{"id":3019,"date":"1990-01-02T15:55:58","date_gmt":"1990-01-02T14:55:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alice-miller.com\/de\/?p=3019"},"modified":"2015-12-02T15:57:55","modified_gmt":"2015-12-02T14:57:55","slug":"fur-den-abbruch-der-schweigemauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/","title":{"rendered":"F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer"},"content":{"rendered":"<div class=\"colonne-droite\">\n<h1>F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/h1>\n<h2>Interview mit der Schweizer Psychologin Alice Miller \u00fcber die Folgen der Kindesmisshandlung und ihr Verschweigen<\/h2>\n<p><i>Dies ist eine gek\u00fcrzte Fassung eines Interviews, das zuerst im Magazin SPIEGEL erschienen war und 1990 in der Zeitschrift UNION in der damaligen DDR abgedruckt wurde.<\/i><\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Worin sehen Sie die Ursachen psychischer Krankheiten?<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den meisten meiner fr\u00fcheren Kollegen sehe ich den Grund f\u00fcr die Destruktivit\u00e4t und das psychische Leiden nicht in den menschlichen Trieben, sondern in der Verdr\u00e4ngung der Kindheitstraumata, die zum \u00dcberleben notwendig war, die aber den Erwachsenen in seinen M\u00f6glichkeiten einengt und blind, daher verantwortungslos, macht. Daher sehe ich in der emotionalen Aufdeckung der eigenen Kindheits- und Lebensgeschichte, in der Aufhebung deren Verdr\u00e4ngung, den Weg zur Befreiung und Verantwortlichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Weshalb werden Ihre B\u00fccher so leidenschaftlich gelesen?<\/p>\n<p>Ich habe in meinen B\u00fcchern beschrieben, was ein Kind in unserer Gesellschaft durchzustehen hat, ohne dass dies von den Erwachsenen \u00fcberhaupt je realisiert wird, weil diese fr\u00fch gelernt haben, dies als &#8222;normal&#8220; zu bezeichnen. Ich habe das Leiden des Kindes immer von seiner Perspektive und aus seinem Erlebnis heraus geschildert, um dem Erwachsenen den Zugang zu seiner versch\u00fctteten Welt zu erm\u00f6glichen. Daher ist es begreiflich, wenn viele bei der Lekt\u00fcre meiner B\u00fccher zum ersten Mal ihr wahres Leiden in sich entdecken, das einst in sich zum Schweigen, zum Verstummen gebrachtes Kind, das sie jahrzehntelang in der Verbannung hielten. Diese Entdeckung der eigenen bisher unbekannten Geschichte fasziniert sie.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie sind Sie denn auf das Thema Kindheit gekommen?<\/p>\n<p>Ich habe zuerst in Philosophie doktoriert, dann 20 Jahre lang als Psychoanalytikerin Freud&#8217;scher Richtung gearbeitet und gelehrt, doch ich hatte immer noch keine Ahnung davon von, was sich in den ersten Jahren meines Lebens abgespielt hatte. Dann begann ich 1973 spontan zu malen wie ein unverbildetes Kind. Aus den Flecken entstanden bald Figuren, und es wurde mir mit der Zeit klar, dass sie mir von meiner Kindheit erz\u00e4hlten, von der ich bis dahin annahm, sie w\u00e4re gl\u00fccklich gewesen; trotz meiner beiden Lehranalysen hing ich an diesem grundfalschen Bild. Ich schrieb meine ersten drei B\u00fccher, das &#8222;Drama des begabten Kindes&#8220;, &#8222;Am Anfang war Erziehung&#8220; und &#8222;Du sollst nicht merken&#8220;, ich schrieb \u00fcber Patienten und Schriftsteller, ohne damals zu ahnen, wie genau diese drei Titel meine eigene Geschichte umkreisen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Praktizieren Sie jetzt noch?