endlich spüren können

endlich spüren können
Tuesday 21 October 2008

Liebe Frau Miller,

ich hatte Ihnen am 20. Juli unter dem Titel „das Mädchen in mir“ geschrieben, worauf Sie mir auch geantwortet haben. Sie hatten die Vermutung, dass meine Therapeutin von mir vielleicht Trauer erwartet, so dass meine Wut nicht hoch kommt. Ich habe darüber nachgedacht, aber bin mir in den letzten Wochen ziemlich sicher, dass dem nicht so ist. Wut ist ein Gefühl, dass meine Therapeutin an meiner Stelle artikuliert. Aber es fällt mir noch schwer, die eigene Wut hochkommen zu lassen. Nun habe ich mich in den letzten Wochen dem Mädchen in mir nähern können und kann jetzt Gefühle des Mädchens spüren. Der Druck, selbst schuldig an dem Missbrauch zu sein, geht so langsam zurück. Die Schuld, so ist mir klar geworden, ist etwas, was in mich hineingepflanzt worden ist von meinem Bruder und der Verklemmtheit meiner Mutter, für die Sexualität etwas Schmutziges ist. Das Mädchen spürt jetzt große Trauer und Entsetzen über das, was mir angetan worden ist. Ich habe dazu ein Bild gemalt, dass ich Ihnen sehr gerne mailen möchte. Ich denke, hinter der Trauer und dem Entsetzen wird die Wut auftauchen können oder ???? ! Aber im Augenblick spüre ist zum erstenmal meine Gefühle, die ich bei dem Missbrauch hatte, die ich aber als Kind abgespalten hatte. Und das ist so schwer auszuhalten. Manchmal glaube ich, es nicht mehr aushalten zu können. Und ich fühle mich furchtbar allein.

Ich danke Ihnen, dass ich Ihnen das alles mitteilen darf. Ich beginne im Augenblick eben zu merken, wie Sie Ihr Buch „Du sollst nicht merken“ ja betitelt haben.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir kurz antworten könnte auf meine Mail

und wünsche Ihnen alles Gute Ihre P.M.

AM: Ja, Sie haben recht in allem, was Sie schreiben, Sie sind auf dem Weg, Ihre Wut zu spüren, das Entsetzen kündigt sie an. Wir brauchen Zeit, um Gemeinheiten wahrzunehmen, besonders wenn wir lernen mussten, uns selbst für das schuldig zu fühlen, was man uns angetan hat. Aber Sie schaffen es sicher, sich von dieser Lüge zu befreien und Ihr Leben zu beschützen. Ich habe keinen Zweifel darüber.