisiert worden, niemand war da, der ihnen nur einen Funken Mitgef\u00fchl oder Zuwendung entgegengebracht h\u00e4tte. Brutalit\u00e4t; Grausamkeit und Dem\u00fctigung waren allgegenw\u00e4rtig, die Kindheit bestand aus nichts anderem. Die Grausamkeit war einfach Normalit\u00e4t, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Genau so wie man das erlernt, was wir &#8222;Humanit\u00e4t&#8220; nennen, erlernt man die Grausamkeit. In einem absolut l\u00fcckenlosen System, das keinerlei Aussicht auf etwas anderes zul\u00e4sst, entstehen die sogenannten Monster, die einen unglaublichen Hass und Vergeltungsw\u00fcnsche mit sich herum tragen. Dieser \u00dcberdruck wartet nur darauf, um sich entladen zu k\u00f6nnen. Der Hitlerfaschismus bot hier die beste Gelegenheit, zumal der Antisemitismus Tradition hatte.<br \/>\nWir haben bereits den B\u00fcrgerkrieg in den 90iger Jahren in Ruanda erw\u00e4hnt und ich habe in &#8222;Evas Erwachen&#8220; (2001) auf die routinem\u00e4\u00dfigen Klapse im Zusammenhang mit der Reinlichkeitserziehung hingewiesen. Die Klapse bereiten das Erlernen des sehr fr\u00fchen Gehorsams und der sp\u00e4teren Grausamkeit vor. Einem Kind wird durch Gewalt verboten, auf seine nat\u00fcrlichsten Bed\u00fcrfnisse angemessen zu reagieren. Dann geht es weiter bis hin zur Rache an Unschuldigen. In dieser Kultur werden die Kinder zwar getragen, allerdings auf dem R\u00fccken, sie werden im eigentlichen Sinne nicht unbedingt gehalten und selten angeschaut. Sie werden auch nicht in erster Linie aus Liebe getragen, sondern aufgrund praktischer Notwendigkeiten. Die bereits erw\u00e4hnte UNICEF-Studie aus dem Jahr 2000 hat klar erwiesen, wie gewaltt\u00e4tig das Erziehungssystem auch und gerade in den afrikanischen L\u00e4ndern ist. Das ist kein Wunder, denn normalerweise zeugen Eltern dort viele Kinder, die sie kaum ern\u00e4hren k\u00f6nnen, in der Hoffnung, sp\u00e4ter einmal von den \u00fcberlebenden Kindern versorgt zu werden. Werden diese Kinder mit Freude erwartet oder aus Liebe gezeugt? Die M\u00fctter sind ohnehin vielfach rechtlos. Der Franzose Olivier Maurel hat hierzu viel Material gesammelt. Dann finden wir die allgegenw\u00e4rtigen sexuellen Verst\u00fcmmelungen von M\u00e4dchen und Jungen in dieser Kultur und vor allem auch den weit verbreiteten Inzest. Dies m\u00fcsste eigentlich gen\u00fcgen, um die Entstehung von Sadismus und eines extremen Hasses zu begreifen. Wenn man diese Entwicklung verstehen wollte, st\u00fcnde man vor der Erkenntnis, dass sie tats\u00e4chlich zu verhindern w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich wei\u00df nicht, ob es m\u00f6glich ist, die Frage zu kommentieren, die mich schon lange besch\u00e4ftigt. Die Deutschen geben sich so gel\u00e4utert. Man m\u00f6chte meinen, seit dem 8. Mai 1945 gab es keinen Sadismus mehr in Deutschland. Er verschwand \u00fcber Nacht, man wei\u00df nur nicht wohin. Ist es nicht so, dass dieser Sadismus weiter g\u00e4rte, sich nach dem Krieg weiterhin in den Kinderzimmern ein Ventil suchte? Gerade Menschen, die zwischen 1940 und 1970 geboren wurden, fangen nun an, \u00fcber entsetzliche Vorkommnisse in ihren Elternh\u00e4usern zu berichten. Es handelt sich hierbei um Kinder von Menschen, die ihrerseits von Eltern aufgezogen wurden, die zumindest durch die eigene Erziehung den Sadismus aufgesogen haben wie ein Schwamm.