<\/p>\n<p>Nein, seit 11 Jahren habe ich keine therapeutische Praxis mehr. Seitdem ich erkannte, dass der Mensch nicht b\u00f6se auf die Welt kommt, sondern am Ursprung seines Lebens zum b\u00f6sen und verwirrten Erwachsenen gemacht werden kann, durch Misshandlungen und Verwahrlosungen, durch Missachtung seiner Gef\u00fchle, Bed\u00fcrfnisse und Rechte, entschloss ich mich, diese Erkenntnis mit anderen zu teilen und zu erz\u00e4hlen, was ich entdeckte.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Muss ein schweres Kindheitsschicksal notgedrungen zum Verbrechen oder zur Geisteskrankheit im Erwachsenen f\u00fchren?<\/p>\n<p>Nein, jeder k\u00f6nnte das best\u00e4tigen. Der bezahlte Preis ist zwar oft unsichtbar. Meistens zahlen ihn die eigenen Kinder oder der eigene K\u00f6rper. Doch es stimmt: Auch ein ungl\u00fcckliches Kind muss nicht zum Kriminellen oder Geisteskranken werden, dann n\u00e4mlich nicht, wenn es die M\u00f6glichkeit hat, dank einem wissenden Zeugen, die Verursacher seiner Not zu erkennen und sein Schicksal zu beklagen, kurzum zu realisieren, dass es grausam behandelt wurde.<br \/>\nDoch die meisten schwer misshandelten Kinder wissen nicht, dass ihnen Grausamkeit widerfuhr, eben weil ihnen der helfende Zeuge fehlte, der ihnen erm\u00f6glicht h\u00e4tte, Grausamkeit \u00fcberhaupt auszumachen. Diese Kinder glauben, dass sie es verdient haben, als kleine Kinder geschlagen zu werden, oder gar gefoltert, dass dies zu ihrem Bestengeschah. Hitler erz\u00e4hlte ja mit Stolz \u00fcber seine Schl\u00e4ge, und Stalin soll sogar in einem Interview mit Stefan Zweig geleugnet haben, dass er \u00fcberhaupt geschlagen wurde, w\u00e4hrend nach Berichten der Augenzeugen sein betrunkener Vater t\u00e4glich in Wutausbr\u00fcchen dieses Einzelkind pr\u00fcgelte. Menschen, die ihr Leiden in der Kindheit so total verleugnen, sind in Gefahr (und&#8216; werden zur Gefahr), als Erwachsene ihre verleugne ten Qualen an andere weiterzugeben, ebenfalls mit der Etikette &#8222;zu deinem Besten&#8220;. Sie tun das den eigenen Kindern gegen\u00fcber oder gar ganzen V\u00f6lkern gegen\u00fcber. Im &#8222;Abbruch der Schweigemauer&#8220; habe ich am Beispiel von Ceausescu gezeigt, wie er die Heuchelei seiner Erziehung, das Prinzip: Ich foltere dich &#8222;zu deinem Besten&#8220; auf der innenpolitischen B\u00fchne demonstriert hat &#8211; leider ohne dass dies von irgend jemandem registriert und verstanden worden w\u00e4re, um diesem grauenhaften Schauspiel ein Ende zu machen. In unz\u00e4hligen Varianten spielten sich in Rum\u00e4nien die Szenen aus der Erziehung ab, die nicht durchschaut wurden, weil sie f\u00fcr die meisten so bekannt und selbstverst\u00e4ndlich sind. Stalin, Hitler, Ceausescu und viele andere Diktatoren waren schwer misshandelte Kinder, die sich an Millionen daf\u00fcr r\u00e4chten und diese Rache als Erl\u00f6sung f\u00fcr ihre V\u00f6lker ausgaben. Sie mussten als Kinder viel Schlauheit entwickeln, um nicht Umgebracht zu werden, und diese setzten sie als Erwachsene ein, um die anderen zu beherrschen, mit Hilfe von