{"id":2990,"date":"2003-01-02T15:31:58","date_gmt":"2003-01-02T14:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=2990"},"modified":"2015-12-02T15:50:39","modified_gmt":"2015-12-02T14:50:39","slug":"der-private-wahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/der-private-wahn\/","title":{"rendered":"Der private Wahn"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/h1>\n<h2>Der private Wahn<\/h2>\n<ol>\n<li><a href=\"\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Einleitung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/destruktivitat\/\">Destruktivit\u00e4t<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/sadismus\/\">Sadismus<\/a><\/li>\n<li>Der private Wahn<\/li>\n<li><a href=\"\/de\/folgen-fur-jede-gesellschaft\/\">Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"\/de\/zum-schluss\/\">Zum Schluss<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sie sagten bereits, dass Hitler die Wahnvorstellung hatte, nur in einer sozusagen von den Juden befreiten Welt leben zu k\u00f6nnen. Er hatte einen privaten Wahn, der aber von vielen geteilt wurde. Dies scheint mir sehr wichtig zu sein, um die S\u00fcndenbockfunktion der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, aber in anderen Systemen auch die jeder beliebigen Gruppe, erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Sie haben in &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; beschrieben, wie jemand auf die verr\u00fcckte Idee kommen kann, die Juden seien das Ungl\u00fcck der Nation. Aber offenbar brauchen die Gesellschaften weiterhin S\u00fcndenb\u00f6cke, sie werden immer wieder produziert.<\/p>\n<p>Post beschreibt, dass in den osteurop\u00e4ischen Staaten wie der tschechischen Republik z.B. der Hass auf die Sinti und Roma zunimmt, seitdem es dort fast keine Juden mehr gibt. Er weist auch darauf hin, dass der Antisemitismus in Polen geradezu groteske Formen annimmt, denn in Polen leben ebenfalls fast keine Juden mehr. Dennoch werden sie f\u00fcr die chaotischen Zust\u00e4nde innerhalb der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Dies w\u00fcrde auch geschehen, wenn in Polen tats\u00e4chlich kein einziger Mensch j\u00fcdischer Abstammung mehr existierte. Deshalb spreche ich von einem Wahn und dieser Wahn kann sich, je nach den konkreten Umst\u00e4nden, in der Tat gegen jede beliebige Gruppe richten.<br \/>\nIn den Vereinigten Staaten von Amerika f\u00fchlte man sich in den f\u00fcnfziger Jahren von Kommunisten umzingelt, obgleich gerade dort keinerlei Gefahr bestand, dass das Land kommunistisch unterwandert werde. Wenn sich der private Wahn mit dem anderer verb\u00fcndet, wenn hier eine Kongruenz entsteht, entsteht eben auch leicht eine Massenhysterie. Die in der Kindheit entwickelte paranoide Struktur muss sich irgendwo anheften, es sei denn, der Betreffende kann ihre Herkunft verstehen und diese Struktur von daher nach und nach aufl\u00f6sen. Wenn ein Mensch f\u00fchlen kann, wie sehr er die Eltern als ganz kleines Kind f\u00fcrchtete, braucht er vor Minderheiten oder Au\u00dfenseitern keine Angst mehr zu haben. Beziehungsweise: Gesellschaftliche Minderheiten m\u00fcssen nicht als Au\u00dfenseiter abgestempelt oder verfolgt werden. Wenn ein Mensch die Verr\u00fccktheit der Eltern, mit der er verfolgt wurde, endlich wahrnehmen kann, ist er auch in der Lage, sie in sich zu entdecken und langsam unsch\u00e4dlich zu machen. Vielleicht ist das nicht in allen F\u00e4llen m\u00f6glich, aber in vielen F\u00e4llen k\u00f6nnte ein solcher Prozess gelingen. Manche Menschen werden dann auch feststellen, wie sehr die Eltern ihrerseits Angst vor dem Kind hatten, vor seiner Lebendigkeit, seinen Bed\u00fcrfnissen, die es zun\u00e4chst ganz vital anmeldet. Sie werden erleben, wie sie diese irrationale Angst der Eltern, die aus deren eigener Kindheit stammte, regelrecht zum Wahnsinn trieb.