<\/p>\n<p>Gleichzeitig lernten diese Menschen, den Sadismus ihrer Eltern als Wohltat anzusehen. Ihre Frage ist sehr wichtig: Was ist mit dem Sadismus geschehen, dem wir im letzten Krieg so h\u00e4ufig begegnet sind und den Goldhagen so genau beschreibt? Mir scheint Ihre Hypothese richtig, die Menschen, deren Wahrheit sich z.B. in vereinzelten Berichten und Internetforen abzeichnet, haben diesen Sadismus oft bei ihren Eltern zu sp\u00fcren bekommen, aber so fr\u00fch, dass sie sich noch kein Urteil dar\u00fcber zutrauen, meistens zumindest. Und nur ein ganz winziger Teil dieser Opfer getraut sich \u00fcberhaupt an die \u00d6ffentlichkeit. Es bleibt abzuwarten, ob zunehmend mehr Menschen den Mut aufbringen, \u00fcber ihre Kindheit zu berichten.<br \/>\nIn diesem Zusammenhang ist es wichtig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass bereits dann eine grenzenlose Wut in einem Menschen entstehen kann, wenn seine echten Bed\u00fcrfnisse von Anfang an nicht beantwortet, sondern ignoriert und unterdr\u00fcckt werden. Bereits das ist eine Verst\u00fcmmelung des emotionalen Lebens, die dauerhaft sein kann. Viele Menschen werden bei auf diese Art emotional verarmten Eltern aufgewachsen sein. Solche Eltern k\u00f6nnen nicht lieben, selbst wenn sie es wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Daniel Goldhagen beschreibt unter anderem das Massaker, das das Polizeibataillon 101 am 25. August 1942 unter dem Hauptmann Julius Wohlauf an den Juden der polnischen Stadt Miedzyrzecz beging. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle eine Passage zitieren: &#8222;Die Razzia, bei der die Juden aus ihren Wohnungen zum Marktplatz getrieben wurden, war wohl die brutalste, &#8230; die das Polizeibataillon &#8230; durchf\u00fchrte. Hunderte von toten Juden lagen danach auf den Stra\u00dfen. &#8230; Die Deutschen zwangen die Juden, stundenlang in der brennenden Sonne zu sitzen, so dass viele das Bewusstsein verloren. Jeden, der auch nur aufstand, erschossen sie sofort. Der Marktplatz war bald mit Leichen \u00fcbers\u00e4t, darunter viele Kinder, denen es naturgem\u00e4\u00df schwer fiel, unter solchen Umst\u00e4nden stundenlang stillzuhalten. &#8230; Nicht nur Frau Wohlauf [die Ehefrau des Hauptmanns] war bei all dem dabei, anwesend waren auch die Ehefrauen einiger anderer am Ort stationierter Deutscher &#8230; . So verbrachte die schwangere Frau Wohlauf ihre Flitterwochen.&#8220;<br \/>\nSp\u00e4ter zeigten sich einige deutsche Offiziere beunruhigt dar\u00fcber, dass eine Schwangere bei dem Massaker anwesend war, es ging nicht um die Anwesenheit von Frauen im allgemeinen, sondern man \u00e4u\u00dferte die Sorge, &#8222;die Empfindungsf\u00e4higkeit&#8220; der zuk\u00fcnftigen Mutter &#8222;k\u00f6nnte Schaden&#8220; genommen haben. Ich denke, wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass die &#8222;Empfindungsf\u00e4higkeit&#8220; dieser Frau l\u00e4ngst gelitten hatte. Das hei\u00dft, es muss neben dem eingefrorenen Hass gleichsam doch eine emotionale Entleerung stattgefunden haben, um das Leiden anderer nicht mehr als Leid wahrnehmen, es sogar genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Mir ist wichtig, wie ein Mensch seine Empfindungsf\u00e4higkeit verliert.<\/p>\n<p>Indem er als Kind blind bleiben muss f\u00fcr den Sadismus der Eltern, die diesen Erziehung nennen. Indem das Kind notgedrungen alle Gef\u00fchle in sich erdrosseln muss, um \u00fcberhaupt \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Schon die Eltern verbieten ja den Ausdruck der Gef\u00fchle, machen Jagd auf die authentischen Reaktionen des Kindes. Aber auch das Kind muss jede Empfindung ins sich abt\u00f6ten. Es lernt \u00fcbrigens auch bei den empfindungslosen Eltern, dass dieser Zustand angeblich normal ist. Wenn der Erwachsene sp\u00e4ter umgeben ist von ebenfalls f\u00fchllosen Menschen, wie soll er auf die Idee kommen, dass er einen tiefgreifenden Schaden genommen hat? Im Deutschland Hitlers waren ja auch die F\u00fchllosigkeit, die H\u00e4rte, das Eiserne, die R\u00fccksichtslosigkeit sich selbst und den n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen gegen\u00fcber das Ideal schlechthin. Wer f\u00fchlen konnte, war krank, entartet, verweichlicht und untauglich.