geschickten Erpressungen, Drohungen und List. Sie k\u00f6nnen endlich anderen unschuldigen Menschen die gleiche Angst einfl\u00f6\u00dfen, die Rechtlosigkeit und Missachtung, deren Opfer sie selbst in der Kindheit waren. Sie kriegen nicht selten eine gro\u00dfe Gefolgschaft unter den Menschen mit \u00e4hnlichem Kinderschicksal, die in diesen Diktatoren dem lange ersehnten Erl\u00f6ser zujubeln. Die Sprache der L\u00fcge und Gewalt, die sie seit jeher so gut kennen, scheint diesen Menschen ein Zeichen der St\u00e4rke zu sein. Am Beispiel von Stalin, Hitler, Ceausescu wie auch Napoleon sehen wir, dass es die Sprache der Angst ist, der verdr\u00e4ngten Angst, eines r\u00fccksichtslos, skrupellos und absolut verantwortungslos gewordenen Menschen, der bereit ist, Millionen anderer Menschen zu opfern, um sich f\u00fcr die Dem\u00fctigungen seiner Kindheit zu r\u00e4chen.<br \/>\nWeil die Rolle des wissenden, leben den Zeugen so entscheidend ist, gebe ich Interviews. Ich m\u00f6chte m\u00f6glichst viele Menschen \u00fcber diese bisher noch verborgenen Mechanismen informieren und ergreife jede Gelegenheit, die sich ergibt, um dieses Wissen nicht nur in meinen B\u00fcchern, sondern auch in der Presse zu vermitteln. Aber selbstverst\u00e4ndlich lassen sich diese recht komplizierten Zusammenh\u00e4nge nicht hier in dieser Verk\u00fcrzung ausreichend schildern. Das k\u00f6nnen nur meine letzten drei B\u00fccher.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Es steht auf dem Klappentext Ihres letzten Buches, dass Sie aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgetreten sind. K\u00f6nnen Sie Ihre Gr\u00fcnde etwas genauer erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Als ich das Buch &#8222;Du sollst nicht merken&#8220; schrieb, begann ich zu merken, dass Freud die von ihm entdeckte Wahrheit \u00fcber die H\u00e4ufigkeit und die schweren Folgen von Kindesmi\u00dfhandlungen verraten hat. Damals versuchte ich noch, seine Angst zu verstehen und ihn zu entschuldigen: die Angst vor den eigenen Schmerzen der Kindheit und die Angst, seine eigenen Eltern in Frage zu stellen. Denn damals teilte ich mit ihm diese \u00c4ngste. Doch inzwischen habe ich erlebt, dass ich die Schmerzen meiner Kindheit erleben konnte, ohne daran zu sterben, dass ich im Gegenteil dank der Aufl\u00f6sung der traumatischen Erfahrungen gewachsen bin und stark wurde. Dies erm\u00f6glichte mir, auch meine Eltern in Frage zu stellen und zu sehen, wie sie ihre Kinder im Namen der Tradition und verlogenen Moral geopfert haben. Nachdem ich diesen schweren, aber heilsamen Weg gegangen bin, muss ich Freuds Verrat an der Wahrheit verurteilen, weil ich aus eigener Erfahrung und aus unz\u00e4hligen Briefen wei\u00df, welche Sch\u00e4den die Psychoanalysen zur\u00fccklassen k\u00f6nnen. Die Verwirrung der Kindheit wird auf der psychoanalytischen Couch zementiert, weil auch hier das Kind beschuldigt wird, um die gef\u00fcrchteten Eltern zu schonen. Nicht Vater oder Mutter haben das Kind sexuell wirklich misshandelt, hei\u00dft es in der Freud&#8217;schen Version, sondern der Patient phantasiert angeblich den &#8222;Inzest&#8220; auf Grund seiner kindlichen \u00f6dipalen W\u00fcnsche. Das ist nicht nur absurd, dem widersprechen all die F\u00e4lle, von denen ich seit 11 Jahren st\u00e4ndig h\u00f6re und lese. Die Leserbriefe enthalten ganze Dossiers, die \u00fcber Absurdit\u00e4ten auf der psychoanalytischen Couch berichten.