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ich habe den Eindruck, dass vermutlich bei jedem Diktator ein privater Wahn zu finden ist. Der Faschismus und seine deutsche Variante, der Nationalsozialismus waren Ideologien, die nicht befreien, sondern herrschen und unterdr\u00fccken wollten. Das wird unmittelbar deutlich. Der Kommunismus in seinen Spielarten trat an, um die Unterdr\u00fcckten und Verelendeten zu befreien. Daf\u00fcr gab es reale Gr\u00fcnde. Aber dann kommt es zu einem Umschwung abermals in den Sadismus. Im China Mao Tse Tungs wurden die Intellektuellen und Gebildeten, gerade auch junge Menschen, f\u00fcr viele Jahre rabiat gezwungen, auf dem Land die \u00c4cker zu bearbeiten. Damit wurden massenhaft Biographien zerst\u00f6rt.<br \/>\nIch m\u00f6chte an dieser Stelle eine Selbstaussage Mao Tse Tungs zitieren, die er in den 30iger Jahren gegen\u00fcber einem westlichen Journalisten \u00e4u\u00dferte: &#8222;Als ich ungef\u00e4hr dreizehn Jahre alt war, lud mein Vater viele G\u00e4ste in sein Haus, und w\u00e4hrend diese anwesend waren, entstand ein Streit zwischen uns. Mein Vater r\u00fcgte mich offen vor dem ganzen Kreis, nannte mich faul und nutzlos. Das versetzte mich in Wut. Ich verfluchte ihn und verlie\u00df das Haus. Meine Mutter lief hinter mir her und versuchte mich zur R\u00fcckkehr zu bewegen. Mein Vater verfolgte mich auch, fluchend, w\u00e4hrend er mich zur R\u00fcckkehr aufforderte. Ich erreichte den Rand eines Teiches und drohte hineinzuspringen, wenn er mir nur einen Schritt n\u00e4her k\u00e4me. In dieser Situation wurden Forderungen und Gegenforderungen f\u00fcr die Beendigung des B\u00fcrgerkrieges vorgetragen. Mein Vater bestand darauf, dass ich mich entschuldigen und zum Zeichen meiner Ergebenheit einen Kotou [Verbeugung] machen solle. Ich stimmte zu, mit einem Bein niederzuknien, wenn er versprechen w\u00fcrde, mich nicht zu schlagen. So endete der Krieg, und ich lernte daraus, dass, wenn ich mein Recht in offener Rebellion verteidigte, mein Vater nachgab, wenn ich aber dem\u00fctig und gehorsam bliebe, er mich nur um so mehr verfluchen und schlagen w\u00fcrde.&#8220; (zitiert nach Grimm) Mao hatte also einen despotischen Vater. Es ist auch bekannt, dass er hart darum k\u00e4mpfen musste, gegen den erkl\u00e4rten Willen des Vaters mit 17 Jahren endlich eine Schule besuchen zu d\u00fcrfen (Quelle: Grimm). Das Bed\u00fcrfnis, sich gegen Unrecht zu wehren, mag auch eine Ursache in der Kindheit haben. Aber dann verwandelt sich der Kampf etwa um Gerechtigkeit in etwas Anderes.<\/p>\n<p>Mao ist ein gutes Beispiel. Zuerst rebelliert der Sohn gegen die Grausamkeit des Vaters und will das ganze Volk f\u00fcr die erlittene Ungerechtigkeit mobilisieren, aber kaum ist er an der Macht, \u00fcbernimmt er die Methoden der Unterdr\u00fcckung von seinem Vater, weil er nur das als Kind gelernt hat: Gewalt. Mit solchen F\u00fchrern muss ein Kampf um Gerechtigkeit scheitern, und er ist auch immer gescheitert. Es ist nat\u00fcrlich erstaunlich, wie es paranoiden Menschen immer wieder gelingt, an die Macht zu kommen und diese sehr lange zu halten, auch dann noch, wenn sie, wie im Falle von Mao und anderen Diktatoren, schon lange von Altersdemenz gezeichnet sind. Hinter jeder Macht verbergen sich die vielf\u00e4ltigsten Interessen und Gruppen, aber deutlich wird, wie enorm die destruktive Energie ist, die die unbewusst gebliebenen Qualen des Kindes erzeugt. Eine Energie, die immer daf\u00fcr eingesetzt wird, diese Qualen auf keinen Fall f\u00fchlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Was sich in der Chinesischen Volksrepublik unter Mao im Zuge der sogenannten Kulturrevolution in etwas abgeschw\u00e4chter Form beobachten lie\u00df, wurde in Kambodscha auf die Spitze getrieben. Pol Pot lie\u00df nahezu alle Intellektuellen ermorden. Es durfte weder \u00c4rzte und Lehrer noch Ingenieure geben. Brillentr\u00e4ger waren von vornherein verd\u00e4chtig, man erschlug sie mit der Harke, um kostbare Munition