Missbrauch

Missbrauch
Sunday 15 October 2006

Liebe Frau Miller,
vor ín paar Wochen habe ich Ihnen eine Mail geschrieben, auf die Sie mir geantwortet haben. Ich habe Ihnen beschrieben, dass ich als Kind von meinem älteren Bruder sexuell missbraucht worden bin und durch Ihr Buch “Das Drama des begabten Kindes” konnte ich mich sehr gut wiederfinden und an meine Verletzungen herankommen. Ich habe Ihnen damals geschrieben, dass ich Angst habe noch einmal mein Leben zu ändern. Sie haben mir damals darauf hin geschrieben: “Ohne Ihre starken Emotionen hören Sie auf zu existieren, das Leben entgleitet Ihnen.” Das hat mir Angst gemacht, denn ich will ja nicht, dass das Leben mir entgleitet. Ich will ja noch einmal leben und zwar richtig leben. Ich weiß, ich muss aus meiner jetztigen Lebensform, in der 25 Jahre gelebt habe, ausbrechen, auch wenn ich schon 50 jahre alt bin. Sie tut mir nicht gut, nimmt mir alle Energie zum Leben, hält mich gefangen. Ich will aus meinem inneren Gefängnis herauskommt und es noch einmal wagen, neu aufzubrechen. und dennoch habe ich so viel Angst vor dem Neuen. Durch die Therapie komme ich wenn auch unter Mühen an meine Trauer und mein inneren Kind heran. Ich kann Mitleid und Trauer empfinden für das missbrauchte Kind, dass so sehr gequält und missbraucht worden ist. Ich kann mit dem Kind fühlen, dass so im Stich gelassen worden ist von meinen Eltern und so wenig geschützt wurde vor meinen Bruder, der mich missbrauchte. Aber ich finde keinen Kontakt zu meiner Wut. Ich kann nicht wütend sein. Vielleicht kommt das daher, dass ich als Kind immer dachte, ich wäre selber Schuld an meinen Missbrauch und sei schlecht und böse. Dadurch konnte ich nicht wütend werden und daher geht es auch jetzt noch nicht. Was kann ich tun, um an meine Wut heran zukommen?
Ich würde mich über eine Antwort freuen
Ihre P. M.

AM: Sie müssen aufhören zu denken, dass Sie schuld waren und aufhören, Ihre Eltern zu schonen. Schreiben Sie ihnen Briefe, die Sie nicht wegzuschicken brauchen, solange Sie noch Angst haben. Das kann sich mit der Zeit ändern. Aber machen Sie Ihren Eltern klar, wie sie Sie im Stich gelassen haben und ihre Verantwortung nicht wahrnahmen. Sie haben zugelassen, dass Sie in Angst lebten und sich nicht zu wehren wagten, bis jetzt noch nicht. Das ist ein Verbrechen. Das zu realisieren, wird Ihre Wut wecken. Damit auch Ihre Lebensenergie.

Ein neues Buch von Alice Miller, Jenseits der Tabus, 2009, exclusiv im Internet