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Worin sehen Sie Ihre Aufgabe jetzt?<\/p>\n<p>Ich zeige die zerst\u00f6rerischen Muster in unserer Tradition. Ich mache Angebote, zu sehen, zu begreifen, die jeder auf ihren Wahrheitsgehalt \u00fcberpr\u00fcfen kann. Ich suche keine Gl\u00e4ubigen. Weil die Verdr\u00e4ngung so gef\u00e4hrlich ist, versuche ich die Menschen aufzukl\u00e4ren. Die Menschheit hat keine Alternative, als die Wahrheit der Fakten ohne theoretische Verbr\u00e4mungen zu erkennen. Wie f\u00fcr das Ozonloch gilt dies auch f\u00fcr das Problem der Kindesmisshandlungen und dessen Verleugnung, ohne die es keine Verbrechen geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Weckt das, was Sie schreiben und sagen, nicht starke Widerst\u00e4nde?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Es w\u00e4re viel einfacher, wenn man das Wissen, das ich verbreite, als Glauben, Theorien, Hokus Pokus, Schw\u00e4rmerei abtun k\u00f6nnte. Aber das l\u00e4sst sich nicht so leicht machen, weil ich \u00fcber Fakten berichte, die jedem aus eigener Erfahrung bekannt sind, die er aber in der Verdr\u00e4ngung h\u00e4lt. Diese Fakten machen den meisten Angst, weil sie an l\u00e4ngst Verdr\u00e4ngtes und Schmerzhaftes r\u00fchren oder gar erinnern und weil sie Marktstrukturen entlarven. Ich habe einmal einen Brief erhalten, der das illustriert, was ich hier sagte. Eine junge Frau schreibt, sie h\u00e4tte letztes Jahr versucht, mein Buch &#8222;Das verbannte Wissen&#8220; zu lesen, es hat sie aber gelangweilt, und sie mu\u00dfte aufh\u00f6ren. Sie konnte nicht begreifen, weshalb ihre Freundinnen es eifrig lasen und warum ihr ihre K\u00f6rpertherapeutin dieses Buch empfohlen hatte. Doch in diesem Jahr erlebte sie in der Therapie, was absolut verdr\u00e4ngt war, wie sie von ihrem Gro\u00dfvater sexuell missbraucht wurde. Nach diesem Erlebnis konnte sie das Buch mit gro\u00dfem Interesse lesen und alles verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Kann man denn wirklich alles Leiden und jedes Verbrechen mit der Tatsache der Kindesmisshandlung erkl\u00e4ren? W\u00e4re das nicht eine gro\u00dfe Vereinfachung?<\/p>\n<p>Es ist so, dass das menschliche Wesen von Anfang an Gutes und B\u00f6ses f\u00fchlt und in seinem Organismus speichert. Sp\u00e4ter gibt der Erwachsene an die Welt das weiter, was er empfangen hat, im Guten wie im B\u00f6sen. Wenn diese Erkenntnis &#8222;so einfach&#8220; w\u00e4re, weshalb w\u00fcrde sie auf soviel Widerstand sto\u00dfen? Es ist viel einfacher, komplizierte Theorien zu entwerfen, wie Freud es z.B. tat, als zu sehen und zu f\u00fchlen, dass wir mit mehr Liebe, Achtung und Ehrlichkeit in der Kindheit anders h\u00e4tten werden k\u00f6nnen, als wir geworden sind: liebesf\u00e4higer, empathischer, ehrlicher und friedlicher. Dies zu erkennen, ist sehr schmerzhaft und daher nicht einfach.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Warum schlagen so viele Eltern ihre Kinder? Sind es nicht ca. zwei Drittel?