<br \/>\nSo konnten die meisten Deutschen nicht erkennen, dass die Verfolgung der Juden ebenso wahnsinnig wie sadistisch und pervers war. Sie glaubten, sich vor den Juden retten zu m\u00fcssen. Sogar Menschen wie Pastor Martin Niem\u00f6ller, die erkl\u00e4rte Gegner der Nazis waren, hassten (wie Daniel Goldhagen dokumentiert) die Juden.<br \/>\nEin sehr aktuelles Beispiel ist die Geiselnahme von einigen hundert Schulkindern in Tschetschenien (Beslan), die zeigte, dass Menschen nicht einmal zu Erbarmen f\u00e4hig sind. Sie werden erbarmungslos, weil sie Empathie niemals erlernen konnten oder entwickeln durften. Es gen\u00fcgte nicht, die Kinder als Geiseln zu nehmen, sie durften nichts trinken, viele wurden get\u00f6tet, auch dann noch, als die Geiselnehmer sich bereits auf der Flucht befanden. Unter den Terroristen befanden sich auch Mitglieder, die selbst Eltern waren. Nat\u00fcrlich geht es hier um einen massiven politischen und ethnischen Konflikt, der aber auch gespeist und gesch\u00fcrt wird von einer fr\u00fch erworbenen Deformation, auch von Sadismus.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sigrid Chamberlain beschreibt in ihrem sehr lesenswerten Buch &#8222;Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind&#8220; das Erziehungssystem der nationalsozialistischen P\u00e4dagogin Johanna Haarer, deren P\u00e4dagogik geradezu darauf ausgerichtet war, die nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisse des S\u00e4uglings und Kleinkindes zu bek\u00e4mpfen. Das Kind soll auf keinen Fall verw\u00f6hnt werden, nicht verweichlicht durch m\u00fctterliche Z\u00e4rtlichkeiten. Gehen wir also davon aus, ein Kind w\u00e4chst in einem Klima heran, in dem s\u00e4mtliche Bed\u00fcrfnisse angefangen bei der Verdauung und der Nahrungsaufnahme einer rigiden Kontrolle unterworfen sind. Vielleicht hat es Gl\u00fcck und wird lediglich mit Klapsen bestraft und nicht gr\u00fcn und blau geschlagen. Es wird auch nicht sexuell bel\u00e4stigt. Aber es verliert durch die elterliche Ignoranz jeden Kontakt zu seinen Bed\u00fcrfnissen. Vor allem wird sein Bed\u00fcrfnis nach k\u00f6rperlicher und seelischer N\u00e4he torpediert. Produziert nicht im ung\u00fcnstigen Fall allein ein solches Erziehungssystem, das auch nach dem Krieg von vielen M\u00fcttern und Kinderpflegern mit dem besten Gewissen vertreten wurde, Erwachsene, die v\u00f6llig versteinert sind, deren emotionales Leben abgestorben ist?<\/p>\n<p>Ja, der Mangel an Z\u00e4rtlichkeit und Kommunikation kann weder in der Kindheit noch sp\u00e4ter erlebt, benannt, betrauert werden, weil all das unbekannt bleibt. Dennoch hinterl\u00e4sst er offenbar Minenfelder in der Psyche dieser Opfer, die f\u00fcr die eigenen Kinder (oder unter entsprechenden Voraussetzungen sogar f\u00fcr ganze V\u00f6lker) zu einer gro\u00dfen Gefahr werden k\u00f6nnen. Der Mangel, der Hunger, die innere Verelendung werden von Generation zu Generation weiter gegeben, solange sie nicht durchschaut werden k\u00f6nnen. Jedenfalls sehe ich darin eine Gefahr.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Dar\u00fcber hinaus interessiert mich in diesem Zusammenhang die Frage, die ich gelegentlich schon am Beispiel der in Majdanek als &#8222;Blutige Brigitte&#8220; ber\u00fcchtigt gewordenen Hildegard L\u00e4chert angesprochen habe. Die bis heute etwa von prominenten deutschen Feministinnen vertretene These, Frauen k\u00f6nnten nicht gewaltt\u00e4tig, schon gar nicht sadistisch sein, h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig. Ihr wird auch nur relativ selten Widerspruch entgegen gebracht.