Hessen schickt 16-jährigen Schüler nach Sibirien

Hessen schickt 16-jährigen Schüler nach Sibirien
Thursday 17 January 2008

Liebe, sehr geehrte Alice Miller,
Je mehr ich hier auf Ihrer Website lese und gleichzeitig mitverfolge, was aktuell in unserer Gesellschaft vorgeht (Ich hänge einen aktuellen Artikel an, der mir wirklich den Atem nimmt), desto dringlicher ist mein Bedürfnis, irgendwie dazu beizutragen, daß Ihre Gedanken und Bücher von möglichst vielen Menschen wahrgenommen würden. Es wird mir zunehmend unerträglich, wortlos zuzuschauen, wie die gesellschaftlichen Dinge nicht nur stagnieren, sondern sich sogar zurückentwickeln. (siehe Artikel unten)
Ganz, ganz herzliche Grüße und unendlichen Dank für Ihre Bücher und Ihre Website, C. B.

Hessen schickt 16-jährigen Schüler nach Sibirien
Roland Koch fordert im Wahlkampf härtere Strafen für jugendliche Gewalttäter. Dabei zeigt ein Fall aus Hessen, welche Maßnahmen schon jetzt möglich sind. Im Kreis Gießen schickte das Jugendamt einen 16-Jährigen nach Sibirien. Bei Minus vierzig Grad soll er seine Aggressionen in den Griff bekommen.

Ein hessisches Jugendamt hat einen gewalttätigen 16-Jährigen nach Sibirien geschickt. Der Junge aus Gießen soll unter extremen Witterungsbedingungen und durch harte körperliche Arbeit lernen, seine Aggressivität zu kontrollieren, bestätigte das Kreisjugendamt.

Der Junge sei wiederholt extrem auffällig geworden, sagte Stefan Becker, der Jugend- und Sozialdezernent des Landkreises Gießen. Unter anderem sei der 16-Jährige in der Schule, im Heim und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durch Gewalt aufgefallen. Dabei seien mehrere erwachsene Betreuer verletzt worden. Auch seine Mutter habe er angegriffen. Das Jugendamt des Kreises habe nur noch eine Möglichkeit gesehen: den Aufenthalt in Sibirien. “Das ist für ihn die letzte Chance”, sagte Becker.

Er begründete die Entscheidung für Sibirien damit, man habe nach einem “möglichst reizarmen Gebiet” gesucht. Die Umgebung dort sei weit abgeschieden von der Zivilisation, ohne Internet, Fernsehen und weitgehend ohne Telefon. Auch fließendes Wasser gebe es in der Unterkunft des Jungen nicht, der dort “in dörflicher Umgebung” lebe.

Laut Hessischem Rundfunk muss der 16-Jährige unter diesen Bedingungen für sich selber sorgen. “Wenn er es warm haben will, muss er sein Feuerholz selbst hacken”, heißt es in einem Bericht des Senders. Jugenddezernent Becker bestätigte, der Teenager sei “weitgehend mit seiner täglichen Daseinsvorsorge” beschäftigt. Ein Plumspklo habe er sich bereits gebaut. Um zur Schule zu kommen, muss er bei minus 40 Grad täglich 2,5 Kilometer zu Fuß gehen. Der Betreuer des Jungen spricht Russisch und hilft ihm, den Unterricht zu verfolgen.
Der Sibirienaufenthalt gilt nach Angaben des Jugendamtes als erlebnispädagogische Maßnahme. Prinzip der Erlebnispädagogik ist es, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, anhand bestimmter Situationen Verhaltensweisen zu lernen, die sie bisher nicht beherrschen. Das geht allerdings nur, wenn die Teilnehmer freiwillig mitmachen. Auch der Gießener Junge und seine Mutter haben dem Sibirienaufenthalt zugestimmt. “Dort muss er sich ganz auf seinen Betreuer konzentrieren”, sagte Becker. “Er kann sich nicht in den Kontakt zu anderen flüchten.” So lerne der Schüler, sich mit seinem Gegenüber auseinanderzusetzen und Konflikte zu lösen.

Dass Hessens Jugendämter solche Methoden anwenden, ist nicht ungewöhnlich. Im Kreis Gießen gab es in den vergangenen Jahren noch zwei vergleichbare Fälle, auch andere Jugendämter setzen gelegentlich auf Erlebnispädagogik. Der Sibirienaufenthalt soll ein Dreivierteljahr dauern, insgesamt ist die ganze Maßnahme auf zwei Jahre angelegt. Dazu gehörte bereits die Vorbereitung auf die Reise, anschließend soll der Jugendliche mit Hilfe seines Betreuers nach und nach an ein neues Leben in Deutschland herangeführt werden.

Die Kosten für den Russland-Aufenthalt liegen bei etwa einem Drittel dessen, was ein Heimplatz in Deutschland gekostet hätte. Bezahlt werden müssen demnach vor allem der Betreuer des 16-Jährigen und die Reisekosten für beide, zusammen etwa 150 Euro pro Tag. Ein Allheilmittel sei diese Methode aber nicht, betonte Becker: “Das ist eine Maßnahme, für einen Schüler, weil sie in diesem Fall angebracht ist.”
Kurz vor Weihnachten reiste eine Mitarbeiterin des Jugendamtes nach Sibirien – eine abenteuerliche Tour, berichtet Becker: “Sie ist nach Moskau geflogen, dann weiter nach Kursk, dann in einem klapprigen Auto einige Stunden weiter bis ans Ziel.” Immerhin habe ihre Unterkunft im Örtchen Sedelnikowo ein Badezimmer gehabt. Was sie vom Verhalten des 16-Jährigen sah, lässt Becker hoffen. Man wolle, sagt er, langfristig der Gesellschaft Schaden wie auch Kosten ersparen: “Bisher sind die Zeichen positiv.”

AM: Ich habe dem Text von Barbara nichts zuzufügen, die Ignoranz scheint überall ungehindert zuzunehmen, und niemand getraut sich, den Mund aufzumachen. Kein Mensch will wissen, wo die gewalttätigen Jugendlichen ihr Verhalten GELERNT haben, als ob es verboten wäre zu wissen, dass 2 und zwei 4 sind und nicht fünf. Wenn man doch täglich in den Zeitungen liest, dass die armen zeitlich überforderten Eltern die Zeit finden, ihre Kinder zu quälen, zu schlagen, zu erniedrigen, ihnen mit Gewalt das Essen und Medikamente aufzuzwingen (unser Briefkasten ist voll von solchen Berichten), dann fragt man sich immer wieder, wie das Gehirn dieser Leute funktioniert, die einen gewalttätigen Jugendlichen nach Sibirien schicken, damit er dort in der Isolation ZUR VERNUNFT KOMMT. In was für einer Welt leben die Deutschen heute, die einen solchen Unsinn wortlos schlucken?