<\/p>\n<p>Ja. Nur weil sie selber geschlagen und gequ\u00e4lt wurden und die entsprechenden Gef\u00fchle verdr\u00e4ngt haben. Sie denken, das sei gut und richtig, weil es in ihrem Elternhaus auch so zugegangen ist. Aber Kindesmisshandlungen sind ein Verbrechen, weil sie einen im Wachstum befindlichen Organismus psychisch lebensl\u00e4nglich sch\u00e4digen. Jeder Mensch sollte das wissen. Zu den Sp\u00e4tsch\u00e4den geh\u00f6rt u. a. auch die Verharmlosung des Problems auf Kosten der n\u00e4chsten Generation. Das l\u00e4sst sich \u00fcberall feststellen. Der Kinderschutz z. B. stimmt mir zu, dass das Schlagen der Kinder verboten sein m\u00fcsste. Aber zugleich wird gesagt, man d\u00fcrfe diese Taten um Gotteswillen nicht &#8222;kriminalisieren&#8220;. Diese Taten sind aber kriminell. Und wenn das Gesetz diese Verbrechen eindeutig verbietet, es meinetwegen mit Geldstrafen belegt, dann wird sich zweifellos etwas in der \u00f6ffentlichen Einstellung \u00e4ndern. Im Verkehr mit Erwachsenen haben wir schon diese &#8222;roten Ampeln&#8220;, sie fehlen uns aber noch im Umgang mit unseren eigenen Kindern. Wir brauchen ein ganz deutliches &#8222;Halt&#8220; f\u00fcr Menschen, denen &#8222;die Hand ausrutscht&#8220;. Und das kann nur eine neue Gesetzgebung bewirken. Stellen Sie sich vor, Sie sagen zu Ihrer Sekret\u00e4rin: &#8222;Wenn du mir nicht zuh\u00f6rst, kriegst du eine drauf!&#8220; und Sie verpassen ihr eine Ohrfeige. Sie w\u00fcrde zum Chef gehen, sich beklagen, Ihnen vielleicht einen Prozess machen. Sie k\u00f6nnen dann nicht sagen, sie h\u00e4tten ihr nur das Zuh\u00f6ren beibringen wollen. Aber solange Kinder nicht die normalen Menschenrechte haben, kann man sie straflos so behandeln, ohne eine Bu\u00dfe zu riskieren, und ihnen dabei Liebe vorheucheln. Und das lernen die Kinder. Sie lernen, dass man am Schwachen, Wehrlosen (Kind) ungeniert die eigene Wut abreagieren kann und dies als Erziehung tarnen darf. Darin liegen die psychischen Sp\u00e4tfolgen der Ohrfeige und anderer so genannter milden Formen der Z\u00fcchtigung. Sie bringen Erwachsene hervor, die sich unverbl\u00fcmt oder verbl\u00fcmt gegen das Recht des Kindes auf Schutz, auf seelische und k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t und auf Menschenw\u00fcrde aussprechen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Im Unterschied zu den meisten Therapeuten propagieren Sie nicht die Verzeihung als therapeutisches Ziel. Oder sind Sie sogar dagegen, dass man verzeiht?<\/p>\n<p>Ich bin entschieden gegen jede Form von Erziehung in der Therapie. Das Ziel einer Therapie ist meines Erachtens die Aufl\u00f6sung der durch Erziehung entstandenen Sch\u00e4den, unter anderem, und keinesfalls die Fortsetzung der Erziehung. Die Aufl\u00f6sung ist erst m\u00f6glich, wenn man f\u00fchlen darf, was das Kind nicht f\u00fchlen konnte, weil es verdr\u00e4ngen musste, um zu \u00fcberleben. Die Forderung, den Eltern jede Grausamkeit zu verzeihen, ist eine religi\u00f6se Forderung, die den therapeutischen Prozess (den Weg zum F\u00fchlen und Infragestellen des elterlichen Tuns und der elterlichen Meinungen) notgedrungen blockiert. Daher verunm\u00f6glicht sie die Befreiung von den Belastungen aus der Kindheit. Das ist nicht meine Meinung, mein Glaube, meine \u00dcberzeugung, sondern eine empirische Feststellung, die in jedem Fall \u00fcberpr\u00fcft werden kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Wie wird man aber den Hass los, wenn man feststellt, was einem angetan wurde?