zu sparen. Das scheint mir ebenfalls eine Wahnvorstellung zu sein, mit der die Revolution\u00e4re sich selbst sch\u00e4digten, der Kampf um Befreiung der Armen schl\u00e4gt um in die v\u00f6llige Zerst\u00f6rung der Gesellschaft. In Kambodscha wurde das Geld verboten, die St\u00e4dte wurden evakuiert. Niemand durfte etwas haben (Quelle: Chandler). In dem Augenblick, wo das selbstdestruktive, die gerade M\u00e4chtigen selbst sch\u00e4digende Moment so eindeutig ist, kann man die Vorg\u00e4nge mit einer Ideologie allein nicht mehr begr\u00fcnden. Eher scheint mir die Ideologie aus einer bereits existierenden Wahnvorstellung heraus zu entstehen bzw. dieser Wahnvorstellung unterworfen, anverwandelt zu werden.<\/p>\n<p>Das meine ich auch. Die zuk\u00fcnftigen Diktatoren nehmen das, was in der Luft liegt und was ihnen am besten dient. Die Ideologien dienen ihnen wie eine Maske, um den eigenen Wahn zuzudecken. Man fragt sich, wie ein Mensch auf eine solche Idee kommen kann, wie stellt er sich sein Paradies vor, in dem keine \u00c4rzte und Lehrer f\u00fcr die Kinder vorhanden sind?<br \/>\nDie Frage lie\u00dfe sich vermutlich beantworten, wenn wir mehr \u00fcber die Kindheit von Pol Pot w\u00fcssten. Ich habe nur erfahren, dass die Familie des Diktators kinderreich und nicht bettelarm, aber doch so arm war, dass sie das Kind aus der Familie gaben, zu einer Verwandten, die am Hof des K\u00f6nigs als T\u00e4nzerin im privaten Ballett der K\u00f6nigsfamilie lebte. Diese Frauen hatten nichts anderes zu tun, als abends f\u00fcr den K\u00f6nig zu tanzen, am Tage langweilten sie sich. Sie dienten den m\u00e4nnlichen Angeh\u00f6rigen der K\u00f6nigsfamilie auch als Prostituierte und h\u00fcteten nun diesen Jungen (Quelle: Chandler). Diese Fakten sind zu sp\u00e4rlich, um sie zu interpretieren, aber sie weisen eindeutig auf fr\u00fche katastrophale Verh\u00e4ltnisse hin. Pol Pot ist ja eine erstaunliche Erscheinung, ein ewig l\u00e4chelnder Diktator, von dessen Sanftmut und Freundlichkeit viele Menschen berichteten. Aber schlie\u00dflich l\u00e4sst er die Maske fallen. Bemerkenswert ist auch, dass er zu einem Zeitpunkt, an dem er den Untergrund h\u00e4tte verlassen k\u00f6nnen, nach dem Sieg der &#8222;Revolution&#8220;, weiterhin im Dschungel verborgen bleibt, immer wieder seine Spuren zu verwischen sucht, gerade nicht an die \u00d6ffentlichkeit geht, was f\u00fcr Diktatoren untypisch ist. Zugleich l\u00e4sst er seine Mitstreiter einen nach dem anderen umbringen, weil er sich von ihnen bedroht f\u00fchlt. Er verwischt auch die Spuren der eigenen Biographie, auch dann noch, als dies aus konspirativen Gr\u00fcnden nicht mehr n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Lange Zeit wusste man nicht, wer Pol Pot war, er hat diesen Namen angenommen, man wusste nicht, woher er stammte, wer seine Familie gewesen ist. Er l\u00e4chelte, hielt freundliche Reden in seinem Versteck und ordnete Massaker an (Quelle: Chandler). In David Chandler&#8217;s Studie \u00fcber den Diktator beteuert der Autor sogar, es sei ausgeschlossen, dass Pol Pot als Kind traumatisiert und somit seelisch deformiert worden sei. Einige Zeilen weiter bringt er den Hinweis \u00fcber die Weggabe des Kindes in die Obhut von Prostituierten und beschreibt im gesamten Werk das seltsame Verhalten dieses Mannes, als ob es allt\u00e4glich sei. Dies ist der typische Umgang mit einer solchen Biographie. Es wurde, wie Chandler betont, ja berichtet, dass Pol Pot nach au\u00dfen hin auch ein sehr sanftm\u00fctiges, freundliches Kind gewesen sei. Aber was ging in diesem Kind vor sich? So entsteht doch ein vager Umriss dieses Mannes, hinter dessen Maske Hass und Vergeltungsw\u00fcnsche brodelten, einen Wahn hervortrieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Es ist nachvollziehbar, dass Diktaturen gerade gebildete Menschen f\u00fcrchten, denn diese k\u00f6nnten ja am Ende selbst\u00e4ndig denken und das System durchschauen. Aber dieser brachiale und in meinen Augen ebenfalls wahnhafte Hass auf Wissen, Bildung, die St\u00e4rken von Menschen, auf Kreativit\u00e4t erinnert mich stark an das, was Menschen immer wieder aus ihren Elternh\u00e4usern berichten. Sie erlebten \u00e4hnliches bei ihren Eltern, die gerade ihre Begabungen zu torpedieren suchten. Idi Amin in Uganda \u00e4u\u00dferte Folgendes: &#8222;I never had any formal education &#8211; not even a nursery school certificate. But sometimes I know more than Ph.D.s [promovierte Akademiker] because as a military man I know how to act.