<br \/>\nSie haben bereits in Ihrem ersten Buch \u00fcber versagende, auch grausame M\u00fctter gesprochen. Sie wiesen immer wieder darauf hin, wie schwer es ist, die ganze Wahrheit, also nicht nur die Wahrheit \u00fcber die despotischen V\u00e4ter zuzulassen. Inzwischen liegen zahlreiche Fakten \u00fcber misshandelnde M\u00fctter vor. Lebten wir nicht im Patriarchat, w\u00e4re doch auch eine Frau denkbar mit Charakterz\u00fcgen, wie wir sie etwa bei den m\u00e4nnlichen Diktatoren finden, die also zu politischer Macht gelangt und sehr \u00e4hnliche Verbrechen initiiert.<\/p>\n<p>Das ist an sich denkbar, doch d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass Frauen in der Rolle der Mutter, auch Erzieherin, Kinderg\u00e4rtnerin, bereits eine unbeschr\u00e4nkte und von niemandem kontrollierte Macht besitzen, sie k\u00f6nnen das menschliche Leben an seiner Wurzel bereits so sch\u00e4digen, dass sich der Mensch kaum je davon erholen kann. Und dies total straflos. M\u00fctter praktizieren die Gewalt eher im Verborgenen, aber sie sind an der Produktion der Grausamkeit eindeutig beteiligt.<br \/>\nUnd wir wissen doch, dass sich auch Frauen f\u00fcr die &#8222;Terroristenkarriere&#8220; entscheiden. Sie wehren sich kaum bei den M\u00e4nnern, k\u00e4mpfen nicht dort um ihre Unabh\u00e4ngigkeit, sondern lassen ihre Frustrationen an fremden Menschen aus, sogar an Kindern, die ihnen nichts getan haben. An der Geiselnahme in Beslan haben sich auch Frauen beteiligt. Man kann sich schwer der Einsicht verschlie\u00dfen, dass die Geiselnehmer, M\u00e4nner wie Frauen, eben auch ihre eigenen Geschichten des einst erlebten Terrors in Szene setzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Die Entwicklung im Irak-Krieg zeigte, dass der Sadismus auch in den westlichen Demokratien unter bestimmten Voraussetzungen jederzeit die Oberhand gewinnen kann. Diese Tatsache war eigentlich nicht unbedingt neu, sie wurde nur durch die j\u00fcngsten Enth\u00fcllungen auf besonders eindringliche Weise offenbar. Ich habe mich in einem Artikel auf Ihrer Web-Seite mit diesem Thema auseinander gesetzt. F\u00fcr mich ist das eine sehr entscheidende Thematik. Auch ohne dass wir die Kindheiten der einzelnen Folterer kennen, beweisen die Taten in ihrer stummen Sprache ihre Herkunft.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man auf die Idee kommen, zu glauben, es gebe in unserer Gesellschaft keinen Sadismus? Da kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zur\u00fcck, dass es eben darum geht, zu fragen, wie entsteht etwa Sadismus in einem Menschen, warum und wie ist ein Mensch der geworden, der er ist. Diese Frage wird oft abgewehrt, auch l\u00e4cherlich gemacht. Man vertritt lieber den Standpunkt, nun ja, so ist es eben. In diesem Zusammenhang ist es interessant, aus einem Spiegel-Online-Artikel vom 7. August 2004 zu zitieren, der sich mit den Enth\u00fcllungen \u00fcber die Folter im Irak befasst. Ich meine, das Zitat bedarf keines n\u00e4heren Kommentars:<br \/>\n&#8222;Der Soldat Joseph Darby machte seine Aussage telefonisch von einem geheim gehaltenen Ort aus im Rahmen der Anh\u00f6rung im Fall Lynndie England. Unter anderem zitierte Darby den ebenfalls der Misshandlung von Gefangenen Beschuldigten Charles Graner mit den Worten: &#8222;Der Christ in mir wei\u00df, dass dies falsch ist. Aber der Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter in mir kann nichts dagegen tun, dass es ihm Spa\u00df macht, einen erwachsenen Mann dazu zu bringen, Angst zu haben.