<\/p>\n<p>Indem man ihn bewu\u00dft f\u00fchlt und dessen Berechtigung in der Kindheit entdeckt. Ereignisse, die wir bewu\u00dft erlebt haben, belasten uns nicht mehr. Es sind die abgewehrten Geschehnisse, die st\u00e4ndig unser Leben in der Gegenwart beeintr\u00e4chtigen. Alle Diktatoren und Tyrannen sprachen mit Bewunderung von ihren V\u00e4tern und wussten nicht, dass sie sie unbewusst hassten. Millionen zahlten f\u00fcr diese Blindheit. Ich habe immer wieder gezeigt, wie z. B. Hitler gar nicht leidensf\u00e4hig war, weil er jedes Gef\u00fchl der Schw\u00e4che abwehrte. Seine Gef\u00fchllosigkeit machte ihn dann zur Gefahr. Die entscheidende Alternative f\u00fcr mich ist: bewu\u00dft &#8211; blind. Es sind nicht die Entbehrungen an sich, die die Menschen blind und b\u00f6se machen, sondern die Verleugnungen des Leidens, des Erlittenen.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Sind die alten Erziehungsmuster immer noch sehr verbreitet?<\/p>\n<p>Leider ja, obwohl sich etwas zu \u00e4ndern beginnt, dank der Aufkl\u00e4rung auch. Wie ein Mensch erzogen bzw. misshandelt wurde, erkennt man aber an seinen zerst\u00f6rerischen und selbstzerst\u00f6rerischen Mustern. Ich meine z. B., dass die gewaltlosen M\u00e4rsche in Dresden, Leipzig und Berlin, aber auch in den L\u00e4ndern Osteuropas im Jahre 1989 in dieser Form nur m\u00f6glich waren, weil sich der Erziehungsstil in der letzten Generation etwas ge\u00e4ndert hat. Diese Menschen haben als Kinder mit Sicherheit mehr Freiheit und Achtung erfahren, als z. B. die Terroristen der 60er Jahre, die als Kinder nur Grausamkeit und Z\u00fcchtigung &#8222;zu ihrem Besten&#8220; kannten und sp\u00e4ter selber die Mittel ihrer Eltern (Gewalt und Zerst\u00f6rung) f\u00fcr die Durchsetzung angeblich hoher Ideale der Revolution w\u00e4hlten. Sie kannten einfach keine andere Kommunikation, keine Sprache des Dialogs zwischen zwei Gleichberechtigten. Die Terroristen stammten nicht aus armen Familien, sondern aus der gehobenen Mittelschicht, \u00fcber 60 % Pfarrh\u00e4user. Sie erbrachten indirekt den Beweis, dass Kindesmi\u00dfhandlungen nicht sozialschichtenspezifisch auftreten, obwohl man das immer behauptet<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Was sind denn eigentlich die Ursachen von Kindesmi\u00dfhandlungen?<\/p>\n<p>Einzig und allein die Verleugnung oder die Gef\u00fchlsverdr\u00e4ngung der einst in der Kindheit erlittenen Geschichte bei den Eltern. Weder Armut, noch Hunger, noch enge Wohnverh\u00e4ltnisse treiben einen Menschen zu solchen Verzweiflungstaten. Ein Kind wird geachtet, wenn seine Eltern ebenfalls als Kinder geachtet waren oder wenn ihnen ihr schweres Schicksal bewu\u00dft geworden ist. Eltern, die in der aufdeckenden Therapie ihr Schicksal erlitten haben und ihr Bewusstsein wiedererlangen konnten, stehen nie mehr in Gefahr, ihre oder fremde Kinder zu misshandeln. Sie k\u00f6nnen es einfach nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">K\u00f6nnten Sie das am Beispiel illustrieren?