&#8220; (Quelle: Post) Sprach&#8217;s und lie\u00df innerhalb von sechs Jahren bis 600.000 vornehmlich gebildete Menschen umbringen.<br \/>\nJerrold Post macht auch auf das enorme Bed\u00fcrfnis nach Beachtung und Bewunderung aufmerksam, dass er bei allen Potentaten findet. Der Autor spricht vom &#8222;wounded self&#8220; dieser Menschen. Dieses Bed\u00fcrfnis kann erstaunliche Bl\u00fcten treiben, die ins Groteske abgleiten. So verlieh sich Idi Amin selbst folgenden pomp\u00f6sen Titel: &#8222;His Excellency President for Life Field Marshal Al Hadj Dr. Idi Amin Dada Lord of the Beasts of the Earth and Fishes of the Sea and Conquerer of the British Empire in Africa in General and Uganda in Particular&#8220; (Quelle: Post).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir lachen, wenn wir das lesen, aber das Lachen vergeht uns, wenn wir ein paar Zeilen weiter lesen, dass Idi Amin eben Tausende Intellektuelle umbringen lie\u00df. Wir haben es hier mit dem schon beschriebenen Gr\u00f6\u00dfenwahn zu tun, da w\u00fcrden sicher viele Menschen zustimmen, aber die wenigsten stellen sich die Frage, wie dieser Wahn aufgrund konkreter fortgesetzter Dem\u00fctigungen in der Kindheit entsteht, wie sich ein Neid entwickelt, der, weil unbewusst, extreme Formen annimmt. Der Diktator verleiht sich pikanterweise selbst den Doktortitel, obwohl er die wirklichen Akademiker umbringen lie\u00df. Seine Kindheit wurde nicht untersucht.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">\u00dcber den portugiesischen Diktator Antonio de Oliveira Salazar wird folgendes berichtet: Im Alter von 79 Jahren erleidet der Diktator durch eine Operation irreparable Hirnsch\u00e4den. Die portugiesischen Politiker halten ihn in dem Glauben, er sei noch Alleinherrscher des Landes. &#8222;Nur seine ebenfalls gealterte Haush\u00e4lterin spricht manchmal von Demission und Ausruhen. Dann m\u00e4kelt er: \u201aDas geht nicht, niemand kann meine Nachfolge antreten.&#8216; Er bemerkt nicht nur nicht, dass er nichts mehr ist, sondern auch nicht, dass er nichts mehr tut. Dieser Zustand dauert fast zwei Jahre. Am 27. Juli 1970 stirbt er&#8230; Er hinterl\u00e4sst einen Sparstrumpf mit 900 Tonnen Gold&#8230;&#8220; (Quelle: Accoce \/ Rentchnick)<br \/>\nNat\u00fcrlich sind diese Gesch\u00f6pfe im eigentlichen Sinne kleine W\u00fcrstchen. Der spanische Diktator Francisco Franco y Bahamonde litt sein ganzes Leben darunter, angeblich der kleinste Soldat gewesen zu sein, den die spanische Armee je hatte. Er war ein Knirps (Quelle: Accoce \/ Rentchnick). Mir w\u00e4re es jedoch zu einfach, lediglich den Standpunkt zu vertreten, diese Leute sind schlicht verr\u00fcckt. Ich sehe (ohne jedes Mitleid), dass im Inneren dieser Leute eine gigantische Leere lauerte, ein nie erf\u00fclltes und sp\u00e4ter ma\u00dflos gewordenes Bed\u00fcrfnis. Wie entsteht in einem Menschen ein solches &#8222;Loch&#8220;, das im Gr\u00f6\u00dfenwahn ausgef\u00fcllt werden soll?<\/p>\n<p>Ich sehe hier weniger ein Loch, sondern tickende Bomben bei einem Menschen, der als Kind schwer gedem\u00fctigt worden war und niemals die Chance hatte, sich dagegen zu wehren. An die Macht gekommen, k\u00f6nnen sich diese Bomben entladen, gegen Unschuldige. Sie liegen bereit, um jederzeit hochzugehen. Bei solchen Menschen pervertieren sich die Lebensziele. Der einzige Sinn des Lebens scheint bei ihnen die Rache zu sein, die sie aus\u00fcben k\u00f6nnen, sobald sie Macht erlangt haben. Freude, Lebensfreude sind bei solchen Menschen ausgeklammert. Stattdessen geht es um Lust an der Macht \u00fcber das Schicksal anderer, auch an Grausamkeit. Es geht um ein inneres Getrieben-Sein von Vorstellungen, deren Anf\u00e4nge sich in der Kindheit ausbildeten.