&#8220;<br \/>\nHier dr\u00e4ngt sich doch f\u00f6rmlich die Frage auf, wie es m\u00f6glich ist, dass jemand, der sich auch noch als Christ bezeichnet, Freude am Qu\u00e4len anderer Menschen empfindet. Oder Spa\u00df dabei hat. Woher kommt dieser Spa\u00df? Was ist das f\u00fcr ein &#8222;Spa\u00df&#8220;? Ist dies der &#8222;Spa\u00df&#8220; der Eltern, den sie empfanden, als sie das Kind bel\u00e4stigten? Wie entwickelt sich in einem Individuum die Lust an der Zerst\u00f6rung? Ich denke, je gr\u00fcndlicher man sich mit diesen Aspekten besch\u00e4ftigt, umso mehr wei\u00df der Einzelne \u00fcber sich selbst, umso mehr wei\u00df aber auch die Gesellschaft \u00fcber ihre Abgr\u00fcnde, von denen sie bedroht wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich m\u00f6chte ebenfalls ein Zitat anf\u00fchren, das mit Blick auf den von Ihnen erw\u00e4hnten Artikel sehr anschaulich belegt, wie spezielle Ausformungen der sadistischen Perversion in sehr verschiedenen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zum Vorschein kommen. Die Parallelen sind eindeutig. Ich fand diese Aussagen in der Autobiographie des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Er beschreibt seine Erlebnisse im Warschauer Getto w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges und berichtet unter anderem:<br \/>\n&#8222;Im Getto wurde auch gefilmt. Nicht wenige deutsche Soldaten und Offiziere wollten ein Souvenir nach Hause mitnehmen. Professionelle Filmleute, wohl Angeh\u00f6rige von Propaganda-Kompanien, waren ebenfalls am Werk. &#8230; Auch Sexualszenen wurden gedreht: Mit der Pistole in der Hand zwangen deutsche Dokumentarfilmer junge M\u00e4nner, mit \u00e4lteren und nicht gerade ansehnlichen Frauen zu koitieren und junge M\u00e4dchen mit alten M\u00e4nnern. Diese Filme, die man zum Teil nach dem Krieg in Berliner Archiven gefunden hat, wurden aber nicht \u00f6ffentlich vorgef\u00fchrt: Das Propagandaministerium und andere deutsche Instanzen sollen bef\u00fcrchtet haben, die Aufnahmen k\u00f6nnten statt Ekel Mitleid hervorrufen. &#8230;<br \/>\nAnfang Juni erschien wieder einmal eine deutsche Filmequipe und drehte zahlreiche gestellte Szenen. Auf den Stra\u00dfen wurden gutaussehende und ordentlich gekleidete junge J\u00fcdinnen verhaftet und ins Hauptgeb\u00e4ude des Judenrates gebracht; sie mussten sich ausziehen und wurden zu obsz\u00f6nen sexuellen Posen und Handlungen gezwungen. Ob die Equipe den Auftrag hatte, derartiges zu filmen, oder ob es sich um ihr Privatvergn\u00fcgen handelte, ist nicht bekannt.&#8220;<\/p>\n<p>Man sieht, wie sie sagten, dass dieselbe Perversion oder Deformation durch westliche Milit\u00e4rs in den irakischen Gef\u00e4ngnissen ausagiert wurde. Man kann eben nicht sagen, der Faschismus oder der Antisemitismus habe die Leute sadistisch und pervers gemacht, und in einer weniger brutalen Gesellschaft sei der Sadismus eine Erscheinung im Privatleben einzelner Menschen. Der Sadismus, die Perversion sind zuerst da, sie entstehen in der Familie, nicht durch eine Diktatur. Deshalb haben unsere \u00dcberlegungen und Fragen nicht nur Relevanz f\u00fcr verbrecherische Systeme, sie haben Relevanz f\u00fcr alle Gesellschaftsformen, solange Menschen in der fr\u00fchesten Zeit ihres Lebens Perversionen erwerben, erlernen und dadurch schwer besch\u00e4digt werden.<\/p>\n<p><a href=\"\/de\/der-private-wahn\/\">&gt; Fortsetzung<\/a>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik Sadismus Einleitung Destruktivit\u00e4t Sadismus Der private Wahn Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft Zum Schluss Ich habe in den vergangenen Wochen Biographien \u00fcber einige ber\u00fcchtigte Diktatoren des 20. Jahrhunderts recherchiert. Tats\u00e4chlich wird auf Details der Kindheit kaum eingegangen. 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