<\/p>\n<p>Ja, ich w\u00e4hle zwei M\u00e4nner, deren Charaktere der Welt gut bekannt sind: Stalin und Gorbatschow. In meinem Buch &#8222;Der gemiedene Schl\u00fcssel&#8220; habe ich Stalins Kindheitsschicksal beschrieben: Ein Einzelkind, das t\u00e4glich von seinem betrunkenen Vater geschlagen wird, ohne dass ihn jemals ein helfender Zeuge in Schutz nimmt, wei\u00df nie, wann sein Ende gekommen ist, erwartet st\u00e4ndig, dass es im n\u00e4chsten Moment von dem viel st\u00e4rkeren Mann umgebracht wird. Dieses vom Kind verdr\u00e4ngte Gef\u00fchl f\u00fchrte beim erwachsenen Stalin zu seiner Paranoia, d. h. zur wahnhaften Vorstellung, alle w\u00fcrden nach seinem Leben trachten. Daher lie\u00df der Diktator in den 30er Jahren Millionen Menschen in die Lager bringen oder hinrichten. In der Kriegszeit fiel diese Krankheit weniger auf, weil da Stalin seine \u00dcberlebensf\u00e4higkeit einsetzen konnte, sogar im Dienste des ganzen Volkes, um den realen Angreifer zu besiegen. Doch schon kurz nach dem Kriegsende begannen die grauenhaften Prozesse von neuem, in denen der Diktator immer wieder symbolisch seinen Vater daran hindern wollte, das Kind umzubringen. Nat\u00fcrlich ohne das zu wissen. H\u00e4tte er das gewusst, Millionen seiner Mitb\u00fcrger h\u00e4tten nicht sterben m\u00fcssen.<br \/>\nGanz anders war es bei Gorbatschow. In dieser Familie gab es offenbar keine Tradition der Kindesmisshandlung; hingegen gab es die Tradition der Achtung f\u00fcr das Kind. Die Folgen kann jeder am Verhalten des Erwachsenen beobachten, der wie kein anderer lebender Staatsmann ungew\u00f6hnliche Qualit\u00e4ten bewies, Mut, Fakten zu sehen, flexible L\u00f6sungen zu suchen, Achtung f\u00fcr die Mitmenschen, Flexibilit\u00e4t im Dialog und Mangel an Heuchelei. Sowohl seine Eltern als auch die Gro\u00dfeltern, die ihn in der Kriegszeit betreuten, waren ausgesprochen liebesf\u00e4hige Menschen. Den 1976 verstorbenen Vater schildern viele einstimmig als einen liebenswerten, bescheidenen Mann, der mit anderen freundlich und friedlich umging und von dem nie ein lautes Wort zu h\u00f6ren war. Die Mutter wird als stark, aufrichtig und heiter geschildert Sie lebt heute noch sehr bescheiden und zufrieden in ihrem kleinen Bauernhaus.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">War Gorbatschows Kindheit nicht auch durch materielle Not gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p>Gorbatschows Kindheit liefert einen Beweis mehr, dass auch die schwersten materiellen Entbehrungen den Charakter des Kindes nicht sch\u00e4digen, solange seine Integrit\u00e4t nicht durch Heuchelei, Mi\u00dfhandlungen, Z\u00fcchtigungen, Dem\u00fctigungen seelischer Art verletzt wurde. Der stalinistische Terror, sp\u00e4ter der grausame Krieg, die brutale Besatzung, sehr gro\u00dfe Armut, schwere k\u00f6rperliche Arbeit &#8211; all das geh\u00f6rte zu Gorbatschows Schicksal. Aber all das kann ein Kind \u00fcberstehen, ohne daran krank zu werden, wenn ihm das emotionale Klima in seinem Elternhaus Schutz und Sicherheit bietet Ein Beispiel kann dieses Klima illustrieren: Ende der Kriegszeit. Michail Gorbatschow kann drei Monate lang nicht in die Schule gehen, weil er keine Schuhe hat. Als sein Vater dies (als Verwundeter im Kriegslazarett) erf\u00e4hrt, schreibt er der Mutter, sie &#8222;m\u00fcsse um jeden Preis etwas tun, damit Mischa wieder in die Schule gehen kann&#8220;, weil er so gerne lernte. Die Mutter verkauft ihre letzten Schafe f\u00fcr 1500 Rubel und kauft dem Kind Milit\u00e4rstiefel. Der Gro\u00dfvater besorgt ihm eine warme Jacke und auf die Bitte des Kindes auch eine f\u00fcr seinen Freund.