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Man kann beobachten, dass Autoren, die sich mit der Biographie von Diktatoren besch\u00e4ftigen, einm\u00fctig auf despotische, oder wie es oft genannt wird &#8222;strenge V\u00e4ter&#8220; und auf irgendeine Art und Weise abweisende M\u00fctter aufmerksam machen. Saddam Husseins Vater stirbt vor seiner Geburt, sein \u00e4lterer Bruder ebenfalls. Beide an Krebs. Daraufhin versucht die mit ihm schwangere Mutter, sich das Leben zu nehmen. Als dies misslingt, versucht sie eine Abtreibung im achten Schwangerschaftsmonat. Doch Saddam wird geboren, von seiner Mutter abgelehnt und nach der Geburt sofort weggeben. Erst im Alter von drei Jahren kehrt das Kind zur Mutter zur\u00fcck und ist von nun an mit einem Stiefvater konfrontiert, der es pr\u00fcgelt und dem\u00fctigt. Saddam Hussein musste hart darum k\u00e4mpfen, eine Schule besuchen zu d\u00fcrfen (Quelle: Post).<br \/>\nEntwerfen allein diese wenigen Fakten nicht einen Kosmos des Grauens, in dem ein solches Kind aufwachsen musste? Ich m\u00f6chte noch einmal betonen, dass es an dieser Stelle nicht darum geht, zu erkl\u00e4ren, welche politischen und \u00f6konomischen Faktoren gest\u00f6rte Menschen an die Macht bringen, welche Lobbies und Interessen dahinter stecken, oder welche historischen und gesellschaftlichen Umst\u00e4nde Menschen zu Terroristen mutieren lassen. Es geht hier darum, \u00fcber diese Aspekte hinaus zu fragen, wie ein solcher Charakter entsteht. Darauf sind wir bereits eingegangen. Ich finde entscheidend, dass der Kosmos des Grauens, in dem diese Menschen als Kinder aufwachsen mussten, von ihnen sp\u00e4ter wieder kreiert wird, nur dass diesmal andere darunter leiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ja, und das l\u00e4sst sich an der Hitler-Biographie bis in alle Details aufzeigen &#8211; im Unterschied zu den vielen anderen Verbrechern, deren Lebensanf\u00e4nge so gut wie unbekannt sind, leider. (Einige Fakten \u00fcber Saddam Hussein lagen mir noch nicht vor, als ich mein letztes Buch &#8222;Die Revolte des K\u00f6rpers&#8220; herausgab, in dem ich ja auch auf den Diktator hinweise.) Dazu kommen noch Millionen Menschen, die keine Allmacht anstreben, sondern die erlernte zerst\u00f6rerische Gewalt gegen sich selbst richten, schwer erkranken, jung sterben oder Suizid begehen.<br \/>\nMit Hilfe ihres kranken Selbstbildes, ihres Wahns sch\u00fctzen sich viele Menschen vor der Erkenntnis der Realit\u00e4t ihrer Kindheit, ihres Lebens, ihrer Gef\u00fchle. Sie sch\u00fctzen sich vor ihrer eigenen Wahrheit und ruinieren damit dann als verl\u00e4ngerter Arm ihrer Eltern manchmal nur das eigene Leben, manchmal die Existenz einer ganzen Nation. <\/p>\n<p><a href=\"\/de\/folgen-fur-jede-gesellschaft\/\">&gt; Fortsetzung<\/a>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik Der private Wahn Einleitung Destruktivit\u00e4t Sadismus Der private Wahn Folgen f\u00fcr jede Gesellschaft Zum Schluss Sie sagten bereits, dass Hitler die Wahnvorstellung hatte, nur in einer sozusagen von den Juden befreiten Welt leben zu k\u00f6nnen. Er hatte einen privaten Wahn, der aber von vielen geteilt wurde. Dies scheint mir sehr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2990","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-non-classe"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2990"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3014,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2990\/revisions\/3014"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}