<\/p>\n<p style=\"font-weight:bold;\">Ist das denn etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches?<\/p>\n<p>Das mu\u00df ich leider annehmen. Schutz und Achtung f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse des Kindes &#8211; das m\u00fcsste eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. Doch davon sind wir noch sehr weit entfernt. Wir leben in einer Welt, die voll ist von Menschen, die ohne Rechte, ohne Achtung aufgewachsen sind und als Erwachsene diese Achtung mit Hilfe von Gewalt (Erpressung, Drohungen, Waffen) zu erzwingen suchen. Weil Gorbatschows Schicksal vermutlich zu den wenigen Ausnahmen geh\u00f6rt, leben wir in einer Gesellschaft, die sich der Fakten Kindesmi\u00dfhandlungen gegen\u00fcber blind stellt. Abertausende Professoren lehren \u00fcber alles M\u00f6gliche an Universit\u00e4ten, aber es gibt keinen einzigen Lehrstuhl f\u00fcr Kindesmisshandlungen. Das kann man kaum fassen, wenn man bedenkt, dass doch die meisten Menschen davon betroffen sind! An den Folgen der Delikte gegen Kinder geht unsere Welt vielleicht zugrunde. Es ist daher h\u00f6chste Zeit, dass wir die in jedem einzelnen Falle \u00fcberpr\u00fcfbaren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten endlich zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"colonne-gauche\">\n<ul class=\"lcp_catlist\" id=\"lcp_instance_0\"><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/ein-interview-mit-alice-miller-an-katharina-micada\/\">Ein Interview mit Alice Miller an Katharina Micada<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/wege-aus-der-verleugnung\/\">Wege aus der Verleugnung<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gewalt-totet-die-liebe-schlage-das-vierte-gebot-und-die-unterdruckung-authentischer-gefuhle\/\">Gewalt t\u00f6tet die Liebe: Schl\u00e4ge, das Vierte Gebot und die Unterdr\u00fcckung authentischer Gef\u00fchle<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/interview-mit-julia-becker\/\">Interview mit Julia Becker<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/gesprach-uber-kindheit-und-politik\/\">Gespr\u00e4ch \u00fcber Kindheit und Politik<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/kindern-uber-terror-die-wahrheit-sagen\/\">Kindern \u00fcber Terror die Wahrheit sagen<\/a><\/li><li class=\"current\"><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/fur-den-abbruch-der-schweigemauer\/\">F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.alice-miller.com\/de\/das-fuhlende-kind\/\">Das f\u00fchlende Kind<\/a><\/li><\/ul>\n<div class=\"separateur\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den Abbruch der Schweigemauer Interview mit der Schweizer Psychologin Alice Miller \u00fcber die Folgen der Kindesmisshandlung und ihr Verschweigen Dies ist eine gek\u00fcrzte Fassung eines Interviews, das zuerst im Magazin SPIEGEL erschienen war und 1990 in der Zeitschrift UNION in der damaligen DDR abgedruckt wurde. Worin sehen Sie die Ursachen psychischer Krankheiten? 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